mini|Nach traditionellem Verfahren gefertigte Backsteine zur dekorativen Verwendung als Vormauerziegel in den Niederlanden mini|hochkant=1.3|Die aus Backstein errichtete St.-Marien-Kirche in Stralsund wurde im Jahr 1298 erstmals erwähnt und war von 1625 bis zur Zerstörung ihrer damals 151 Meter hohen gotischen Spitze durch Blitzschlag 1647 das weltweit höchste Gebäude. Seitdem ist der im Jahre 1500 fertiggestellte Turm der Landshuter Martinskirche mit 130,60 Metern der höchste Backsteinturm der Welt. mini|Im küstennahen Tiefland um die Nordsee wird traditionell mit Backstein gebaut. In Dänemark und anderen Ländern ist es üblich, Backsteinfassaden mit einer hellen Kalkputzschlämme zu überziehen – hier ein Gebäude in Belgien. mini|Unverputztes Mauerwerk im unregelmäßigen Verband
Der Mauerziegel, in der Fachsprache kurz Ziegel (von „Dachziegel“: von tegere „bedecken“), sinnverwandt Backstein und Ziegelstein genannt, ist ein aus keramischem Material künstlich hergestellter Stein, der im Bauwesen zum Mauerwerksbau genutzt wird.Barnstein. In: Johann Volkmar Sickler u. a.: Oekonomisches Technologisches Wörterbuch … Hennings, Gotha 1817, S. 401 (Digitalisat).
Die Struktur des Mauerwerks wird durch den Mauerwerksverband und die gliedernden Fugen bestimmt. Mauerziegel werden in der Regel mit Mauermörtel zum Mauerwerk gefügt.
Begriffe
Lehmziegel Der Lehmziegel ist das älteste vorgefertigte Bauelement. Lehm mit geeignetem Tonanteil wird zu Grünlingen geformt und nach dem Trocknen gebrannt oder ungebrannt als Mauerstein verwendet.
Backstein Der Begriff „Backstein“ steht bevorzugt für die mittelalterlichen Bauten, wird aber hauptsächlich im Schweizer Raum für Mauerziegel gebraucht (wo mit Ziegel üblicherweise nur Dachziegel gemeint sind). Auch in Berlin, Hamburg, Sachsen und im Ruhrgebiet wird der Begriff durch den oft stadtbildprägenden Backsteinexpressionismus allgemeiner verwendet. Einfache Backsteine aus Lehm können bei nur 900 °C in Ziegeleien gebrannt („gebacken“) werden. Sie sind mechanisch nicht sehr stabil und offenporig, weshalb sie relativ viel Wasser aufnehmen können. Deshalb werden sie üblicherweise verputzt, um die Wetterfestigkeit zu verbessern. Der aus Ton (statt Wiesenlehm) bei höheren Temperaturen gebrannte „Tonziegel“ ist härter und gilt als beständiger.
Fehlbrandziegel
Fehlbrandziegel entstehen durch zu kurze oder zu lange Brennzeiten oder falsche Brenntemperaturen. Sie wurden früher als Ausschuss weggeworfen und sind heute für Kunstwerke eher begehrt.
Feldbrandziegel
Feldbrandziegel sind vorindustrielle, handgeformte Ziegel, die ohne festen Ofen in einem eigens errichteten Meiler durch Verfeuerung von Holz oder Kohle gebrannt wurden. Die in Europa bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts hergestellten Feldbrandziegel werden heute aus Altbeständen vornehmlich bei der Restaurierung historischer Gebäude verwendet.
Terrakotta Terrakotten sind dekorativ gestaltete Ziegelelemente, die erheblich größer als die traditionellen (Form-)Ziegel sein können. Der Begriff Terrakotta ist nicht genau definiert, gelegentlich wird nach der Qualität des verwendeten Tons unterschieden. In Architektur- und Kunstgeschichte unterscheiden sich Terrakotten und Ziegel meist nur durch Maß und Form.
Sonderziegel
Handgeformte Ziegel werden insbesondere für Restaurierungen angefertigt.
Lochziegel wurden ursprünglich als Hohlziegel für das römische Hypokaustum verwendet. Die um die Jahrhundertwende üblichen Langlochziegel werden heute nicht mehr verwendet. Aus Hourdis (Tonhohlplatten) werden leichte Trennwände hergestellt.
Füllziegel, Schalungsziegel und Mauertafelziegel (Schalungssteine) werden wie Beton-Hohlblocksteine meist ohne Mörtel versetzt und anschließend mit Beton hintergossen.
