Die Léopoldville war ein belgischer Passagierdampfer. In die Geschichte ging die Léopoldville vor allem durch ihre Versenkung durch ein deutsches U-Boot nahe Cherbourg am Weihnachtsabend 1944 ein, bei der über 800 Menschen den Tod fanden. Details über den Vorfall wurden lange Zeit zurückgehalten, weswegen die genauen Umstände des Untergangs erst Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs bekannt wurden.
Einzelheiten Der Dampfer wurde im August 1929 auf der Werft von John Cockerill S. A. in Hoboken, einem Stadtteil von Antwerpen, für die Compagnie Belge Maritime du Congo fertiggestellt. Antwerpen war zugleich der Heimathafen des Schiffes. Benannt wurde es nach dem damaligen Namen der Hauptstadt von Belgisch-Kongo. Die Léopoldville wurde eineinhalb Jahre nach ihrem etwas längeren und langsameren Schwesterschiff Albertville von der Reederei in Dienst gestellt.
mini|Die Léopoldville im umgebauten Zustand, mit neuem Bug und einem Schornstein
Das Schiff war bei der Indienststellung 149,92 Meter lang, wurde aber im Rahmen eines Umbaus und einer Rumpfverlängerung 1937 auf 157,50 Meter verlängert. Die Breite des Rumpfes betrug 18,90 Meter. Der Tiefgang bei voller Beladung lag bei etwa 10,70 Metern. Ursprünglich war die Léopoldville mit 11.172 BRT vermessen, nach dem Umbau stieg die Vermessung auf 11.509 BRT. Eine vierfache Verbunddampfmaschine mit einer Leistung von 7.200 WPS (auf zwei Schrauben) verlieh der Léopoldville eine Höchstgeschwindigkeit von rund 16,5 Knoten (etwa 30,5 km/h).
Nutzung als Passagierschiff und als Truppentransporter Nach der Indienstnahme wurde das Schiff fast zehn Jahre lang als Passagier- und Frachtdampfer auf der Route zwischen Belgien und dem Kongo sowie entlang der westafrikanischen Küste eingesetzt. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde das Schiff im Mai 1940, nach der Besetzung Belgiens durch die Wehrmacht und nachdem der Dampfer nach Großbritannien hatte entkommen können, vom Ministry of War Transport (MoWT) übernommen und in Liverpool zu einem Truppentransporter umgebaut. Dabei wurde die Einrichtung der Zwischendecks entfernt und es wurden zusätzlich Behelfsniedergänge und Freiräume geschaffen. Die Laderäume wurden mit Holzverschalungen ausgekleidet und unterteilt. Zudem wurde das Schiff bewaffnet.
In dieser Funktion wurde die Léopoldville ab 1941 hauptsächlich bei Truppenverlegungen im Mittelmeerraum sowie zwischen Gibraltar und Großbritannien eingesetzt. Dabei kam das Schiff auch bei der Landung der Alliierten in Nordwestafrika im Spätjahr 1942 zum Einsatz. Nach der Invasion der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 wurde das Schiff zum Transport von Soldaten von den britischen Absprunghäfen in Richtung der Normandie eingesetzt. Insgesamt transportierte die Léopoldville während ihrer rund vierjährigen Dienstzeit als Truppentransporter 124.240 alliierte Soldaten, davon alleine etwa 53.000 Mann von Großbritannien nach Frankreich zwischen Juni und November 1944. Bis zu ihrem Untergang im Dezember 1944 absolvierte die Léopoldville 24 Fahrten über den Ärmelkanal, wobei sich durchschnittlich etwa 2.200 Soldaten an Bord befanden.
Ausrüstung und Bewaffnung als Truppentransporter Die Léopoldville hatte 14 große Rettungsboote mit einem Fassungsvermögen von rund 800 Menschen sowie vier große Flöße an Bord, auf denen weitere 120 Personen Platz finden konnten. Zudem gab es auf dem Schiff 156 Rettungsringe und 3.250 Schwimmwesten. Da das Schiff während seiner Transportmissionen ständig von Sicherungsfahrzeugen und teils auch anderen Transportern begleitet wurde – die im Falle eines Untergangs die an Bord befindlichen Menschen hätten aufnehmen können –, betrachtete man diese Rettungskapazitäten als ausreichend.
Die Bewaffnung der Léopoldville umfasste ein 10,2-cm-Geschütz Mk. VII auf dem Achterschiff und eine 7,62-cm-Kanone auf der Back. Zudem befanden sich ein veraltetes 4,7-cm-Geschütz Mk. II für Signalzwecke, zehn 4-cm-Bofors-Flak in Zwillingslafetten und zwei einzelne 12,7-mm-Maschinengewehre an Bord. Die Besatzung bestand aus 120 Belgiern, 93 Kongolesen sowie 36 Briten, die für die Bedienung der Geschütze zuständig waren. Kommandant des Schiffes war Kapitän Charles Limbor.
