mini|hochkant|Bushaltestelle an der Heinrich-Schütz-Allee in Kassel documenta urbana ist eine Wortschöpfung des documenta-Initiators Arnold Bode aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Insbesondere wird darunter eine in den Jahren 1980 bis 1982 entstandene Wohnbebauung im Südwesten von Kassel, an der Dönche, verstanden. Unter dieser Bezeichnung fand 2005 bis 2007 außerdem eine Veranstaltungsreihe an der Universität Kassel statt. Sowohl die Bezeichnung der Wohnsiedlung, als auch die diejenige der Veranstaltungsreihe nimmt Bezug auf den von Bode geprägten Begriff.

Der Begriff documenta urbana bei Arnold Bode Für Arnold Bode (1900–1977) war eine documenta urbana eine Ergänzung der eigentlichen documenta. Er benutzte den Begriff zu unterschiedlichen Zeiten allerdings für unterschiedliche Ideen. Zunächst gingen seine Überlegungen von Kunst am Bau aus. Später kamen Gedanken hinzu, die auf eine Manifestation von Kunst auf Plätzen und in Stadtvierteln hinausliefen, bis hin zum Bergpark Wilhelmshöhe und dem Oktogon des Herkules-Bauwerks. Bei Bode findet sich auch die Idee, eine documenta urbana könne zur Verbesserung von Lebensbedingungen in der Stadt Kassel beitragen. Beispielsweise durch die Ansiedlung von Künstlern in Atelierhäusern, oder durch demonstrative Bauvorhaben außerhalb der seinerzeitigen Architekturroutine. Hintergrund all dieser Überlegungen war, dass Bode fürchtete, die von ihm eingerichtete documenta sei als Institution nicht hinreichend gesichert. Eine bauliche Rückverankerung in der Stadt sollte für eine stärkere Verwurzelung innerhalb der Kasseler Bevölkerung sorgen.Absatz nach Lucius Burckhardt: documenta urbana - was könnte das heißen? in documenta Forum Kassel (Hrsg.): Beiträge zu einer documenta urbana, Schriftenreihe Heft 1, Kassel 1982

Bode maß der Architektur einen hohen Stellenwert zu, bereits in der ersten documenta, 1955, präsentierte er im Fridericianum auf 50 großformatigen Fotos die „besten Bauten“ aus aller Welt. Kurz vor seinem Tode 1977 schrieb er im Vorwort zum Katalog der documenta 6 zu seinem „alten Traum“:

[…] die d 6 endet am 2. Oktober 1977! Die 7.documenta beginnt! Wie? Mit Vorgesprächen, Planungen, Konzepten! Vielleicht mit dem Versuch – schon 1964 vorgeplant, einer »documenta urbana« in der »Kunsthalle« Oktogon für 100 Tage Nicht mehr Museum – sondern neue Raumsituationen und »Kunsträu- me« schaffen So der Raum und das Werk, das war der Anfang der Künste! Der Außenraum, der Innenraum und das Objekt(Bild, Plastik usw.) finden den Ort. […] Raum – Architektur – Kunst – Umwelt. […]Zitiert nach documenta 6, Band 1, S. 16, Kassel 1977. Dortige Typographie und Zeilenumbrüche übernommen

Die Wohnbebauung an der Dönche mini|300px|Lageplan der documenta urbana (nicht genau genordet)oben die Wohnschlange entlang der Heinrich-Schütz-Alleeunten die Cluster – die weißen Gebäude wurden erst später und abweichend von der ursprünglichen Planung erstellt. Die rechte Stichstraße ist die Hans-Leistikow-Straße. Die in den Jahren 1980 bis 1982 entstandene Wohnbebauung an der Dönche in Kassel unter dem Namen documenta urbana ist nicht als Teil der Institution documenta oder einer der documenta-Ausstellungen zu verstehen. Vielmehr bildet sie eine zu Demonstrations- und Ausstellungszwecken erstellte dauerhafte Siedlung. Diese steht damit in der Tradition von beispielhaften Projekten, wie der Gartenstadt Hellerau, den Werkbundsiedlungen (Weißenhofsiedlung) und der Berliner IBA im Hansaviertel. Die documenta urbana kann als späte, und in städtebaulicher Hinsicht postmoderne, Gegenposition zu Planungen wie dem Hansaviertel betrachtet werden.

Als besonderes Merkmal der documenta urbana gilt bis heute das Wohnen im Grünen auf einem städtisch verdichteten Baugelände.Satz nach Dirk Schwarze: documenta urbana in Kassel 1980-1981 … in die Jahre gekommen in Deutsche Bauzeitung, Nr. 10, 2002, S. 96–100 Ihr Hauptanziehungspunkt und Symbol ist eine von sechs Architekturbüros gemeinsam gestaltete Häuserzeile, die sogenannte Wohnschlange. In deren elf unterschiedlichen Segmenten spiegeln sich die unterschiedlichen Auffassungen der Planer.

