Die argentinische Musik nährt sich aus Einflüssen mehrerer Kulturen. Obwohl die Mehrzahl der Einwohner des Landes von Europäern abstammt, wurden auch karibische und schwarzafrikanische Einflüsse in Stile wie dem Tango eingebracht. Auch die Musik der Ureinwohner hat zahlreiche Tänze und Liedformen beeinflusst. mini|Das Tango-Duo Astor Piazzolla/Horacio Ferrer. Der Tango gilt als identitätsstiftende Musik von Buenos Aires
Musik der Ureinwohner Die Musik der Ureinwohner Argentiniens ist vergleichsweise wenig bekannt, sie wird in den verschiedenen indianischen Gemeinschaften jedoch nach wie vor gespielt und gesungen. Dabei sind die Stile unter den verschiedenen Gruppen sehr unterschiedlich. Einige wenige Sänger und Gruppen (vor allem der Mapuche der Südanden und der Kolla im Nordwesten) sind auch kommerziell aktiv, insbesondere seit Mitte der 1990er Jahre gibt es ein Revival der traditionellen präkolumbianischen Musik, wobei die einfachere Produktion von Tonträgern (z. B. mittels CD-Brennern) diesen Trend unterstützte.
Nordwestargentinien mini|Die Quena, eine traditionelle Flöte aus dem Andenraum
Die Musik der Hochlandindianer aus dem Nordwesten Argentiniens hat bleibende Einflüsse in der heutigen Folkloremusik der Region hinterlassen. Sie unterscheidet sich nur unwesentlich von der traditionellen Hochlandmusik Boliviens und Perus.
Saiteninstrumente waren bis zum Eintreffen der Spanier nicht bekannt, stattdessen beschränkt sich die Musik auf Blas- und Rhythmusinstrumente. Viele modernen Folkloregruppen spielen Musikstücke der indianischen Traditionen mit einem spanisch-gemischten Instrumentarium, z. B. mit Gitarre und Charango, andere Bands dagegen, die sogenannten bandas de sikuris, beschränken sich auf die möglichst originalgetreue Wiedergabe dieser Stücke. Die meisten Musikformen sind Tanzstile, die der Beschwörung der traditionellen Gottheiten wie der Pachamama dienten. Ein besonders abweichender Stil ist die copla, die auch in der Folklorebewegung weiterlebt: ein rezitativähnlicher, langsamer, nur von einer Trommel begleiteter Gesang.
Charakteristisch für die gesamte Region ist die Obertonmelodik: die Melodien und Akkorde bestehen aus den Obertönen eines Grundtons.
Patagonien Auch die Musik der Mapuche aus den Südanden, deren Kultur sich später in ganz Patagonien verbreitete, kennt keine vorkolonialen Saiteninstrumente. Früher wurde der einsaitige Musikbogen kunkullkawe (cunculcahue) mit einem zweiten Bogen gestrichen. Neben dem Gesang nehmen heute Blas- und Perkussionsinstrumente tragende Rollen ein. Bekannt ist die Trutruca, ein alphornähnliches Instrument aus dem Colihue-Baumstamm. Die Pifilka ist ebenfalls ein Aerophon, es übernimmt mit seinem hellen Klang jedoch Melodieaufgaben. Das Instrument wurde ursprünglich aus Menschenknochen, insbesondere aus Skeletten von gefallenen gegnerischen Kriegern, gefertigt; heute besteht es jedoch aus Holz. Wichtigstes Rhythmusinstrument ist die Kultrún, eine Art Pauke aus Holz, die insbesondere in der Musik der Schamanen Bedeutung hat, in der ihr heilende Funktionen zugewiesen werden. Die Kultrún ist oft mit Blut bemalt; sie wird dadurch sowohl mit dem Krieg und der Gewalt als auch mit der weiblichen Fruchtbarkeit (zur Menstruation assoziiert) in Verbindung gebracht.Cruzada Patagónica: (spanisch) Daneben ist die Cascahilla, zusammenhängende Bronzeschellen, bei den Tänzen von Bedeutung.
Wie bei vielen anderen animistischen Gruppen hat auch bei den Mapuche die Musik eine religiöse Bedeutung. Sie spielt vor allem bei den einmal im Jahr abgehaltenen Feierlichkeiten eine Rolle. Diese enthalten sowohl rhythmische Tänze als auch religiöse Gesänge, die Tailes, die a cappella vorgetragen werden.Derecho de los Pueblos Indígenas: (spanisch)
Unter den heutigen Mapuche-Künstlern stechen die Sängerinnen Beatriz Pichi Malén, Luisa Calcumil sowie Juan Namuncura heraus.
