Die Geschichte Apuliens behandelt die historische Entwicklung der südostitalienischen Region Apulien, die in etwa den Stiefelabsatz der Italienischen Halbinsel einnimmt.
Urgeschichte Paläolithikum Altpaläolithikum mini|Pirro Nord P13 befindet sich in der Felswand etwa in der Bildmitte mini|Flintkern Zur Zeit der ersten Einwanderung menschlicher Gruppen nach Italien vor mindestens 1,3 Millionen Jahren war das Land noch erheblich schmaler, die Abruzzen hatten sich noch nicht gehoben, die Adria reichte nur bis ins nördliche Apulien, ins Gebiet des Monte Gargano. Dieser liegt nicht weit von Pirro Nord entfernt, wo sich die ältesten menschlichen Artefakte Italiens fanden, die auf 1,3 bis 1,7 Millionen Jahre datiert wurden.Marta Arzarello, Federica Marcolini, Giulio Pavia, Marco Pavia, Carmelo Petronio, Mauro Petrucci, Lorenzo Rook, Raffaele Sardella: L’industrie lithique du site Pléistocène inférieur de Pirro Nord (Apricena, Italie du sud): une occupation humaine entre 1,3 et 1,7 Ma / The lithic industry of the Early Pleistocene site of Pirro Nord (Apricena South Italy): The evidence of a human occupation between 1.3 and 1.7 Ma, in: L’Anthropologie 113,1 (2009) 47-58.
Die Hebung des Apennin setzte vor 850.000 Jahren ein, so dass das flache, von Inseln durchsetzte Meer, das weite Teile der späteren Halbinsel bedeckte, verschwand. Eine erste Vergletscherung am Südrand der Alpen begann vor rund 800.000 Jahren;Margherita Mussi: Earliest Italy. An Overview of the Italian Paleolithic and Mesolithic, Kluwer Academic/Plenum Publishers, New York u. a. 2001, S. 19. dies brachte Mastodonten und Elefanten, Wisente und Pferde aus Asien und den kälteren und trockeneren Gebieten Europas nach Süden. Vor etwa 700.000 Jahren entstand der Ätna, der Vesuv ist sogar erst 25.000 Jahre alt.Margherita Mussi: Earliest Italy. An Overview of the Italian Paleolithic and Mesolithic, Springer, 2001, S. 18. mini|Oberschenkel einer Homo-erectus-Frau aus Notarchirico; er gilt mit 360.000 Jahren als ältester in einem weiteren Sinne menschlicher Überrest Süditaliens
In Apulien selbst ergibt sich eine Fundlücke. Doch nicht weit entfernt, in Isernia la Pineta (Molise), fanden sich 500.000 bis 740.000 Jahre alte Artefakte.Mauro Cremaschi, Carlo Peretto: Les sols d’habitat du site Paléolithique d’Isernia La Pineta (Molise, Italie Centrale), in: L’Anthropologie 92 (1988) 1017–1040. Die Elefantenjagdstätte Atella (700.000 Jahre) in der BasilikataClaudia Abruzzese, Daniele Aureli, Roxane Rocca: Assessment of the Acheulean in Southern Italy: New study on the Atella site (Basilicata, Italy), in: Quaternary International 393 (Januar 2016) 158–168. und Venosa Loreto, gleichfalls in der Basilikata (500 bis 550.000) nahe bei Venosa-Notarchirico, erbrachte ein Stück eines menschlichen Oberschenkelknochens, das aber widersprüchlich datiert wurde, darüber hinaus die Überreste von 84 Elefanten. Die für Apulien besonders wichtige Fundstätte Grotta Paglicci beim Monte Gargano erbrachte etwa 45.000 Fundstücke..
Mittelpaläolithikum Vor etwa 300.000 bis 200.000 Jahren wird anhand der Steinbearbeitungstechnik der Beginn des Mittelpaläolithikums mit dem Einsetzen der Levalloistechnik angesetzt, allerdings tauchte sie in Süditalien überraschend spät auf. Inzwischen gibt es jedoch auch in Apulien mindestens 110.000 Jahre alte Belege für die Levalloistechnik, etwa aus der Grotta Romanelli.Dies konnte Enza Spinapolice: Technologie lithique et circulation des matières premières au Paléolithique moyen dans le Salento (Pouilles, Italie meridionale): perspectives comportementales, Diss., Università di Roma ‘La Sapienza’ – Université Bordeaux I, Rom 2008, S. 389 nachweisen (academia.edu).
