Hoffmanns Erzählungen (französischer Originaltitel: Les contes d’Hoffmann) ist eine „Phantastische Oper in 5 Akten“ (früher: „in 3 Akten, einem Vor- und einem Nachspiel“) von Jacques Offenbach. Als Basis für das Libretto diente ein von Jules Barbier und Michel Carré verfasstes und 1851 uraufgeführtes Stück, das auf verschiedenen Erzählungen E. T. A. Hoffmanns basiert, wie auf Der Sandmann, Rat Krespel und Die Abenteuer der Sylvester-Nacht.

Aus diesem Schauspiel entwickelte Jules Barbier auf Wunsch Jacques Offenbachs das Opernlibretto. Hoffmann ist in der Oper selbst der Held der Erzählungen – im Gegensatz zu den literarischen Werken Hoffmanns, in denen die männlichen Helden andere Namen tragen oder fiktive Ich-Erzähler sind.

Les contes d’Hoffmann wurde am 10. Februar 1881 in der Opéra-Comique Paris uraufgeführt. Die Spieldauer beträgt je nach Fassung/Bearbeitung zwischen und Stunden. Die Partitur wurde beim Choudens-Verlag in Paris veröffentlicht und erlebte dort mehrere Neuauflagen und Überarbeitungen.

Werkbeschreibung Les contes d’Hoffmann hat keine Ouvertüre im eigentlichen Sinn. Die Oper beginnt mit wenigen Takten einer einleitenden Musik, deren Thematik sich in der ganzen Oper nicht wiederholt, und mündet direkt in den ersten Akt, in welchem die Muse den Zuhörer darüber in Kenntnis setzt, dass sie beabsichtigt, Hoffmann von seinem unglücklichen Liebesleben abzulenken und zur Literatur zurückzuführen.

Auf diesen erklärenden ersten Akt folgen die drei Mittelakte mit den voneinander inhaltlich unabhängigen Erzählungen Hoffmanns. Der rote Faden ist hierbei der kompositorische Kniff, die Protagonisten der Erzählungen jeweils von denselben Interpreten singen zu lassen (die vier Geliebten Hoffmanns, die vier Widersacher sowie die vier Dienerrollen). Den Abschluss der Oper bildet der fünfte Akt, welcher sich zeitlich an den ersten anschließt. Hier besinnt sich Hoffmann auf die Kunst und gibt sich der Muse hin.

Handlung Die Oper greift nach dem ersten Akt hauptsächlich auf drei Erzählungen E. T. A. Hoffmanns zurück, Der Sandmann, Rat Krespel und Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild. Die Protagonisten dieser Erzählungen, nämlich Nathanael, der Komponist B. und Erasmus Spikher werden in der Oper indessen mit der Person des E. T. A. Hoffmann identifiziert. Zur Inhaltsangabe vergleiche auch die Genese der verschiedenen Fassungen.

Erster Akt (in einigen Editionen: Prolog) Die Weinstube von Lutter & Wegner. Zusammen mit den Geistern des Weins und des Bieres besingt die Muse die Macht des Alkohols. Weil sie fürchtet, den Dichter E.T.A. Hoffmann an die Macht der Liebe und die Sängerin Stella zu verlieren, verwandelt sie sich in Nicklausse, um dem Dichter bei seinen Liebesabenteuern nicht von der Seite zu weichen. (Dieser die Apotheose vorbereitende Auftritt der Muse ist im Zensurlibretto noch enthalten, in den meisten der späteren Fassungen jedoch teilweise oder ganz gestrichen). Während Hoffmann in der Weinstube mit Studenten zecht, um seinen Kummer über die unberechenbaren Launen seiner Geliebten, der Sängerin Stella, zu vergessen, tritt diese in Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni als Donna Anna auf. Auf die schöne Sängerin hat es auch Hoffmanns Rivale, der personifizierte Teufel Stadtrat Lindorf abgesehen. Er kauft Stellas Boten einen Liebesbrief ab, der an Hoffmann gerichtet ist. Darin ist auch ein Schlüssel für ihre Garderobe. Unterdessen fordert einer der Studenten Hoffmann auf, das Rattenlied (Goethes Faust, Szene aus Auerbachs Keller) zu singen. Ein anderer findet das jedoch langweilig („das ewige Einerlei“), und darauf einigen sich alle darauf, dass Hoffmann das Lied von Kleinzack (eigentlich: Klein Zaches aus dem gleichnamigen Märchen) vortragen solle. Hoffmann beginnt und verliert sich in der dritten Strophe in eine Traumwelt. Denn als es um die Gestalt des Kleinzack geht – „quant aux traits de sa figure“ –, sieht er plötzlich vor sich Stella und gerät in leidenschaftliches Schwärmen. Die Studenten, erschrocken über die Wendung des Liedes, holen ihn in die Gegenwart zurück, so dass er die Ballade von Kleinzack vollenden kann. Durch diesen Vorfall kommt das Gespräch auf die zahlreichen unglücklichen Liebschaften, die Hoffmann schon durchlebt hat. Da die Aufführung des Don Giovanni noch lange währt, beginnt Hoffmann zu erzählen. Die Szene wechselt in den zweiten Akt:

Zweiter Akt (Olympia) Die im zweiten Akt vorgestellte Geschichte um seine große Liebe Olympia beruht auf Hoffmanns Erzählung Der Sandmann aus den Nachtstücken, die auch Léo Delibes als Grundlage für sein Ballett Coppélia diente.

