Die historische Königlich-Preußische Kriegsschule ist ein Gebäudekomplex, der von 1899 bis 1902 auf Geheiß König Wilhelms II. nach Plänen von Franz Schwechten auf dem Potsdamer Brauhausberg zum Zwecke der militärischen Ausbildung von Offizieren errichtet wurde. Nach Auflösung der Kriegsschule im Jahr 1919 wurde das Ensemble unterschiedlich genutzt; noch im Jahre 1919 wurde das Reichsarchiv und 1935 das Potsdamer Heeresarchiv dort eingerichtet. Von 1946 bis 1952 und von 1990 bis 2013 beherbergte es den Brandenburgischen Landtag, bis dieser in das Potsdamer Stadtschloss umzog. In der Zeit dazwischen diente es als Sitz der lokalen SED-Bezirksleitung. In dieser Zeit machte der Volksmund den Komplex auch als „Kreml“ bekannt. Von Dezember 2015 bis September 2018 wurde dieser dann als Flüchtlingsunterkunft genutzt.
Gebäude mini|links|Gebäude von Südosten her im Zustand zwischen 1902 und 1945, hier von 1930 Das Gebäude entstand von 1899 bis 1902 nach Plänen von Franz Schwechten. Die architektonische Auslegung im Stil der englischen Cottage-Bauweise mit Fachwerk und weißgeputzten Feldern unter Verwendung von Renaissance-Motiven erfolgte nach den Vorgaben des Königs. Für den Haupteingang diente die Porta Palio in Verona als Vorbild. Als Standort bestimmte Wilhelm II. den Brauhausberg, unter Bezugnahme auf Schanzanlagen, die an dieser Stelle 1813 errichtet worden waren. Im Besitz der Forst-Verwaltung des Kreises Zauch-Belzig und wurde dieser dann langfristig gepachtet.Von der Kriegsschule zum Parlament, S. 7; landtag.brandenburg.de (PDF; 12,6 MB; 32 S.). Die Bauleitung wurde dem Garnison-Bauinspektor Martin Meyer übertragen. Der Neubau sollte eine alte Einrichtung in der Potsdamer Waisenstraße (heute Dortustraße) ersetzen, die den gestiegenen Ansprüche nach der Deutschen Reichsgründung nicht mehr genügte.
mini|links|Belvedere auf dem Brauhausberg, um 1810 Das am Nordwesthang des Hügels, zur Havel gelegene Belvedere auf dem Brauhausberg – ein bereits 1804 nach dem Wunsch Friedrich Wilhelms III. für Königin Luise errichteter und daher auch Luisenturm genannter, Aussichtsturm – wurde in das Bauensemble der Kriegsschule integriert.
Im Jahre 1935 wurde ein Gebäudeanbau für den stetig zunehmenden Aktenumfang errichtet.
1936 kappte man den 64 Meter hohen neogotischen Turm mit Fachwerkaufsatz, Erkern, Umgang, Kreuzdach und Glockendach um 14 Meter und ersetzte das kunstvoll gestaltete Dach durch ein monotones Zeltdach mit nur noch 50 Metern Höhe. Die Zerstörung dieser Potsdamer Landmarke geschah auf Anordnung des nationalsozialistischen Potsdamer Oberbürgermeisters und Brauhausbergbewohners Hans Friedrichs, da deren – obendrein als wilhelminisch missverstandene – Architektur, als „nicht mehr zeitgemäß“ empfunden wurde.Dokumentarfilm: Der Brauhausberg in Potsdam. Potsdams Hügel der Macht. rbb, 6. Oktober 2020, ab 13:27 Min. – 14:49 Min.
Am 14. April 1945 wurden die Gebäude im Zweiten Weltkrieg durch britische Bombardierung teilweise zerstört; die hier gelagerten Akten wurden, trotz erster Auslagerungen bereits ab 1943, zum großen Teil vernichtet.
Erst Ende der 1940er Jahre ließ der nun zuständige neugegründete Rat der Stadt Potsdam die Gebäude notdürftig wieder instand setzen, weil sie als Schule genutzt werden sollten, was jedoch nicht erfolgte.
Zu den technischen Besonderheiten des Gebäudes gehört unter anderem die Niederdruckdampfheizung, die seit 1902 fast unverändert in Betrieb ist. Die Temperatur in den Räumen lässt sich in der Regel nur durch das Öffnen der Fenster regulieren. Von derartigen Anlagen gibt es ansonsten weltweit nur noch einige in Frankreich.
Durch die SED-Bezirksleitung erfolgten in den 1950er Jahren weitere Anbauten, so dass ein fast geschlossener Hofkomplex entstanden ist.
