Die Mainzer Fastnacht („Määnzer Fassenacht“ oder „Meenzer Fassenacht“) gehört zu den traditionsreichsten und größten Veranstaltungen ihrer Art. Mainz gehört zusammen mit Köln und Düsseldorf zu den Hochburgen der rheinischen Fastnacht. Neben den Ursprüngen, die allen Karnevals-, Fastnachts- und Faschingsfesten gemein sind, pflegt die Mainzer Fastnacht dabei auch eine besondere politisch-literarische Komponente.

Geschichte Die Anfänge

Der Brauch der Fastnacht geht auf den christlichen Kalender zurück, bei dem in der Nacht zum Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt. Die ersten Überlieferungen stammen aus dem 13. und 14. Jahrhundert – es handelt sich um Verordnungen, die sich gegen übermäßige Völlerei und Ausschweifung an den Tagen vor der Fastenzeit richten. Auch das Wort „Fastnacht“ taucht zuerst im 14. Jahrhundert auf.L’Art de vérifier les dates: L’an 1382, la troisième férié du carnaval, dans un bal qu’il donnait à la suite d’un grand repas, à Kalb, sur la Saal, dans l’archevêché de Magdebourg. Über die alte Mainzer Fastnacht ist nicht viel überliefert. Eine Schrift des Mainzer Gelehrten und Humanisten Dietrich Gresemund vom Ende des 15. Jahrhunderts beschreibt die Fastnacht als ein unorganisiertes Volksfest mit Maskerade, Essen, Trinken, Tanzen an Tag und Nacht. Immer wieder kam es durch derbe Späße oder unter dem Schutz der Maske ausgetragene Händel zu Auswüchsen.

Gleichzeitig wurde am Hofe des Kurfürsten die Fastnacht durch große Hoffeste begangen, wobei es üblich war, die Rollen am Hof durch das Los neu zu verteilen. 1664 zog der Kurfürst das Los des Hofschreiners, 1668 war er Mundschenk und musste die Gäste bedienen. Dieser Brauch wurde „Mainzer Königreich“ genannt. Erst der letzte Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal machte diesem Rollentausch 1775 ein Ende.

Nach dem Ende der Kurfürstenzeit ging die Volksfastnacht weiter, soll aber nach alten Berichten in eine ziemliche Degeneration geraten sein. Die damalige Oberschicht dagegen feierte eine für die Stadt auffällig große Zahl an Maskenbällen.

Die Tradition der Maskenbälle hatte es schon vorher gegeben. Ausgangspunkt der modernen Fastnacht in Mainz waren das Erstarken des Bürgertums nach dem Untergang des Alten Reiches zum Beginn des 19. Jahrhunderts und die starken Wirtschaftsbeziehungen zu Köln, wo 1823 eine Reform der Fastnacht stattgefunden hatte, die erstmals SitzungenSaalfastnacht auf den Seiten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und einen großen Umzug an Rosenmontag vorsah. Auch das Bürgertum in Mainz suchte nach neuen Formen gesellschaftlicher Zusammenkunft und nahm sich der Kölner Reform an, freilich nicht ohne Gegensätze zu betonen und in Konkurrenz zu treten. Als in Köln Gegenströmungen zur Fastnacht auftraten, sahen die Mainzer Fastnachter der ersten Stunde ihre Chance gekommen und organisierten 1837 einen Umzug (damals unter dem Namen „Krähwinkler Landsturm“), an dem die älteste Korporation der Mainzer Fastnacht, die spätere Mainzer Ranzengarde erstmals auftrat.

Die Initiative geht auf den Kaufmann Nicolaus Krieger zurück, dem es vor allem darum ging, die Fastnacht durch Organisation der Aktivitäten zu kanalisieren und ein geordnetes Fest zu gestalten, umsatz- und tourismusfördernd. Die bis dahin ungeregelte Volksfastnacht mit derbsten Belustigungen, Exzessen und Belästigungen war trotz des behördlichen Reglements für diese Zeit ein Übel, weshalb sich die Obrigkeit von der karnevalistischen Organisation einige Abhilfe versprach und die benötigten Erlaubnisse umgehend erteilte.