Die ab 1980 entstandenen Gebäude wurden von Seite der Initiatoren als „gebauter Beitrag einer documenta urbana“ bezeichnet. Unmittelbar auf Arnold Bode berufen konnten sie sich nicht. Insofern kann die gebaute documenta urbana nicht als abschließende Manifestation seiner Vorstellungen betrachtet werden. Die Fertigstellung der Wohngebäude wurde auf 1982 festgelegt, das Jahr, in dem die documenta 7 stattfinden sollte. Deren künstlerischer Leiter, Rudi Fuchs, zeigte aber kein Interesse und nahm die documenta urbana nicht als einen Beitrag zur d7 auf.

Hintergrund: Zielvorstellungen im Wohnungsbau Ende der 1970er-Jahre Ende der 1970er-Jahre galten in der Bundesrepublik die quantitativen Anforderungen an den Wohnungsbau weitestgehend als erfüllt. Die Beseitigung der schlimmsten Wohnungsnot durch Kriegszerstörung und Zuwanderung nach 1945 galt als gelöst. Im Zentrum der Diskussion stand die Kritik am Wohnungs- und Städtebau der 1960er und frühen 1970er Jahre, deren industrielle Bauweise und die Verdichtung in hochgeschossigen Großsiedlungen. Somit gerieten auch Fragestellungen nach Wohnumfeld und der Qualität städtischen Lebensraumes in den Fokus. Unter dem Druck der Abwanderung von solventer Stadtbevölkerung in das Umland tauchten im Wohnungsbau verstärkt Zielvorstellungen wie „familiengerecht“, „kindgerecht“ und „freizeitgerecht“ auf. Auch die Planer der documenta urbana sahen in dieser eine „Möglichkeit […] denjenigen Bürgern ein Angebot zu machen, die dahin tendierten, ins Umland abzuwandern, um dort Eigentum zu bilden“.

Planung an der Dönche (ab 1977) mini|Kopfbau der Wohnschlange, Hilmer und Sattler. Im Vordergrund die Heinrich-Schütz-Allee (2008) mini|Teil der Wohnschlange, Otto Steidle und Partner (2008) mini|Teil der Wohnschlange, Hertzberger (2008) mini|Teil der Wohnschlange, Hertzberger (2008) mini|Teil der Wohnschlange, Hilmer und Sattler (2008) mini|Teil der Wohnschlange, Patschan/Werner/Winking (2008) mini|Ende der Wohnschlange, Otto Steidle und Partner (2008) Die Dönche, ein ehemaliger Truppenübungsplatz und seit 1970 Naturschutzgebiet, 4 km vom Stadtzentrum Kassels entfernt, war in das Eigentum der Stadt übergegangen. Eine Entwicklungsplanung aus dem Jahr 1977 sah vor, drei Viertel als Grünraum zu erhalten, etwa 60 bis 70 ha sollten der Abrundung bestehender Siedlungseinheiten am südwestlichen Stadtrand von Kassel dienen:

Nordshausen – eine historische Ortslage und gleichzeitig ein sich in die Landschaft ausdehnendes Einfamilienhausgebiet Helleböhn – eine Großsiedlung der 1950er-Jahre, damals ein Modellvorhaben mit 6000 Bewohnern, heute – wie die documenta urbana – ein Teilgebiet des Stadtteils Süsterfeld-Helleböhn Brückenhof – eine Großsiedlung der 1960er-Jahre im Stadtteil Oberzwehren

Die Planungen zu einer Wohnbebauung an der Dönche unter der Bezeichnung „documenta urbana“ starteten 1977, dem Todesjahr Arnold Bodes, damals trafen sich Vertreter des Wohnungsunternehmens Neue Heimat mit denen des Landes Hessen und der Stadt Kassel.Satz nach Albrecht Puffert: Der Projektablauf eines experimentellen Modellvorhabens in Stadt. Monatshefte für Wohnungs- und Städtebau, Heft 8, Hamburg, 1982, S. 20–25 Als eine treibende Kraft wird Hans Eichel betrachtet, der den Begriff „handstreichartig“ vereinnahmte. Eichel, Sohn eines Architekten, war seit 1975 Oberbürgermeister von Kassel und in dieser Funktion auch im Aufsichtsrat der documenta vertreten. In diesem Zusammenhang wird auch vermutet, dass Kontakte Eichels mit Albert Vietor (Vorsitzender der Neuen Heimat, gebürtig in Kassel) und Lauritz Lauritzen (ehemaliger Oberbürgermeister von Kassel, später Bundesbauminister) eine Rolle spielten, insbesondere um das Projekt an das Förderprogramm Versuchs- und Vergleichsbauvorhaben des Bundes anzupassen.„Kontakte Eichels mit Vietor und Lauritzen“ nach Dirk Schwarze: documenta urbana in Kassel 1980-1981 … in die Jahre gekommen in Deutsche Bauzeitung, Nr. 10, 2002, S. 96–100. Die dortige Rigorosität aber abgemildert, da in (zeitlichen) Details nicht völlig stimmig.

