mini|Figur im Live-Rollenspiel mit dystopischem Szenario mini|Menschen beim Verlassen der Städte. Vision des Künstlers Zbigniew Libera – Dystopie

Eine Dystopie ist eine meist in der Zukunft spielende Erzählung, in der eine erschreckende oder nicht wünschenswerte Gesellschaftsordnung dargestellt wird. Deshalb wird eine derartige Fiktion einer negativen (Zukunfts-)WeltRonald M. Hahn, Volker Jansen: Lexikon des Science Fiction-Films. Heyne, München 1997, ISBN 3-453-11860-X, S. 19 (Anti-Utopie). auch Antiutopie (oder Anti-Utopie) und negative Utopie, selten auch Kakotopie oder Mätopie genannt. Die Dystopie ist ein Gegenbild zur positiven Utopie beziehungsweise der Eutopie, die Thomas Morus mit seinem Roman Utopia geprägt hat.Dystopie auf duden.de, abgerufen am 4. Januar 2011 Häufig wollen die Autoren dystopischer Geschichten mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes auf bedenkliche gesellschaftliche Entwicklungen der Gegenwart aufmerksam machen und vor deren Folgen warnen.S. Meyer: Die anti-utopische Tradition: eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung. Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-631-37492-5, S. 15.

Begriff Der Begriff Dystopie (aus „miss-, un-, übel-“ und „Landschaftsmalerei, -beschreibung“, dieses von griechisch „Ort, Stelle, Gegend“) hat vor allem in jüngerer Zeit breite Verwendung gefunden. Synonyme sind Anti-Utopie, negative Utopie, schwarze Utopie oder Gegenutopie; selten wird auch Kakotopie ( „schlecht“) oder Mätopie (von „nicht“) verwendet.

Eine Utopie ist dem eigentlichen Wortsinn nach die Beschreibung eines „Nicht-Ortes“, d. h. eines Ortes, den es im realen Leben nicht gibt, es ist ein herbeigewünschtes Nirgendwo; die griechische Vorsilbe ist verneinend wie das deutsche „un-“ im Sinne von „nicht-“. Philosophische und literarische Utopien sind faktisch aber ausgeführte Entwürfe eines Staates oder Landes, dessen Gesellschaft gut organisiert ist, was deshalb gelegentlich ähnlich klingend Eutopie genannt wird (im Englischen sogar gleich klingend), denn die griechische Vorsilbe steht für „gut-“ oder „wohl-“. Eben dazu ist das Gegenstück. Insofern sind die Begriffe Dystopie und Utopie nicht exakt gegenteilige Begriffe in dem Sinne wie Dysphorie und Euphorie.

Gesellschaft Eine dystopische Gesellschaft ist oft charakterisiert durch eine diktatorische Herrschaftsform oder eine Form repressiver sozialer Kontrolle. Typische Charakteristika einer Dystopie: Dem Individuum ist durch mechanisierte Superstaaten jegliche Freiheit genommen, die Kommunikation der Menschen untereinander ist eingeschränkt oder anderweitig gestört, unethische Großunternehmen haben weitreichende Kontrolle oder das Bewusstsein der eigenen Geschichte oder eigener Werte ist gekappt. Moderne Dystopien sind oft Subjekt von Werken des Genres Social Science Fiction.https://www.encyclopedia.com/social-sciences/applied-and-social-sciences-magazines/social-science-fiction

Geschichte und Herkunft Die Geschichte der Dystopien beginnt erst im Zeitalter der industriellen Revolution. Zwar gab es schon immer Gegner von Naturwissenschaft und technischem Fortschritt, doch resultierte daraus nie eine Gegenutopie. Selbst die Fortschrittgläubigen zweifelten zunächst an den technischen Möglichkeiten. Erst als ihre Vorstellungen von der Realität eingeholt wurden, bestand ein Grund, die technische Weiterentwicklung und ihre Tendenzen anzugreifen.

Erste Ansätze finden sich hier bei E. T. A. Hoffmann; die erste Dystopie im engeren Sinn ist Mary Shelleys Roman Verney, der letzte Mensch.Endlich mal erklärt – Was ist eine Dystopie? Deutschlandfunk, aufgerufen am 17. Mai 2022

Der erste Gebrauch des Wortes wird John Stuart Mill zugeschrieben, dessen gute Griechisch-Kenntnisse es vermuten lassen, dass er unter Dystopia nicht lediglich das Gegenteil von Thomas Morus’ Utopia verstand, sondern vielmehr einen Ort meinte, an dem es im weitesten Sinne schlecht um die Dinge bestellt sei.

