Die rezidivierende Polychondritis, auch Relapsing Polychondritis, Panchondritis, systematisierte Chondromalazie oder Polychondritis atrophicans genannt, ist eine sehr seltene Knorpelkrankheit rheumatischer und immunologischer Natur. Kennzeichnend für die Polychondritis sind chronisch wiederkehrende (rezidivierende) Knorpelentzündungen, durch die das Knorpelgewebe seine Festigkeit verliert, was zu Deformationen oder Versagen der Organfunktion führen kann. Das Krankheitsbild wurde 1923 von dem österreichischen Internisten Rudolf von Jaksch beschrieben und wird auch als Meyenburg-Altherr-Uehlinger-Syndrom bezeichnet.Jaksch-Wartenhorst R. Polychondropathy. 1923; Wiener Archiv für Innere Medizin: 93-100
Häufigkeit Die Prävalenz liegt zwischen 3,5 und 6 pro 1 Mio. Einwohner.Hazra N, Dregan A, Charlton J, Gulliford MC, D'Cruz DP. Incidence and mortality of relapsing polychondritis in the UK: a population-based cohort study. Rheumatology. 2015; 54; 12: 2181-2187. 26187053 Die Krankheit tritt gehäuft zwischen dem 4. und 6. Lebensjahrzehnt aufMathew SD, Battafarano DF, Morris MJ. Relapsing Polychondritis in the department of defense population and review of the literature. Semin Arthritis Rheum. 2012; 42; 1: 70-83. 22417894. 10.1016/j.semarthrit.2011.12.007, es gibt allerdings auch pädiatrische FälleBelot A, Duquesne A, Job-Deslandre C, Costedoat-Chalumeau N, Boudjemaa S, Wechsler B. Pediatric-onset relapsing polychondritis: case series and systematic review. J Pediatr. 2010; 156; 3: 484-489. 19880136. 10.1016/j.jpeds.2009.09.045. Eine leichte Prädominanz des weiblichen Geschlechts liegt aller Wahrscheinlichkeit nach vorFrancè SC, El Rassi R, Laporte JL, Rybojad M, Papo T, Piette JC. Dermatologic manifestations of relapsing Polychondritis: a study of 200 cases at a single center. Medicine. 2001; 80; 3: 173-179. 10.1097/00005792-200105000-00003.
Ursachen Die genaue Ätiologie ist unbekannt, das Syndrom wird heute jedoch den Autoimmunerkrankungen zugeordnet. Aktuelle Erklärungsmodelle gehen von einer Auslösung durch das Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren aus. Neben einer genetischen Suszeptibilität gibt es oft Überschneidungen mit anderen immunologischen Erkrankungen und äußere Einflussfaktoren (Traumata, Infektionen):
Genetische Suszeptibilität Eine genetische Suszeptibilität liegt vermutlich vor. So konnte eine Assoziation mit HLA („human leukocyte antigen“)-Klasse-2-Genen – spezifisch mit HLA-DR4 – festgestellt werdenLang B, Rothenfusser A, Lanchbury JS, Rauh G, Breedveld FC, Urlacher A. Susceptibility to relapsing polychondritis is associated with HLA-DR4. Arthritis Rheum. 1993; 36; 5: 660-664. 1:STN:280:DyaK3s3ls12ntw%3D%3D. 8489544. 10.1002/art.1780360513.
Überschneidung mit anderen immunologischen Erkrankungen Eine Assoziation mit dem myelodysplastischen Syndrom (MDS) konnte festgestellt werden. Die Prognose ist in diesem Fall schlechtDiebold J, Rauh G, Jäger K, Löhrs U. Bone marrow pathology in relapsing polychondritis: high frequency of myelodysplastic syndromes. Br J Haematol. 1995; 89; 4: 820-830. 1:STN:280:DyaK2M3ptVCjsg%3D%3D. 7772518. 10.1111/j.1365-2141.1995.tb08420.x. Ursächlich ist eine Deletion im X‑chromosomal vererbten UBA1-Gen, das für das E1-Enzym kodiert und das wiederum an der Ubiquitinylierung mitwirkt. Daraus resultiert das sogenannte VEXAS-Syndrom Beck DB, Ferrada MA, Sikora KA, Ombrello AK, Collins JC, Pei W. Somatic mutations in UBA1 and severe adult-onset autoinflammatory disease. N Engl J Med. 2020; 383; 27: 2628-2638. 1:CAS:528:DC%2BB3MXotV2qtA%3D%3D. 33108101. 7847551. 10.1056/NEJMoa2026834. Das Vorliegen einer RP in Kombination mit dem VEXAS-Syndrom wird als VEXAS-RP bezeichnetFerrada MA, Sikora KA, Luo Y, Wells KV, Patel B, Groarke EM. Somatic mutations in UBA1 define a distinct subset of relapsing polychondritis patients with VEXAS. Arthritis Rheumatol. 2021; 73; 10: 1886-1895. 1:CAS:528:DC%2BB3MXitFOmu7jL. 33779074. 10.1002/art.41743.