Hintermauerziegel
Hintermauerziegel sind weniger druckfest als Vormauerziegel, nicht frostbeständig und besitzen keine besondere Sichtfläche. Heutige Hintermauerziegel werden überwiegend als wärmedämmende Hochlochziegel zur Errichtung von Außenwänden eingesetzt.Ziegel-Lexikon Mauerwerk, Ausgabe 2020 (PDF-Datei (PDF; 29 MB) ), S. 11ff., Ziegel Zentrum Süd e. V. In: ziegel.de.
Vormauerziegel Vormauerziegel werden heißer gebrannt, um Frostbeständigkeit zu erreichen. Sie werden häufig für Sichtmauerwerk eingesetzt und meist nur in kleinen traditionellen Formaten hergestellt. Vormauersteine werden unterschieden in Vollziegel (VMz), Vollklinker (KMz bzw. KK als Keramikklinker), die jeweils einen Lochanteil von 15 % aufweisen dürfen, sowie Hochlochziegel (VHLz) und Hochlochklinker (HKHLz bzw. KHK als Keramikklinker) mit Lochanteilen bis 70 %.
Klinker Klinker und Keramikklinker sind Vormauerziegel, die nach EN 771-1 und DIN V 105-100 besonderen Anforderungen bezüglich Wasseraufnahme, Säurefestigkeit und mechanischer Widerstandsfähigkeit genügen müssen. Insbesondere die geforderte Druckfestigkeit ist deutlich höher als bei Vormauersteinen allgemein.Rene Pesendorfer: Wirtschaftlichkeitsbeurteilung von Ziegelwerken in Abhängigkeit zu ihrer Werksleistung (PDF-Datei (PDF; 0,5 MB) ), S. 13f. Diplomarbeit, Hochschule Mittweida, Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, 2011.
Traditionell bestanden Klinker aus „blauem“ Ton, der reicher an Alumosilicaten ist. Sie werden bei rund 1200 °C gebrannt. Durch die starke Versinterung nehmen sie besonders wenig Wasser auf. Sie werden meist unverputzt oder als Pflaster-Klinker eingesetzt. Abhängig vom Eisengehalt haben sie gelbe über rote bis braune Nuancen. Die mögliche Brenntemperatur ist vom Ausgangsmaterial abhängig, da der Rohling zwar sintern, aber nicht formverändernd weich werden darf.
Blendziegel Regional Blendstein oder Verblender genannt, wurden Blendziegel vorwiegend im 19. Jahrhundert an Fassaden zur Verkleidung von Mauerwerk angebracht. Es sind Klinker mit glatter Oberfläche in einer geometrisch sehr genauen rechteckigen Form, so dass die Fugen sehr schmal und genau angelegt werden können. Besonders in Großstädten wie Berlin, Leipzig, Halle und Dresden wurden ganze Straßenzüge mit Blendziegeln versehen. In Norddeutschland und im Münsterland wurden hingegen eher handgestrichene Ziegel verwendet.
Heute verwendet man eher Riemchen (Flachverblender), um tragendes Mauerwerk oder Dämmschichten repräsentativ zu verkleiden.
Geschichte mini|Tonnengewölbe mit Kettenbogen-Querschnitt aus luftgetrockneten Lehmziegeln, Lagerräume des Ramesseums in Luxor, 13. Jahrhundert v. Chr. mini|Römische Bodenplatten mini|Aus stark gemagertem brique de sable: Tour du Guet (Wachturm) in Calais
Frühe Hochkulturen Lehmziegel gehören neben Holz, Bruchsteinen, Pflanzenfasern und -blättern zu den ersten in den frühen Siedlungen der Jungsteinzeit (etwa 8000 bis 6000 v. Chr.) verwendeten Baumaterialien. Die ältesten Ziegel wurden 1952 bei archäologischen Grabungen in Jericho (7500 v. Chr.) gefunden. Die Technik des Brennens von Ton für Gefäße war in der Jungsteinzeit bekannt, wurde aber im Gegensatz zum Kalkbrennen nicht für Baumaterial eingesetzt.
Die ersten Lehmziegel wurden in der Art von Lehmbroten frei mit der Hand geformt. Ziegel mit glatt gestrichenen Seiten sind etwa seit 6300 v. Chr. aus Mesopotamien bekannt. Zwischen 5900 und 5300 v. Chr. setzte sich hier die Verwendung von Holzformen durch. Zwischen 3100 und 2900 v. Chr. wurde erstmals gebrannter Ton in Ziegelform in größerem Umfang verwendet und die Technik des Glasierens entwickelt und perfektioniert. Das unter Nebukadnezar II. (604 bis 562 v. Chr.) errichtete Ischtar-Tor zeigt den in babylonischer Zeit erreichten Entwicklungsstand.
Gebrannte Einhandziegel (in den Proportionen von etwa 1:2:4) sind aus der Indus- oder Harappa-Kultur zwischen 2800 und 2200 v. Chr. bekannt.
