Der Karpas (, ), auch Karpass, ist eine knapp 900 km² umfassende und mindestens 80 km langeFarid Mirbagheri, Emilios A. Solomou: Historical Dictionary of Cyprus, Rowman & Littlefield, 2022, S. 108; eine gewisse Unsicherheit besteht mit Blick auf die Westgrenze. Halbinsel im Nordosten der Mittelmeerinsel Zypern. Sie bildet den östlichsten Teil des Kyrenia-Gebirges. Seine östliche Spitze bildet das Kap Apostolos Andreas, dem die unbewohnten Kleides-Inseln (‚Schlüssel‘) vorgelagert sind.

Die Halbinsel hatte im Jahr 2016 knapp 24.000 Einwohner. Die bedeutendste Stadt ist Rizokarpaso oder Dipkarpaz, wie sie in der griechischen bzw. türkischen Sprache heißt. Hinzu kommen mehr als 40 Dörfer. Viehzucht (Schafe und Ziegen) sowie der Anbau von Johannisbrot, heute vor allem für die kosmetische Industrie, bildeten neben dem Anbau von Getreide sowie der Gewinnung von Olivenöl, Wein, Früchten und Nüssen den wichtigsten Wirtschaftszweig. Zeitweise waren auch der Tabakanbau und die Seidenzucht sowie die Baumwollproduktion von erheblicher Bedeutung. Diese agrarischen Wirtschaftszweige wurden inzwischen vom Tourismus und der Bauindustrie überflügelt.

Den frühesten Beleg menschlicher Anwesenheit stellt eine bäuerliche Siedlung auf der Halbinsel dar, die um 8400 v. Chr. entstand. In der Bronzezeit wurde Zypern durch den Handel mit seinem Kupfer zu einem einflussreichen politischen Zentrum, was auf dem Karpas zur Entstehung von Galinoporni-Vasili, einem größeren Machtzentrum, und in der Folge zur Errichtung von Befestigungsanlagen führte. Zypern konnte jedoch seine Unabhängigkeit seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. nur mehr kurzzeitig wahren.

Lange zuvor setzte die Besiedlung durch Griechen ein, die kulturell und sprachlich die vorherige Bevölkerung in einem noch unverstandenen Prozess überlagerte, wobei die Eteokyprische Sprache verschwand. Zu den Griechen gesellte sich eine Reihe anderer ethnischer Gruppen. Nach der griechisch-römischen Epoche teilten sich das orthodoxe Byzanz auf der einen und die islamischen Großmächte der Umayyaden und Abbasiden auf der anderen Seite möglicherweise die Insel bis 965. 1185 machte sich Zypern für einige Jahre vom orthodoxen Byzanz unabhängig, wobei mit Kantara auf dem Karpas eine der mächtigsten Burgen entstand. Zypern ging allerdings bereits 1191 an die katholischen Kreuzfahrer, die den Karpas massiv befestigten. Dessen Bevölkerung blieb jedoch weitgehend orthodox, sieht man von den dorthin geflohenen Maroniten ab. Den französischsprachigen Kreuzfahrern, gegen deren sprachlichen Einfluss sich das Griechische zunehmend durchsetzte, folgte 1489 Venedig als Herrin der Insel. 1570/71 kam der Karpas mitsamt der Insel an das sunnitische Osmanenreich, was erstmals zur Zuwanderung von Türken führte, aber auch von Angehörigen anderer ethnischer Gruppen des Vielvölkerstaates. 1878 bzw. 1914 folgte Großbritannien als Kolonialmacht, das die Insel 1960 in die Unabhängigkeit entließ. Inzwischen waren aus den eher religiös begründeten Konflikten stärker ethnisch begründete geworden, wobei der Karpas eine griechisch-orthodoxe Hochburg blieb. Das Kloster Apostolos Andreas war seit langem der wichtigste Pilgerort der Insel.

