mini|Die Scharnhäuser an der Saalgasse, kurz nach 1900 mini|Position der Gebäude in der Frankfurter Altstadt Die Scharnhäuser waren zwei nebeneinanderstehende historische Doppelhäuser in der Altstadt von Frankfurt am Main. Der Name Scharn stammt von der ursprünglichen Verkaufsfunktion, weshalb die Häuser in Teilen auch Alte und Neue Häringshock oder Drei Fische genannt wurden. Die Südfassade der Häuser zeigte zum Heilig-Geist-Plätzchen in der Saalgasse, die Nordseite zur Bendergasse kurz vor ihrer Kreuzung mit der Querverbindung Lange Schirn. Die Hausanschrift war Saalgasse 20/22 bzw. Bendergasse 13/11.Diese und alle folgenden Adressangaben entsprechen dem letzten vor der Zerstörung der Altstadt im Zweiten Weltkrieg erschienenen Frankfurter Adressbuch von 1943 (sofern nicht explizit anders angegeben). Die Häuser waren nicht nur namentliche, sondern auch bauliche Verwandte des berühmten, auf massiven Eichenholzsäulen gebauten Neuen Roten Hauses am Markt: Bei beiden Gebäuden waren die Erdgeschosse größtenteils in einen Durchgang zwischen Bender- und Saalgasse aufgelöst. Darüber hinaus hatte eines der Häuser dadurch zumindest im Frankfurter Raum eine gewisse Bekanntheit erlangt, als der junge Johann Wolfgang Goethe dort in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts für den damaligen Besitzer als Rechtsanwalt tätig war.
Im März 1944 verbrannten die Scharnhäuser bei den Luftangriffen auf Frankfurt mit der gesamten übrigen Altstadt, so dass sie zu den verlorenen Baudenkmälern und Goethestätten der Frankfurter Altstadt gezählt werden müssen. In den 1980er Jahren wurden die Parzellen der Gebäude wie die der übrigen Saalgasse mit postmodernen Stadthäusern überbaut.
Geschichte Das Entstehen der Scharnhäuser im Mittelalter Wie bei der Mehrzahl der Bauten der Frankfurter Altstadt existiert auch zu den Scharnhäusern keine Monographie, sondern nur eine Vielzahl von zunächst zusammenhangslosen Informationen in Form von archäologischen Befunden, urkundlichen Erwähnungen und wenigen Fotografien. Ferner gibt es einige architektonische Detailzeichnungen der so genannten Altstadtaufnahme aus den frühen 1940er Jahren sowie Aufzeichnungen der Gebrüder Treuner, auf denen ihr Modell der Frankfurter Altstadt basiert.
mini|Saalgasse und Pfalzgelände im heutigen Stadtbild Archäologische Grabungen haben gezeigt, dass die Saalgasse, vermutlich als östliche Verlängerung der Alten Mainzer Gasse, wohl schon in karolingischer Zeit eine befestigte Straße war.Karl Nahrgang: Die Frankfurter Altstadt. Eine historisch-geographische Studie. Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1949, S. 56; die in 3,10 Meter Tiefe angetroffene älteste Straßenschicht wurde von den Hauskellern der ältesten Judengasse (östliche Hälfte der heutigen Saalgasse, die damals nur als Weckmarkt bekannt war) eingeschnitten, die erst ab Mitte des 12. Jahrhunderts fest in Frankfurt nachweisbar war. Zusammen mit dem ebenfalls für diese Zeit nachweisbaren Markt bildete sie die einzige Ost-West-Passage des um das Jahr 1000 befestigten Pfalzgeländes. Dass eine spätere Bebauung zuerst entlang beziehungsweise zwischen den beiden Straßen entstand, liegt nahe. Die genaue Zeit lässt sich nur schwer eingrenzen, dürfte aufgrund der ältesten romanischen Hauskeller jedoch kaum vor dem 11. Jahrhundert anzusetzen sein.
mini|Die Frankfurter Altstadt um 1370 Die früheste, wenn auch nur indirekte urkundliche Erwähnung dessen, was sich an der Stelle der Scharnhäuser, also am nördlichen Rand der mittleren Saalgasse befand, ist in einer über das westliche Nachbarhaus Zum Arn ausgestellten Urkunde von 1324 zu finden.Von der Urkunde sind drei mittelhochdeutsche Ausfertigungen bzw. Abschriften bekannt. Johann Georg Battonn (Oertliche Beschreibung der Stadt Frankfurt am Main – Band IV. Verein für Geschichte und Alterthumskunde zu Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1864, S. 91 u. 92) zitiert eine Abschrift mit der kryptischen Quellenangabe L. V. B. Saec. XIV. Vic. XXVI vermutlich aus einem Kopialbuch des Leonhardsstifts, bei Johann Friedrich Böhmer (Urkundenbuch der Reichsstadt Frankfurt. Band II 1314–1340. J. Baer & Co, Frankfurt am Main 1901–1905, S. 186 u. 187, Urkunde Nr. 234) finden sich zwei weitere Abdrucke aus Büchern des Bartholomäusstifts. Grund für die Beurkundung war der Verkauf von 2 Mark Geld und 36 Mark Pfennig ewiger auf dem Haus lastender Gülte von einem Ritter Johann von Cleen und seiner Frau Kusa an den Frankfurter Bürger Hermann Knoblauch.
