Die Belagerung des Alcázars von Toledo, die von Ende Juli bis Ende September 1936 dauerte, war eines der wichtigsten Medienereignisse zu Beginn des Spanischen Bürgerkrieges. Die „Befreiung“ der militärisch eher unbedeutenden Festung durch Francos Armee wurde zum Gründungsmythos des franquistischen Staates – zwei Tage später erklärte sich Franco selbst zum Generalísimo. Auch von den Medienapparaten der faschistischen Bündnispartner Deutschland und Italien wurde die Belagerung ausgiebig propagandistisch inszeniert.

Historischer Ablauf Toledo lag kurz nach Beginn des Bürgerkriegs im Juli 1936 tief in republikanischem Gebiet. Der Militärgouverneur von Toledo, Oberst José Moscardó, stellte sich auf die Seite der Rebellen gegen die republikanischen Milizen und verschanzte sich mehrere Monate lang mit rund hundert Offizieren und Soldaten, 800 Guardia-Civil-Männern, Falange-Mitgliedern und einer Handvoll Kadetten der Infanterieakademie von Toledo – die Zahl und Bedeutung der Kadetten wurde später von der nationalistischen Propaganda glorifiziert – in der nahe gelegenen Festung des Alcázars.Keene, 2002: S. 62-63.

Außerdem befanden sich etwa 550 Frauen und Kinder der Kämpfer im Alcázar sowie mehrere Dutzend republikanische Geiseln, darunter der Zivilgouverneur Toledos. Die Geiseln sind offenbar während der Belagerung getötet worden.Thomas, 2001: S. 235f. Die Kadetten der Militärschule waren zum Zeitpunkt des Aufstandes bereits in den Sommerurlaub verabschiedet worden, so dass nur eine Handvoll von ihnen tatsächlich an der Verteidigung des Alcázars teilnahm. Bei der Einnahme Toledos durch die franquistischen Truppen unter General José Enrique Varela gab es ein grausames Massaker an republikanischen Soldaten und der Zivilbevölkerung. Kriegsberichterstatter waren bezeichnenderweise während des letzten Angriffs auf die Stadt nicht zugelassen.Thomas, 2001: S. 399.

Die republikanischen Kräfte beliefen sich auf etwa 8000 Milizionäre der FAI, CNT und UGT. Sie verfügten über mehrere Artilleriegeschütze, einige gepanzerte Fahrzeuge und zwei oder drei Panzer. Die republikanische Luftwaffe flog Aufklärungsflüge und bombardierte den Alcázar insgesamt 35 mal.

Die militärische Bedeutung der Stadt Toledo und des Alcázars war für beide Seiten gering. Francos Entscheidung, Elitetruppen zur Befreiung des Alcázars von der Madrider Front für mehrere Wochen abzuziehen, gab der republikanischen Regierung Zeit, durch militärische Gegenmaßnahmen die schnelle Eroberung der Hauptstadt zu verhindern.Hodges, 2000: S. 103. Franco gewann damit allerdings genügend Zeit, um seine Stellung als Führer der Aufstandsbewegung zu sichern. Unmittelbar nach Beendigung der Belagerung wurde er zum Führer („Caudillo“) der Militärjunta ausgerufen.

Belagerung 21. Juli

Um sieben Uhr morgens verlas der Kommandant der Militärakademie José Moscardó eine Erklärung, die das Kriegsrecht ausrief. Es wurde angeordnet, die bekannten republikanischen Anführer von Toledo zu verhaften. Jedoch wurde nur der Direktor des Gefängnisses inhaftiert.

Die aus Madrid kommenden republikanischen Truppen erreichten zuerst das Hospiz von Tavera in den Vororten von Toledo. Da sie jedoch von diesem Gebäude her unter schweren Beschuss gerieten, lenkten sie ihren Angriff auf die Waffenfabrik. Eine Abteilung von 200 Männern der Guardia Civil war in dem Hospiz stationiert und begann, über die Kapitulation zu verhandeln. Während der Verhandlungen gelang es den Truppen der Guardia Civil, mehrere mit Munition beladene Lastwagen von der Fabrik in den Alcázar zu bringen, bevor sie die Fabrik evakuierten und zerstörten.

22. Juli bis 13. August

Bis zum 22. Juli kontrollierten die republikanischen Truppen fast ganz Toledo und versuchten die Aufgabe des Alcázars durch Artilleriebeschuss und Aushungerung herbeizuführen. Während der Belagerung beschränkten sich die Eingeschlossenen auf eine passive Verteidigung und erwiderten das Feuer nur, wenn sie selber angegriffen wurden.

14. August bis 17. September

Am 14. August wechselten die republikanischen Truppen ihre Taktik, nachdem sie festgestellt hatten, dass die Verteidiger auf der Nordseite des Alcázars geschwächt waren. Während der nächsten fünf Wochen griffen sie elfmal vergeblich das Haus der Militärregierung an. Die ersten Anzeichen der vorrückenden nationalistischen Truppen zeigten sich am 22. August, als ein von Franco geschicktes Flugzeug Flugblätter über dem Alcázar abwarf, das den Eingeschlossenen baldige Befreiung versprach.

18. September

Seit dem 16. August waren die republikanischen Truppen dabei, zwei Stollen zum südwestlichen Turm des Alcázars zu graben. Am 18. September wurden die beiden Minen von Francisco Largo Caballero gezündet. Der Turm stürzte in sich zusammen und begrub die dortigen Verteidiger unter sich. Etwa zehn Minuten später begannen die republikanischen Truppen, unter Zuhilfenahme von gepanzerten Fahrzeugen und Panzern, mit dem Angriff auf den Alcázar. Der Angriff schlug jedoch auf Grund der heftigen Gegenwehr fehl.Moss, 1936: S. 217.