Versenkung am 24. Dezember 1944 Infolge der deutschen Ardennenoffensive im Dezember 1944 mussten schnell zusätzliche alliierte Truppen über den Kanal aufs europäische Festland verlegt werden. Im Rahmen dieser Verstärkungsmaßnahmen wurde auch die Léopoldville zu Transportfahrten herangezogen. Die Soldaten, die am Morgen des 24. Dezember 1944 an Bord des Schiffes gingen, beschrieben den Transporter als schmutzig, stickig und heruntergewirtschaftet.Clive Cussler, Craig Dirgo: Jagd am Meeresgrund. Abenteuerliche Tauchgänge zu berühmten Schiffswracks. S. 405f.
Konvoi WEP-3 Am Morgen des 24. Dezember 1944 gegen 9 Uhr verließ die Léopoldville den Hafen von Southampton und nahm Kurs auf Cherbourg; es war die 25. Kanalüberquerung des Schiffes. Der Dampfer war mit 2.235 US-amerikanischen Soldaten des 262. und des 264. Regiments der 66. US-Infanteriedivision beladen – die auch als die „Black Panther Division“ bezeichnet wurde – und fuhr im Konvoi mit dem britischen Truppentransporter Chesire (welcher 2.365 Soldaten beförderte). Beide Schiffe wurden von den britischen Zerstörern Brilliant und Anthony sowie der britischen Fregatte Hotham und der freifranzösischen Fregatte Croix de Lorraine eskortiert. Die sechs Schiffe bildeten zusammen den Geleitzug WEP-3. Für die Überfahrt nach Frankreich waren etwa neun Stunden vorgesehen.
Bereits kurz nach dem Auslaufen aus Southampton frischte der Wind auf und blies mit Stärke 6 bis 7 auf der Beaufortskala. Die Wellenhöhe betrug etwa vier bis fünf Meter und viele Soldaten an Bord begannen, seekrank zu werden; zudem sank die Temperatur auf nur noch knapp über dem Gefrierpunkt ab. In diese Situation hinein platzte gegen 14:30 Uhr ein U-Boot-AlarmClive Cussler, Craig Dirgo: Jagd am Meeresgrund. Abenteuerliche Tauchgänge zu berühmten Schiffswracks. S. 409. und die Sicherungsschiffe warfen zahlreiche Wasserbomben. Es ist allerdings ungeklärt, ob tatsächlich ein U-Boot vor Ort war oder ob ein falsch interpretierter ASDIC-Kontakt die Ursache für den Zwischenfall war. Allgemein waren im Winter 1944/45 nur noch sehr wenige deutsche U-Boote im Ärmelkanal aktiv.
Torpedotreffer Gegen 17:45 Uhr, der Konvoi WEP-3 stand nur noch etwa acht Seemeilen vor dem Hafen von Cherbourg, sichtete das deutsche U-Boot U 486 unter dem Kommando von Oberleutnant zur See Gerhard Meyer den herankommenden Schiffsverband. Das Schnorchel-U-Boot hatte bereits seit fast 30 Stunden vor dem Hafen auf der Lauer gelegen, um auf lohnende Ziele zu warten. Als Meyer trotz des aufziehenden Sturms und der hereinbrechenden Dämmerung die beiden großen Transporter erkannte, entschied er sich sofort zum Angriff und feuerte gegen 17:53 Uhr zwei Torpedos auf die Léopoldville ab. Der erste Torpedo lief knapp hinter dem Heck des Schiffes vorbei und wurde auch vom Ausguck bemerkt, aber der zweite Torpedo traf um 17:54 Uhr, noch ehe die Crew ein Ausweichmanöver einleiten konnte.
Der Torpedo traf die Léopoldville auf der Steuerbordseite nahe dem achteren Laderaum No. 4. Die Folgen waren verheerend: Durch die Wucht der Explosion wurden zwei der mit Truppen belegten Behelfsdecks (Sektionen F-4 und G-4) völlig zerstört und brachen in sich zusammen. Zudem knickten die Stahlträger der Schotten in diesem Bereich ein und rissen die Niedergänge mit nach unten. Dadurch war fast kein Entkommen mehr aus diesen unteren Schiffssektionen möglich. Schätzungen zufolge kamen alleine durch diesen Torpedotreffer bereits rund 300 US-amerikanische Soldaten ums Leben. Von den 159 Soldaten, die in der Sektion F-4 untergebracht worden waren, überlebten nur sechs den Untergang.Clive Cussler, Craig Dirgo: Jagd am Meeresgrund. Abenteuerliche Tauchgänge zu berühmten Schiffswracks. S. 414.