Nordosten Im Nordosten Argentiniens sind die wichtigsten Indianergruppen die Toba, Wichí und Guaraní.
Die Toba pflegen eine repetitive Musik, die aus sich ständig wiederholenden Elementen besteht und rituellen Charakter hat. Eine tragende Rolle nehmen von Chören vorgetragene Gesänge ein, die von aus Kürbissen hergestellten Perkussionsinstrumenten, den tapaga, begleitet werden, daneben gibt es eine einsaitige, mit einem Bogen gestrichene Kastenspießlaute namens nowikw, die zum Typus der westafrikanischen ngonis gehört, und die Trommel patequi.Asociación Toba: Die Musik der Tobas, die heute außerhalb der Stammesgemeinschaft kaum noch bekannt ist, wurde besonders durch Mercedes Sosa, die vereinzelte Gesänge der Toba-Musik neu interpretierte, und durch die Gruppe Tonolec, die sie mit elektronischen Elementen vermischt, wieder in die Folklore-Szene eingebracht.
Auch die Musik der Guaraní ist weitgehend repetitiv und basiert auf nur einem einzigen Akkord sowie auf einem einfachen binären Taktsystem. Bei den rituellen Musikveranstaltungen herrscht eine strenge Rollenteilung, so übernimmt der Schamane den Gesang und wird dabei von den Frauen im Oktavabstand begleitet. Die Männer übernehmen rezitative Einlagen sowie das Schlagen von Rhythmusinstrumenten wie der maraca (eine Gefäßrassel) und dem ywira’i, einem langen Stock. Auch die Kinder werden in die Veranstaltungen miteinbezogen, sie tanzen und schlagen dazu den takuapú, eine rhythmisch verwendete Stampfröhre aus einem langen Bambusrohr.Enciclopedia de Misiones: Des Weiteren gibt es eine Panflöte und eine einfache Kernspaltflöte, die mimby. Weit bekannter als diese originäre Musik ist allerdings der Chamamé, der aus Guaraní-Rhythmen und der europäischen Polka in der Kolonialzeit entstand.
Die Wichí dagegen haben ihre autochthone Musik nahezu vollständig verloren, nachdem sie von Missionaren im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert christianisiert wurden. Eine Gruppe von jungen Wichi mit dem Namen Sacham versucht in Begleitung des Musikwissenschaftlers Sergio Aschero die musikalischen Traditionen wiederzubeleben.Seite von Sergio Aschero
Kunstmusik mini|Die Pianistin Martha Argerich (1962)
Nach der Erlangung der Unabhängigkeit 1816 begann sich in Argentinien langsam eine Musikszene herauszubilden, die noch stark von Europa beeinflusst war. Zunächst beherrschte der Iluminismo, eine Strömung, die besonders die nationalen Symbole betonte, die gesamte Kultur und damit auch die Musik. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand dann auch die Nationalhymne Argentiniens, die Canción Patriótica, die stilistisch der Spätklassik zuzurechnen ist. Sie wurde von Blas Parera komponiert, einem Spanier, der in seiner Jugend nach Argentinien ausgewandert war.
Erst nach dem Beginn des 20. Jahrhunderts bildete sich vor allem in Buenos Aires eine namhafte Kunstmusik-Szene heraus. Ihr bekanntester Vertreter war Alberto Ginastera (1916–1983), der in seinen frühen Werken (seinen von ihm selbst sogenannten „objektiven und subjektiven nationalistischen Perioden“) zunächst die europäischen Strömungen mit argentinischer Folkloremusik kombinierte, später aber zum Expressionismus wechselte.Douglas A. Lee: Masterworks of 20th-Century Music. The Modern Repertory of the Symphony Orchestra. Routledge, New York NY u. a. 2002, ISBN 0-415-93846-5, S. 169. Obwohl er zahlreiche Konzerte und andere längere Werke komponierte, wurde sein berühmtestes Werk die kurze Toccata, als sie von der Rockgruppe Emerson, Lake & Palmer gecovert wurde.
Ein weiterer berühmter Komponist ist Mauricio Kagel (1931–2008), der aber meist der deutschen Musikszene zugerechnet wird, da er 1957 nach Deutschland übersiedelte. Kagel, der insbesondere im modernen Musiktheater aktiv war und zahlreiche politisch beeinflusste Werke schrieb, gehört zu den bedeutendsten Komponisten der Neuen Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Am Schnittbereich zwischen klassischer und populärer Musik befindet sich Lalo Schifrin, der besonders als Komponist von Film- und Fernsehmusik bekannt wurde. Aus seiner Feder stammt das Thema der Fernsehserie Kobra, übernehmen Sie (auch in der Mission: Impossible-Trilogie zu hören). Schifrin bedient sich in seinen Werken sowohl klassischer als auch Jazz-Einflüsse.
