mini|Angebliches Wappen des „Pietro Candiano“. Bei den Wappen frühmittelalterlicher Dogen handelt es sich um bloße Rückprojektionen von Familienwappen, in diesem Falle aus dem frühen 17. Jahrhundert. Die Heraldik setzte jedoch erst im 3. Viertel des 12. Jahrhunderts ein, später wurden rückblickend auch Wappen an die frühen Dogen vergeben, die nie ein Wappen geführt hatten („fanta-araldica“); dies diente dazu, die Familien dieser späteren Epoche mit möglichst frühen Dogen in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu setzen, was ihnen Ansehen sowie politischen und gesellschaftlichen Einfluss verschaffte und letztlich den Zugang zum Dogenamt.Es wurden also die Wappen der sehr viel späteren Nachfahren dieser Dogen, vor allem seit dem 17. Jahrhundert, auf die angeblichen oder tatsächlichen Mitglieder der (angeblich) seit 697 in Venedig herrschenden Familien zurückprojiziert: „Il presupposto di continuità genealogica su cui si basava la trasmissione del potere in area veneziana ha portato come conseguenza la già accennata attribuzione ai dogi più antichi di stemmi coerenti con quelli realmente usati dai loro discendenti“ (Maurizio Carlo Alberto Gorra: Sugli stemmi di alcune famiglie di Dogi prearaldici, in: Notiziario dell’associazione nobiliare regionale veneta. Rivista di studi storici, n. s. 8 (2016) 35–68, hier: S. 41). Pietro IV. Candiano, in den zeitlich näheren Quellen Petrus Candianus († 11. August 976 in Venedig), war nach der traditionellen, vom Staat gesteuerten Geschichtsschreibung der Republik Venedig ihr 22. Doge. Zunächst wurde er Mitdoge seines gleichnamigen Vaters, doch kam es bald zwischen den beiden zu Streitigkeiten, dann zu Kämpfen ihrer Faktionen in der Stadt, an deren Ende der Sohn verbannt wurde. Die Gemeinde leistete einen Eid, den Sohn niemals zum Dogen zu wählen. Der Verbannte, der sich einige Monate als Pirat gegen venezianische Kauffahrer betätigt hatte, wurde trotz dieses Eides nach dem Tod des Vaters ehrenvoll aus Ravenna zurückgeholt und noch im Jahr 959 zum Dogen gewählt. Dabei ließ er als erster Doge das gesamte Volk einen Treueeid auf seine Person schwören. Auch ließ er sich nicht mehr nur als dux bezeichnen, sondern auch als princeps. Er regierte bis zu seinem Tod im Jahr 976.

Petrus IV. nutzte die zersplitterten Machtverhältnisse in Oberitalien, lehnte sich dann aber an die dort neu auftretende Großmacht, nämlich an die römisch-deutschen Kaiser Otto I. und Otto II. an. Er verstieß seine erste Frau Johanna – jedenfalls wurde sie Äbtissin – und erwarb durch die Ehe mit einer Lombardin namens Waldrada, einer Verwandten Ottos I., umfangreiche Güter. Jüngst wurde die Frage aufgeworfen, ob der Doge nicht versucht habe, sich auf diese Weise außerhalb der Lagune von Venedig ein eigenes Territorium zu schaffen. Die Güter zogen den Dogen in bewaffnete Konflikte auf Reichsboden.

Wie das Römisch-deutsche Reich, so trat zu dieser Zeit auch Byzanz, zu dem Venedig formal immer noch gehörte, wieder stärker in Erscheinung. Dessen Armeen gelangen erhebliche Gebietsgewinne im Kampf gegen die islamischen Nachbarreiche. Kaiser Johannes Tzimiskes untersagte den Venezianern unter Gewaltandrohung Handelskontakte zu den Sarazenen mit kriegsrelevanten Gütern.

Petrus wurde 976 trotz west-kaiserlicher Unterstützung in einem Aufstand mitsamt seinem kleinen Sohn ermordet, womit der Jahrzehnte währende Versuch scheiterte, eine Dynastie der Candiano zu etablieren. Dabei stellten die Candiano zwischen 887 und 979 fünf Dogen. Petrus IV. war der vorletzte in der Reihe der Candiano-Dogen, die die Particiaco-„Dynastie“ abgelöst hatten. Er war der Urenkel des ersten Dogen dieser Familie, der letzte Candiano-Doge war Vitale Candiano († 979), der allerdings nur wenig mehr als ein Jahr herrschte. Seine Herrschaft erwies aber, dass es keineswegs zu einer vollständigen Entmachtung der Familie des 976 getöteten Dogen gekommen war. Marina Candiano, eine Tochter Pietros und seiner ersten Frau Johanna, damit Schwester des Patriarchen Vitale, heiratete den Nachfolger des letzten Candiano auf dem Dogenstuhl.