Im Hause Spalanzanis. Olympia ist als lebensgroße, bezaubernd aussehende mechanische Puppe, eine fast perfekte Schöpfung des Physikers Spalanzani. Nur die Augen konnte Spalanzani ihr nicht geben, er musste sie vom mysteriösen Coppelius kaufen, dem er dafür den Kaufpreis noch schuldig ist. Hoffmann sucht Spalanzani auf, um seine vielgerühmte Tochter Olympia kennen zu lernen. Er trifft auf Coppelius, der Hoffmann aus seinem eigentümlichen optischen Sortiment sogleich eine Brille verkauft, die alles, was er sieht, in idealem Licht erscheinen lässt. Hierzu singen die beiden gemeinsam mit der Muse Nicklausse das sogenannte Augenterzett (Trio des yeux), das bei der Uraufführung gestrichen und durch Dialogtext, später durch ein Rezitativ und seit der wegweisenden Aufführung der Opéra de Monte Carlo 1904 durch die Arie „J’ai des vrais yeux, des beaux yeux“ ersetzt wurde.Die Arie „J’ai des vrais yeux, des beaux yeux“ entstammte ursprünglich dem Giulietta-Akt und wurde dort im Zuge der Umarbeitung von Raoul Gunsbourg und anderen für Monte Carlo durch die sogenannte Spiegelarie ersetzt. Oeser restituierte in seiner Ausgabe wieder das ursprüngliche Terzett im Olympia-Akt und Offenbachs es-Moll-Chanson des Dapertutto im Giulietta-Akt. Als Coppelius von Spalanzani den Kaufpreis für Olympias Augen einfordert, speist dieser ihn mit einem Wechsel ab. Hoffmann betrachtet Olympia durch Coppelius’ Brille, erkennt nicht, dass sie eine Puppe ist, und verliebt sich in sie. Vergebens versucht Nicklausse, ihm die Augen zu öffnen. Spalanzani hat eine Gesellschaft skurriler Gäste geladen, denen er Olympia vorstellen möchte. Das von ihr intonierte Lied „Les oiseaux dans la charmille“ („Die Vögel im Laubengang“) hat nicht nur einen dümmlichen Text und klingt im Ausdruck wie mechanisch vorgetragen, sondern wird obendrein zweimal unterbrochen, weil die Puppe neu aufgezogen werden muss. Hoffmann merkt gleichwohl nichts: Leidenschaftlich gesteht er ihr in einer Romanze seine Liebe, die sie nur mit einem gelegentlichen „Ja, ja“ erwidert. Er tanzt mit ihr einen Walzer, der immer schneller wird und ihn völlig erschöpft, woraufhin sie anscheinend verstört den Raum verlässt. Mittlerweile ist Coppelius wutentbrannt zurückgekehrt, denn der von Spalanzani ausgestellte Wechsel ist geplatzt. Aus Rache zerstört Coppelius die Puppe Olympia. Im Trubel der Aufregung fliehen der erschütterte Hoffmann und Nicklausse vom Ort des Geschehens.

Dritter Akt (Antonia) (in den Ausgaben von Choudens: Dritte Erzählung) Die Geschichte um die Liebe zu Antonia beruht auf E. T. A. Hoffmanns Novelle Rat Krespel aus dem ersten Band der Serapionsbrüder.

Im Hause Crespels in München (in der Fassung der Uraufführung: in Venedig). Antonia ist die Tochter des Rats Crespel, dessen Frau an einer seltenen Krankheit verstorben ist, die durch das Singen ausgelöst wurde. Crespel sieht mit Sorge, dass die musikliebende, gesanglich begabte Antonia das gleiche Schicksal ereilen könnte. Hoffmann hat Antonias Herz gewonnen und sie ist bereit, um der Liebe willen auf eine Karriere als Sängerin zu verzichten. Dies missfällt dem gespenstischen Doktor Mirakel, der schon Antonias Mutter zu Tode kuriert hatte. Er bewirkt, dass Antonia in die Illusion verfällt, ihre Mutter spreche aus dem Jenseits zu ihr und fordere sie zum Singen auf (Arie „Ma mère, ma mère, son âme m’appelle“ – „Meine Mutter, ihre Seele ruft mich“). Schließlich kann Antonia nicht widerstehen und folgt der Aufforderung, was ihren Tod bedeutet. Rat Crespel, Hoffmann und Nicklausse finden Antonia, welche sich von ihrem Vater verabschiedet und ihm erklärt, ihre Mutter würde sie rufen. Hoffmann ruft nach einem Arzt, worauf Doktor Mirakel eintrifft und ihren Tod bekanntgibt.

Vierter Akt (Giulietta) (in den Ausgaben von Choudens: Zweite Erzählung) Die Schilderung der Begegnung mit der Kurtisane Giulietta beruht auf E. T. A. Hoffmanns Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild aus Die Abenteuer der Sylvesternacht. Die Figur des Pitichinaccio, des Dieners der Giulietta, entstammt Hoffmanns Novelle Signor Formica, einer Erzählung über den Maler Salvator Rosa. Hoffmanns Rivale Schlemihl dagegen, der seinen Schatten verloren hat, geht auf Adelbert von Chamissos Peter Schlemihl zurück. Für die Barcarole verlegte Offenbach den Schauplatz von Florenz nach Venedig. Die Barcarole (von der auch eine Instrumentalfassung existiert) und auch das nachfolgende Trinklied Hoffmanns entnahm der Komponist seiner Oper Die Rheinnixen (franz.: Les fées du Rhin). Von diesem kurz vor der Uraufführung gestrichenen Akt gibt es zwei Fassungen (die zweite, so genannte Choudens-Fassung mit zwei Varianten).

Fassung des Zensurlibrettos

Zu der Fassung des Zensurlibrettos, in dem der Akt noch enthalten war, liegt inzwischen die von Offenbach dafür vorgesehene Musik fast vollständig vor.

Ein Palazzo in Venedig. Zu den Klängen einer Barcarole besingen Nicklausse, Giulietta und ihre Gäste die Nacht und die Liebe („Belle nuit, ô nuit d’amour“, „Schöne Nacht, du Liebesnacht“). Vorgeblich von der Liebe kuriert, feiert Hoffmann dagegen in einem Trinklied den Genuss des Weins. Schlemihl erscheint, eifersüchtig auf alle, die Giuliettas Nähe suchen. Damit die Situation nicht eskaliert, überredet Giulietta Schlemihl und ihre Gäste zum Kartenspiel Pharo. Nach kurzem Zögern folgt auch Hoffmann, noch einmal von Nicklausse beschworen, sich nicht wieder zu verlieben. In diesem Moment erscheint Dapertutto, ein Doktor. Er besitzt einen Diamanten, dessen Funkeln ihm Macht über die Frauen verleiht. („Tourne, tourne, miroir“, „Dreh dich, dreh dich, Spiegel“). Giulietta kommt hinzu und ist sofort von dem Diamanten fasziniert. Dapertutto verspricht ihn ihr, falls sie ihm Hoffmanns Spiegelbild erwerbe, wie sie ihm bereits Schlemihls Schatten besorgt habe. Schlemihl hat inzwischen beim Kartenspiel Hoffmann um dessen gesamtes Geld gebracht. Dapertutto zeigt Schlemihl, dass der seinen Schatten verloren hat. Nun kommt Hoffmann und fordert Revanche von Schlemihl. Während Hoffmann und Schlemihl erneut Karten spielen, besingt Giulietta Amors Macht („L’amour lui dit: la belle“, „Die Liebe sprach zu ihr, der Schönen“). Allmählich von Giulietta bezaubert, gibt Hoffmann Nicklausse seine Karten. Um in Giuliettas Kammer gelangen zu können, muss Hoffmann Schlemihl den Schlüssel dazu abnehmen. Die Klänge der Barcarole stacheln Hoffmann weiter an. Er fordert Schlemihl zum Duell. Weil er selbst keinen Degen hat, leiht ihm Dapertutto den seinen. Während des Duells erkennt Hoffmann, dass Schlemihl keinen Schatten wirft. Es gelingt ihm schließlich, den Rivalen zu erstechen und den Schlüssel zu Giuliettas Kammer an sich zu bringen. Hoffmann muss fliehen, er trifft auf Giulietta. In leidenschaftlicher Liebe überlässt er ihr sein Spiegelbild (Romanze des Hoffmann „Ô Dieu! de quelle ivresse“, „O Gott, welch ein Rausch“ und Duett). Nicklausse kommt hinzu und überredet Hoffmann, endlich zu fliehen. Ohne sein Spiegelbild macht Giulietta Hoffmann zum Gespött ihrer Gäste. Aus Wut ersticht Hoffmann Giuliettas missgestalteten Diener Pitichinaccio, den einzigen Mann, den die Kurtisane jemals geliebt hat.

Fassung des Giulietta-Akts in denjenigen Ausgaben von Choudens, in denen er enthalten ist