Am 19. Januar 1838 gründete sich mit dem Mainzer Carneval-Verein, kurz MCV, der erste Karnevalsverein der Stadt, der bis heute die Aufgaben einer (nicht existierenden) „Dachorganisation“ der Mainzer Fastnacht übernimmt und z. B. den Mainzer Rosenmontagszug organisiert. Getragen wurde er vor allem von der Mittelschicht. Im Februar konstituierte sich der Verein und beantragte am 9. Februar 1838 einen „Fastnachtmontagszug“, der am 26. Februar 1838 erstmals stattfand. An den Grundzügen der Mainzer Fastnacht hat sich dabei seit 1838 nicht viel verändert.

Der Aufstieg der Fastnacht zum gesellschaftlichen Ereignis Die Mainzer Fastnacht war in der Anfangszeit durchaus unpolitisch. Daher wurden die Aktivitäten fastnachtlicher Organisation (MCV, Ranzengarde, Fastnachtsmontagszug, Sitzungen) von der großherzoglichen Obrigkeit zwar kritisch beäugt, gleichzeitig aber wohlwollend gefördert. Bezeichnend hierfür ist zum Beispiel, dass die Fastnachtsvereinigungen immer nur für eine Saison gegründet werden durften, und sich an jedem 11. November neugründeten, was auch immer genehmigt wurde. Dies entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einer eigenen Tradition, die aber wegen der damit verbundenen Unannehmlichkeiten (Jährliche Auflösung des Vereinsvermögens, Neugründung nur bei entsprechender Initiative und ohne vereinseigenes Startkapital) schließlich aufgegeben wurde.

Ein zweites Beispiel für diese Situation ist das Schicksal der „Duttinger“, einer in den 1840er Jahren gegründeten neuen Karnevalsgesellschaft neben dem MCV. Sie wurde polizeilich verboten, „da die Existenz eines zweiten Vereins nicht im Interesse der Mainzer Verhältnisse liege“, und „nur neue Unordnung“ befürchtet wurde.

Die Politisierung der Mainzer Fastnacht begann erst im Vorfeld der Revolution von 1848, als Franz Heinrich Zitz, einer ihrer Protagonisten, 1843 Präsident des MCV wurde und der Demokrat Philipp Wittmann ins Komitee einzog. Die von Kalisch redigierte „Narrhalla“ agitierte ab 1843 in der Karnevalszeit als seinerzeit einzige Publikation unter närrischem Deckmantel für Demokratie und Pressefreiheit. 1848 fiel die Fastnacht aus, am Aschermittwoch verkündete Zitz den begeisterten Mainzern vom Theaterbalkon aus den Sieg der Revolution. Die „Narrhalla“ wurde eingestellt, ihre Aufgabe war erfüllt.

In den Jahren nach der Revolution war der Karneval sehr reduziert, doch ab 1855 wurden wieder große Kampagnen abgehalten, was zu einem sprunghaften Anstieg der Mitgliederzahlen und zur Gründung neuer Korporationen (Kleppergarde, 1856) führte. 1857 fielen wegen der Explosion des Pulverturms und 1866 wegen des preußisch-österreichischen Krieges die Kampagnen aus. Auch die Montagszüge (Rosenmontag erst später) fielen in den Folgejahren aufgrund einiger Umstände (u. a. Brände, die das Inventar des MCV vernichteten) öfter aus. 1884 hielt der MCV die Sitzungen zum ersten Mal in der gerade fertiggestellten Stadthalle ab, wo man für die nächsten 50 Jahre blieb. In den Folgejahren entstanden viele neue Vereine: der Mombacher Carneval Verein (1886), der Gonsenheimer Carneval-Verein (1892) und der Carnevalverein „Eiskalte Brüder“ (1893). An Garden kam die Mainzer Prinzengarde (1884), die Prinzessgarde (1886), die 1933 in Garde der Prinzessin umbenannt wurde, die Mombacher Prinzengarde (1886) und die Jocus-GardeDie Geschichte der Kasteler Jocus-Garde 1889 e. V. (ein kurzer Aufriß) auf den Seiten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (1889) hinzu.

