Das Semantische Objektmodell (SOM) ist eine Methodik zur konzeptionellen Modellierung von Typen betrieblicher Systeme. Bisher gibt es keine Referenz in der nationalen oder internationalen Standardisierung.
Herkunft
Das Projekt SOM wurde als querschnittliches, permanentes Forschungsprojekt gemeinsam von den Lehrstühlen von Otto K. Ferstl und Elmar J. Sinz an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg durchgeführt, die auch die initialen Forschungsarbeiten in den 1990er-Jahren durchführtenFerstl O. K., Sinz E.J.: Objektmodellierung betrieblicher Informationssysteme im Semantischen Objektmodell (SOM). In: Wirtschaftsinformatik Band 32, Heft 6 (1990), S. 566–581Ferstl O. K., Sinz E.J.: Ein Vorgehensmodell zur Objektmodellierung betrieblicher Informationssysteme im Semantischen Objektmodell (SOM). In: Wirtschaftsinformatik Band 33, Heft 6, Dezember 1991, S. 477–491; aus ihm stammen wesentliche Grundlagen für das Methodenkonzept der „Bamberger Wirtschaftsinformatik“.
Die SOM-Methodik unterscheidet drei Modellebenen eines betrieblichen Systems:
den strategischen Unternehmensplan (Außenperspektive), die operationellen Geschäftsprozessmodelle von Prozesstypen (Innenperspektive) und die Spezifikationen zur Implementierung von Anwendungssystem (Ressourcenperspektive).
Die Modellebenen sind verallgemeinernd durch je eine spezifische Metapher und entsprechende Metamodelle definiert. Zum Beispiel werden Geschäftsprozesse auf Aufgabenträgerebene als verteilte Systeme modelliert, bestehend aus Objekten, die sich untereinander in Bezug auf eine gemeinsame operationelle Zielsetzung mittels autonomem Verhandlungsprinzip oder nach geschlossenem Regelungsprinzip koordinieren.
Methodiken
Zum Aufbau eines Semantischen Objektmodells wurden mehrere Methodiken angewendet: Mittels der UnternehmensarchitekturElmar J. Sinz: Architektur Betrieblicher Informationssysteme (PDF; 52 kB)Otto K. Ferstl & Elmar J. Sinz: Der Ansatz des Semantische Objektmodells (SOM) zur Modellierung von Geschäftsprozessen (PDF; 377 kB) wird eine Systemdekomposition (Zerlegung der Komplexität bis zur Beherrschbarkeit) vorgenommen. Das VorgehensmodellFerstl, Sinz: Der Modellierungsansatz des Semantischen Objektmodells (PDF; 363 kB) Veröffentlicht in: Bamberger Beiträge zur Wirtschaftsinformatik, Nr. 18 (1993) beschreibt die Entwicklungsrichtung beim Aufbau der Unternehmensarchitektur sowie die verwendeten Sichten und deren Anwendung. Die KoordinationsprinzipienOtto Ferstl, Elmar Sinz: SOM in: Enzyklopädie der Wirtschaftsinformatik, Oldenbourg Wissenschaftsverlag werden zur Darstellung der kybernetischen Zusammenhänge in der Unternehmensarchitektur herangezogen. Das Objektsystem ist Gegenstand der Modellierung im SOM. Es besteht aus interagierenden, autonomen und lose gekoppelten betrieblichen (Diskurswelt und relevante Umwelt) Objekten.
Unternehmensarchitektur 1. Modellebene 2. Modellebene 3. Modellebene Name Unternehmensplan Geschäftsprozesse Ressourcen Abbildungsperspektive Außenperspektive Innenperspektive Innenperspektive Differenzierung keine Trennung vonAufgabenebene undAufgabenträgerebene ausschließlichAufgabenebene ausschließlichAufgabenträgerebene Betrachtungs-kategorien Unternehmensplan Geschäftsprozess Aufbauorganisation,Anwendungssysteme,IT-Infrastruktur,Maschinen und Anlagen Betrachtungs-gegenstände 1. Festschreibung derUnternehmensaufgabe2. Definition initialer Ziele(Sachziele und Formalziele)3a. Analyse der Umwelt aufexogene Erfolgsfaktoren (Chancen und Risiken)3b. Analyse der Diskursweltauf endogene Erfolgsfaktoren(Stärken und Schwächen)4a. Unternehmensstrategie4b. Marktstrategie4c. Formalstrategie5a. Definition der Leistungs-beziehungen5b. Definition der Wert-schöpfungsketten5c. Festlegung konkreter Ziele6a. Entwicklung von Strategien6b. Definition von Ressourcen 1. Spezifikation vonLösungsverfahren zurUmsetzung desUnternehmensplans2. Detaillierung derLeistungsbeziehungen3. Verfeinerung derWertschöpfungskettenzu Geschäftsprozessen4a. Darstellung desBeitrags zur Sachziel-erfüllung durchGeschäftsprozesse4b. Darstellung derUnterstützung von Formalzielen, Erfolgs-faktoren und Strategiendurch Geschäftsprozesse5. Aufdeckung derLenkung vonGeschäftsprozessen 1. Verfeinerung der imUnternehmensplandefinierten Ressourcen2. Aufbauorganisation zurDarstellung der Personal-ressourcen3a. fachliche Spezifikationder Anwendungssysteme(als objektorientierte oderobjektintegrierte verteilteAnwendungssysteme) undihrer Integration in die An-wendungssystemarchitektur3b. Ausweisung derBeziehungen zwischenAnwendungssystemenund Geschäftsprozessen4. Definition der IT-Infra-struktur5. technische Spezifikationvon Maschinen und Anlagen
Vorgehensmodell 1. Modellebene 2. Modellebene 3. Modellebene Name Unternehmensplan Geschäftsprozesse Ressourcen strukturorientierteSichten Objektsystem Interaktions-Schema konzeptuelles Objekt-Schema verhaltensorientierteSichten Zielsystem Vorgangs-Ereignis-Schema Vorgangs-Objekt-Schema
Koordinationsprinzipien
In Systemen nach dem Semantischen Objektmodell wird die Koordination zwischen den zielgerichteten Objekten, insbesondere zwischen den Objekten der Geschäftsprozesse, entweder durch eine Methode nach dem Regelungsprinzip (hierarchische Koordination) mit vorwärtsgerichteten (feed forward) Steuertransaktionen und rückmeldenden (feedback) Kontrolltransaktionen wirken, also das gegebene Regelstreckenobjekt und ein hinzugefügtes Reglerobjekt fest koppeln oder eine Methode nach dem Verhandlungsprinzip (nicht-hierarchische autonome Koordination) mit Anbahnungs-, Vereinbarungs- und Durchführungstransaktionen, also mit autonomen Agenten und einer zusammenhängenden Zielsetzung abgebildet.
