mini|Die Waldweide ist ein ideales Beispiel für eine theoretisch mögliche, stationäre Wirtschaft – aber auch dabei wurde eine autarke Nachhaltigkeit bisher nicht erreicht.
In der Wirtschafts- und Sozialgeschichte wird von statischer Wirtschaft oder stationärer Wirtschaft gesprochen, wenn über längere Zeiträume kein (quantitatives) Wirtschaftswachstum eingeplant wurde oder nicht zu spüren war. Seiten 186–216.z. B. „Sein Ideal ist statische Gesellschaft und statische Wirtschaft.“ in: Richard Newald: Nachleben des antiken Geistes im Abendland bis zum Beginn des Humanismus: eine Überschau. 1960, S. 389 oder „Angesichts einer meist statischen Wirtschaft ist auch nach oben gerichtete strukturelle Mobilität nie beobachtet worden.“ in: Sozialgeschichte der frühen Neuzeit im Überblick, Prof. Dr. Ulrich Pfister, Wintersemester 1999/2000, 3. Mobilität und Statuserwerb, Während für die meisten Volkswirte eine stationäre Wirtschaft als unerwünschte Stagnation wahrgenommen wird und die ökologischen Probleme mit grünem Wachstum gelöst werden sollen, wird sie von Vertretern der Wachstumskritik und der wachstumskritischen Bewegung eingefordert. Im deutschsprachigen Raum werden die Begriffe Postwachstumsökonomie (ab 2006 von Niko Paech etabliert), Postwachstumsgesellschaft (seit 2009) oder kurz PostwachstumMatthias Schmelzer, Alexis Passadakis: Postwachstum: Krise, ökologische Grenzen und soziale Rechte. AttacBasisTexte 36, VSA-Verlag, 2011, ISBN 978-3-89965-429-5. verwendet.
Das theoretische Konzept einer stationären Wirtschaft dient in den Wirtschaftswissenschaften als Modell, bei dem alle gesamtwirtschaftlichen Faktoren in einem langfristigen Gleichgewicht sind und sich nur noch selbst reproduzieren, also weder Bevölkerungswachstum, Kapitalakkumulation noch technischer Fortschritt vorliegt. In Modellen der Wachstumstheorie lassen sich die Bedingungen untersuchen, welche Veränderungen dieser Faktoren zusammen genommen wieder zu Nullwachstum führen.
Geschichte Langzeitperspektive der klassischen Ökonomen Der Begriff des stationary state wurde zuerst von Adam Smith genannt.Adam Smith: An inquiry into the nature and causes of the wealth of nations. T. Nelson and Sons, London: 1852 , S. 34.Christian Kerschner: Economic de-growth vs. steady-state economy. In: Journal of Cleaner Production. 18 (2010) S. 545. Er und andere Vertreter der Klassischen Nationalökonomie fürchteten die Stationarität als unausweichlicher Endpunkt von Wirtschaftswachstum und Entwicklung, ausgelöst von Bevölkerungswachstum und abnehmenden Erträgen.Fred Luks: Die Zukunft des Wachstums. Marburg: Metropolis Verlag. 2001. Thomas Robert Malthus beschrieb die Bevölkerungsfalle als unvermeidbare Dystopie einer Gesellschaft, in der wegen stark steigender Population die Kapitalakkumulation beendet war, aber die Bevölkerung arm sei und Schwierigkeiten hätte, die eigene Versorgung sicherzustellen.Thomas Robert Malthus: Principles of Political Economy. 1820, Cambridge University Press, S. 371. Er begründete dies mit dem exponentiellen Wachstum der Bevölkerung bei linear wachsender Lebensmittelversorgung, so dass die ökologische Tragfähigkeit des Lebensraums überschritten würde. David Ricardo hingegen problematisierte das mit dem Ende des Wirtschaftswachstums verbundene Ende der Steigerung von Wohlstand und Ressourcen einer Gemeinschaft, das er allerdings als „weit entfernt“ charakterisierte.David Ricardo: On Protection to Agriculture. In: The Works and Correspondence of David Ricardo, 4:202–270. 1822. Seite 234.: „the wealth and resources of a community will not admit of an increase“ [...] „such a state of society was ‚yet far distant‘“ (Seite 198) Sowohl Ricardo als auch Adam Smith empfahlen den Handel als Ausweg aus dem Dilemma. John Stuart Mill hingegen sah im stationären Zustand einen wünschenswerten Endzustand: Er ging davon aus, dass die Menschen „im stationären Zustand zufrieden wären, lange bevor die Notwendigkeit sie dazu zwingen würde“.John Stuart Mill. 1848. "Of the Stationary State," Book IV, Chapter VI in Principles of Political Economy: With Some of Their Applications to Social Philosophy, J.W. Parker, London, England. S. 454: „[...] be content to be stationary, long before necessity compels them to it“.Karl-Heinz Brodbeck: Ist eine stationäre Wirtschaft möglich? Zur Aktualität von Mill’s Wachstumskritik. In: Hans G. Nutzinger, Hans Diefenbacher (Hrsg.): John Stuart Mill heute (= Die Wirtschaft der Gesellschaft 5). S. 51–106. Metropolis, Marburg 2019. ISBN 978-3-7316-1346-6.