Der Gebäudekomplex steht unter Denkmalschutz,Nach Brand im Potsdamer „Kreml“: Brandenburgs alter Landtag nun komplett unter Denkmalschutz. Tagesspiegel, 28. September 2023. was bis 2023 nur für die straßenseitige Fassade des Hauptgebäudes galt.
Preußische Kriegsschule (1902–1914) mini|Die neue Kriegsschule in Potsdam, Holzstich von 1902 Bereits seit 1859 gab es in Potsdam eine Kriegsschule, die damals aber in der Waisenstraße (heute Dortustraße) angesiedelt war. Zusammen mit einer weiteren Kriegsschule in Erfurt, wurde sie im Herbst 1859 gegründet. Ihr Gründungsdirektor war Friedrich von Stiehle.
Nach dreijähriger Bauzeit erhielt die Kriegsschule dann 1902 den Neubau auf dem Brauhausberg. Dieser diente der Ausbildung von Offizieren der preußischen Armee im Deutschen Kaiserreich. Der erste Lehrgang begann einen Tag nach der Einweihung des Gebäudes mit Fähnrichen.
Während des Ersten Weltkriegs wurde die Kriegsschule als Bataillonssammelstelle genutzt.Geschichte des ehemaligen Landtagsgebäudes auf dem Brauhausberg. Landtag Brandenburg; abgerufen am 18. Oktober 2020.
Direktoren der Kriegsschule 1849–: Friedrich von Stiehle, Major 1867–1872: Willibald von der Goltz, Major 1902–1906: Ernst von Arnim, Oberstleutnant 1906–1911: Guido Sontag, Oberst 1911–1913: August von Geyso, Oberstleutnant 1914–: Grube, Oberstleutnant
Reichsarchiv (1919–1934) mini|Turm zur Zeit des Reichsarchivs, 1929
Durch den Versailler Vertrag wurden 1919 Kriegsschulen in Deutschland verboten. Deshalb wurde beschlossen, in dem Gebäude künftig die zivilen und militärischen Akten des Deutschen Reiches zu verwalten. Das Gebäude wurde nun zum Reichsarchiv umgerüstet, dessen Hauptaufgaben darin bestanden, das Schriftgut des Heeres und der Kriegsgesellschaften des Ersten Weltkrieges zu übernehmen und die archivreifen Akten der Reichsbehörden zu erfassen, für Verwaltungs- und Wissenschaftszwecke Auskünfte zu erteilen und eine eigene wissenschaftliche Erforschung der Geschichte des Deutschen Reiches insbesondere des Ersten Weltkrieges, durchzuführen.Von der Kriegsschule zum Parlament, S. 8; landtag.brandenburg.de (PDF; 12,6 MB; 32 S.).
Präsidenten des Reichsarchivs Hermann Ritter Mertz von Quirnheim, Oberst, dann Generalmajor a. D. (1919–1931) Hans von Haeften, Generalmajor a. D. (1931–1934) Ernst Zipfel (1935–1936)
Einige Mitarbeiter Wilhelm Dieckmann Karl Heinrich Schäfer Otto Korfes Adolf Friedrich Graf von Schack Albrecht Mertz von Quirnheim, Sohn des o. g. Präsidenten Hans Bernd von Haeften, Sohn des o. g. Präsidenten
Heeresarchiv (1937–1945) Wegen beengter Lagerungsmöglichkeiten wurden zunächst einige Außenstellen in der Stadt eingerichtet, auf dem Gelände stellte man Baracken auf, begann jedoch gleichzeitig einen festen Anbau, der 1935 bezogen wurde. Im gleichen Jahr wurden die zivilen Archivbestände ausgelagert, so dass die Gebäude nun das Heeresarchiv Potsdam bildeten. Ab 1936 wurde das Heeresarchiv zu einer selbstständigen Behörde unter Leitung von Friedrich von Rabenau; Ernst Zipfel blieb bis 1945 Leiter des Reichsarchivs, das seinen Dienstsitz in Potsdam behielt.
