Das Riemann-Thomann-Modell beschreibt typische Verhaltensweisen und Handlungen eines Individuums und gruppiert sie in vier Grundausrichtungen ein, um Beziehungsdynamiken im privaten oder beruflichen Umfeld zu verdeutlichen und etwaige Konflikte zu verstehen und zu bearbeiten. Der Begriff „Grundausrichtung“ kann in diesem Zusammenhang vereinfacht als ganzheitlicher Zustand beschrieben werden. Durch das Verwenden des Modells soll sich ein Verständnis für die jeweiligen Positionen der anderen Person einstellen und Kompromisse geschlossen werden, die die Grundausrichtungen beider bzw. aller Beteiligten berücksichtigen.

Das Modell wird im Bereich der Therapie und Pädagogik, zur Selbstreflexion, in Trainings, im Coaching, in Workshops, bei Mitarbeitergesprächen und für Strategieentwicklungsarbeit verwendet.

Entstehung und Namensgebung Das Riemann-Thomann-Modell wurde von Christoph Thomann 1988 auf der Grundlage des Buchs Grundformen der Angst von Fritz Riemann (zuerst erschienen 1961) zur Klärung zwischenmenschlicher Beziehung entwickelt. Es sollte als Beziehungsmodell, nicht als Modell der Persönlichkeit verwendet werden. Thomann wollte Paaren das polarisierende und eskalierende Beziehungsgeschehen plastisch darlegen. Er erklärte seinen Klienten, wie sie und ihre Partner agierten. Im Laufe seiner Arbeiten mit Riemanns Modell entschloss sich Thomann, den Schwerpunkt nicht auf die verschiedenen Ängste zu legen.

So wurden aus den schizoiden, depressiven, zwanghaften und hysterischen Persönlichkeiten die vier Grundstrebungen Distanz, Nähe, Dauer und Wechsel. Mit seinen Arbeiten gelang Christoph Thomann die „Normalisierung“ und die Anti-Individualisierung von Beziehungsphänomenen, die individuell und zum Teil pathologisch erscheinen können. Dieses Modell wurde nicht in Zusammenarbeit zwischen Riemann und Thomann erstellt; denn Riemann und Thomann hatten keinen Kontakt zueinander.

Grundstrebungen des Menschen Grundsätzlich lassen sich nach Thomann vier gegensätzliche Grundausrichtungen von Menschen beobachten: Nähe, Distanz, Dauer und Wechsel. Alle vier Grundausrichtungen kommen bei jedem Menschen in unterschiedlicher Ausprägung vor. Meist sind zwei oder manchmal nur eine dieser Ausrichtungen maßgebend für das aktuelle Empfinden und Verhalten. Diese Grundausrichtungen haben einen direkten Einfluss auf das Kommunikations- und Beziehungsverhalten.

Distanzausrichtung Menschen dieser Ausrichtung haben Angst davor, abhängig zu sein. Sie scheuen Nähe und sich selbst hinzugeben. Folgendes ist für solche Menschen zusätzlich wichtig: Unverwechselbarkeit, Freiheit, Individualität, Eigenständigkeit, rationales Denken und Handeln („bloß kein Gefühl“). Sie wollen nicht beeinflusst werden. Sie scheinen niemanden zu brauchen. Sie wirken oft kühl und unnahbar. Vernunft ist ihnen wichtig.

Erst wenn ihnen in einer Beziehung zu anderen ein hohes Maß an Freiheit und Rückzugsmöglichkeiten garantiert wird, lassen sie sich auf Gefühle und Nähe ein. Sie wollen nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein und wirken oft bindungsängstlich und / oder unbeholfen im emotionalen Bereich. Sie können sich deshalb gut abgrenzen, sind eigenständig, konfliktfähig, individuell und ehrlich.

Näheausrichtung Menschen mit hauptsächlich dieser Ausrichtung wollen und brauchen genau das Gegenteil von dem, was Menschen mit einer Distanzausrichtung benötigen: Sie haben Angst, verlassen zu werden, alleine oder einsam zu sein. Nähe zu anderen Menschen, Bindung, Zuneigung, Vertrauen, Sympathie, Mitmenschlichkeit, Geborgenheit, Zärtlichkeit und Harmonie sind ihre Stärken. Sie brauchen Wärme, Bestätigung, sind selbstlos bis zur Selbstaufgabe, haben soziale Interessen, können sich leicht mit anderen identifizieren und sich selbst vergessen. „Nähemenschen“ sind einfühlend, geduldig, zärtlich und oft ausgeglichen.