Grenze des Fortschrittsoptimismus der industriellen Revolution Die Zerstörung des Fortschrittsglaubens beginnt allmählich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Das lässt sich auf verschiedene Gründe zurückführen: erstens die technische Entwicklung in zuvor nie dagewesener, exponentiell steigender Geschwindigkeit, zweitens die wachsende Zentralisierung von Ländern und den Machtverhältnissen darin, drittens die generelle und kollektive Fin-de-siècle-Angstvorstellungen, sowie viertens, dass fast alle bewohn- und bewirtschaftbaren Landflächen der Erde von Menschen oder Institutionen wie Regierungen besessen werden; die Grenzen räumlicher Expansion beginnen sich deutlich abzuzeichnen.

Grundzüge einer dystopischen Gesellschaft Eine dystopische Gesellschaft weist für gewöhnlich mindestens einen der folgenden Züge aus dieser nicht erschöpfenden Liste auf: Eine augenscheinlich utopische Gesellschaft, frei von Armut, Seuchen, Krankheit, Konflikten und sogar emotionaler Niedergeschlagenheit. Unter der Oberfläche offenbart sich jedoch genau das Gegenteil. Die zentralen Aspekte der Geschichte sind erstens das Problem an sich, zweitens die Art und Weise, wie dieses vertuscht wird, sowie drittens die Chronologie des Problems. Weitgehende Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge ohne funktionierende Aufsicht und Regulierung durch den Staat. Das hat zur Folge, dass ärmere Schichten nicht mit Energie und Wasser versorgt werden. Privatisierung der öffentlichen Verwaltung sowie auch im Gegensatz dazu deren bloße, systembezogene Hypertrophie, z. B. in Franz Kafkas Der Process Soziale Schichtung, wobei die Gliederung der Gesellschaft in soziale Klassen streng definiert ist und ebenso streng durchgesetzt wird. Es fehlt an sozialer Mobilität, z. B. im Roman Schöne neue Welt von Aldous Huxley die Unterteilung in Alphas, Betas, Gammas, Deltas und Epsilons (Kastenwesen). Eine reiche Oberschicht isoliert sich in nach außen abgeriegelten (und teilweise luxuriösen) Wohnkomplexen, während die restliche Bevölkerung unter einfachen Bedingungen hausen muss wie in Die Tribute von Panem (The Hunger Games) von Suzanne Collins. Hoch-entwickelte Technologie aber eine geringe Lebensqualität wie im Genre Cyberpunkhttps://www.zmescience.com/feature-post/culture/culture-society/what-is-cyberpunk-05012022/ Nutzen futuristischer Technologien für problematische Zwecke ebenfalls in diesem Genre und dessen Derivaten Rückläufige Entwicklungen etwa in Bildung, Wissenschaft und Moral statt Fortschritt, welcher stagniert ist, insbesondere bei postapokalyptischen Dystopien. Ein hohes Wohlstandsgefälle sichert der reichen Oberschicht Zugang zu hochwertigen Lebensmitteln und Wasser, während sich der Rest der Bevölkerung mit künstlichen Nahrungsmitteln zufriedengeben muss. Wenig bis gar keine Mitbestimmung der unteren Schichten an politischen Entscheidungen, die allein von der Obrigkeit getroffen werden. Staatliche Propaganda und ein Bildungssystem, das die meisten Bürger in die Verehrung des Staates und seiner Regierung nötigt und ihnen die Überzeugung aufzwingt, das Leben unter dem Regime sei gut und gerecht. Die Einführung einer Sprache, die Kritik am Staat oder die Organisierung eines Aufstands unmöglich macht, da zu diesem Zweck schlicht die Worte fehlen (siehe Neusprech). Strikter Konformismus und die allgemein herrschende Annahme, dass Dissens und Individualität ein Übel seien. In der Regel gibt es eine Repräsentationsfigur des Staates, die von den Bürgern fanatisch verehrt wird, in Begleitung eines aufwendigen Personenkultes, wie für die Figur des Großen Bruders im Roman 1984 von George Orwell. Angst bzw. Abscheu vor der restlichen Welt außerhalb des eigenen Staates. Die allgemein herrschende Ansicht, das traditionelle Leben (insbesondere die traditionellen organisierten Religionen) sei primitiv und unsinnig. Alternativ dazu die vollständige Dominierung der Gesellschaft durch eine Staatsreligion, z. B. den Engsoz (Englischer