Nullwachstum als vermeidbares Problem Der technische Fortschritt der Industrialisierung und die Nutzung von fossiler Energie zur Steigerung der Arbeitsproduktivität veränderte die Wahrnehmung des stationären Zustands der Ökonomen.Reiner Kümmel: The Second Law of Economics: Energy, Entropy, and the Origins of Wealth. Springer, Berlin 2011, ISBN 978-1-4419-9364-9.Kander, A., Malanima, P., Warde, P. (2014): Power to the People: Energy in Europe over the Last Five Centuries. Princeton University Press. Die Sorgen wegen sinkender landwirtschaftlicher Erträge und der Erschöpfung nicht-erneuerbarer Ressourcen wurden beiseite gewischt, wirtschaftliches Wachstum erschien unbegrenzt. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln wurde insbesondere ermöglicht durch die Nutzung von Mineraldünger und Treibstoffen.Christian Kerschner: Economic de-growth vs. steady-state economy. In: Journal of Cleaner Production. 18 (2010) S. 546. Diese wirtschaftliche Entwicklung wurde begleitet durch Theorien der Philosophen der Aufklärung, die Entgrenzung und Überwindung natürlicher Grenzen zu einem Wachstums- und Fortschrittsdenken verbanden.Gerolf Hanke: Regionalisierung als Abkehr vom Fortschrittsdenken. Zur Unvereinbarkeit von starker Nachhaltigkeit und klassischer Modernisierung. Marburg: Metropolis, 2014. S. 18–22. Für Ökonomen ergab sich die Stagnation als unerwünscht und vermeidbar und nur noch als analytischer Spezialfall relevant.
Keynes und Schumpeter Für John Maynard KeynesJohn Maynard Keynes. 1930. "Economic Possibilities for Our Grandchildren," in John Maynard Keynes, Essays in Persuasion. W.W.Norton & Co., New York 1963, S. 358–373.John Maynard Keynes: The general theory of employment, interest and money. 1936. Kapitel 16, 24. und Joseph SchumpeterJoseph Schumpeter: The Theory of economic development: an inquiry into profits, capital, credit, interest, and the business cycle. Oxford University Press; New York 1961 . war der stationäre Zustand jedoch weiterhin eine wichtige Langfristperspektive. Keynes sagte um 1930 voraus, dass seine Enkelkinder innerhalb der nächsten 100 Jahre das ökonomische Problem der Knappheit lösen könnten, wodurch ein „goldenes Zeitalter“ einer dauerhaften Wachstumsabschwächung eintreten würde. Für diesen Fall empfiehlt Keynes folgende wirtschaftspolitische Maßnahmen:Karl Georg Zinn: Sättigung oder zwei Grenzen des Wachstums: John Maynard Keynes hat über die kleine Not des Augenblicks hinausgedacht. In: Le Monde diplomatique. 10. Juli 2009.Max Polewsky: Die Ökonomik der langen Frist bei Marx und Keynes In: ExMA-Papers. Universität Hamburg. S. 31.Karl Georg Zinn: Wachstumszwänge im Kapitalismus: Die gespaltene Keynes-Rezeption und Keynes' Prognose auslaufenden Wachstums. Beitrag zum Workshop „Wachstumskritik und kapitalistische Wachstumszwänge“, 30. und 31. Mai 2013, Jena.Karl Georg Zinn: Soziale Wachstumsgrenzen – ein neues Paradigma der ökonomischen Theorie. In: Wirtschaft und Gesellschaft, 1984, Band 10, S. 159–187.Karl Georg Zinn: Die Wirtschaftskrise. Wachstum oder Stagnation. Zum ökonomischen Grundproblem reifer Volkswirtschaften. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich: BI-Taschenbuchverlag, 1994. ISBN 978-3-411-10451-2.