Diese Phase endete vor etwa 40.000 Jahren mit einer neuerlichen Veränderung, dem Aurignacien, das als erste Phase des Jungpaläolithikums gilt. Zu dieser Zeit wanderten Cro-Magnon-Menschen ein, deren Zahl in Italien auf 1000, wenn nicht sogar nur 500 geschätzt wurde.Margherita Mussi, Patrizia Gioia, Fabio Negrino: Ten small sites: the diversity of the Italian Aurignacian, in: Ofer Bar-Yosef, João Zilhão (Hrsg.): Towards a Definition of the Aurignacian, Instituto Portugues de Arqueologia, Lissabon 2006, S. 189–209, hier: S. 206.
Im Mittelpaläolithikum lebten Neandertaler in Europa. Neben steinernen Werkzeugen brachten sie Holzwerkzeuge und -waffen hervor, wie etwa Lanzen; hinzu kamen Werkzeuge aus Knochen, Elfenbein und Geweih, die vielfach miteinander verbunden wurden (Kompositwerkzeuge). Das Ende des Mittelpaläolithikums ist durch Übergangsindustrien gekennzeichnet, in Italien vor allem durch das Uluzzien. Es trägt bereits Kennzeichen des Jungpaläolithikums.Dazu Julien Riel-Salvatore: What is a transitional industry? The Uluzzian of southern Italy as a case study, in: Marta Camps (Hrsg.): Sourcebook of Paleolithic Transitions: Methods, Theories, and Interpretations, Springer 2009, S. 377–396. Zwar mussten während der Phasen weiträumigster Vergletscherung einige alpine Gebiete und auch die Höhenzüge der Abruzzen weitgehend geräumt werden, doch waren die Kältephasen nie so extrem, dass die Menschen sich nicht anpassen konnten.
1993 fand man bei Altamura nahe Bari in der Grotta di Lamalunga einen vollständig erhaltenen männlichen Leichnam.Vittorio Pesce Delfino, Eligio Vacca: Report of an archaic human skeleton discovered at altamura (Bari), in the „Lamalunga“ district, in: Human Evolution 9,1 (1994) 1–9 und Vittorio Pesce Delfino, Antonio Todero, Eligio Vacca: L’uomo di Altamura, in: Fiorenzo Facchini, Giovanna Belcastro (Hrsg.): La lunga storia di Neandertal. Biologia e comportamento, Mailand: Editoriale Jaca Book, 2009, S. 109–116. Es handelte sich um einen archaischen Homo sapiens, der auf ein Alter von 130.000 Jahren datiert wurde. Der Mann von Altamura war in die Spalte gestürzt und hatte sich nicht wieder befreien können. Er ist 160–165 cm groß und sein Skelett ist sehr gut erhalten.The Murge of Altamura, UNESCO. Wichtige Fundstätten sind zudem die beiden Höhlen Grotta del CavalloStefano Benazzi, Katerina Douka, Cinzia Fornai, Catherine C. Bauer, Ottmar Kullmer, Jiří Svoboda, Ildikó Pap, Francesco Mallegni, Priscilla Bayle, Michael Coquerelle, Silvana Condemi, Annamaria Ronchitelli, Katerina Harvati, Gerhard W. Weber: Early dispersal of modern humans in Europe and implications for Neanderthal behaviour, in: Nature 479, Nummer 7374, November 2011, S. 525–528, , PMID 22048311. und Grotta di Santa Croce.Zu Süditalien vgl. Julien Riel-Salvatore, C. Michael Barton: Late Pleistocene technology, economic behavior, and land use dynamics in southern Italy, in: American Antiquity 69 (2004) 257-274.
Jungpaläolithikum Auch während der extensivsten Ausdehnungsphasen der Gletscher war auch Süditalien für zahlreiche Pflanzen und Tiere ein Refugium, da das dortige Klima vergleichsweise mild blieb. Dabei konnte anhand von Untersuchungen am Lago Grande di Monticchio in der Basilikata gezeigt werden, dass das Klima in diesen Kaltzeiten sehr viel trockener war, so dass man von einer Trockensteppe ausgeht., Climate Diagnostics Directory. Diese Trockenheit dürfte negative Auswirkungen auf die Megafauna gehabt haben, was wiederum einen starken Anpassungsdruck auf die Menschen – seien sie Neandertaler oder Cro-Magnon-Menschen gewesen – verursachte, da ihre wichtigste Jagdbeute verschwand.
Vielfach wird die früheste Phase des Jungpaläolithikums, das Uluzzien, noch dem Mittelpaläolithikum zugerechnet. Der Name geht auf Uluzzo im südlichen Apulien zurück, wo entsprechende Funde Anfang der 1960er Jahre in der Grotta del Cavallo gemacht wurden. Wichtigste Fundorte in Apulien sind neben der besagten Grotta del Cavallo die Grotta Bernardini und die Grotta Riparo di Uluzzo. Zwei Zähne aus der Grotta del Cavallo wurden auf ein Alter von 45.000 bis 43.000 Kalenderjahren vor heute datiert und galten bis 2020 als der älteste Beleg für die Existenz des anatomisch modernen Menschen in Europa.Stefano Benazzi et al.: Early dispersal of modern humans in Europe and implications for Neanderthal behaviour, in: Nature 479 (2011) 525–528, doi:10.1038/nature10617.