Dauerausrichtung Menschen mit einer größeren Dauerausrichtung haben Angst vor chaotischen Zuständen, Kompromissen, Toleranz und davor, Risiken auf sich zu nehmen oder zu frei zu sein. Für sie sind folgende Werte von größter Wichtigkeit: Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Sparsamkeit, Wille, Verantwortung, Planung, Vorsicht, Kontrolle, Ziele, Gesetze, Kontinuität, Notwendigkeit, Verbindlichkeit, Treue, Grundsätze, Regeln, Analysieren, Stabilität, Pflicht, Dauerhaftigkeit und Konsequenzen.

Diese Menschen sind verlässlich, treu, bodenständig, ausdauernd, verantwortungsbewusst und korrekt.

Wechselausrichtung Menschen mit dieser Grundausrichtung haben Angst, sich festzulegen, unfrei oder eingeengt zu werden. Sie mögen keine Richtlinien und Prinzipien. Für sie steht Neues im Vordergrund. Sie verhalten sich wie das Gegenteil von Menschen mit Dauerausrichtung. Alles, was mit Leidenschaften, Reizen, Rausch und Phantasie zu tun hat, ist für sie wichtig. Sie suchen Genuss, Kreativität, Temperament, Risiken, Ideenreichtum, Dramatik und Begehren. Diese Menschen sind neugierig. Sie lernen und leben gerne. Sie sind kreativ, begeisterungsfähig, offen, charmant, neugierig, flexibel, kontaktfreudig und spontan.

Zuordnung der vier Grundausrichtungen mini|Darstellung nach Riemann/Thomann im Koordinatenkreuz, Ausrichtung: Dauer-Nähe Die vier Grundausrichtungen lassen sich in ein Koordinatenkreuz einbinden. Es gibt eine Raum- und eine Zeitachse. Die Zeitachse ist die senkrechte Achse mit den beiden Extremen Dauer und Wechsel. Die Raumachse ist die waagrechte Achse mit den Extremen Distanz und Nähe. Raum und Zeit sind also die Kriterien, in denen Menschen sich im Umgang miteinander unterscheiden.

Jeder Mensch hat nicht nur eine Grundausrichtung, sondern ist eine Mischung aus allen Ausrichtungen. Dabei kann er in jeder Grundausrichtung einen Wert von 0 % bis 100 % haben, auch wenn die Extremwerte kaum zutreffen werden. Die jeweilige Summe auf den beiden Achsen Raum (Nähe-Distanz) und Zeit (Dauer-Wechsel) muss nicht 100 % ergeben, sondern kann darüber oder darunter liegen. Aber jeder Mensch besitzt Schwerpunkte. Dadurch können Vorlieben größer oder kleiner sein. Eine größere Vorliebe bedeutet, dass die Person mehr Möglichkeiten des Verhaltens und der Einfühlung besitzt. Eine kleinere Vorliebe bedeutet, dass die Person weniger Möglichkeiten hat und berechenbarer ist. Persönliche Entwicklung bedeutet nicht, sein Gebiet zu verschieben, sondern es zu erweitern bzw. zu vergrößern.

Jede Vorliebe hat eine Mitte, welche durch den Persönlichkeitsschwerpunkt repräsentiert wird. Es ist schwer, die eigene Ausrichtung selbst zu bestimmen, da jede Grundrichtung durch gegebene Situationen und das Verhalten von anderen Menschen beeinflusst ist. Wenn man versucht, sich selbst einzuordnen, sollte man sich vor Augen halten, dass alle Grundrichtungen gleichwertig sind. Es gibt in diesem Modell kein „gut“ oder „schlecht“. Jeder Mensch kann alle vier Möglichkeiten (er)leben, falls die Konstellation entsprechend eine Rolle / Reaktionsweise anbietet, erfordert oder ihn hineindrängt.

Das Riemann-Thomann Modell soll keine Typologie von Menschencharakteren sein, sondern ein Faktoren- / Vektorenfeld von Reaktionsweisen in Konflikten. Vorlieben sind letztlich die Summe der häufigsten oder liebsten Erfahrungen in Beziehungen und nur die bekannten, individuell möglichen Rückzugsmöglichkeiten in Konfliktkonstellationen, die man als Individuum gewohnheitsmäßig einnimmt.