Untergang Nach der Torpedierung ging die schwer beschädigte Léopoldville etwa fünfeinhalb Seemeilen vor Cherbourg vor Anker, woraufhin ein Teil der belgischen und kongolesischen Besatzung aufgrund eines falsch übermittelten Befehls das Schiff verließ. Danach dauerte es eine dreiviertel Stunde, bevor mit dem Verlassen des Schiffes begonnen wurde. Die US-Soldaten, die nach und nach aus den Laderäumen heraufströmten, wurden zunächst über die Lage nicht informiert und fanden ein weitgehend von der Besatzung verlassenes Schiff vor. Da der Transporter trotz der erheblichen Schäden nur langsam Wasser nahm, glaubten viele Soldaten, dass die Léopoldville nicht sinken würde. Hinzu kam, dass Kapitän Limbor die US-amerikanischen Offiziere nicht über notwendige Rettungsmaßnahmen und die wahre Schadenslage des Schiffes informierte und dass nur noch wenige Crewmitglieder anwesend waren, welche die US-Amerikaner in die Bedienung der Davits und der Rettungsboote hätten einweisen können. Fast eine Stunde lang standen 1.900 Soldaten zunächst untätig, wenngleich auch sehr diszipliniert,Clive Cussler, Craig Dirgo: Jagd am Meeresgrund. Abenteuerliche Tauchgänge zu berühmten Schiffswracks. S. 415. an Oberdeck und warteten auf Anweisungen, die nie kamen.
In dieser Situation hätte das Schiff eventuell noch gerettet und auf den Strand gesetzt werden können, aber Kapitän Limbor ließ aus nicht genau bekannten Gründen die Maschinen, die nicht durch den Torpedotreffer beschädigt worden waren, abschalten und den Anker werfen, vermutlich um ein Abtreiben im Sturm zu verhindern. Dadurch wurde die letzte Chance vertan, das Schiff noch zu retten.
Auch die Crews der übrigen Schiffe des Konvois schätzten die Lage falsch ein. Der Truppentransporter Chesire, der während der Torpedierung nur etwa 200 Meter entfernt stand und welcher die Soldaten der Léopoldville hätte aufnehmen können, lief nach einem kurzen Stopp weiter nach Cherbourg, da die Crew annahm, dass die Eskorte die Rettung im Falle des Untergangs übernehmen würde; zudem wollte die Besatzung ihr Schiff nicht selbst einem Torpedoangriff aussetzen. Von den vier Sicherungsschiffen wiederum gingen der Zerstörer Anthony und die beiden Fregatten zuerst auf die Jagd nach dem U-Boot (das später allerdings unbeschadet entkommen konnte) und so verblieb nur der Zerstörer Brilliant bei der getroffenen und langsam über das Heck sinkenden Léopoldville. Der Kommandant dieses Zerstörers, Captain John Pringle, erkannte, dass das Schiff sinken würde und ging gegen 19 Uhr – trotz des hohen Wellengangs und des Sturms – bei dem Truppentransporter längsseits. Innerhalb von zwanzig Minuten stiegen rund 700 Soldaten von der Léopoldville auf den Zerstörer über. Erst jetzt brach unter den Soldaten an Bord des Dampfers Panik aus und viele sprangen ins Wasser oder versuchten die verbliebenen Beiboote abzufieren. Im Sturm und in der Dunkelheit und ohne Kenntnisse misslang dies jedoch weitgehend (nur zwei Boote mit Soldaten kamen letztlich sicher zu Wasser); mehrere Boote stürzten ab und erschlugen im Meer schwimmende Schiffbrüchige. Etwa gegen 19:30 Uhr musste die Brilliant wieder von der Léopoldville ablegen, da der zunehmende Wellengang beide Schiffe stark gegeneinander schlug und der Zerstörer Schäden am Rumpf davontrug. In den folgenden 45 Minuten rettete die Besatzung der Brilliant noch etwa weitere 300 Mann aus dem Wasser.
Um 20:20 Uhr, etwa zweieinhalb Stunden nach dem Torpedotreffer, kam es an Bord der Léopoldville zu einer heftigen Kesselexplosion (vermutlich, weil ein Querschott dem Wasserdruck nicht mehr standhielt und kaltes Seewasser die noch heißen Kessel berührt hatte), die das Sinken rapide beschleunigte. Innerhalb von zehn Minuten sank der große Dampfer über das Heck und riss dabei viele der im Wasser treibenden Soldaten mit sich. Ungefähr 450 weitere Soldaten ertranken oder gingen mit dem Transporter unter.