Es fanden sich Knochenklingen in der Cavallo-Höhle, in der Grotta di Castelcivita (der einzigen mit modernen Methoden ausgegrabenen Höhle des Uluzzien), ebenso wie in Uluzzo C, sowie Ahlen. In der Höhle von Castelcivita ließ sich Fischfang belegen.Annamaria Ronchitelli, Paolo Boscato, Paolo Gambassini: Gli ultimi Neandertalesi in Italia. Aspetti culturali, in: Fiorenzo Facchini, Maria Giovanna Belcastro (Hrsg.): La lunga storia di Neandertal. Biologia e comportamento, Jaca, Mailand 2009, S. 257–287, hier: S. 262. mini|Ritzzeichnung eines Bos Primigenius in der Grotta del Romito, der Höhle des Einsiedlers Kunstwerke aus dem Paläolithikum, wie sie in Frankreich und Spanien so häufig sind, sind in Italien äußerst selten. Einige der ältesten fanden sich in der Grotta del Romito in Kalabrien.Fabio Marini, Domenico Lo Vetro: Grotta del Romito a Papasidero. Uomo, ambiente e culture nel Paleolitico della Calabria. Ricerche 1961–2011, Florenz 2011. Dort fand sich in Form einer Steinritzung beispielsweise die Darstellung eines Auerochsen. Zudem fanden sich dort Grabstellen vor der Höhle.Grotta del Romito.
Genetische Untersuchungen erwiesen 2023, dass sich zwar während des letzten kaltzeitlichen Maximums der Gletscherausdehnung die Jäger und Sammler auf die iberische Halbinsel zurückzogen. Doch der ebenfalls angenommene Rückzug nach Italien fand demnach nicht statt. Die Jäger und Sammler aus Ost- und Südeuropa starben im Gegenteil allem Anschein nach aus. Sie sind in Italien nach dem Kältemaximum genetisch nicht mehr nachweisbar.Cosimo Posth, He Yu, Ayshin Ghalichi, Hélène Rougier, Isabelle Crevecoeur et al.: Palaeogenomics of Upper Palaeolithic to Neolithic European hunter-gatherers, in: Nature, 1. März 2023 (online).
Neolithikum (frühbäuerliche Kulturen)
mini|Zusammenhänge europäisch-westasiatischer archäologischer Kulturen nach genetischen Kriterien, mit Wanderungen des 5. Jahrtausends v. Chr. Die Cardial- oder Impressokultur breitete sich im 7. Jahrtausend v. Chr. an der östlichen Adriaküste und rund um das westliche Mittelmeer aus. Ab dem 6. Jahrtausend v. Chr. setzte sich im Süden Italiens die Bodenbewirtschaftung – vor allem ältere Formen des Weizens, Roggen und Bohnen wurden nun angebaut – und Haltung von Haustieren – vor allem Hund, Ziege, Schaf, Schwein und Rind – durch. Die veränderten Kulturen brachten komplexe rituelle und religiöse Formen, Ansiedlung in Dörfern, KeramikKeramik gab es bereits vor und außerhalb der Entstehung der Landwirtschaft. Dies zeigt Peter Jordan, Marek Zvelebil: Ceramics Before Farming. The Dispersal of Pottery Among Prehistoric Eurasian Hunter-Gatherers, West Coast Press, Walnut Creek 2009., gewebte Stoffe und handwerkliche Spezialisierungen hervor. Die schon länger vermutete Ausbreitung auf dem Seeweg bestätigen inzwischen genetische Untersuchungen, die darüber hinaus zeigen, dass die Pflanzen und Tiere, die die neuen Siedler mitbrachten, ebenfalls aus dem östlichen Mittelmeerraum stammten.
mini|Die archäologischen Kulturen Europas und des angrenzenden Mittelmeerraums im Mittleren Neolithikum, ca. 4500 bis 4000 v. Chr. Die frühesten neolithischen Funde setzen in Italien zwischen 6100 und 5800 v. Chr. ein.Andrea Pessina, Vincenzo Tiné: Archeologia del Neolitico. L’Italia tra VI e IV millennio a.C. Carocci, Rom 2008, S. 28ff. Dabei erfolgte eine Besiedlung zunächst entlang der Küstensäume von Apulien, Basilikata und Kalabrien, die sich entlang der Flüsse ins Inland ausdehnte.