Ein Suizid (veraltet auch Suicid; von lateinisch sui „seiner selbst“ und caedere „fällen, niederschlagen, töten“Suizid. duden.de; abgerufen am 26. November 2012.) ist die vorsätzliche Beendigung des eigenen Lebens. Synonym werden Selbstmord, Selbsttötung, Selbstentleibung und Freitod verwendet. Der Begriff Suizidalität beschreibt einen psychischen Zustand, in dem Gedanken, Phantasien, Impulse und Handlungen anhaltend, wiederholt oder in krisenhaften Zuspitzungen darauf ausgerichtet sind, gezielt den eigenen Tod herbeizuführen. mini|Die griechische Dichterin Sappho stürzte sich der Legende nach aus unerwiderter Liebe zum Fährmann Phaon von einem Felsen
Überblick Suizid ist ein komplexes Phänomen. Die Selbsttötung sollte nach der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgrund der Häufigkeit als „gesundheitspolitische Priorität“ betrachtet werden. Suizide können aufgrund von unterschiedlichsten Beweggründen vollzogen werden; die weltanschauliche und juristische Einordnung ist höchst heterogen. Während nach der Jahrtausendwende verschiedene Gerichtsurteile in Europa den Suizid als Menschenrecht einordnen, wurden historisch Suizidenten etwa auch postum zum Tode verurteilt.
Weltweit begingen im Jahr 2016 geschätzt 793.000 Personen Suizid, somit 10,5 Personen pro 100.000 Menschen. In Deutschland wurden 10.000 vollzogene Suizide erfasst und sind somit 13,6 pro 100.000 bei den Männern (70 % aller Suizide in Deutschland) und 4,8 Suiziden pro 100.000 bei den Frauen. Global liegt das Verhältnis von Männern zu Frauen bei etwa 1,8.
Suizid war 2016 die zweithäufigste Todesursache der 15- bis 29-Jährigen. Am häufigsten waren Suizide mit Pestiziden und Schusswaffen; auch Erhängen war eine häufige Methode des Suizids. Suizid kann aktiv und passiv begangen werden, auch durch den Verzicht auf Medikamente.Hans H. Studt, Ernst R. Petzold: Psychotherapeutische Medizin: Psychoanalyse. Psychosomatik. Psychotherapie. Ein Leitfaden für Klinik und Praxis. de Gruyter 1999, S. 122 (online).
Eine Suizidhandlung ohne Todesfolge wird als Suizidversuch bezeichnet. Versuche sind um geschätzt Faktor 10 häufiger als vollendete Suizide. Vorherige Suizidversuche sind der größte Risikofaktor für vollendete Suizide.
Aus Perspektive der klinischen Psychologie und Psychiatrie sind Suizidhandlungen oft Symptom einer psychischen Störung. Bei psychotherapeutischer oder psychiatrischer Behandlung und durch verschiedene Präventionsmaßnahmen lassen sich Suizidhandlungen verhindern. Über diese Betrachtung hinaus gibt es beispielsweise auch das kontrovers diskutierte Konzept der Beihilfe zur Selbsttötung und den umstrittenen Begriff des Bilanzsuizid. Grundsätzlich geht die WHO davon aus, dass Suizidhandlungen und Suizidalität stigmatisierend sind und einem Tabu unterliegen. Die WHO bemängelt darüber hinaus die grundlegende Unterschätzung des Themas Suizid. So sei mit Stand 2018 erst in „wenigen Ländern“ die Suizidprävention eine Priorität in der Gesundheitspolitik, lediglich 38 Staaten hätten überhaupt eine Präventionsstrategie.
Als eigenständige Wissenschaft, die sich mit dem Suizid besonders aus psychiatrisch-medizinischer Sicht beschäftigt, hat sich im 20. Jahrhundert die Suizidologie herausgebildet.