Objektsystem
Das Objektsystem als offenes (interagiert mit der Umwelt) und zielgerichtetes System beinhaltet die im SOM betrachteten Objekte der Diskurswelt und der relevanten Umwelt.
Beispiele dafür sind Aufgabenobjekt (Gegenstand, an dem eine Verrichtung durchgeführt wird), Aufgabe (eine Verrichtung) und Aufgabenträger (personelle oder technische Ressource zur Aufgabenerfüllung).
Werkzeugunterstützung und Verbreitung in der Praxis
Das Semantische Objektmodell wird hauptsächlich in Lehre und Forschung eingesetzt und hat kaum praktische Verbreitung erlangt. Wesentliche Ursache dafür ist die fehlende Verfügbarkeit einer Software zum praktischen Einsatz des SOM.
Die beiden auf C++ basierenden Umsetzungen des SOM durch Software, SOM-V3 und SOMpro der SFB Solutions For Business GmbH, wurden wegen der geringen Verbreitung und des hohen Pflegeaufwandes aufgegeben.
Seit 2014 wurde intensiv an der Umsetzung eines Modellierungswerkzeugs für die SOM-Methodik, basierend auf der ADOxx Metamodellierungsplattform gearbeitet.Domenik Bork, Elmar J. Sinz: Ein Multi-View-Modellierungswerkzeug für SOM-Geschäftsprozessmodelle auf Basis der Meta-Modellierungsplattform ADOxx Veröffentlicht in: Schriften aus der Fakultät Wirtschaftsinformatik und Angewandte Informatik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Band 9, 2011 Das entstandene Tool ist frei verfügbar im Rahmen des Open Models Initiative Laboratory (OMiLAB).Dominik Bork, Elmar J. Sinz: Download des SOM Modellierungswerkzeugs 2015 Das Tool wird seit seiner Veröffentlichung in Lehrveranstaltungen zu Geschäftsprozessmodellierung und Unternehmensmodellierung an der Universität Bamberg, der Virtuellen Hochschule Bayern und der Universität Wien eingesetzt.
Kritik
Eine Untersuchung zur vollständigen und wirklichkeitsgetreuen Abbildung der Realität durch SOM kam zu dem Ergebnis, „dass das SOM eine hohe ontologische Abdeckung besitzt, aber auch vereinzelte ontologische Defizite aufweist“Peter Fettke, Peter Loos: Ontologische Evaluierung des Semantischen Objektmodells (PDF; 220 kB), Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Information Systems & Management, Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik und Betriebswirtschaftslehre.
Im Vergleich zu anderen Ansätzen der Unternehmensabbildung zeigt SOM Stärken bei der wissenschaftlichen Untermauerung der angewendeten Methodiken und Schwächen in der praktischen Anwendbarkeit aufgrund seiner Komplexität sowie im Umfang der darstellbaren Aspekte.
Im Gegensatz zu Verfahren der Modellierung nach den Konzepten der Petri-Netze liefern die bisherigen Ansätze mit SOM keine bekannten Werkzeuge der syntaktischen und/oder semantischen Prüfung oder zur analytischen Modellierung, anders als beschrieben beispielsweise mit ECNO (Event Coordination Notation nach Kindler, 2014), oder mit ProMProcess Mining, Workflow Patterns nach vanderAalst. In: promtoos.org. (Process Mining, Workflow Patterns nach vanderAalst, ProM Framework).
Das faktische Beschränken des Konzepts auf Modelltypen ohne Abstraktionsansatz für das Instanziieren von Modellvarianten oder für einzelne Modellinstanzen erlaubt die Verwendung bisher ausschließlich in wenig flexibel organisierter Prozessumwelt. Der Aufwand der Modellierung und der Pflege steigt unweigerlich mit der Komplexität und allemal mit der Verwendung für variante Instanzen des Modells exponentiell an.
Weblinks Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, Universität Bamberg SOM. In: Enzyklopädie der Wirtschaftsinformatik Tool-Unterstützung für die SOM-Methodik: Anforderungen und Lösungsstrategien. In: openmodels.at.
Einzelnachweise
Kategorie:Geschäftsprozessmanagement Kategorie:Wirtschaftsinformatik