Der Bahnhof Aarau ist ein Bahnhof in Aarau, der Hauptstadt des Schweizer Kantons Aargau. Er wurde 1856 eröffnet und ist ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt an der wichtigsten Ost-West-Verbindung des Schweizer Schienennetzes, im Dreieck zwischen den Städten Zürich, Bern und Basel gelegen. Bedient wird er von zahlreichen Schnellzügen im Inlandsverkehr der Schweizerischen Bundesbahnen, ebenso von Regionalzügen im Netz der S-Bahn Aargau und der S-Bahn Zürich. Das ursprüngliche, im Jahr 1859 von Jakob Friedrich Wanner erbaute Aufnahmegebäude im spätklassizistischen Stil wurde 2008 abgerissen und durch einen modernen, von Theo Hotz entworfenen sechsgeschossigen Stahlskelettbau ersetzt. Dieser erstreckt sich über eine Länge von 330 Metern entlang der Bahnstrecke und besitzt die zweitgrösste Bahnhofsuhr Europas. An der Südseite der Anlage befindet sich ein separater Bahnhof für die meterspurigen Strecken der Wynental- und Suhrentalbahn, die von Aargau Verkehr betrieben werden.
Anlage Aarau ist ein Anschlussbahnhof an der normalspurigen Ost-West-Hauptstrecke der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) von Zürich nach Bern, am Übergang zwischen den Teilstrecken Baden–Aarau und Aarau–Olten. Etwa fünf Kilometer weiter östlich zweigt in Rupperswil die Heitersbergstrecke nach Killwangen-Spreitenbach ab, eine direkte Verbindung in Richtung Zürich. Ihren Ausgangspunkt in Aarau haben auch die meterspurigen Strecken der Wynental- und Suhrentalbahn (WSB) der Bahngesellschaft Aargau Verkehr, die nach Schöftland und Menziken führen. Die Wynentalbahn befährt seit 2010 bis in die Nachbargemeinde Suhr die frühere SBB-Bahnstrecke Aarau–Suhr, deren 2004 stillgelegtes Trassee zu diesem Zweck umgespurt wurde.
Die Anlage ist von Osten nach Westen ausgerichtet und steht etwa 400 m südöstlich der Altstadt parallel zur Bahnhofstrasse. Sie liegt an einem vierspurigen Streckenabschnitt, der zurzeit von Rupperswil bis zum Aarauer Schachen reicht. Unmittelbar westlich des Bahnhofs unterqueren zwei doppelgleisige Tunnel den Schanzhügel, auf dem unter anderem das Regierungsgebäude und das Grossratsgebäude des Kantons Aargau stehen. Der ältere Stadttunnel I ist 567 m lang, der jüngere Stadttunnel II 614 m. Knapp westlich der Stadtgrenze beginnt der Eppenbergtunnel, der im Dezember 2020 eröffnet wurde und es ermöglicht, den vierspurigen Abschnitt bis nach Olten weiterzuführen.
Es gibt sechs Durchfahrtsgleise der SBB (Nr. 1 bis 6). Sie liegen am Hausperron, an zwei Mittelperrons und an einem Seitenperron, die alle überdacht sind. Hinzu kommt ein Zungenperron an der Nordseite, welches das Gleis 0 erschliesst (das einzige in der Schweiz mit dieser Nummer). Der Zugang zu den Perrons erfolgt über zwei breite Unterführungen. Hinzu kommen Treppen, die vom westlichen Ende beider Mittelperrons zum Verwaltungsgebäude Behmen II führen (dieses wird wegen seiner charakteristischen Form und seiner exponierten Lage über den Tunnelportalen auch «Wellenbrecher» genannt). In Richtung Zürich, nördlich der Streckengleise, befindet sich der Güterbahnhof Aarau, der einen 33'000 m² grossen Container-Umschlagterminal der Unternehmensgruppe Hupac beheimatet. Er verfügt über fünf Umschlaggleise von bis zu 300 m Länge und drei Mobilkräne mit einer Kapazität von je 40 Tonnen, die Lagerfläche beträgt 1200 m².
mini|Aarau: WSB-Stationsgebäude Strassenseite (2011) Südlich des SBB-Bahnhofs, getrennt durch die Hintere Bahnhofstrasse, erstrecken sich in Ost-West-Richtung drei Gleise der WSB (Nr. 11 bis 13). Gleis 11 befindet sich am WSB-Stationsgebäude, die beiden anderen liegen an einem Mittelperron. Das Trassee der Suhrentalbahn biegt unmittelbar nach dem Bahnhof in südlicher Richtung ab und führt durch einen 260 m langen Tunnel zur nächstgelegenen Haltestelle Binzenhof. Das 1924 erbaute WSB-Aufnahmegebäude wurde 2020 abgerissen und durch ein Provisorium ersetzt. Im Bau ist an derselben Stelle ein moderner Neubau, der 2024 eröffnet werden soll.