Auf die Halbinsel kamen insbesondere ab 1974 vor allem nord-anatolische Soldaten, Staatsbedienstete und Siedler, nachdem die Türkei als Reaktion auf einen Anschlussversuch an Griechenland (Enosis) den Nordteil Zyperns besetzt hatte. Seither haben Griechen und Maroniten die Halbinsel fast vollständig verlassen. Seit 1983 gehört der Karpas zur international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern. Das kulturelle Erbe ist, zunächst durch Gewalt, dann durch Vernachlässigung bedroht, wenn sich auch die Bemühungen zu seiner Bewahrung in jüngster Zeit verstärkt haben.

Die Strände des Karpas sind wichtige Gelegestätten bedrohter Meeresschildkröten (Caretta caretta und Chelonia mydas). Auf der Halbinsel leben etwa zehn Fledermausarten, insgesamt ließen sich mehr als zwanzig Säugetier- und zahlreiche Vogelarten nachweisen. Von ökologischer Bedeutung ist zudem der Karpas-Nationalpark mit seinen Wäldern. Intensiver beforscht werden inzwischen die Küstensäume, die Raum für extrem seltene Arten bieten; dies führt zu Konflikten mit den touristischen Bau- und Nutzungsvorhaben, hinter denen meist ausländische Investoren stehen.

Name Die Halbinsel taucht in der Literatur unter geringen Abweichungen als Karpas oder Karpass, Karpaz oder Kırpaşa, in den Quellen des Mittelalters auch als Carpas oder Καρπασ auf. Dieser Name geht auf die antike Stadt Karpasia (Καρπασία) zurück, deren Name auf die Halbinsel ausgedehnt wurde. Möglicherweise wurde die Stadt wiederum nach der lokal gängigen Bezeichnung für einen Nordwind benannt.

Geografie

Ausdehnung und Grenzen mini|Die fünf Verwaltungsbezirke der Türkischen Republik Nordzypern mit dem dunkler dargestellten Distrikt İskele auf der Karpas-Halbinsel mini|Die von der Republik Zypern weiterhin als maßgeblich beanspruchte Verwaltungsgliederung nebst Grenzverlauf Die Halbinsel umfasst eine Fläche von 898 km²,Dies und das Folgende nach Karpaz area. Local Development Strategy, Nikosia 2010, hier: S. 5. die politisch in fünf Munizipalitäten des Distrikts İskele zerfällt, der zur international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern gehört. Formal bildet der Karpas immer noch einen Teil des Bezirks Famagusta der Republik Zypern.

Die besagten Munizipalitäten sind İskele, Mehmetçik, Büyükkonuk, Yeni Erenköy und Dipkarpaz, sowie Tatlısu, das in den Augen Nordzyperns zum Distrikt Gazimağusa, in denjenigen der Republik Zypern zum Bezirk Famagusta gehört. Im Griechischen heißen die Hauptorte der Bezirke Trikomo, Galatia, Komi Kepir, Yialousa und Rizokarpaso. Wegen der seit 1974 politisch und damit zusammenhängend ethnischsprachlich ungeklärten Situation werden die Ortsnamen zweisprachig aufgeführt, es sei denn, es sind explizit aktuelle organisatorische oder historische Zusammenhänge fokussiert. Tatlısu wurde auf eigenen Antrag dem Distrikt İskele angeschlossen, dem darüber hinaus 35 Dörfer angehören, von denen wiederum fünf in der Mesaoria-Ebene liegen. Im Nordwesten liegt die Bezirksgrenze bei Esentepe/Agios Amvrosios (Distrikt Girne), im Westen und Südwesten Geçitkale/Lefkoniko und Yeniboğaziçi/Agios Sergios (Famagusta/Gazimağusa). Als traditioneller Eingang zur Halbinsel gilt Boğaz (auch Bogazi), während sie im Süden an die Mesaoria-Ebene grenzt, wo İskele das Zentrum des Distrikts darstellt.

Im Osten vorgelagert sind die neun unbewohnten Kleides-Inseln (Zafer adaları), zu denen Dalmonaris, Kila, Lefkonisos und Skaloudia zählen, dann die Inselgruppe um Kordylia sowie einige Felsen.Ioannis Nikolaou Vogiatzakis, Gloria Pungetti, Antoinette M. Mannion (Hrsg.): Mediterranean Island Landscapes. Natural and Cultural Approaches, Springer Science & Business Media, 2008, Tab. 4.4, S. 69.