Äußere Einflussfaktoren Traumen (akzidentiell oder chirurgisch) und Infektionen (z. B. Hepatitis C)Hemmati I, Yoshida E, Shojania K. Relapsing polychondritis associated with hepatitis C virus infection. Clin Rheumatol. 2012; 31: 391-394. 22052586. 10.1007/s10067-011-1881-4 können ebenfalls eine Rolle bei der Entwicklung der Erkrankung spielen. Durch eine Verletzung v. a. extrazellulärer Strukturen können sowohl bekannte als auch unbekannte Antigene dem Immunsystem gegenüber exponiert werden und eine (auto)inflammatorische Reaktion auslösenCanas CA, Bonilla Abadía F. Local cartilage trauma as a pathogenic factor in autoimmunity (one hypothesis based on patients with relapsing polychondritis triggered by cartilage trauma). Autoimmune Dis. 2012. 10.1155/2012/453698. 22482039. 3312230. Knorpelschädigungen als auch Infektionen können über den NLR- oder TLR-Signalweg das Inflammasom aktivieren. Es werden verschiedene Zytokine produziert, die eine breite Entzündungsreaktion zur Folge haben und oft mit der Produktion proteolytischer Enzyme und Induktion von Apoptose in Chondrozyten einhergehenBorgia F, Giuffrida R, Guarneri F, Cannavò SP. Relapsing Polychondritis: An Updated Review. Biomedicines. 2018; 6; 3: 84. 30072598. 6164217. 10.3390/biomedicines6030084. Bei der RP zeigt sich im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe deshalb ein spezifisches proinflammatorisches Zytokinprofil (MCP‑1, MIP‑1 beta und IL-8)Stabler T, Piette JC, Chevalier X, Marini-Portugal A, Kraus VB. Serum cytokine profiles in relapsing polychondritis suggest monocyte/macrophage activation. Arthritis Rheum. 2004; 50; 11: 3663-3667. 1:CAS:528:DC%2BD2cXhtVOqtrnP. 15529362. 10.1002/art.20613.
Zudem kann es zu einer Aktivierung des erworbenen Immunsystems kommen, die mit der Ausbildung autoreaktiver T‑ und B‑Zellen einhergehtYang CL, Brinckmann J, Rui HF, Vehring KH, Lehmann H, Kekow J. Autoantibodies to cartilage collagens in relapsing polychondritis. Arch Dermatol Res. 1993; 285: 245-249. 1:STN:280:DyaK3szptlahsw%3D%3D. 8379684. 10.1007/BF00371591. Diese Autoimmunreaktion kann eine Produktion von Autoantikörpern zur Folge haben. Hierfür spricht der Nachweis von Antikörpern gegen Kollagen II, die bei etwa 33 % der an RP erkrankten Patienten nachgewiesen werden konntenFoidart JM, Abe S, Martin GR, Zizic TM, Barnett EV, Lawley TJ. Antibodies to type II collagen in relapsing polychondritis. N Engl J Med. 1978; 299; 22: 1203-1207. 1:STN:280:DyaE1M%2FltlSmsg%3D%3D. 714080. 10.1056/NEJM197811302992202, und gegen Kollagen IX, XI und gegen Matrillin‑1 Hansson AS, Heinegård D, Piette JC, Burkhardt H, Holmdahl R. The occurrence of autoantibodies to matrilin 1 reflects a tissue-specific response to cartilage of the respiratory tract in patients with relapsing polychondritis. Arthritis Rheum. 2001; 44; 10: 2402-2412. 1:CAS:528:DC%2BD38XhtVeh. 11665983. 10.1002/1529-0131(200110)44:10<2402:AID-ART405>3.0.CO;2-L. Da diese Autoantikörper jedoch nicht auf die RP beschränkt sind, werden sie auch bei anderen Erkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis gefunden, weshalb die Antikörperdiagnostik bei der RP nur im Kontext differenzialdiagnostischer Überlegungen Sinn macht.