Architektur mini|Blick auf die Bahnperrons mini|Das Gleis 0 mini|Bahnhofsuhr Aarau Das vom renommierten Architekten Theo Hotz entworfene Aufnahmegebäude erstreckt sich über eine Länge von 330 m entlang der Nordseite der Streckengleise. Der schlanke, vollständig verglaste Stahlskelettbau mit Doppelwandfassaden besitzt sechs Stockwerke und drei Untergeschosse. Er wird von runden Säulen getragen und durch sieben massive Treppenhäuser ausgesteift. Mit seiner klaren Form am Rand des Gleisraums fasst er den heterogen bebauten Stadtraum vom Hauptsitz der Aargauischen Kantonalbank westlich des Bahnhofplatzes bis zum Güterplatz im Osten zusammen, gleichzeitig wirkt er als Lärmschutz zur Bahnhofstrasse hin.Hanak et al.: Bahnhof Aarau – Chronik eines Baudenkmals. S. 55–56. Das Gebäude entstand in zwei Etappen: der längere westliche Teil in den Jahren 2008 bis 2010, der kürzere östliche Teil (auch «Gleis 0» genannt) in den Jahren 2016 bis 2018. Äusserlich unterscheiden sie sich kaum.
Für den Publikumsverkehr bedeutend ist insbesondere die dreigeschossige Haupthalle im westlichen Gebäudeteil, in die beide Unterführungen sowie die meisten Eingänge, Rolltreppen und Lifte münden. Sie enthält das Bahnreisezentrum und über 20 Läden im ersten Untergeschoss (darunter eine Coop-Filiale) sowie Restaurants im Erdgeschoss mit Terrassen auf dem Bahnhofplatz. Die Flächen in den Obergeschossen sind frei unterteilbar; hier befinden sich unter anderem Büros der Kantonsverwaltung sowie eine Aussenstelle des Kantonsspitals Aarau für ambulante Behandlungen.Hanak et al.: Bahnhof Aarau – Chronik eines Baudenkmals. S. 56–57. Der östliche Gebäudeteil enthält neben weiteren Büros und einer Migros-Filiale auch 91 Mietwohnungen verschiedener Grössen, die von drei Seiten her vier begrünte Innenhöfe umfassen; auf der vierten Seite trennt nur eine Glasmembran die Höfe von den Gleisen.
Neben und unter der Ladenpassage befindet sich ein zweigeschossiges Parkhaus mit 400 Parkplätzen, davon 45 für Kurzzeitparkierer. Daran schliesst sich unter dem Gebäudeteil «Gleis 0» ein weiteres Parkhaus mit 285 öffentlichen und privaten Parkplätzen an; beide Parkhäuser nutzen dieselben Ein- und Ausfahrten. Im dritten Untergeschoss sind Technik- und Lagerräume sowie ein Zugang zu den Meyerschen Stollen zu finden. Dieses Stollensystem stammt aus der Zeit um 1800 und wurde durch den Fabrikanten Johann Rudolf Meyer erbaut, um damit Grundwasser zu seiner Seidenbandweberei zu leiten; es kann im Rahmen von Führungen besichtigt werden.Hanak et al.: Bahnhof Aarau – Chronik eines Baudenkmals. S. 57.
An der platzseitigen Fassade des westlichen Gebäudeteils hängt über dem Haupteingang die zweitgrösste Bahnhofsuhr Europas. Mit einem Durchmesser von neun Metern erstreckt sich das Zifferblatt über drei Stockwerke. Die Zeiger wiegen bis zu 150 kg, das Uhrwerk 450 kg. Das Design entspricht jenem der 1944 von Hans Hilfiker entworfenen «Schweizer Bahnhofsuhr». Zu Beginn waren nachts zwar die Stundenmarkierungen zu sehen, nicht aber die Zeiger, was den Nutzen der Uhr einschränkte. Im Dezember 2013 ersetzte man die alten Zeiger durch neue beleuchtete Zeiger. In den drei Jahren nach der Inbetriebnahme herrschte allgemein auch die Meinung vor, die Aarauer Bahnhofsuhr sei die grösste Europas, doch dann stellte sich dies als Falschinformation heraus. Die grösste befindet sich im Bahnhof Cergy-Saint-Christophe bei Paris und hat einen Durchmesser von zehn Metern. Seit Juni 2013 verdeckt die «Wolke» zum Teil die Sicht auf die Uhr. Dabei handelt es sich um das Dach der Busstation auf dem Bahnhofplatz. Elf Stelzen tragen zwei transparente bläuliche Folien, die sich über die Bushaltestellen spannen. Zwei automatische Pumpen sorgen für den nötigen Überdruck, damit das von Mateja Vehovar entworfene Dach seine wolkenartige Form beibehält.
Linien Im Jahr 2018 ermittelten die SBB an Werktagen (Montag bis Freitag) ein durchschnittliches Verkehrsaufkommen von 44 800 Fahrgästen täglich, an Wochenenden und Feiertagen durchschnittlich 22 700.