Grundausrichtungen in der Arbeitssituation Die vier Grundausrichtungen wirken sich nicht nur im Privatbereich aus, sondern auch in Arbeitssituationen, zum Beispiel beim Verkaufsgespräch. Entsprechend seinen Grundtendenzen hat jeder Mensch auch seinen dazu passenden Kommunikationsstil (siehe auch Nachrichtenquadrat nach Friedemann Schulz von Thun).

In der Arbeitswelt sind die offiziellen Werte in Unternehmen meist im Dauer-Distanz-Bereich angesiedelt: Gefordert sind Rollenerfüllung, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, persönliche Distanz, Genauigkeit und Seriosität, also sachbezogene Qualitäten.

Bewertung Das Modell basiert im Grundsatz auf dem 1961 erschienenen Konzept von Fritz Riemann. Die psychoanalytische Diagnostik hat seither Fortschritte gemacht und neue Kategorien von Störungen entwickelt.Nico H. Fleisch: "Das Quartett der Persönlichkeit", S. 15 und 294 ff.

Das Modell ist nicht als Persönlichkeits-Typologien-Modell für professionelle Psychotherapeuten geeignet, sondern eher für Konflikt-Klärungs-Helfer als ein systemisches Konflikt-Reaktions- und Konflikt-Eskalations-Modell. In diesem Bereich setzt es Friedemann Schulz von Thun ein und lehrt es in Kursen, in denen er die Modellkomponenten (Nähre, Distanz, Dauer, Wechsel) die vier „Himmelsrichtungen der Seele“ nennt.

Das Riemann-Thomann-Modell ist einfach und verständlich durch die Beschränkung auf vier Typen, was gleichzeitig ein Vorteil für die Anwendung sein kann, aber auch problematisch, da es menschlich komplexes Verhalten in Beziehungen simplifizierend darstellt und der Realität von Beziehungen dadurch kaum gerecht werden kann.

Das Modell ist vielseitig anwendbar, sei es in verschiedenen Situationen, sei es in verschiedenen Kontexten.

Das Modell kann einen beim Verständnis von sich und anderen unterstützen, da es ein fertiges Konzept menschlicher Handlungsweisen anbietet.

Die Konzentration auf Gegensatzpaare (z. B. Distanz/Nähe) kann dazu führen, dass der Eindruck der Unvereinbarkeit von Positionen entsteht.

Das Modell basiert auf klinischen Beobachtungen von McNulty und Ben-Porath (2003) und nicht auf empirisch nachgewiesenen, standardisierten Messungen, was die Fragen nach der Verwendbarkeit mit zuverlässigen Ergebnissen bei der Anwendung aufwirft. Es ist also nicht valide.

Die Zuverlässigkeit (= Reliabilität) bezüglich der internen Konsistenz des Modells ist laut Studie von Schué (2002) als individualpsychologisches Modell, nicht aber für Gruppen annehmbar.

Typologie

Der Ansatz, Menschen mit ihrer unterschiedlichen Wesensart verschiedenen Typologiegruppen zuzuordnen, reicht bis in die Antike zurück. So versuchte bereits Hippokrates (um 460 – 375 v. Chr.), die Fülle menschlicher Eigenheiten in der so genannten Vier-Säfte-Lehre zu ordnen. In den vergangenen Jahrhunderten wurde die Typenlehre immer wieder aufgegriffen, neu belebt und weiterentwickelt.

Fasst man im Riemann-Thomann-Modell die Gemeinsamkeiten der Menschen bezogen auf Verhalten und wahrnehmbare Wirkung in den jeweiligen Grundausrichtungen in Gruppen zusammen, so ergeben sich daraus bestimmte Typen mit typbedingten Eigenarten, die man systematisch in einer Typologie darstellen kann. Gerade im Bereich des Verkaufs ist die Versuchung groß, Typologien zu verwenden, da sie einfach anwendbar sind. Auf Basis des Riemann-Thomann-Modells wurde beispielsweise die Kundentypologie nach Lorenz entwickelt. Sie befasst sich mit dem typischen Kommunikationsverhalten, den Bedürfnissen und Motiven bei Kaufentscheidungsprozessen von Kunden, insbesondere im persönlichen Kontakt mit Verkäufern.

Siehe auch Typenlehre Verkaufsgespräch

Literatur

Weblinks Schulz von Thun: Das Riemann-Thomann-Modell in: Schulz von Thun Institut

Einzelnachweise

Kategorie:Persönlichkeitstheorie Kategorie:Philosophische Anthropologie