Sozialismus, engl. Ingsoc = English Socialism) in 1984, oder die „Technopriests“ in der Comic-Buchreihe Der Incal rund um den Privatdetektiv John Difool. Das „historische Gedächtnis“ der bürokratischen Institutionen hebt das kollektive historische Gedächtnis der Menschen auf oder hat Vorrang vor diesem. Im Roman 1984 ist das Ministerium für Wahrheit mit der Anpassung des „autobiographischen“ gesellschaftlichen Gedächtnisses an die Bedürfnisse des Regimes betraut. Ein Strafvollzugsgesetz, dem eine angemessene Strafprozessordnung fehlt bis hin zum privatisierten Strafvollzug. Mangel an lebensnotwendigen Gütern für weite Teile der Bevölkerung, einhergehend mit bevorzugter Versorgung privilegierter Schichten. Das kann bis zu fast ewigem Leben für Privilegierte gehen (In Time – Deine Zeit läuft ab). Permanente Überwachung durch die Regierung oder ihre Behörden und weitreichende Zensur. Abwesenheit oder aber vollständige Kooptation der gebildeten Mittelschicht (z. B. Lehrer, Journalisten, Wissenschaftler), die in der Lage wäre, das herrschende Regime zu kritisieren. Militarisierte Polizeikräfte bis hin zur Privatisierung von Polizei und Militär. Die Verbannung der natürlichen (biologischen) Umwelt aus dem Alltag Konstruktion fiktionaler Ansichten über die Realität, die der breiten Masse aufgezwungen werden Korruption, Unfähigkeit oder Usurpation der demokratischen Institutionen Vorgetäuschte Rivalität zwischen Gruppen, die in Wirklichkeit ein Kartell bilden Die etablierten Kräfte bestehen darauf, dass sie die beste aller möglichen Welten verwirklichen und alle innerstaatlichen Probleme durch die Kräfte des (wenn nötig auch fiktiven) Feindes verursacht werden. Ein übergreifender, langsamer Zerfall aller Systeme (politisch, ökonomisch, religiös, infrastrukturell), der der Entfremdung des Einzelnen von der Natur, dem Staat, der Gesellschaft, der Familie sowie sich selbst geschuldet ist. Kritik, die trotz repressiver Maßnahmen des Regimes öffentlich wird, wird von der Medien- und Vergnügungskultur der Gesellschaft aufgesogen, trivialisiert und damit ins Absurde verkehrt, so in Schöne Neue Welt, in dem die Geschichte des Protagonisten „Michel“ (in der englischen Ausgabe „John“, auch the Savage „der Wilde“) von den staatlichen Medien zum reinen Zwecke der Unterhaltung und Vergnügung für breite Bevölkerungsschichten aufbereitet wird. Ausrichtung von Gesellschaft und Wirtschaft auf Stabilität. Die Ökonomie in dystopischen Gesellschaften ist so strukturiert, dass die Regierung oder das ökonomische System selbst immun gegenüber Veränderungen oder Störungen ist. Industrien arbeiten mit maximaler Effizienz und Kapazität, der erwirtschaftete Überschuss wird dabei vom Staat absorbiert. In 1984 sind die lebensnotwendigen Güter rationiert und der erwirtschaftete Überschuss wird vom immerwährenden „Krieg“ gegen Eurasien oder Ostasien aufgesogen. In Schöne Neue Welt fließt der Überschuss in das extreme Konsumverhalten der Bevölkerung, zu dem die Bevölkerung gar von der Regierung konditioniert wird.

Grundzüge dystopischer Fiktionen Für ihren fiktiven Zukunftsentwurf variieren Dystopien wiederkehrende Themen und Stoffe und stellen deren Bedeutung für die jeweilige Gesellschaft dar: die bereits im Vorfeld erfolgte Zerstörung oder Verwüstung des Planeten durch Krieg, Revolution oder Naturkatastrophen, eine diktatorische Herrschaft mit Totalüberwachung, die Zerstörung und Verwüstung des Planeten, knappe Ressourcen und staatlich verordnete Zuteilung, Pandemien/Seuchen oder auch undurchlässige Gesellschaftssysteme mit strenger, hierarchischer Unterteilung.

In vielen Dystopien herrscht ein Lebensstandard in den Unter- und Mittelschichten, der im Allgemeinen unter dem Niveau zeitgenössischer Gesellschaften liegt. Jedoch gibt es Ausnahmen, so in Schöne Neue Welt und Equilibrium, in denen die Bevölkerung zwar einen vergleichsweise hohen materiellen Standard genießt, sich diesen jedoch um den Preis ideeller Qualitäten, wie dem Verlust von emotionaler Tiefe, erkauft.