Fernverkehr Züge folgender Fernverkehrslinien halten am Bahnhof Aarau:
Bruxelles-Midi/Brussel-Zuid–Köln Hbf-Basel Bad Bf–Aarau–Lugano–Milano Porta Garibaldi (European Sleeper)
Regionalverkehr Der Bahnhof Aarau wird von vier Linien der S-Bahn Aargau bedient:
(Zofingen – Turgi halbstündlich, stündliche Durchbindung von/nach Sursee)
Ebenso ist Aarau die Endstation einer Linie der S-Bahn Zürich:
Nahverkehr Vom Aarauer Bahnhofplatz aus verkehren folgende Postautolinien: Aarau – Küttigen – Staffelegg – Densbüren – Herznach – Ueken – Frick Aarau – Küttigen – Benkerjoch – Oberhof – Wölflinswil – Wittnau – Gipf-Oberfrick – Frick
Ausserdem fahren sämtliche Linien des Busbetriebs Aarau den Bahnhofplatz an: Küttigen Kreuz – Rombach – Aarau Bahnhof – Buchs Wynenfeld Rohr Unterdorf – Telli – Aarau Bahnhof – Erlinsbach Oberdorf (– Barmelweid) Aarau Bahnhof – Wöschnau – Schönenwerd Bahnhof – Gretzenbach Weid Biberstein Ihegi – Scheibenschachen – Aarau Bahnhof – Suhr Bahnhof Aarau Bahnhof – Goldern – Zelgli – Aarau Bahnhof Suhr Bahnhof – Kantonsspital – Aarau Bahnhof – Wöschnauring Aarau Bahnhof – Zelgli – Goldern – Aarau Bahnhof
Nachtverkehr Der Nachtverkehr (in den Nächten Freitag/Samstag und Samstag/Sonntag) umfasst zwei S-Bahn- und fünf Buslinien:
Aarau Bahnhof – Küttigen – Biberstein Rohr Unterdorf – Aarau Bahnhof – Erlinsbach Oberdorf Aarau Bahnhof – Buchs AG – Suhr – Gränichen – Reinach – Menziken Aarau Bahnhof – Oberentfelden – (Suhr) – Muhen – Schöftland – Holziken – Kölliken Aarau Bahnhof – Buchs AG – Suhr – Entfelden – Kölliken – Safenwil – Oftringen – Zofingen Bahnhof Aarau Bahnhof – Buchs AG – Aarau Rohr – Rupperswil – Schafisheim – Lenzburg
Geschichte
Streckenbau Mitte des 19. Jahrhunderts entstand das Schweizer Eisenbahnnetz in seinen Grundzügen durch private Bahngesellschaften, wobei die Kantonshauptstadt Aarau relativ früh durch Eisenbahnen erschlossen wurde. Hier trafen die Schienennetze der Schweizerischen Centralbahn (SCB) im Westen und der Schweizerischen Nordostbahn (NOB) im Osten aufeinander.Hanak et al.: Bahnhof Aarau – Chronik eines Baudenkmals. S. 13. 1850 entwarfen die britischen Ingenieure Robert Stephenson und Henry Swinburne im Auftrag des Bundesrates ein Grobkonzept für ein nationales Eisenbahnnetz. Dabei schlugen sie als möglichen Jura-Übergang auch die Schafmattbahn von Sissach nach Aarau vor, woran eine Strecke durch das Suhrental nach Sursee angeschlossen worden wäre. Kantons- und Stadtbehörden setzten sich vergeblich für Aarau als zukünftigen Knotenpunkt der Ost-West- und Nord-Süd-Hauptstrecken ein. Die SCB entschied sich 1853 stattdessen für den Bau der weiter westlich gelegenen Hauensteinstrecke nach Olten.
Gemäss dem Projekt Stephenson/Swinburne sollte der Bahnhof von Aarau im Bereich der Flösserstrasse beim südlichen Brückenkopf der Kettenbrücke errichtet werden. Da die vorgeschlagene Streckenführung entlang der Aare durch überschwemmungsgefährdetes Gebiet geführt hätte, plante die NOB, die sich die Konzession für den Abschnitt östlich von Aarau gesichert hatte, eine alternative Streckenführung südlich der Vorstadt. Die Aargauer Kantonsregierung widersetzte sich diesem Vorhaben, da die Strecke sonst auf dem Schanzhügel den Park hinter dem Grossratsgebäude durchschnitten hätte. Zustimmung erhielt schliesslich ein von der SCB ausgearbeitetes Projekt für einen Tunnel vom Schachen unter dem Schanzhügel hindurch, wobei der Bahnhof im Bereich der Saxer’schen Bleiche südöstlich der Altstadt vorgesehen war. Die gewählte Linienführung mit Damm und Tunnel erwies sich über die Jahre in städtebaulicher Hinsicht als optimale Lösung.Hanak et al.: Bahnhof Aarau – Chronik eines Baudenkmals. S. 62–63.
mini|Ansicht des Bahnhofs (1870)