Die ehemalige Abteikirche der Abbaye aux Dames (Abtei der Damen) liegt in Saintes, einer französischen Stadt im Département Charente-Maritime in der Region Nouvelle-Aquitaine, am rechten Ufer des Flusses Charente und circa 95 km nördlich von Bordeaux. Sie ist eine romanische Kirche aus dem 11. und 12. Jahrhundert und berühmt für ihre Fassade und deren Archivoltenportale und Kapitelle, und für ihren exzellenten Skulpturenschmuck. Viollet-le-Duc (1814–1879) ließ Repliken der Archivoltenbögen und der Kapitelle des Hauptportals, zusammen mit denen des Südportals von Aulnay, im „Museum der Denkmäler Frankreichs“ im Palais de Chaillot, am Trocadéro in Paris aufstellen, in Vertretung der romanischen Baukunst in der Saintonge. mini|Abbaye aux Dames, Abteigebäude und Kirche von Südosten
Geschichte der Abtei und ihrer Kirche
Antike mini|Der Germanicusbogen am Ufer der Charente in Saintes Der heutige Standort der Abbaye aux Dames lag außerhalb und östlich der römischen Stadt Mediolanum Santorum, der Hauptstadt der ehemals keltischen (gallischen) Santonen, die im Wesentlichen auf dem linken Ufer des Flusses Charente angesiedelt war, und unter römischer Herrschaft zu einer bedeutenden und großen Stadt heranwuchs. Davon zeugen heute noch die zahlreichen archäologischen Funde aus gallo-römischer Zeit, vor allem der des im 1. Jahrhundert erbauten Amphitheaters (Arena) und des Germanicusbogens (erbaut im Jahr 15 n. Chr.), der den römischen Brückenübergang auf der stadtabgewandten Seite des Flusses markierte.
Im Bereich der heutigen Abtei befand sich eine antike Nekropole, am Rande der Römerstraße, die über die Brücke und durch den Germanicusbogen in die Stadt führte.
Mittelalter mini|hochkant|Isabella von Burgund Am Ort, an dem die Abtei und deren Kirche entstanden sind, gab es schon ein wesentlich älteres Heiligtum, vielleicht ein Oratorium, über dem Grab des Saint-Pallais (Heiliger Palladius), eines Bischofs, der im sechsten Jahrhundert auf dem inzwischen christlichen Friedhof bestattet worden ist, der diese Funktion bis in das 18. Jahrhundert behielt. Heute steht an dieser Stelle die kleine romanische Pfarrkirche Saint-Pallais, kaum einen Steinwurf weit entfernt von der Nordwand der Abteikirche. Diese Pfarrkirche der Vorstadt Saint Pallais unterstand im Mittelalter der Abbaye aux Dames, deren Äbtissin den Pfarrer bestellte. Das Gebäude stammt aus mehreren Bauphasen vom 12. bis zum 15. Jahrhundert. mini|hochkant|Marquise de Montespan Mit dem Bau des Klosters und dessen Kirche wurde in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts begonnen. Ihre Gründung wurde veranlasst durch Agnes von Burgund, die mit Geoffroy Martel, Graf von Anjou und Herrscher der Saintonge, in zweiter Ehe verheiratet war, die beide das Kloster besonders reich ausstatteten, unter anderen mit einträglichen Salzwiesen an der Küste der Saintonge.
Die erste Abteikirche wurde am 2. November 1047 feierlich konsekriert und der Jungfrau Maria gewidmet und dann „Notre-Dame“ und später auch „Saint-Marie des Dames“ genannt.
Die Abtei wurde als erstes Kloster für Frauen in der Saintonge geführt. Ihre Gründerin übertrug die Abtei dem Orden der Benediktinerinnen, die von einer Äbtissin geleitet wurde, die „Madame de Saintes“ genannt wurde. Sie wurde unter den bedeutendsten Familien Frankreichs ausgewählt. Zu ihren Aufgaben gehörte die Erziehung adeliger Mädchen, zu den bekanntesten gehörte die Marquise de Montespan, die spätere Mätresse Ludwigs XIV.
Die ersten Konventsgebäude der Abtei gruppierten sich südlich der Abteikirche um den quadratischen Grundriss des Kreuzganges, der im Winkel von Lang- und südlichem Querhaus angeordnet war. Das Quadrat des Hofes, der vom Kreuzgang umschlossen wurde, wird heute durch eine markante Rasenfläche innerhalb der Hofpflasterung markiert. Der Kapitelsaal schloss sich unmittelbar an den südlichen Querschiffarm an, in dessen erster Etage sich das gemeinschaftliche Dormitorium befand. Die weiteren Klostergebäude umgaben die südliche und westliche Galerie des Kreuzgangs und beherbergten das Refektorium, die Küche, den Vorratsraum und sonstige Räume, wie sie die Regel vorsahen. Sie reichten bis an die südwestliche Fassadenecke der Kirche.