Bezüglich der Scharnhäuser ist in der vorgenannten Quelle u. a. die Rede vom „hus zum Aren daz da liget zu Franckenford by den nuwen Fleischarren kein dem hus, daz da heyzet zu der Hangenden Hant“. Es gab neben dem Nachbarhaus damals also einen offenen Verkaufsstand für Fleisch,Die aus mittelalterlichen Zunftordnungen resultierenden öffentlichen Fleischbänke waren altfrankfurterisch auch als Schirnen bekannt, ein Wort, das aus dem mittelhochdeutschen Scharn oder Schranne bzw. althochdeutsch Scranne abgeleitet war, was eigentlich nur so viel wie offener Verkaufsstand bedeutete. Als in Frankfurt am Main Mitte des 19. Jahrhunderts die Zünfte mit der Einführung der Gewerbefreiheit bedeutungslos wurden, blieb der Begriff der Schirn nur noch dem 1944 mit der Altstadt vernichteten Roten Haus am Markt erhalten. der 1324 relativ neu gewesen sein muss. Mit dem ebenfalls in der Textpassage genannten Haus Zur hängenden Hand ist das gegenüberliegende Gebäude mit der Anschrift Saalgasse 23 gemeint, das seinen Namen vom Hauszeichen, einer an einer Kette hängenden hölzernen Hand, trug.Battonn IV, S. 74 u. 75; Battonn hat das Haus noch mit dem Hauszeichen, nach dem es bereits im Bedebuch 1320 genannt wird, gesehen, bevor es um 1800 durch einen Neubau ersetzt wurde, Zitat aus dem Manuskript: „Man sah vor ohngefähr 30 Jahren noch eine grosse Hand an einer eisernen Kette von dem Ueberbaue vor der Hausthüre herabhangen; nun aber steht an dem neu erbauten Hause eine kleine Hand mit dem alten Namen über der Thüre ausgehauen.“
mini|links|Topographischer Detailplan zu Mitte des 14. Jahrhunderts Nur wenige Jahrzehnte später, 1350, findet sich erneut eine auffällige Erwähnung des Ortes im Liber censuum des Baldemar von Petterweil, der seinerzeit Kanoniker des St.-Bartholomäus-Stifts war. Im vorgenannten, noch heute erhaltenen Buch lieferte er die früheste bekannte topographische Beschreibung der Frankfurter Altstadt.Letzter bekannter Abdruck siehe: Heinrich von Nathusius-Neinstedt: Baldemars von Peterweil Beschreibung von Frankfurt. In: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst. Dritte Folge. Fünfter Band. K. Th. Völcker’s Verlag, Frankfurt am Main 1896, S. 1–54. Zu den Querverbindungen der Bendergasse und Saalgasse schrieb er: „Sancti Spiritus et Doliatorum duo, orientalis Domus macellorum, occidentalis vicus artus Vitrorum“.Frei übersetzt „Saalgasse und Bendergasse haben zwei [Querverbindungen], rechts das Haus der Fleischbänke, links die Gläsergasse [hinter dem späteren Haus Schwarzer Stern am Römerberg]“.
Eine weitere Niederschrift Baldemars aus dem 14. Jahrhundert, der Liber redituum, differenziert noch feiner in ein domus macellorum orientalis und ein domus macellorum occidentalis, also ein rechtes und ein linkes „Haus der Fleischbänke“.Battonn IV, S. 101 u. 102. Die offenbar schon damals besondere, öffentlich durchgängige Form der Bauten wird dadurch betont, dass er es anderen, reinen Durchgängen gegenüber gleichwertig beschreibt, in seiner Wortwahl (domus) aber explizit von einer gewöhnlichen Gasse (vicus) abgrenzte.
mini|Spätgotische Erdgeschosse der Häuser Bendergasse 11 u. 13, Fotografie von Carl Abt, um 1910 Weit über 100 Jahre später erlaubt 1481 ein Eintrag im Vikarienbuch des St.-Bartholomäus-Stifts wieder Rückschlüsse auf die Scharnhäuser, wo es heißt: „sub domo et tecto macellorum super celario dicto daz gewelbe“.Battonn IV, S. 101 u. 102. Demnach muss damals bereits ein Haus mit Gewölbekeller an der Stelle der Scharnhäuser existiert haben. Die Existenz eines solchen Gewölbekellers unter den Scharnhäusern wurde spätestens in den Altstadtgrabungen nach dem Zweiten Weltkrieg bestätigt und in den Kelleruntersuchungsberichten der Jahre 1954/1955 auch explizit erwähnt.Walter Sage: Das Bürgerhaus in Frankfurt a. M. bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges. Wasmuth, Tübingen 1959 (Das Deutsche Bürgerhaus 2), S. 75. Darüber hinaus war ein Kragstein am Haus Saalgasse 20 mit 1546 datiert.Battonn IV, S. 92.
Wann genau aus den Fleischschirnen zwei Häuser wurden, kann aus den vorgenannten spärlichen Informationen nicht mehr eindeutig geklärt werden. Vieles deutet vor allem aufgrund der Angaben Baldemars von Petterweil auf das 14. Jahrhundert, doch die Formensprache der hier im 20. Jahrhundert noch befindlichen, ohnehin barockisierten Gebäude ließ nur einen allenfalls spätgotischen Kernbau der Übergangszeit, also ungefähr der Jahre 1470–1550, erkennen, dem der weitaus größte Teil der Frankfurter Altstadt zuzurechnen war. Wichtigste Anhaltspunkte hierfür sind die nur noch geringen Auskragungen der Gebäude, die ornamentale Behandlung der noch ursprünglichen Erdgeschosse an der Bendergasse sowie der Kragstein mit einer zeitlich passenden Datierung.
Das städtebauliche und wirtschaftliche Umfeld mini|Heilig-Geist-Plätzchen mit den Scharnhäusern nach Osten, Fotografie von C. F. Mylius, um 1880 mini|Heilig-Geist-Plätzchen mit den Scharnhäusern nach Westen, Fotografie wohl von C. Abt, um 1910 Das Heilig-Geist-Plätzchen, an dem die beiden Scharnhäuser standen, war eine trichterförmige Platzanlage auf ungefähr halber Länge der Saalgasse. Östlich davon begann das älteste, ab Mitte des 12. Jahrhunderts nachweisbare Frankfurter Judenviertel, das sich bis zum Garküchenplatz östlich des Doms erstreckte. Erst nach der zwangsweisen Umsiedelung der Juden in ein Ghetto ab Mitte des 15. Jahrhunderts ging der Name der Saalgasse auf den von ihnen bewohnten Straßenabschnitt über.Franz Rittweger, Carl Friedrich Fay (Ill.): Bilder aus dem alten Frankfurt am Main. Nach der Natur. Verlag von Carl Friedrich Fay, Frankfurt am Main 1896–1911; nach dem Bildtext von Franz Rittweger zum Bild „Der freie Platz in der Saalgasse mit Blick auf den Dom“. Für den wohl schon in karolingischer Zeit bedeutenden, innerhalb der ältesten Stadtmauer gelegenen Straßenzug (vgl. vorherigen Abschnitt) lassen sich, wie überall in der Altstadt, sakrale und öffentliche Bauten urkundlich ab dem 13.,Nahrgang, S. 62. die Privatbauten dann lückenlos ab dem frühen 14. Jahrhundert nachweisen.Batton III u. IV zur Saalgasse.
Nach dem staufischen Saalhof aus dem 12. Jahrhundert, der der Saalgasse ihren Namen gab, war ein Kirchenbau mit Krankenhalle das wohl älteste Gebäude des Straßenzuges, das 1267 erstmals bezeugteGeorg Ludwig Kriegk: Deutsche Bürgerthum im Mittelalter. Rütten und Löning, Frankfurt am Main, 1868, S. 76 u. 77. Heiliggeistspital. Die Spitalkirche stand im Süden des Platzes, direkt gegenüber den späteren Scharnhäusern. Südöstlich, in der sich hier eröffnenden Metzgergasse, gelangte man durch ein spitzbogiges Portal in einen umbauten Innenhof mit den Versorgungsgebäuden, die mit ihrer Rückseite teils direkt auf die Stadtmauer am Main stießen. Die 1840 abgerissene Anlage gab sowohl dem davorliegenden Plätzchen als auch dem westlich davon gelegenen Gässchen und dem Stadttor am Main seinen Namen – Am Geistpförtchen und das eigentliche Geistpförtchen.
mini|links|Weckmarkt mit Blick Richtung Saalgasse, Zeichnung von Peter Becker, 1860