Präsident des Heeresarchivs Ernst Zipfel (1936–1945)
Nutzung von 1945 bis 1990 In der Nachkriegszeit gab es Auseinandersetzungen um die Instandsetzung und Verwendung der beschädigten Gebäude zwischen dem Rat der Stadt Potsdam und dem sowjetischen Militärkommandanten Oberst Andrej Werin. Bis zum Juni 1948 nutzte die sowjetische Militäradministratur das Gebäude, danach übergab man „das Haus des Deutschen Staatsarchivs in Potsdam, Am Havelblick Str. Objekt 2227 mit der gesamten Fußbodenfläche von 5600 m²“ an das Land Brandenburg. Die Abteilung Finanzen und Steuerwesen des Finanzministeriums zog zunächst hier ein. Da der Landesverband Brandenburg der SED den Gebäudekomplex für seine eigene Verwaltung beanspruchte, wurde die ehemalige Kriegsschule 1949 Sitz der SED-Landesleitung Brandenburg und ging gleichzeitig in das Eigentum dieser Partei über. Bald darauf, am 1. August 1952, wurden die Länder aufgelöst und Bezirke der DDR gegründet. So wurde der Schulgebäudekomplex nun von der SED-Bezirksleitung Potsdam genutzt.
Wegen gewisser äußerlicher Ähnlichkeiten mit dem Moskauer Original wurde das etwas monströs wirkende Parteihaus mit seiner roten Ziegelsteinfassade im Volksmund bald ebenfalls Kreml genannt. Auch die in der Bevölkerung verbreitete Annahme, die Partei habe die sowjetischen Vorgaben möglichst direkt DDR-konform umzusetzen gehabt, mag in dieser Bezeichnung mitgeschwungen haben.Landtags-Posse um SED-Emblem. In: Lausitzer Rundschau, 14. November 2007. Der Einzug der SED-Bezirksleitung führte zum Übergang bis dahin genutzter Immobilien (Hebbelstraße 49, Friedrich-Ebert-Straße 37 und 67) an die Stadt Potsdam.
Landtagssitz (1990–2013) mini|Das Gebäude als Landtagssitz, 2008
Nachdem der 1990 gewählte Brandenburgische Landtag beschlossen hatte, seinen Sitz in der ehemaligen Kriegsschule einzurichten, wurde diese 1991 mit Millionenaufwand wiederhergerichtet und am 25. September desselben Jahres bezogen. Das SED-Parteivermögen ging mit der Deutschen Wiedervereinigung in den Besitz der jeweiligen Bundesländer über und damit auch die Immobilie auf dem Brauhausberg in den des Landes Brandenburg. Das Gebäude selbst entsprach dabei, auch mit den nach dem Zweiten Weltkrieg hinzugefügten Anbauten, nie völlig den Anforderungen eines Landesparlaments, es erforderte hohe Unterhaltungskosten und hatte auch eine eher ungünstige Lage. So wurde es bereits als Provisorium bezogen und 1995 kamen erste konkrete Forderungen nach einem Ersatzbauwerk auf.Tabellarische Chronologie: Der lange Weg zum Potsdamer Stadtschloss. In: manager magazin, 27. November 2007.Andrea Beyerlein: „Der schäbigste Landtag bundesweit.“ In: Berliner Zeitung, 7. November 2008. Nach dem Wiederaufbau des Stadtschlosses am Potsdamer Alten Markt fand am 22. November 2013 die letzte Landtagssitzung auf dem Brauhausberg statt. rbb-online.de, 22. November 2013. Seit Januar 2014 hat der Landtag im Stadtschloss seinen Sitz.
Umbauplanungen für Wohnungen, Flüchtlingsunterkunft Nach mehrjährigem Leerstand sollten ab 2016 Wohnungen in dem Gebäude entstehen. Infolge der Flüchtlingskrise ab 2015 wurde es aber zunächst von der Stadt Potsdam angemietet und von Dezember 2015 bis September 2018 als Flüchtlingsunterkunft mit zeitweilig bis zu 414 Flüchtlingen genutzt. Ab dem zweiten Halbjahr 2019 sollte dann der zwei Millionen teure, ursprünglich für 2016 geplante Umbau der Räume zu 200 Wohnungen beginnen.Alter Landtag: Hier sollen in Potsdam 200 neue Wohnungen entstehen. Märkische Allgemeine, 7. September 2018. Das Grundstück wurde in der Folge von einem Berliner Investor erworben, der angab, im Vierten Quartal 2022 mit dem Umbau zu Luxuswohnungen einschließlich einer Rekonstruktion des Fachwerkturmes beginnen zu wollen. Die Fertigstellung sei demnach bis Ende 2026 geplant gewesen.Luxusumbau am Brauhausberg: Originalgetreuer Turm für alten Landtag gefordert. In: Märkische Allgemeine, 29. Dezember 2020.Peter Degener, Volker Oelschläger: Pro & Contra: Soll Potsdams Brauhausberg seinen historischen Turm zurückbekommen? In: Märkische Allgemeine, 29. Dezember 2020.Baustart am „Kreml“ noch dieses Jahr? In: Potsdamer Neueste Nachrichten, 17. Januar 2022
Planung zum Universitätscampus