Während des Aufstands gegen Petrus kam es zu einem verheerenden Stadtbrand. In dessen Verlauf wurde neben der Markuskirche und angeblich mehr als 300 Häusern auch das Archiv vollständig vernichtet. Der daraus resultierende Quellenmangel hat für die Kenntnis der Geschichte Venedigs für die Zeit vor 976 gravierende Folgen. Dass durch Johannes Diaconus nicht nur die älteste venezianische Chronik, die Istoria Veneticorum entstand, sondern sie nur wenige Jahrzehnte nach der Katastrophe abgefasst wurde, ist eine wesentliche Ursache für eine ungewöhnlich dichte Schilderung der Vorgänge. Hingegen ist die Zeit nach dieser Chronik (nach 1008) kaum quellenreicher als die Zeit vor Johannes Diaconus.

Leben Mitdoge, Niederlage gegen den Vater im Kampf um die Macht (ab 958), Kaperfahrten Petrus IV. Candianus war der Sohn Petrus’ III. und der Richelda, dem Namen nach einer Langobardin. Er wurde von der Volksversammlung zum Dogen gewählt, nachdem er bereits als Mitdoge seines Vaters spätestens im März 958 an der Macht beteiligt gewesen war. Dann aber wurde er verbannt, denn er hatte gegen den Vater intrigiert und daraufhingearbeitet, die alleinige Herrschaft zu gewinnen. Ein erster gewaltsamer Versuch war im Frühjahr-Sommer 959 an der Solidarität der „maior pars populi“ gescheitert, wobei die „misericordia“ seines Vaters wiederum die Hinrichtung Pietros (IV.) verhinderte. Er wurde jedoch verbannt, und Kleriker wie Laien sowie das gesamte Volk versuchten nun durch einen öffentlichen Eid zu verhindern, dass der Rebell zum Dogen aufsteigen würde, auch nicht nach dem Tod des Vaters. Die Verbannung seines Sohnes überlebte Petrus III. nur um zweieinhalb Monate. Er starb demnach im Sommer oder Herbst 959.

Hinter diesem Konflikt hart am Rande eines Bürgerkriegs dürften neben familiären, möglicherweise an den unterschiedlichen Charakteren hängenden Konflikten, vor allem Politikwechsel gestanden haben, wie Margherita Giuliana Bertolini im Rahmen der überkommenen Deutung annimmt. Diese massiven Veränderungen gingen von Reichsitalien aus, das seit dem Untergang des Weströmischen Reiches von starker Machtzersplitterung und unausgesetzten Kämpfen gekennzeichnet war. Grundbesitz und politische Interessen drohten in den Augen der Mehrheit der Venezianer die Stadt zu tief in die dortigen Konflikte zu ziehen, statt sich auf den so erfolgreichen Überseehandel zu konzentrieren. Dies wiederum hing wohl damit zusammen, dass sowohl Byzanz als auch das Römisch-deutsche Reich wieder stärkeren Einfluss in Italien gewannen. mini|Das Herzogtum Bayern 952–976 Letzteres hatte sich spätestens unter König Otto I. durch dessen Ehe mit Adelheid, der geflohenen Königin von Italien, eine Legitimation für das Ausgreifen nach Italien verschafft. Otto ließ seinen Schwiegersohn Konrad den Roten im Lande zurück, der Berengar II. 952 überzeugte, als Vasall seines Königs zum Augsburger Reichstag zu kommen. Darauf erhielten er und sein Sohn das Königreich Italien, mussten aber die Markgrafschaft Verona und das Herzogtum Friaul an das Herzogtum Bayern als königliches Lehen abtreten. 956/57 stand Ottos Sohn Liudolf in Oberitalien, zog durch das Etschtal nach Verona. Byzanz ging in Süditalien unter Marianos Argyros seinerseits 956 in die Offensive und stand an den Grenzen des Kirchenstaates.

Der Verbannte beteiligte sich an den Kämpfen auf der Seite König Berengars II. und kaperte mit dessen Hilfe und der Unterstützung Ravennas auch venezianische Schiffe.

Rückkehr aus Ravenna und Wahl zum Dogen, Vereidigung des Volkes auf seine Person (959) Nach dem Tod des Vaters wurde Petrus IV. Candianus nach Venedig zurückgeholt und zum Dogen gewählt, und dies, obwohl „Veneticorum multitudo una cum episcopis et abbatibus“, also die Menge der Venezianer, wohl der Laien, einig mit Bischöfen und Äbten, noch bei der Verbannung geschworen hatten, dass sie „numquam… eum ducem haberent“, wie der zeitlich nächste Chronist Johannes Diaconus aus dem Abstand eines halben Jahrhunderts berichtet. Möglicherweise bestand hier starker Druck seitens des Regnums.