19. bis 26. September

Durch den Artilleriebeschuss war eine Kommunikation mit den Gebäuden außerhalb des Alcázars nicht mehr möglich, was am 21. September dazu führte, dass den Verteidigern der Rückzug befohlen wurde. Am 23. September um fünf Uhr eroberten die republikanischen Truppen die nördliche Mauer der Alcázars und drangen in den Innenhof des Alcázars vor. Dieser Angriff wurde von hinzu gerufenen Reserven jedoch zurückgeschlagen. Am gleichen Morgen kam es zu einem weiteren Angriff, der jedoch ebenfalls fehlschlug.

Am 26. September erreichten die nationalistischen Truppen das Dorf Bargas, 6,5 Kilometer nördlich von Toledo. Die Lage der Republikaner wurde fast aussichtslos, und es kam zu einem letzten Versuch, den Alcázar zu erobern. Der Versuch schlug gleichfalls fehl, und kurze Zeit später trafen die nationalistischen Truppen in Toledo ein. Die republikanischen Truppen zogen sich nach Aranjuez zurück, und die verbliebenen Republikaner wurden massakriert, einschließlich 200 verwundeter Milizionäre.Keene: 2002.

Mediale Inszenierung mini|Der Alcázar heute Über den spanischen Bürgerkrieg berichteten nicht allein Journalisten, Fotografen und Kameraleute aus den verschiedensten Ländern, die internationale Bedeutung der jeweiligen Medienereignisse wurde oft auch noch zusätzlich betont: „Toledo. Dieses Wort hat strahlenden Klang! Die ganze Welt horcht auf, wenn Telegraph und Rundfunk diesen Namen nennt“, schrieb etwa im September 1936 ein Kriegsberichterstatter des Völkischen Beobachters.

Die Belagerung des Alcázars von Toledo bot sich für die mediale Inszenierung als eines der ersten Ereignisse an, die nicht nur lokal klar abgrenzbar waren, sondern auch eine deutlich erkennbare „Story“ anboten, die sich narrativ an die Erwartungen des jeweiligen Publikums anpassen ließen.

Toledo und sein Alcázar boten dazu als lieux de mémoire (Erinnerungsorte) besonderes Potential für eine medial wirksame narrative Modellierung (Emplotment): die Festung wurde seit dem Mittelalter mehrmals belagert, zerstört und wiederaufgebaut. Legendär war die (Rück-)Eroberung Toledos während der Reconquista im Jahr 1085. Der im 16. Jahrhundert unter Karl V. errichtete Alcázar stellte vor der Verlegung der Hauptstadt nach Madrid das Regierungszentrum des spanischen Reiches dar, und in Toledo amtierte zugleich die Inquisition. Gerade im Kontext der historischen Reconquista ließ sich die Belagerung der Festung im Jahr 1936 als symbolhafte Verdichtung des neuen „Glaubenskrieges“ zwischen Faschismus und Kommunismus darstellen. Die Rückeroberung des Alcázars konnte als ein erster Schritt verstanden werden, für die „Wiedervereinigung“ Spaniens unter franquistischer Führung.

Die Belagerung und Befreiung des Alcázars behielt über ihren unmittelbaren Nachrichten- und Propagandawert hinaus herausragenden Stellenwert in der franquistischen Erinnerungskultur. Zahlreiche bereits während der Belagerung von den Medien kolportierte Mikro-Erzählungen fanden Eingang in literarische und filmische Umsetzungen des Stoffes, die sich auch außerhalb Spaniens nachweisen lassen. Erst diese nachträglichen Bearbeitungen haben die Bedeutung des Ereignisses im kulturellen Gedächtnis konstituiert, das durch den fortgesetzten Figurationsprozess (vgl. Hayden White) legendarischen Charakter erhalten hat.

Elemente der Legende Wichtiger Bestandteil der Legende ist die angebliche Beteiligung der Kadetten von Toledo an den Kämpfen. Die Kadetten der dortigen Militärschule waren zum Zeitpunkt des Aufstandes jedoch bereits in den Sommerurlaub verabschiedet worden, so dass nur eine Handvoll von ihnen tatsächlich an der Verteidigung des Alcázars teilnahm. Diese Tatsache wurde zwar relativ früh während der Belagerung bekannt, sie wurde jedoch von den Medien teilweise verschwiegen, um die Dramatik des Geschehens zu erhöhen.

Der eigentliche Kern der Alcázar-Legende ist allerdings eine individuelle Opferungsgeschichte, die sich sowohl an alttestamentliche (Opferung Isaaks) sowie spanische Vorbilder (Guzmán el Bueno) aus dem kulturellen Gedächtnis orientiert. Der Sohn des Alcázar-Kommandeurs wurde von den Belagerern gefangen genommen und als Druckmittel eingesetzt, um die Kapitulation der Festung zu erzwingen. Der Legende zufolge widersetzte sich der Kommandeur Moscardó in einem dramatischen Telefongespräch mit dem republikanischen Befehlshaber der Belagerungsarmee diesem Erpressungsversuch, was zur unmittelbaren Exekution seines Sohnes geführt haben soll.

Mediale Inszenierungen in Spanien und Italien Die italienisch-spanische Koproduktion Sin novedad en el Alcázar von Augusto Genina aus dem Jahr 1940 spielte eine zentrale Rolle bei der Verankerung des Medienereignisses im nationalen Gedächtnis des franquistischen Spaniens, aber auch Italiens und Deutschlands. Im Vorspann der spanischen Version heißt es zur Funktion dieser Produktion: