mini|Leichen palästinensischer Flüchtlinge nach dem Massaker im Lager Shatila, 20. September 1982 mini|Gedenkstätte im Stadtteil Sabra in Südbeirut mit einem Plakat zum 27. Jahrestag, 2009 Das Massaker von Sabra und Schatila () bezeichnet den Völkermord an palästinensischen Flüchtlingen, die im südlichen Stadtgebiet von Beirut lebten. Dieser wurde von etwa 150 libanesischen, maronitisch-katholischen – hauptsächlich phalangistischen – Milizionären verübt, unterstützt von der israelischen Armee (IDF), die z. B. aktiv verhinderte, dass Menschen aus dem Gebiet fliehen konnten. Zwischen dem 16. und 18. September 1982 – mitten im libanesischen Bürgerkrieg – wurden die Flüchtlingslager Sabra (Ṣabrā) und Schatila (Šātīlā) gestürmt, die zu jener Zeit von israelischen Soldaten umstellt waren. Nach filmisch belegten Aussagen beteiligter Milizionäre richtete sich die Aktion in erster Linie gegen Zivilisten; bewaffneter Widerstand soll kaum noch vorhanden gewesen sein. Die Milizionäre verstümmelten, folterten, vergewaltigten und töteten überwiegend Zivilisten, unter ihnen viele Frauen, Kinder und Alte. Die Zahl der Opfer konnte nicht geklärt werden, wird aber je nach Quelle zwischen 460Vgl. Jillian Becker: The PLO. London 1984. und 3500 angegeben.

Hintergrund Der Staat Libanon stand seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1943 im Spannungsfeld verschiedener ethnischer Konflikte und außenpolitischer Einflüsse. Während arabische Nationalisten vor allem seit den 1950er Jahren die Nähe zu Ägypten und Syrien suchten, orientierten sich die libanesischen Christen mehrheitlich am Westen und den USA. Der Konflikt eskalierte erstmals während der Libanonkrise 1958. Ein Bürgerkrieg wurde durch eine militärische Intervention der USA verhindert, es entstand eine Phase relativer Ruhe mit einer brüchigen, nationalen Einheitsregierung. Die Ankunft der 1970 aus Jordanien vertriebenen PLO brachte das empfindliche Kräftegleichgewicht im Libanon jedoch nachhaltig aus den Fugen. Die von den arabischen Nationalisten und anderen muslimischen Bewegungen unterstützte PLO, die sich insbesondere nach dem Sechstagekrieg radikalisierte, führte spätestens seit 1975 einen offenen Bürgerkrieg gegen militante christliche Gruppierungen wie die Phalange-Miliz. Die Kämpfe wurden von beiden Seiten mit großer Brutalität geführt. Neben Straßenkämpfen waren Bombenattentate und Übergriffe auf Zivilisten an der Tagesordnung. Schon 1976 verübten christliche Milizionäre an palästinensischen Flüchtlingen das Massaker von Karantina, worauf die Zivilbevölkerung eines christlichen Dorfes dem Massaker von Damur durch palästinensische und muslimische Gruppen zum Opfer fiel.

Seit dem Ende der 1970er Jahre verkomplizierten sich die Koalitionsverhältnisse des libanesischen Bürgerkriegs erheblich. Israel führte 1978 als Antwort auf anhaltende terroristische Angriffe aus dem Südlibanon die Operation Litani durch, in deren Verlauf Hunderttausende Palästinenser nach Norden Richtung Beirut flüchteten. Vor ihrem Abzug installierten die Israelis im Südlibanon eine „Sicherheitszone“, die von der sogenannten Südlibanesischen Armee, einer mit Israel verbündeten Miliz, kontrolliert wurde, die sich weiterhin Kämpfe mit der PLO lieferte. Durch den Zusammenbruch des Panarabismus und die militärischen Interventionen Syriens spaltete sich das muslimische Lager in die palästinensische, sunnitische (Murabitun-Miliz) und schiitische Milizen wie die prosyrische (Amal-Miliz) und die proiranischen (Hisbollah-) Gruppierungen, die sich in wechselnden Koalitionen gegenseitig bekämpften. Eine neuerliche israelische Intervention, die sich insbesondere gegen die PLO richtete, führte im Libanonkrieg 1982 zu einer entscheidenden Schwächung der militanten Palästinenser und zu deren militärischer Niederlage im August 1982.

Aufgrund der angespannten Lage wurde am 20. August 1982 in einer Vereinbarung zwischen den USA und dem Libanon festgelegt, dass das gesamte PLO-Personal inklusive aller Kämpfer Beirut verlassen sollte. Für die verbleibenden palästinensischen Zivilisten wurden Sicherheitsgarantien ausgesprochen, deren Einhaltung durch eine multinationale Truppeneinheit überwacht werden sollte, der unter anderem US-amerikanische Soldaten angehörten. Ziel der Garantien war der Schutz der palästinensischen Zivilisten vor israelischen Soldaten und den Phalange-Kämpfern. Die multinationale Truppeneinheit wurde ab dem 21. August eingerichtet, die Evakuierung der PLO fand vom 22. August bis zum 4. September statt. Der US-amerikanische Botschafter Philip Habib hatte der PLO auch mündlich versichert, dass die in Beirut verbleibende palästinensische Bevölkerung nach ihrem Abzug geschützt sein würde; dabei hatte er sich auf Garantien der israelischen Behörden verlassen.

Im September wurde der Führer der christlichen Forces Libanaises, Bachir Gemayel, der drei Wochen zuvor zum Präsidenten des Libanons gewählt worden war, zusammen mit vielen seiner Begleiter und Kader durch ein Bombenattentat in seinem Hauptquartier ermordet. Die Palästinenser standen im Verdacht, für den Mord an ihrem politischen Gegner verantwortlich zu sein. Der Überfall der Milizionäre auf die Lager wird daher auch als Racheaktion für den Mord an Präsident Gemayel verstanden.

Am Tag vor Beginn des Massakers wurden die Lager Sabra und Schatila in Westbeirut von israelischen Truppen umstellt. Die israelische Armee traf eine Abmachung mit der Phalange-Miliz, die vorgab, die vermeintlich in den Flüchtlingslagern befindlichen Verantwortlichen des Gemayel-Anschlags ausfindig zu machen und sie den Israelis zu übergeben. Ariel Scharon und Generalstabschef Rafael Eitan stimmten dem zu.

Das Massaker Am Abend des 16. September – zwei Tage nach dem Mord an Bachir Gemayel – drangen etwa 150 phalangistische Milizionäre unter dem Kommando von Elie Hobeika in die Lager ein, um die dort vermuteten palästinensischen Kämpfer zu entwaffnen. Die Milizionäre durchkämmten während ihrer Aktion die Lager und töteten dabei vorwiegend Zivilisten, einschließlich Frauen, Kinder und Alte. Nicht nur von palästinensischer Seite, sondern auch von beteiligten Phalangisten selbst wurde angegeben, viele der Opfer seien außerdem verstümmelt worden. Es soll zu Folterungen und Vergewaltigungen gekommen sein. Dies geschah in voller Sicht israelischer Beobachtungsposten aus umliegenden Gebäuden, welche die Lagerausgänge abriegelten und die Lager während der Nacht mit Leuchtraketen erhellten, um die phalangistischen Milizen zu unterstützen.

Nach späteren Erkenntnissen war nicht nur die israelische Militärführung vor Ort genauestens über die Vorgänge in den Lagern informiert, sondern auch die israelische Regierung. Berichten zufolge hatte die israelische Armee zudem Planierraupen zur Verfügung gestellt und die Milizen mit Verpflegung und Munition versorgt. Erst am Morgen des 18. September fand das Blutbad ein Ende.

Opferzahl Der Generalstaatsanwalt der libanesischen Armee, Assad Germanos, untersuchte die Tötungen, befolgte jedoch Anweisungen von oben und lud keine libanesischen Zeugen vor. Auch palästinensische Überlebende aus den Lagern hatten Angst auszusagen, und phalangistischen Kämpfern war es ausdrücklich verboten auszusagen. Der Bericht von Germanos stellte fest, dass 460 Personen getötet wurden (einschließlich 15 Frauen und 20 Kinder)Jillian Becker: The PLO. Weidenfeld und Nicolson, London 1984. Der israelische Geheimdienst schätzte, dass 700–800 Palästinenser getötet wurden, während die Palästinensische Rothalbmondgesellschaft – der Ableger des Roten Halbmondes in den Palästinensischen Autonomiegebieten – behauptete, es seien 2000 Tote gewesen. Ein Totenschein wurde jedem ausgestellt, der drei Zeugen benennen konnte, die dafür bürgten, dass ein Familienmitglied während des Massakers verschollen sei; insgesamt wurden 1200 Totenscheine ausgestellt.

Laut der BBC starben „mindestens 800“ Palästinenser. Die palästinensische Historikerin Bayan Nuwayhed al-Hout in ihrem Buch Sabra und Shatila: September 1982 gibt eine Mindestzahl von 1.300 benannten Opfern an, basierend auf einem detaillierten Vergleich von 17 Opferlisten und anderen Beweismitteln, und schätzt eine noch höhere Gesamtzahl von 3.500. Robert Fisk schrieb: „Nach drei Tagen Vergewaltigung, Kämpfen und brutalen Hinrichtungen verlassen die Milizen schließlich die Lager mit 1.700 Toten.“ In seinem kurz nach dem Massaker veröffentlichten BuchAmnon Kapeliouk, übersetzt und herausgegeben von Khalil Jehshan (Microsoft Word doc). Zugriff am 14. Februar 2006. kam der israelische Journalist Amnon Kapeliouk von Le Monde diplomatique, basierend auf offiziellen und Rotkreuz-Quellen, auf etwa 2.000 nach dem Massaker entsorgte Leichen und schätzte „sehr grob“ 1.000 bis 1.500 weitere Opfer, die von den Phalangisten selbst entsorgt wurden, auf insgesamt 3.000–3.500.

Weitere Geschichte der beiden Flüchtlingslager Nach dem Abzug des israelischen Militärs in eine Sicherheitszone vor der israelischen Grenze übernahm Syrien die militärische Kontrolle des Gebiets rund um das Flüchtlingslager. Da auch Syrien daran interessiert war, die im Libanon verbliebenen PLO-Kämpfer und palästinensischen Nationalisten zu schwächen, verbesserte sich die Lage der Menschen im Flüchtlingslager nicht.

Im Zuge der Lager-Kriege verübte die schiitische Amal-Miliz im Mai 1985 ein von libanesischen und syrischen Armeeverbänden geduldetes Massaker an Zivilisten in denselben palästinensischen Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila.The War of the Camps, Journal of Palestine Studies, Vol. 16, No. 1 (1986), S. 191–194

Der libanesische Bürgerkrieg dauerte noch bis 1990. Auch danach änderten sich die Lebensbedingungen und die rechtliche Lage der palästinensischen Flüchtlinge in den Lagern nur unwesentlich. Nach dem Erstarken islamistischer Bewegungen wie der palästinensischen Hamas waren palästinensische Flüchtlingslager wie das in Sabra und Schatila wiederholt Ziel von Angriffen der libanesischen Armee.

Politische und rechtliche Aufarbeitung

Die internationale Empörung entzündete sich insbesondere an der israelischen Mitverantwortung.

Das Massaker wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 16. Dezember 1982 als Genozid gewertet:

Dem damaligen israelischen Verteidigungsminister Ariel Scharon wurde von der israelischen Kahan-Kommission eine politische Mitverantwortung für das Massaker zugewiesen, ohne dass ihm Vorsatz angelastet wurde. (Zugriff: 12. Dezember 2012) Aufgrund einer von der Kommission ausgesprochenen Empfehlung wurden Raful Eitan als Chef des Generalstabes und Scharon als Verteidigungsminister 1983 abgelöst. Scharon wurde allerdings noch im selben Jahr Minister ohne Geschäftsbereich. In Belgien wurde zwar 2002 wegen des Massakers zunächst ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eröffnet, die Anklage wurde jedoch wieder fallen gelassen.

Ein Versuch, den unmittelbaren Haupttäter Elie Hobeika zu belangen, wurde weder von der Seite arabischer Staaten noch von den Israelis unternommen. Vielmehr bekleidete er nach Ende des Libanesischen Bürgerkrieges acht Jahre lang mehrere Ministerämter in der von Syrien kontrollierten Regierung des Libanons. Anfang 2002 wurde er in Beirut bei einem Mordanschlag mit einer Autobombe getötet. Von libanesischer Seite wurde Israel für den Anschlag verantwortlich gemacht, nachdem Hobeika die Offenlegung von Beweisen für die Mitverantwortung des damaligen israelischen Verteidigungsministers Ariel Scharon angekündigt hatte.

Künstlerische Aufarbeitung