Im Frühjahr 1978 legte die Neue Heimat der Stadt einen Vorschlag zum Inhalt und zum Verfahren einer Baumaßnahme vor, die beispielgebenden Wohnungsbau der 80er-Jahre zum Ziel hatte. Dabei galt insbesondere der 12 ha großen Teilbereich Schöne Aussicht, zwischen Dönche-Freiraum und Helleböhn-Siedlung, als geeignet, da hier die vorhandene Infrastruktur eine kurzfristige Realisierbarkeit versprach.

Die Architekten und ihr Planungsprozess an der Schönen Aussicht (ab 1979) Zum Jahreswechsel 1978/79 wurde von der Stadt Kassel ein Sachverständigengremium aus Fachwissenschaftlern als beratender Beirat berufen: Gerhart Laage (Hamburg/Hannover, Bereich Architektur), Christian Kopetzki (Kassel, Bereich Städtebau), Heribert Kohl (Düsseldorf, Bereich Freizeitsoziologie), Jürgen von Reuß (Kassel, Bereich Freiraumplanung/Ökologie) und Jos Weber (Hamburg/Delft, Bereich Kunst). Gleichzeitig bildete sich ein Gremium um den Investor, mit Vertretern des Bundes, des Landes Hessen und der Stadt Kassel. Diese beiden Gremien beschlossen ein sobezeichnetes „Gutachterverfahren“, mit neun geladenen Architekten, beziehungsweise Architekturbüros.

Hinrich Baller, Berlin/Hamburg Heinz Hilmer und Christoph Sattler, München Dieter Patschan, Asmus Werner, Bernhard Winking, Hamburg Planungskollektiv Nr. 1, Berlin Otto Steidle, München/Kassel Michael Wilkens und eine Studentengruppe der Gesamthochschule Kassel, auch als Arbeitsgruppe Stadt/Bau, später Baufrösche Herman Hertzberger, Amsterdam Johannes Olivegren, Stockholm Roland Rainer, Wien Die Aufgaben der Gutachter beinhalteten: Eine städtebauliche Planung für das 12 ha große Baugebiet Schöne Aussicht. Dazu zählte auch die Gestaltung des Straßenraumes der Heinrich-Schütz-Allee, einer vorhandenen Straße zwischen der Schönen Aussicht und dem angrenzenden Wohngebiet Helleböhn. Die bauliche Gestaltung der eigentlichen documenta urbana: Auf einer Fläche von 4 ha sollten 200 Wohneinheiten als Mietwohnungen und Einfamilienhäuser geplant werden. Dabei sollten – als öffentlich geförderte Modellmaßnahme – unterschiedlichste Wohn- und Bebauungsvarianten, bis hin zu unterschiedlichen Finanzierungsformen, zur Ausführung kommen.

Da der Planung der documenta urbana kein Architektenwettbewerb, sondern ein Gutachterverfahren zugrunde lag, ergab sich für die beauftragten Architekten eine besondere Situation. Ihre Position gegenüber den Initiatoren und Investoren war vergleichsweise stark und häufig konnten sie ihre gemeinsamen Positionen durchsetzen. Während der Planungsphase wurden regelmäßig Workshops durchgeführt, um Planung und Details aufeinander abzustimmen, was von Beobachtern rückblickend als eine „damals fast einmalige Arbeitssituation“ beschrieben wird.

Anfang 1980 wurde ein Bebauungsentwurf fertiggestellt. Dieser beinhaltete eine vergleichsweise detaillierte Planung für das Kerngebiet der documenta urbana im nordwestlichen Bereich der Schönen Aussicht sowie eine allgemeiner gehaltene Planung für die restlichen Flächen im südöstlichen Bereich. Der Bebauungsentwurf für das Gebiet der documenta urbana sah entlang der Heinrich-Schütz-Allee Geschosswohnungsbau in einer schlangenartig geschwungenen, drei- bis viergeschossigen Häuserzeile vor. Für diese etablierte sich die Bezeichnung Wohnschlange. Südlich davon, zur Dönche hin, wurde eine niedriggeschossige und kleinteilige Bebauung aus Mehrfamilienhäusern und Eigenheimen konzipiert. Schwerpunkt der städtebaulichen Planung war hier eine unterschiedlich gestaltete Kombination aus privaten, halböffentlichen, öffentlichen, offenen, einsehbaren und abgeschirmten Freiräumen. Die U-förmigen Straßen- und Baustrukturen wurden auch als Cluster bezeichnet.