Symptome mini|Das häufigste Symptom ist die Chondritis des Ohrknorpels. Diese ist aber nicht pathognomonisch, da sie auch bei anderen Erkrankungen auftritt. mini|Die Sattelnase tritt neben der Polychondritis auch bei der Granulomatose mit Polyangiitis auf und muss von dieser Erkrankung zunächst abgegrenzt werden. Die Erkrankung kann alle Körperorgane betreffen, die Knorpel enthalten. Im Vordergrund stehen jedoch Gelenkbeteiligungen mit Arthritis und die Beteiligung des Nasen- und Ohrknorpels mit rezidivierender nichtbakterieller Perichondritis, oft langfristig mit Ausbildung einer Sattelnase oder eines Blumenkohlohres. Die Beteiligung von Kehlkopf- und Luftröhrenknorpel kann zu Atemproblemen führen. Bei einigen Patienten bestehen zusätzlich oder als Erstsymptom entzündliche Augenerkrankungen (Konjunktivitis, Skleritis), zunehmende Schwerhörigkeit (Innenohrschwerhörigkeit, Schallleitungsschwerhörigkeit), Gefäßerkrankungen (Vaskulitis) und Herzklappenfehler. Unspezifische Symptome können Müdigkeit, Nachtschweiß und Gewichtsverlust sein.
+ Häufigkeit der SymptomeRose T, Schneider U, Bertolo M, Klotsche J, Casteleyn V, Biesen R et al. (2018) Observational study and brief analysis of diagnostic criteria in relapsing polychondritis. Rheumatol Int Manifestation Häufigkeit in % Symptom Chondritis des Ohrknorpels 75–95 erythematös-violette Verfärbung des äußeren Ohres Chondritis des Nasenknorpels 44–72 Hypogeusie, Rhinorrhoe, Sattelnase Ophthalmologische Beteiligung 43–65 Episkleritis, Skleritis, Keratitis, Uveitis Arthritis 33–85 Oligoarthritis, Polyarthritis, erosive Arthropathie Respiratorische Beteiligung 28–67 Dyspnoe, Stridor, subglottische Stenose Kardiovaskuläre Beteiligung 6–27 Mitralklappeninsuffizienz, Aorteninsuffizienz Hautbeteiligung 6–38 Aphthose, Purpura, distale Nekrose VEXAS-RP 7,6 MDS
Subtypen In einer 2020 publizierten prospektiven Studie mit 73 Patientinnen und Patienten mit RP wurden mithilfe der latenten Klassenanalyse drei klinische Untergruppen identifiziertFerrada M, Rimland CA, Quinn K, Sikora K, Kim J, Allen C. Defining clinical subgroups in relapsing Polychondritis: a prospective observational cohort study. Arthritis Rheumatol. 2020; 72; 8: 1396-1402. 32249511. 8672710. 10.1002/art.41270, zwischen denen es keine signifikanten Unterschiede in Bezug auf Geschlecht, Ethnizität oder Behandlungsstrategien gab.
Typ-1-RP (14 %): Ohrchondritis (100 %), Tracheomalazie (100 %), Sattelnasendeformität (90 %) und subglottische Stenose (80 %). Zeit bis zur Diagnosestellung (etwa 1 Jahr). Höchste Krankheitsaktivität und die größte Häufigkeit von Einweisungen auf die Intensivstation und Tracheostomie. Die Typ-2-RP (29 %): Tracheomalazie (100 %) und Bronchomalazie (52 %) ohne Sattelnasendeformität oder subglottische Stenose. Längste Zeit bis zur Diagnosestellung (10 Jahre). Höchster Prozentsatz an Arbeitsunfähigkeit. Die Typ-3-RP (58 %): Tenosynovitis/Synovitis (60 %) und Ohrchondritis (55 %).
Prognose Die Prognose hängt vom Stadium der Erkrankung zum Zeitpunkt der Diagnose ab. Gegenwärtige Auswertungen kommen bei einer 10-Jahres-Überlebensrate auf 90 %.Letko E, Zafirakis P, Baltatzis S, Voudouri A, Livir-Rallatos C, Foster CS. Relapsing polychondritis: A clinical review. Semin Arthritis Rheum. 2002; 31; 6: 384-395. 12077711. 10.1053/sarh.2002.32586
Diagnostik Rheumatologische Untersuchung mit Bestimmung der Entzündungsparameter im Blut, Rheumafaktoren, antinukleäre Antikörper, IgG-Autoantikörper gegen Kollagen Typ II. Für die Erkrankung spezifische Laborparameter sind jedoch nicht bekannt. Augenärztliche Untersuchung HNO-Untersuchung mit Hörtest, bei akuter Perichondritis feingewebliche Knorpeluntersuchung Kardiologische Untersuchung mit EKG (Herzrhythmusstörung) und Ultraschalluntersuchung (Herzklappenfehler)
Therapie Aufgrund der Seltenheit der Krankheit gibt es nur unzureichende Therapieerfahrungen. Es werden je nach Krankheitsaktivität und Organmanifestation verschiedene Immunsuppressiva und Biologika eingesetzt. Alle gegenwärtig eingesetzten Präparate wurden zumeist nur im Einzelfall erprobt. Im Übrigen können chirurgische Eingriffe nach Organbeteiligung erfolgen.
Erstbehandlung