Der Berliner Dialekt (auch als Berliner Mundart, Berlinerisch oder Berliner Jargon bezeichnet) ist der Dialekt (oder Urbanolekt bzw. Metrolekt,Andrada Părchişanu: Urbanolekte in Deutschland. In: SYNERGY: Journal of the Department of Modern Languages and Business Communication, Bd. 10, Nr. 2/2014, 2014, S. 310–316, hier S. 311f. (→)Elisabeth Berner: Niederdeutsch – Brandenburgisch – Berlinisch – Standardsprache: Entwicklungstendenzen im regionalen Varietätengefüge; in: bzw. Regiolekt),Helmut Glück, Michael Rödel (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 6. Aufl., J.B. Metzler, 2024, S. 91, Stichwort BerlinischKlaas-Hinrich Ehlers: Mecklenburgisch-Vorpommersch, Mittelpommersch, Brandenburgisch; in: Sprache und Raum: Ein internationales Handbuch der Sprachvariation. Band 4: Deutsch, herausgegeben von Joachim Herrgen und Jürgen Erich Schmidt unter Mitarbeit von Hanna Fischer und Brigitte Ganswindt, Reihe: Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (Handbooks of Linguistics and Communication Science / Manuels de linguistique et des sciences de communication) (HSK) 30.4, Walter de Gruyter: Berlin/Boston, 2019, S. 590 ff., hier S. 602f. der im Großraum Berlin gesprochen wird. Im Zusammenhang mit einem oft derben, aber herzlichen Humor wird diese Ausdrucksweise auch als „Schnauze mit Herz“ (Berliner Schnauze) bezeichnet.Maritta Tkalec: Sprachgeschichte: Wie das Berlinische zu seinem Wortwitz kam. In: Berliner Zeitung, 15. November 2020. Beim Berlinerischen handelt es sich sprachwissenschaftlich nicht um einen Dialekt, sondern um einen sonst selten anzutreffenden Metrolekt, eine in großstädtischen Zentren aus einer Mischung vieler unterschiedlicher Mundarten entstehende Stadtsprache. Die Entwicklung des Berlinerischen hat die Sprache des umliegenden Landes Brandenburg beeinflusst und das regionale, ursprünglich in der Mark Brandenburg gesprochene Niederdeutsch verdrängt. Die stärkste Ausprägung hat diese „neue“ Sprache in den städtischen Bereichen Berlins erfahren. So existieren in Berlin bislang Wörter und Spitznamen, die noch nicht in die Sprache des Umlands Einzug gefunden haben. Als Sprache ist sie ständigen Wandlungen unterworfen, sodass verschiedene Angaben hier so möglicherweise nicht mehr zutreffen. Zur Aussprache und üblichen Schreibweisen siehe Berlinerische Grammatik.

mini|hochkant=1.5|Heinrich Zille: Konsum-Genossenschaft, 1924Bildtext: „Frida – wenn Deine Mutter ooch in’s ‚Konsum‘ koofte wärste schon lange een kräftiges Kind – sag’s ihr!“

Geschichte Ursprünglich wurde der Berliner Raum von Germanen besiedelt, auf die auch der Name Havel, ein Fließgewässer im Westen Berlins, zurückgehen soll. Später siedelten sich dann in mehreren Einwanderungswellen Slawen an, die bis zur Deutschen Ostsiedlung das Gebiet bewohnten und von deren früherer Existenz noch Orts- und Flurnamen wie unter anderem Kladow, Buckow und Köpenick oder der Begriff Kiez zeugen.

Die Millionenstadt Berlin liegt im Bereich der Benrather Linie, stand also seit ihrer urkundlichen Ersterwähnung 1237 unter den Einflüssen des Niederdeutschen und des Mitteldeutschen. Mit der ab 1300 einsetzenden und sich ab etwa 1500 verstärkenden Zuwanderung u. a. aus den flämischen Gebieten des Heiligen Römischen Reichs lassen sich zunehmend Veränderungen des in Berlin gesprochenen Ostniederdeutschen nachweisen bis hin zu seiner weitgehenden Aufgabe als Umgangssprache. So entstand ein eigener Metrolekt des Standardhochdeutschen mit klarer mitteldeutscher Basis, aber starkem niederdeutschen Substrat. Erst in jüngster Zeit griff dieser neue Dialekt auf das Umland über, das bis dahin ostniederdeutsch geblieben war. Das Berlinerische weist in einigen Eigenarten Parallelen zum Kölnischen („Kölsch“) auf, das ebenfalls starke Züge eines Metrolekts trägt und über Jahrhunderte durch Zuwanderung geprägt wurde (z. B. die charakteristische Anlautverweichung, beispielsweise jut, jehen).