Fastnacht zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Jede dieser Korporationen veranstaltete Sitzungen und Bälle, was das gesellschaftliche Leben der Stadt in jeder Karnevalssaison prägte. Trotz hoher Preise waren die Veranstaltungen, die die Vereine für „Einheimische“ und Auswärtige, sogenannte „Messfremde“ („Prunkfremdensitzung“) veranstalteten, meist ausverkauft. Zur Fastnacht kamen nun auch Gesangselemente und eine Verstärkung des politischen Aspekts, bei dem nun auch die Weltpolitik aufs Korn genommen wurde. 1898 wurde mit dem Mainzer Carneval Club (MCC) der zweite Mainzer Fastnachtsverein gegründet. 1913 wurde das 75-jährige Jubiläum des MCV mit einem großen Fest begangen, das von außerordentlicher gesellschaftlicher Bedeutung war. Zum Rosenmontagszug kamen 100.000 Menschen. Auch Politiker gaben sich nun häufiger die Ehre und erschienen auf Sitzungen und auf den Zügen. Während des Ersten Weltkriegs und in den Jahren danach lag das närrische Treiben abermals danieder; erst nach dem Abklingen der Inflation 1924 war wieder an Fastnacht zu denken. Erst 1925 fand nach 11 Jahren die erste Generalversammlung des MCV statt. 1926 betraten die „Mainzer Hofsänger“ die Bühne, 1927 fand erstmals wieder ein Fastnachtszug statt. Im Jahr 1929 gab Martin Mundo erstmals sein Heile, heile Gänsje zum besten, welches sich mit Besatzung und Krieg befasste und dementsprechend nach dem Zweiten Weltkrieg von Ernst Neger neu aufgelegt wurde.

Fastnacht im Nationalsozialismus

Nach der Machtübernahme des NS-Regimes 1933 wurden nach und nach auch die Karnevalsvereine gleichgeschaltet. Unliebsame Kleingruppierungen wurden aufgelöst. Veranstalter von Narrenabenden mussten Programm und Texte von der Kreisleitung der NSDAP genehmigen lassen. Einzig der MCC wehrte sich gegen diese Zensur. Allerdings war der Grund eher unpolitisch, wie der langjährige MCC-Präsident Jakob Wucher (1897–1984) berichtete: Die Zensoren waren beim MCV, und man wollte nicht, dass die Konkurrenz die Büttenreden vor der Aufführung las. Viele Fastnachtsbeiträge wurden im Zeitgeist gehalten; manche enthielten verschlüsselte Kritik. Das Fastnachtsmotto 1935 war „Alles unner ääner Kapp'“.

Insbesondere Seppel Glückert (1891–1955) wählte deutliche Worte; wegen seiner Popularität hatte dies keine negativen Folgen für ihn. 1938 fand zum 100-jährigen Jubiläum des MCV eine glanzvolle Kampagne statt, mit Prinzenpaar, was es in der Mainzer Fastnacht nur zu besonderen Anlässen gibt. Im Zweiten Weltkrieg gab es keine Kampagnen; ab und an wurde närrisches Fronttheater geboten.

Seit 1945 Mainz war ab 1945 Teil der französischen Besatzungszone. Der französische Stadtkommandant Louis Théodore Kleinmann initiierte im Oktober 1945 einen Neubeginn der Fastnacht. Obwohl sich der MCV ursprünglich zu einer Neubelebung der Mainzer Fastnacht außerstande sah (Karl Moerlé vom MCV erinnert sich: „Der Gedanke daran erschien uns absurd, dass ich mich des Hinweises auf den trostlosen Zustand unserer Stadt, unter deren Trümmern noch Tote lagen, …, nicht enthalten konnte“), wurden auf Kleinmanns Druck hin für die Kampagne 1946 einige Veranstaltungen geplant. Unter dem Schirm des MCV fanden einige sehr erfolgreiche „Mainzer Abende“ statt. Das Motto war: „Lache unter Tränen“. Im Sommer 1946 nahm der MCC seine Arbeit wieder auf, und ab 1947 gründeten sich weitere neue Vereine. Trotz des Erfolges war die Fastnacht in Mainz in den ersten Nachkriegsjahren umstritten. So gab es 1948 eine Initiative der CDU-Stadtratsfraktion, auf Fastnachtsaktivitäten vorerst zu verzichten, „weil dies dem gesunden Sinn der Mehrheit unseres Volkes widerspricht und von dem Ausland nicht verstanden wird“. Oberbürgermeister Emil Kraus hielt eine Gegenrede; der Antrag kam nicht zur Abstimmung. Es gab aber noch keine Umzüge und Maskenbälle – den Kern der Fastnacht bildeten die Sitzungen.Für den gesamten Absatz: Hanno Broo, Gesellige und Sportvereine in Mainz 1945 bis 1948. In: Leben in den Trümmern – Mainz 1945 bis 1948, Hg. im Auftrag der Stadt Mainz von Anton Maria Keim und Alexander Link, Verlag Dr. Hanns Krach (Mainz) 1985, ISBN 3-87439-113-2