Benennung Suizid wurde in Gesellschaften und Epochen unterschiedlich bewertet, was sich auch sprachlich ausdrückt. Im Deutschen sind vier Wörter verbreitet: Selbstmord, Suizid, Freitod und Selbsttötung.Zur Geschichte und einer Diskussion der genannten Ausdrücke siehe Jens Ostwald: Selbstmord? Suizid? Freitod? Selbsttötung? (PDF; 333 kB), Suizidprophylaxe 2017; 44.3, S. 87–102; abgerufen am 9. September 2020. Jens Ostwald: On the Early History of the Word Freitod (PDF), 人間科学研究 = Waseda Journal of Human Sciences 2021; 33.2&34.1, S. 187–203, abgerufen am 25. Juli 2021. Innerhalb der Fachwelt ist Suizid etabliert. Das Wort ist wie das bis ins 20. Jahrhundert benutzte neulateinische Wort SuicidiumAlphonse Devergie: Suicidium; Selbstmord. In: Universal-Lexicon der practischen Chirurgie und Medizin. Band 13: Spinalirritatin – Tyrotoxicon. Voigt & Fernau, Leipzig 1846, S. 224–240.Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch. 13./14. Auflage 1927, Artikel Suicidium. ein Neologismus. Erstmals wurde das Wort 1897 von dem französischen Soziologen Émile Durkheim verwendet.Neel Burton: Der Sinn des Wahnsinns. Psychische Störungen verstehen. Springer, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-8274-2773-1, S. 187. Historisch wurde fachsprachlich Tentamen suicidii für Suizidversuch verwendet.Thomas Haenel: Suizidhandlungen. Neue Aspekte der Suizidologie. Springer-Verlag, Berlin 1989, ISBN 978-3-540-50533-4, S. 36.Pschyrembel Klinisches Wörterbuch (1986). Zu weiteren, nicht mehr gebräuchlichen Synonyma gehört auch lateinisch Propricidium.Deutsches Rechtswörterbuch (DRW): Selbstmord.
Alltagssprachlich wird der Begriff Selbstmord gebraucht, wobei dieser Begriff von einigen Medien nicht verwendet und von einigen Fachleuten abgelehnt wird. Dem liegt zu Grunde, dass dieser Begriff eine Wertung impliziere und die juristische Definition von Mord nicht erfüllt sei. Darüber hinaus sei Suizid ein komplexes Phänomen, welches neben den Suizidenten auch Dritte betreffen kann. Nach einem 2004 von Peter Helmich im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Artikel erschwere die wertende Begrifflichkeit die Trauerarbeit der Hinterbliebenen. Nach Barbara Schneider, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention, trage das Tabu „Selbsttötung“, welches durch den Gebrauch des Begriffs Selbstmord bestärkt wird, zur Erschwernis der Präventionsarbeit bei.
Das Bedeutungsspektrum des zugrundeliegenden lateinischen Wortes caedere ist weiter gefasst als nur „töten“ oder „morden“ und umfasst in einem allgemeineren Sinn Handlungen wie „niederhauen“ und „fällen“. Dies unterstreicht nach Helmich die unterschiedlichen Möglichkeiten der Einordnung. Trotzdem ist die umgangssprachliche Bezeichnung nach wie vor und neben diversen euphemistischen Formulierungen gängig. Letztere lauten etwa „sich das Leben nehmen“ oder „Hand an sich legen“ (statt sich suizidieren, Suizid begehen oder sich selbst töten) und stellen eine Möglichkeit zur Distanzierung dar.
Die Bezeichnung Selbsttötung wird amtssprachlich verwendet. Dabei bleibt der Unterschied zwischen Vorsatz und Fahrlässigkeit (beispielsweise selbstverschuldeter Unfall mit Todesfolge) offen.
Selbstmord Selbstmord ist die historisch älteste deutschsprachige Bezeichnung für einen Suizid. Der ursprünglich nicht wertende Begriff ist keine eigentliche deutsche Wortschöpfung, sondern entstand als Lehnübersetzung des neulateinischen suicidium im 17. Jahrhundert.S. 666. Das Wort Selbstmörder erschien im 16. Jahrhundert, erstmals bei Martin Luther als „sein selbs mörder“ (seiner selbst Mörder).Martin Luther: Dr. Martin Luthers' sämmtliche Werke: Homiletische und katechetische Schriften. Zwei und zwanzigster Band C. Heyder, 1832, S. 333
Die indogermanische Wurzel des Wortes Mord bedeutet „aufgerieben werden, zerreiben“ (vgl. aus derselben Sprachwurzel mürbe und Schmerz).S. 469. Das Wort bedeutete ursprünglich „Tod“ (vgl. das verwandte lateinische Wort mors für „Tod“). Doch schon in altgermanischer Zeit hatte sich die Wortbedeutung bei vielen Stämmen verschoben und stand für „absichtliche, heimliche Tötung“.
1652 wurden durch John Donne die Begriffe self murder für den verwerflichen Selbstmord und self-homicide für den nicht von vornherein verwerflichen Suizid in der englischen Sprache etabliert.Theologische Realenzyklopädie. Band 32. Spurgeon – Taylor. Mit Horst Balz, Gerhard Krause, James K. Cameron, Stuart G. Hall, Gerhard Müller, Brian L. Hebblethwaite, Karl Hoheisel, Wolfgang Janke. 2001, S. 466.