Im 2. Buch Mose der Bibel wird aus dieser Zeit die körperliche Anstrengung bei der Ziegelherstellung beschrieben: „(Die Ägypter) … machten ihnen ihr Leben sauer mit schwerer Arbeit in Ton und Ziegeln …“.()
Frühe chinesische Backsteinarchitektur In China wurden Backsteine ab etwa 1000 v. Chr. verwendet. Typisch für chinesische Backsteinbauten war der Verzicht auf Mörtel, der durch eine große Maßhaltigkeit der hergestellten Ziegel möglich war, und die Errichtung von Hohlmauerwerken, die mit Schutt ausgefüllt wurden.
Antike und Spätantike Für die Architektur im Römischen Reich hatte der gebrannte Ziegel eine zunehmende und schließlich große Bedeutung. Durch die Römer wurde das Bauen mit gebrannten Ziegeln im ganzen Römischen Reich verbreitet. Typisch für den römischen Backstein sind dünne Ziegel.
Die umfangreiche Verwendung von gebrannten Ziegeln für Mauerwerk setzte im 1. Jahrhundert v. Chr. ein, war aber beispielsweise in der Stadt Rom bis in die Zeit der Regierung des Augustus (27 v. Chr. bis 14 n. Chr.) überhaupt nicht nachzuweisen. Wohl deshalb nahm die Beschreibung der Technik des Bauens mit getrockneten und gebrannten Ziegeln bei Vitruv nur geringen Raum ein. Bis 100 n. Chr. war die Technik bereits durch die Römischen Legionen, die überall Ziegeleien errichteten, im ganzen Reich verbreitet. Bis in diese Zeit wurden Backsteinmauern regelmäßig verputzt oder verkleidet. Im 2. Jahrhundert wurden Ziegel oft als dekorative Oberfläche verwendet und ersetzten Tuffsteine und andere Steine als Verkleidung für die von den Römern erfundenen Betonmauern (lateinisch: opus caementicium). Einzelne in die Verblendung des Gussmauerwerks eingefügte Ziegellagen werden als Ziegeldurchschuss bezeichnet. Ende des 2. Jahrhunderts endete die Blütezeit des Backsteinbaus in Rom wieder. Der Bau der Konstantinbasilika in Trier ist ein Beispiel für einen großen Backsteinbau im Gebiet von Deutschland. Die Ziegel waren ursprünglich außen verputzt und innen mit Marmor verkleidet.
Im Byzantinischen Reich und im Westen des Römischen Reichs wurde der Ziegelsteinbau weiterentwickelt. So ist die Hagia Sophia in Konstantinopel (gebaut 532 bis 537 n. Chr.) vollständig aus Ziegeln erbaut. Typisch für den byzantinischen Backsteinbau sind sehr dünne Ziegel und Fugen, deren Dicke die Ziegel teils noch übertrifft. Im Weströmischen Reich finden sich herausragende Beispiele für Backsteinarchitektur wie insbesondere die Kirche San Vitale in Ravenna.
Mittelalter Während die Tradition des Backsteinbaus in Italien seit den Römern ungebrochen fortgesetzt wurde, verschwand der Backstein in Nordeuropa mit dem Ende des Römischen Reichs völlig. Er wurde im 12. Jahrhundert durch Mönche wieder eingeführt und verbreitete sich wegen der besseren Maßhaltigkeit gegenüber Naturstein im Präsentalbau. Der Dom zu Roskilde und die um 1160 begonnene Marienkirche in Kalundborg in Dänemark sind frühe Beispiele.
Die Blütezeit dekorativen Bauens mit Formziegeln war die Backsteingotik, verbreitet vor allem im Gebiet der Hanse und des Deutschen Ordens (Norddeutsche Backsteingotik), aber nicht minder in den Niederlanden und Flandern bis an die Straße von Dover. Das prägende Vorbild für den Ostseeraum war die Marienkirche in Lübeck, die das höchste Backsteingewölbe der Welt besitzt. Erwähnenswert ist das Kloster Chorin bei Eberswalde oder die Marienburg. Aus welchen Gründen die Backsteintechnik im 12. Jahrhundert wieder aufkam, ist nicht abschließend geklärt. Jedenfalls spielt die schlechte Verfügbarkeit von Natursteinen eine wichtige Rolle. Ein weiterer Grund ist die Verfügbarkeit des Ausgangsmaterials. Allerdings war in Teilen des Verbreitungsgebietes Backstein teurer als Feldstein. Und im Krakauer Wawel stehen gotische Backsteinbauten auf einem Kalkfelsen. Ein Nischenprodukt waren die Buchstabenziegel zur Dekoration von Fußböden.