Bis ins 18. Jahrhundert hinein war die allgemeine Umgangssprache ein märkischer Dialekt, der im späten 18. Jahrhundert durch eine mitteldeutsche Ausgleichsmundart auf obersächsischer Basis verdrängt wurde. Sie ähnelt Entwicklungen in anderen niederdeutschen Regionen, die Missingsch-Dialekte zuerst als Mischsprache mit der Kanzleisprache entwickelten und sich im Gebrauch als Umgangssprache wandelten. Die neu entstandene Ausgleichsmundart, die dem heutigen Berlinischen sehr ähnlich war, übernahm aus den angrenzenden niederdeutsch sprechenden Gebieten einzelne Wörter (ick, det, wat, doof).

Während Berlin seit 1871 einem immer stärkeren Zuzug vor allem aus Sachsen und Schlesien ausgesetzt war, der die niederdeutschen Sprachelemente zurückdrängte, kam es nach 1945 und nochmals nach 1961 zu großen Abwanderungswellen nach Westdeutschland. Da Berlin in der jetzigen Form erst 1920 entstand, gilt als Kerngebiet des Berlinischen die Fläche der heutigen Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg. Dazu kommen die Gebiete von Charlottenburg und Prenzlauer Berg innerhalb der Ringbahn der S-Bahn. Hier befanden sich jene Stadtteile, die besonders den genannten Einflüssen ausgesetzt waren. Die äußeren Ortsteile waren über Jahrhunderte Teil von Brandenburg, ohne intensiven Kontakt zum Berlinischen.

So wird angenommen, dass in Berlin als wichtiger Handels- und Verwaltungsmetropole schon früh ein erhöhter Druck zur Verwendung des Hochdeutschen bestand, das als Superstrat auch auf die Umgangssprache der Bediensteten, Arbeiter und Mägde übergriff. Durch die immer größer werdende Bedeutung Berlins als preußische Metropole strahlte die Berlinische Stadtmundart bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts in das Berliner Umland aus, wobei sie zunächst als Verkehrssprache neben den angestammten Dialekten bestand, diese aber schließlich ganz verdrängte. Dieser Dialektwechsel dauert bislang an, und der Druck zum Hochdeutschen hat sich in der jüngeren Vergangenheit durch den wiedererlangten Status Berlins als gesamtdeutsche Hauptstadt wieder erhöht.

Zwischen 1949 und 1989 verließen eine Million Berliner die Stadt. Gleichzeitig kam es in Ost- wie West-Berlin zu bedeutenden Zuzügen aus dem süd-, ost- und westdeutschen Raum (Sachsen, Baden-Württemberg, NRW). Dazu kam die Aufnahme von Einwanderern aus der Türkei, Jugoslawien, Italien und dem Libanon. Dies führte zu einer starken Verdrängung des Berlinerns aus dem Alltag. Viele Neuberliner nahmen zwar Teile des Dialekts an, die Verwendung des Dialekts wurde – ebenso wie bei Dialekten in anderen Regionen Deutschlands – zunehmend als „unfein“, „proletarisch“ oder „ungebildet“ betrachtet. So liegen die Zentren des Dialekts vor allem in den Stadtrandgebieten wie Spandau, Reinickendorf, Lichtenrade, Alt-Mariendorf und in Ostbezirken, wo das Berlinern zu DDR-Zeiten weniger verpönt war als im Westen. Andererseits ist der Anteil Auswärtiger in der Stadtmitte hoch und innerhalb des S-Bahn-Rings wird Dialekt kaum gesprochen.

Unverändert wird die Sprache in Berlin von Zuwandererwellen geprägt und bleibt dementsprechend unbeständig. Die (Anfang der 1990er Jahre) zugewanderten Russlanddeutschen haben einen eigenen Dialekt entwickelt, der nur langsam ins Berlinische übergeht. Im Schnitt ist nur ein Viertel der Berliner in Berlin geboren („waschechte“ Berliner) und konnte somit den einheimischen Dialekt bereits im Kindesalter erlernen. Durch die Verbreitung im Funk und Fernsehen wurde der Berliner Dialekt dennoch in allen Teilen Deutschlands seit Mitte des 20. Jahrhunderts bekannt. Dabei fand er häufig Gefallen von Nicht-Berlinern, die bestimmte – an West-Berlin orientierte – Grundregeln als „Standard der Berliner Mundart“ verbreiteten. Dadurch wurden allerdings die historischen Varianten verwischt, sodass fälschlich kolportiert wird, der Berliner Dialekt würde in den lautlich eng verwandten Sprachgebieten des nördlichen Brandenburg und Sachsen-Anhalt ebenso gesprochen wie in Berlin („berlinern“). Ungeachtet dessen bestehen verwandtschaftliche Beziehungen, auch zum Neu-Altmärkischen im Norden Sachsen-Anhalts.