Fritz Mauthner plädierte in seinem Wörterbuch der Philosophie (1923) dafür, den Begriff Selbstmord durch Freitod zu ersetzen: „[Ich bin] geneigt, den neuen, nicht ganz einwandfrei gebildeten Ausdruck Freitod – im D. W. noch nicht gebucht – dem alten und an die Sprache des Strafrechts erinnernden Worte Selbstmord vorzuziehen. […] Jean Paul konnte die Umformung Selbermord wagen; immer knüpft die Vorstellung an die des Verbrechens an, wie es denn im Französischen bis nach der Mitte des 18. Jahrhunderts homicie de soi-même hieß. Freitod erinnert mich, wie Freitreppe, Freistatt, an etwas, das ins Freie führt, das Freiheit gewährt.“Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Band 3. Leipzig 1923, S. 180–182 zeno.org
In den mit der Erscheinung befassten Wissenschaften wird der Begriff Selbstmord heute meist abgelehnt,Carlos Watzka: Sozialstruktur und Suizid in Österreich: Ergebnisse einer epidemiologischen Studie für das Land Steiermark. S. 24. da in ihm eine Beurteilung der Tat gesehen wird, die nach allgemeiner Ansicht vermieden werden soll. Fred Dubitscher sagte, Selbstmord sei „kein Mord im eigentlichen Sinn und kein Verbrechen“.Fred Dubitscher: Lebensschwierigkeiten und Selbsttötung: Beratung und Vorbeugung. Thieme, Leipzig 1971, S. 5. Dieser Autor war ein führender NS-„Eugeniker“ gewesen, vgl. sein Handbuch: Der Schwachsinn. Handbuch der Erbkrankheiten. Band 1, Gesamthrsg. Arthur Gütt. Thieme, Leipzig 1937, bis 1942 in 6 Bänden. Adrian Holderegger formulierte: „Dieses Residuum eines religiösen Vorurteils und einer veralteten Rechtsauffassung hat in einem modernen Beurteilungsschema keinen Platz mehr“.Suizid und Suizidgefährdung. Freiburg i. Ue./Freiburg i. Br. 1979, S. 33.
Freitod Die Bezeichnung Freitod geht davon aus, dass sich ein Mensch im Vollbewusstsein seines Geistes und selbstbestimmt tötet. Nach der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention ist dies allerdings nicht der Fall. Überlebende eines Suizidversuchs berichteten, dass „sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht frei gefühlt haben, Entscheidungen zu treffen.“
Der Begriff wurde Anfang des 20. Jahrhunderts aus Friedrich Nietzsches Vom freien Tode gebildet, einem Kapitel in seinem Werk Also sprach Zarathustra.S. 203. Wer einen freien Tod vorhat, soll nach Nietzsche „zur rechten Zeit“ ein „edles“ Sterben wählen: „In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend glühn, gleich einem Abendroth um die Erde: oder aber das Sterben ist euch schlecht gerathen.“Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Vom freien Tode
Ein Beispiel für einen Freitod aufgrund philosophischer Erwägungen kann im Tod des Sokrates gesehen werden, der auf eine Flucht verzichtete, das richterliche Urteil mit Respekt vor den Gesetzen annahm und bis zuletzt mit seinen Freunden philosophisch diskutierte. Auch Seneca, der bereits schwer krank gewesen war, nahm nach dem missglückten Anschlag auf Kaiser Nero sein Todesurteil im Geiste der Stoa als sittlich gleichgültiges Ding (Adiaphora) an und hat sich mit seinen Freunden mündlich und schriftlich ausführlich mit Sterben und Selbsttötung auseinandergesetzt. Dabei kritisierte er jene Philosophen, die Suizid zur Sünde erklärten.
Der Philosoph Wilhelm Kamlah sprach von einem Entschluss zur Selbsttötung nach reiflicher Überlegung und aus innerer Ruhe und Freiheit heraus und bezeichnete es als ein Grundrecht.Wilhelm Kamlah: Das Recht auf den Freitod, ein menschliches Grundrecht. Bemerkungen zu einer Schrift von Jean Améry, Rezension zu: Jean Améry: Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod. Stuttgart 1976, In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 211 vom 9. September 1976, S. 27. Der Philosoph Ludger Lütkehaus plädierte ebenfalls dafür, die „Freiheit zum Tode“ zu respektieren.„Ich habe einen kleinen Schlüssel bei mir“. Essay in der Badischen Zeitung, 19. August 2014.
Aus psychiatrischer Sicht handelt es sich um eine Form der rationalen Bewältigung suizidaler Tendenzen, wie sie etwa der schwer traumatisierte Schriftsteller Jean Améry 1978 vorgenommen hatte.
Der Duden bezeichnet den Begriff als Hüllwort.Freitod, der, duden.de, abgerufen am 27. Juli 2016.
Assistierter Suizid und Tötung auf Verlangen