Darüber hinaus gab es sicher noch Gebäude zur Unterbringung und Schulung der Töchter des Adels, Gebäude zur Aufnahme und Beköstigung von Pilgern und Bedürftigen, sowie ein Hospitium zur Pflege von Kranken und vermutlich auch Gästehaus zur Unterbringung von Besuchern der Abtei. Nicht zu vergessen sind die Räumlichkeiten zur Unterkunft und Verpflegung eines Bischofs und dessen Klerus, aber auch der Laienbrüder.
Das erste Kirchengebäude besaß ein Langhaus aus einem einschiffigen Saal, der ein wenig kürzer war als das heutige Schiff. Es gibt in französischen Quellen die Feststellung, dass das Langhaus des 11. Jahrhunderts einen basikalen Aufriss aus drei Schiffen besaß. Die gegenüber dem Schiff weit außen stehenden Vierungspfeiler des 11. Jahrhunderts wie auch die sehr hoch reichenden Blendarkaturen der ursprünglichen Langhauswände lassen aber diesen Schluss nicht zu. In dem über das Langhaus weit ausladenden Querhaus öffneten sich nach Osten ein deutlich kürzerer Chor als der heutige und zwei Kapellenapsiden. Das Mauerwerk der Wände bestand aus kleinformatigen Kalksteinen, die regelmäßig vermauert waren. Die Räume besaßen keine Steineinwölbungen, sondern waren von ebenen Holzkonstruktionen überdeckt. Die kleinen einfachen rundbogigen Fenster waren völlig schmucklos. Von der ursprünglichen Vierung kann man noch Überreste von Säulen und deren Kapitellen erkennen, die mit den ältesten Skulpturen der Saintonge dekoriert sind. Sie sind sehr niedrig angeordnet und führten dadurch zu einer erheblichen Isolation des zentralen Raumes.
Gegen Ende des 11. Jahrhunderts waren die Planungen von steinernen Einwölbungen der Kirchenräume so weit gediehen, dass mit den Umbauarbeiten begonnen wurde, die sich aber so umfangreich entwickelten, dass sie erst nach mehreren Kampagnen gegen Ende des 12. Jahrhunderts im Wesentlichen zum Abschluss gebracht werden konnten. Diese baulichen Veränderungen sind heute zum größten Teil erhalten.
In der ersten Kampagne des 12. Jahrhunderts wurde über der Vierung ein Glockenturm erbaut. Dazu mussten zunächst ihre Säulen verstärkt und erhöht werden. Sie erhielt eine Einwölbung mit einer Trompenkuppel, die in ihrem Scheitel eine kreisrunde Öffnung besitzt, durch die man die Glocken hochziehen konnte. Im gleichen Bauabschnitt entstand der vergrößerte Chorraum mit Apsis und deren Wölbungen.
Der Abbaye aux Dames in Saintes unterstanden eine ganze Reihe von kleinen Tochterprioraten in der Region, wie zum Beispiel: Notre-Dame (Corme-Écluse), Saint Nazaire de Corme-Royal und viele andere.
Die im Poitou damals üblichen Tonnenwölbungen hätten zur Aufnahme der seitlichen Schubkräfte umfangreiche Verstärkungen der Außenwände erforderlich gemacht. Man gab daher die Absicht auf, das Schiff mit einer Tonne zu überwölben, und entschied sich für eine gänzlich andere Lösung. Im benachbarten Périgord hatte man die dort im 12. Jahrhundert bereits verbreiteten Einwölbungen von Langhäusern mit mehreren Kuppeln gesehen, deren Typus der Kuppelkirchen von Byzanz und Venedig entsprach und von dort importiert war.
In der zweiten Kampagne des 12. Jahrhunderts entstand die neue Einwölbung des einzigen Schiffs mit zwei Pendentifkuppeln, deren Lasten auf sechs neue massive, großzügig dimensionierte Pfeilerbündel übertragen wurden. Die Seitenwände des 11. Jahrhunderts wurden dadurch kaum beansprucht und konnten nahezu unverändert erhalten werden. Die Projektion von zwei Quadraten in Breite des ursprünglichen Langhauses in den bestehenden Grundriss hinein machte eine Verlängerung des Schiffs erforderlich. Die „alte“ Fassade des 11. Jahrhunderts wurde abgetragen und durch eine neue ersetzt, die um ein Stück nach Westen verschoben wurde. Ihr Skulpturenschmuck entstand unter der Äbtissin Agnes von Barbezieux (1134–74), einer Cousine der Eleonore von Aquitanien. Das gesamte Skulpturenprogramm stammt ohne Zweifel aus den Jahren 1120 bis 1130 und ist das Werk einer Steinmetz-Gruppe, die auch die Skulpturen auf den Kapitellen der Vierung der Kirche angefertigt hat. Die gleichen Bildhauer haben auch am oberen Teil des Glockenturms gearbeitet. Die gesamten Veränderungen in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts werden dem Architekten Béranger zugeordnet. Eine Inschrift auf der Außenseite der nördlichen Wand des Schiffs gibt darüber Auskunft und datiert die Arbeiten vor 1150.
Die neuen gotischen Kreuzrippengewölbe in den Querschiffarmen des 11. Jahrhunderts entstanden gegen Ende des 12. Jahrhunderts bis in das 13. Jahrhundert hinein. mini|links|hochkant|Jakobspilger, Holzschnitt von 1568 mini|hochkant|Jakobsgrab, Santiago-de-Compostela mini|hochkant|Schlacht von Auray (1364) im Hundertjährigen Krieg, Miniatur 14. Jh. Saintes lag am Kreuzungspunkt zweier von Norden ankommenden Routen des „Jakobsweges“ nach Santiago de Compostela und an zwei weiterführenden nach Bordeaux. Die Abbaye aux Dames war für die erschöpften Pilger die erste Station, bevor sie über die Brücke über die Charente in die Stadt Saintes kamen und dort auf die anderen beiden Kirchen stießen, auf die große Pilgerkirche Saint-Eutrope im Westen der Stadt und die damalige Kathedrale Saint-Pierre in der Mitte der mittelalterlichen Stadt. Es ist überliefert, dass die meisten Pilger für einige Tage in Saintes Rast machten, ehe sie sich auf den anstrengenden und noch weiten Weg nach Spanien machten. Die höchste Blüte genossen die Jakobs-Wallfahrten in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Gerade in dieser Zeit wurde an der Erweiterung, an der neuen Einwölbung und an der Fassade besonders intensiv gebaut. Nach der Mitte des 12. Jahrhunderts gingen die Pilgerbewegungen zurück und die Kriege im 13. und 14. Jahrhundert brachten ihren dramatischen Einbruch. Die erneuerte Abteikirche aux Dames konnte daher nicht mehr lange von den Pilgerbesuchen profitieren. Vielleicht hat man auch deshalb auf die Errichtung eines in Pilgerkirchen üblichen Chorumgangs verzichtet.
Im 14. Jahrhundert entstand eine massive Strebepfeilerkonstruktion im nordöstlichen Winkel des Kreuzgangs, vermutlich wegen Rissbildungen in der südlichen Außenwand des Schiffs. Der Verlauf der Kreuzganggalerien entlang des Langhauses und des südlichen Querhausarms konnte dabei erhalten werden. Dies gilt vermutlich auch für den zweiten wuchtigen Strebepfeiler, der mit seinem unterseitigen Viertelbogen den Kreuzgang überspannte.
Der Hundertjährige Krieg (1339–1453) führte zu Zerstörungen des Klosters.
Im 15. Jahrhundert wurde die Sakristei erbaut, als Ersatz für die nördliche Querhauskapelle. Im 15. und 16. Jahrhundert ergänzte man die Außenwände um etliche Strebepfeiler, um dem Fortschreiten von Bodenabsenkungen Einhalt zu gebieten. Ebenfalls wurde im 15. Jahrhundert der Kreuzgang im gotischen Stil neu gefasst.
Neuzeit
Im Jahr 1568, in den Religionskriegen (1562–98), beschädigten die Hugenotten die Fassade der Kirche, den Giebel und vielleicht einen Teil der Skulpturen, aber sie zerstörten sie nicht. Bei dem von ihnen gelegten Brand stürzten die schweren Balken der Dachkonstruktion des Schiffs auf die Kalotten der Kuppeln und zerstörten sie. Wegen des hohen Aufwandes und Mangel an Geldmitteln hat man auf eine Rekonstruktion der Kuppeln verzichtet. Die beiden großen kreisrunden Löcher oberhalb der Pendentifs wurden mit flachen Decken aus Holzbalken mit einer unterseitigen Brettschalung geschlossen. Sie existieren noch heute in dieser Form.