Gleiche Kaufkraftverteilung zwischen den Menschen. Ein gleiches Einkommen führt zu einer Anhebung des Massenkonsums. Verkürzung der Arbeitszeiten zu 15 Stunden pro Woche Eine höhere Steuerquote um die Infrastruktur und die öffentliche Leistungen zu unterstützen.
Schumpeter ging in seinem 1942 veröffentlichten Buch Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie davon aus, dass bei ausbleibendem Wirtschaftswachstum der Kapitalismus durch eine sozialistische Wirtschaftsordnung abgelöst wird.
Wachstumskritik und Steady-State Economy mini|Hochwertige, natürliche Ressourcen werden bei der Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse zu niederenergetischen und oft schädlichen Substanzen umgewandelt
Mit dem Aufkommen der Wachstumskritik und der Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“Donella H. Meadows, Dennis L. Meadows, Jørgen Randers, William W. Behrens III: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Aus dem Amerikanischen von Hans-Dieter Heck. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1972, ISBN 3-421-02633-5; Rowohlt, Reinbek 1973, ISBN 3-499-16825-1. wurde das Konzept einer stationären Ökonomie wieder verstärkt diskutiert. Die bisherige Wachstumstheorie wurde kontrastiert mit Argumenten aus der Thermodynamik wie durch Nicholas Georgescu-Roegen, der beliebiges Wachstum und dessen Entkopplung vom Ressourcenverbrauch als unmöglich erachtete.Nicholas Georgescu-Roegen: The economics of production. American Economic Review 40 (Mai 1970): S. 1–9.Nicholas Georgescu-Roegen: The Entropy Law and the Economic Process. Harvard University Press, Cambridge MA 1971, ISBN 0-674-25780-4. Dies wird von Ökonomen kritisiert, die eine Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum für möglich halten.Robert M. Solow: The economics of resources or the resources of economics Richard T. Ely Lecture. American Economic Review 1974:1–14.Joseph E. Stiglitz: Growth with exhaustible natural resources. Efficient and optimal growth paths. Review of economic studies, symposium on the economics of exhaustible resources. 1974. S. 123–138.Herman Daly: Georgescu-Roegen versus Solow/Stiglitz. In: Ecological Economics 1997; 22(3), S. 261–266.Herman Daly: Reply to Solow/Stiglitz. In: Ecological Economics 1997; 22(3), S. 271–273.Joseph E. Stiglitz: Georgescu-Roegen versus Solow/Stiglitz. In: Ecological Economics 1997; 22(3), S. 269–270.Robert M. Solow: Georgescu-Roegen versus Solow-Stiglitz. In: Ecological Economics 1997; 22(3), S. 267–268. Herman Daly entwickelte aus den Ideen seines Mentors Georgescu-Roegen das Konzept der steady-state economy, das eine konstante Bevölkerung und einen nicht mehr wachsenden Bestand an Gegenständen vorsieht, die vom geringstmöglichen Durchsatz an Materie und Energie aufrechterhalten werden.Herman Daly: Steady-State Economics Island Press, 1977. Wie Mill sieht er einen großen Nutzen darin, würde die Gesellschaft das Konzept umsetzen, bevor es unausweichlich würde.
Auch der DDR-Intellektuelle und spätere -Oppositionelle Wolfgang Harich kam 1975 zu dem Schluss, dass es ein Nullwachstum benötige, um Ressourcenübernutzung zu verhindern. Ein globaler Überwachungsstaat und geburtenpolitische Maßnahmen müssten dies verhindern.
Postwachstumsökonomie und -gesellschaft Ab 2006 entwickelte Niko Paech in Deutschland unter dem Begriff der Postwachstumsökonomie ein Konzept einer nicht-wachsenden Wirtschaft.
Paech analysiert, dass Wirtschaftswachstum immer mit dem Verbrauch endlicher Ressourcen einher geht. Beispielsweise Erdöl, sauberes Wasser, Boden, oder Luft, also stabiler Atmosphäre. Die Erhöhung des Athmospärischen CO2-Gehalts und dessen Effekte auf das Wetter im Rahmen des Klimawandels werden als Beweis für seine These interpretiert. Des Weiteren sieht Paech im Wachstumszwang des bestehenden Wirtschaftssystems eine permanente Verschärfung bestehender Probleme, denn selbst die Erzeugung „grüner“ Technologie wie Elektrofahrzeuge und Windräder verbrauche vielfältige Ressourcen, welche der Natur entrissen und über Langzeitschäden an Ökosystemen und Atmosphäre langfristig die Lebensqualität der Menschen senke.