Als bekannteste Interpreten klassischer Musik der Gegenwart gelten die Pianistin Martha Argerich, die trotz ihrer bekannten Publicity-Scheu mehrere Grammys gewinnen konnte, der Opernsänger Marcelo Álvarez, einer der bekanntesten Tenöre um die Jahrtausendwende, der Dirigent Daniel Barenboim sowie das Kammermusik-Ensemble Camerata Bariloche.
Martín Palmeri (* 1965) verbindet europäische Kirchenmusik mit dem Tango Nuevo und ist seit 2005 häufig in Europa als Dirigent seiner Werke zu Gast.
Folklore mini|Atahualpa Yupanqui, einer der bekanntesten Folkloremusiker des Landes, beim Festival von Cosquín mini|Die Charango, ein mandolinenähnliches Saiteninstrument
Hauptartikel: Folklore (Argentinien)
Mit Folklore oder música popular werden in Argentinien eine Reihe von Volksmusikstilen bezeichnet, die insbesondere von der spanischen, aber auch der osteuropäischen Musik beeinflusst wurden. Es haben sich im Laufe der Jahrhunderte drei Hauptstile herauskristallisiert: einmal die andine Folklore des Westens und Nordwestens, die mit der Volksmusik Boliviens, Perus und Chiles vergleichbar ist und auch indianische Elemente enthält, zum zweiten die Folkloremusik der Pamparegion, die eine Reihe von Tänzen umfasst, die der spanischen Volksmusik sehr ähnlich sind, und die Folklore des Litoral, deren bekanntester Exponent der chamamé ist und die besonders von den osteuropäischen Musiktraditionen beeinflusst wurden.
Besonders in den kleineren und mittleren Städten sowie auf dem Land erfreut sich die Folklore nach wie vor höchster Beliebtheit. Festivals dieser Musikrichtung, wie beispielsweise in Cosquín (Provinz Córdoba), Cafayate (Salta) und Humahuaca (Jujuy) locken Tausende Besucher an, und auch in der Großstädten werden von allen Altersgruppen die sogenannten peñas, Restaurants oder Bars mit Livemusik, besucht. Unter den zahllosen Folkloregruppen gibt es auch zahlreiche Ensembles, die die Folkloremusik modernisieren, indem sie mit elektrischen Musikinstrumenten ein rockiges Flair erzeugen.
Die Folklore der Pampa-Region ist stark mit der Gaucho-Tradition verbunden. Gaucho-typische Kunstformen wie die Payada (ein aus dem Stegreif getexteter Reim) und der Zapateo (eine Art Schuhplattler) haben sich untrennbar mit Tanzstilen wie der Zamba und der Chacarera vermischt. So sprechen die Gauchos typischerweise kurze Payadas mit weniger als einer Minute Dauer, um danach von einer Zamba oder Chacarera abgelöst zu werden und dem nächsten Gaucho Platz zu machen. Auch wenn der Gaucho als Beruf heute nicht mehr existiert, sind seine kulturellen Traditionen und damit auch die Musik nach wie vor in der Landbevölkerung lebendig. Musikinstrumente dieser Folkloreform sind die Bombo, eine große mit einem Rinderfell bespannte Trommel, die Gitarre sowie die Charango, ein mandolinenähnliches Saiteninstrument, seltener ist auch die Violine und die Mundharmonika zu finden.
Die andine Folklore ist eine typische Mestizo-Musikform: sie beinhaltet sowohl indianische, europäische als auch schwarzafrikanische Elemente. Der in Argentinien populäre Musiktyp unterscheidet sich dabei nur in Details von dem in Bolivien, Peru, Ecuador und Nordchile verbreiteten Stil. Charakteristisch ist eine große Varietät von Holzbläsern, darunter besonders zahlreiche Flötenarten wie die Quena, die durch Überblasen ihren typischen Klang erhält. Gemeinsam mit der Panflöte (Sicus) ist die Quena das meistbenutzte Melodieinstrument der andinen Folklore und gibt ihr daher ihren typischen Klang. Weiterhin ist die Rhythmik dieser Stile oft sehr variantenreich und ausgefeilt, besonders bei Tänzen mit klaren schwarzafrikanischen Einflüssen wie der Saya. Ein charakteristisches Element ist ebenso die Obertonmelodik, in der die Melodien hauptsächlich aus den Obertönen eines Grundtons bestehen, sowie teils auch Pentatonik (Fünftonleiter).