Gleichzeitig weitete sich, vor allem seit der Reichsgründung 1871, der Einfluss des Berlinischen auf das Umland, das bis dahin ostniederdeutsch geblieben war, aus. Die südmärkischen Dialekte haben sich so klar aus dem ostniederdeutschen Mark-brandenburgisch entwickelt, werden gegenwärtig jedoch oft dem ostmitteldeutschen zugeordnet, dem sie durch die Überformung näher stehen. Während der Datenerhebung für den Deutschen Sprachatlas (1880er Jahre) wurden in zahlreichen Orten, die zum Stadtgebiet Berlins gehören, niederdeutsche Mundarten oder niederdeutsch-berlinische Mischmundarten gesprochen.

Berlin hat Anteil an vielen im gesamten ostmitteldeutschen Sprachraum verbreiteten sprachlichen Eigenheiten. Viele Besucher halten diese Eigenheiten – eigentlich zu Unrecht – für „typisch berlinisch“. Als Beispiel kann die oft missverstandene Uhrzeitangabe „dreiviertel Fünf“ für 16:45 Uhr sowie „viertel Fünf“ für 16:15 Uhr dienen, die tatsächlich in weiten Teilen Ost- und Süddeutschlands sowie Österreichs gebräuchlich ist.Viertel-Dreiviertel-Verbreitungskarte

Einflüsse Im Kern ist das Berlinische ostmitteldeutsch geprägt, mit Einflüssen aus dem mittelmärkischen (niederdeutschen) Substrat, aus dem es hervorgegangen ist, v. a. im Vokalismus und bei Funktionswörtern. Im bekannten Vers Icke, dette, kieke ma, Oogen, Fleesch und Beene, wenn de mir nich lieben tust, denn lieb ick mir alleene sind nur zwei Worte (lieben/lieb, tust) klar mitteldeutschen, drei (icke/ick, dette, kieke) klar mittelmärkischen Ursprungs, eines (mir statt mich, aufgrund des Zusammenfalls beider Formen in nd. mi) zeigt mittelmärkisches Substrat, zehn Worte (ma, Oogen, Fleesch, und, Beene, wenn, de nich, denn, allene), sind Formen, in denen Ostmitteldeutsch und Mittelmärkisch übereinstimmen.

Lange Zeit wurde das Berlinische (oder Berlinerische, wie der Berliner sagt) als Verballhornung des Hochdeutschen betrachtet. Diese Sicht ergab sich gerade durch den allgegenwärtigen Sprachwitz der Berliner, der gern mit Verschiebungen aufgeschnappter Begriffe arbeitet. Als Zentrum Brandenburgs, Preußens, des Deutschen Reiches, der DDR (Ost-Berlin) und als Bundeshauptstadt Deutschlands war Berlin immer Zentrum von Handel, Verkehr, Aus- und Zuwanderung. Für die Sprache waren verschiedene Einflüsse wichtig.

Berlinisch hat durch den Zuzug vieler Bevölkerungsgruppen eine Reihe von Worten und Redewendungen aufgenommen, die sowohl Dialekten und Umgangssprachen Zugewanderter entstammen und nicht im deutschen Sprachraum geläufig sind. Durch die starke sprachliche Verschleifung ist die Herkunft oft kaum zu erkennen. Eine Reihe von Wörtern entstammen dem Rotwelschen.

Flämisch wirkte durch die im 12. und 13. Jahrhundert angesiedelten Flamen, vor allem auf dem Lande („Fläming“), deren Nachkommen zum Teil in die Stadt zogen. Es wurden die Fernhandelskaufleute aus Flandern, die zur Gründung der Stadt beitrugen, zum Teil ansässig. Das Französische wirkte durch die Hugenotten und die Napoleonische Besetzung. Der preußische Königshof nutzte es ohnehin, wie fast alle Adligen vor allem des 18. Jahrhunderts, als Umgangssprache im Streben, Versailles zu kopieren; hierzu trug Voltaire durch seine enge Beziehung zu Friedrich II. bei. Hebräischer Einfluss durch Juden, die als Flüchtlinge im 16. und 17. Jahrhundert (z. B. 1671 aus Österreich) nach Berlin kamen. Die jiddische Sprache durch den Zuzug von Ost-Europäischen Juden im 19. und 20. Jahrhundert. Das Polabische, das bis in das späte Mittelalter im Raum Berlin-Brandenburg gesprochen wurde, aber auch das Wendische im Berliner Einzugsgebiet waren die anfänglichen Einflüsse der Slawischen Sprachen. Im Weiteren beeinflusste das Polnische aus Schlesien und das Tschechische aus Böhmen durch Ansiedlung seit dem 15. Jahrhundert. Die Ansiedlung von russischen Einwanderer etwa nach der Oktoberrevolution, später den Spätaussiedlern brachte Einflüsse aus dem Russischen im 19. und 20. Jahrhundert hinzu.