Unter größten Ehren – 300 große und kleine Schiffe holten ihn aus Ravenna ab, so berichtet Johannes Diaconus – brachte man ihn „ad palatium“, zum seinerzeit stark befestigen Dogenpalast. Vielleicht angeregt von Gebräuchen Oberitaliens und des Reiches ließ er sich von der gesamten Bevölkerung einen persönlichen Eid schwören, um die inneren Konflikte zu überwinden.Agostino Pertusi: Quaedam regalia insignia. Ricerche sulle insegne del potere ducale a Venezia durante il Medioevo, in: Studi Veneziani XII (1966) 3–124, hier: S. 69. Neben diesem persönlichen Treueeid, der im Jahr 959 zum ersten Mal abverlangt wurde, erscheint neben dem Titel dux auch erstmals der eines princeps. Gherardo Ortalli erachtete diese Veränderungen als Ausdruck okzidentaler Einflüsse.Gherardo Ortalli: Venezia dalle origini a Pietro II Orseolo, in: Giuseppe Galasso (Hrsg.): Storia d’Italia, Bd. 1: Longobardi e Bizantini, Turin 1980, S. 339–438, hier: S. 411 (Nachdruck Mailand 1995).

Monopolisierung des Sklavenhandels, Kontrolle über die Korrespondenz zwischen den Kaiserreichen (960) Noch im Jahr 960 entstand unter Unterstützung durch den Patriarchen Bonus, der Bischöfe der Lagune und der venezianischen „primates“ eine Konstitution, die die Koexistenz mit Byzanz regeln, aber auch die Stellung des Dogen festigen sollte. Byzanz war es ab Juni 960 gelungen, einen neuralgischen Punkt des Mittelmeerhandels, die Insel Kreta, von den Sarazenen zurückzugewinnen, wie man in dieser Zeit die islamisierten Berber und Araber bezeichnete. Die nun entstandene Konstitution erneuerte auch das seit Ursus I. bestehende Verbot des Sklavenhandels, doch offenbar unter Androhung härterer Strafen. Kein Venezianer durfte Griechen Geld leihen, da sie damit Sklaven erwarben, kein Venezianer sollte es wagen, Sklaven in „terra Graecorum“ oder „ultra Polam“ (aus dem Gebiet der Griechen und jenseits des istrischen Pola) zu transportieren; keiner von ihnen durfte Geld von Griechen oder von Bewohnern Benevents annehmen, um Sklaven zu transportieren. Auch verbot die Konstitution den Venezianern, die aus dem Regnum Italicum stammende briefliche Korrespondenz – dann aus Bayern oder Sachsen oder sonst einem Reichsgebiet –, zum byzantinischen Kaiser zu bringen oder überhaupt zu den Griechen. Schließlich hatte deren offensiver Ton schon früher dem Verhältnis zu Byzanz schwer geschadet.

Die Konstitution machte den Sklavenhandel praktisch durch die Ausnahmen „pro causa palatii“ zum Staatsmonopol. Zugleich konnte die Korrespondenz zwischen den beiden Kaiserreichen, wie generell zwischen Oberitalien und Konstantinopel, nur noch über den Dogen laufen, denn die Venezianer durften nur diejenige Korrespondenz transportieren, „quae consuetudo est de nostro palatio“ (sinngemäß: was an unserem Hof üblich ist). Das Verhältnis zu Byzanz scheint ungewöhnlich gespannt gewesen zu sein. Ein Anzeichen dafür ist, dass schon der Vater des Dogen auf die übliche Reise des Sohnes nach der Dogenwahl in die byzantinische Hauptstadt verzichtet hatte. Auch zeigte sich, dass der inzwischen weit in den östlichen Mittelmeerraum ausgreifende Handel stark vom Wohlwollen des Ostkaisers abhing. Dabei spielte der Sklavenhandel, durch den Menschen von Istrien und Dalmatien, wie die Konstitution explizit ausweist, in die islamischen Länder verschleppt wurden, eine wichtige Rolle. Die Zahl der Sklaven wuchs durch die Siege über die Slawen durch Heinrich I. und Otto I. deutlich an, wie Charles Verlinden nachweisen konnte.Charles Verlinden: L’esclavage dans l’Europe médiévale, Bd. I, Brügge 1955, S. 218–222; Gino Luzzatto: L’economia veneziana nei suoi rapporti con la politica nell’Alto Medio Evo, in: Le origini di Venezia, Florenz 1964, S. 157 f.

Verstoßung der Ehefrau Johanna, Einheiratung in das westliche Kaiserhaus, Opposition (963–971)