Geologie und Landschaft mini|Zypern im Rahmen der anatolischen Plattentektonik Die Karpas-Halbinsel stellt eines der vier Segmente des Kyrenia-Gebirges dar, das üblicherweise in die westliche, die zentrale, die östliche und die Karpas Range eingeteilt wird.Alastair H. F. Robertson, Tim C. Kinnaird: Structural development of the central Kyrenia Range (north Cyprus) in its regional setting in the eastern Mediterranean region, in: International Journal of Earth Sciences 105,1 (2016) 417–437. Das etwa 160 km lange Gebirge heißt westlich von Melounda/Mallıdağ auch PentadaktylosSo definiert in der Encyclopedia Britannica. und ging aus einer Serie von Sedimentablagerungen zwischen Perm und mittlerem Miozän hervor (beginnend vor knapp 300 Millionen Jahren), die wiederum durch die Kollision der afrikanischen mit der eurasischen Platte entstanden ist. Während die afrikanische Platte mit einem Millimeter pro Jahr nordwärts driftet, wandert die anatolische Platte etwa zwanzigmal so schnell westwärts.Youssi Mart, William Ryan: The tectonics of Cyprus Arc: a model of complex continental collision, in: EGS – AGU – EUG Joint Assembly, Abstracts from the meeting held in Nice, France, 6 – 11 April 2003.

Obwohl kaum halb so hoch wie das fast 2000 m aufragende Troodos-Gebirge ist der Karpas doch stark zerklüftet. Die ältesten Gesteine stammen aus dem Perm, als das Gebiet am Rande Gondwanas lag, und werden als Kantara-Formation bezeichnet, benannt nach der gleichnamigen Burg im Westen der Karpas-Halbinsel. Sie kommen hauptsächlich auf der besagten Halbinsel vor und zwar in Form verschieden großer Olistolithen (Fremdgestein).Ioannis Panayides: Cyprus, in: Rosemary G. Gillespie, David A. Clague (Hrsg.): Encyclopedia of Islands, University of California Press, 2009, S. 212. Große Teile des Gebirgszugs bestehen, wie die Gebirge Zyperns insgesamt, aus Ophiolithen, also ozeanischem Gestein, das starken Hebungen unterlag, vor allem aber aus Kalkstein. Hinzu kommen ultramafische, plutonische Gesteine, also solche magmatischen Ursprungs, die vielfach hohe Metallgehalte aufweisen, wie etwa Kupfer, was aber vor allem um das Troodos-Gebirge abgebaut wurde. Auf dem Karpas entstand durch zahlreiche Nord-Süd-Faltungen und zusammen mit der leichten Erodierbarkeit des sandigen Kythrea-Flyschs eine raue, zerklüftete Landschaft von mitunter erheblicher Trockenheit.

Da sowohl der Teil Pangaeas, den heute Afrika darstellt, als auch der Teil, der heute Europa ist, weiter südlich lagen, herrschte im Bereich der Tethys ein überwiegend tropisches bis subtropisches Klima. Die Kollision mit der afrikanischen Platte, die vor etwa 191 Millionen Jahren ihre Bewegungsrichtung von einer Ostdrift zu einer Norddrift änderte, erzeugte vor 20 bis 10 Millionen Jahren steile Berge in der Kerynea-Zone, die aus komplexen Kalksteinblöcken, dicken Flyschlagen und begrenzten Mengen metamorphen und magmatischen Gesteins bestehen.Zomenia Zomeni, Adriana Bruggeman: Soil Resources of Cyprus, in: Yusuf Yigini, Panos Panagos, Luca Montanarella (Hrsg.): Soil Resources of Mediterranean and Caucasus Countries Extension of the European Soil Database, European Commission Joint Research Centre Institute for Environment and Sustainability, 2013, S. 40 online (PDF).

Der Richtungswechsel des afrikanischen Kontinents in Verbindung mit der Öffnung der Neo-Tethys führte zu einem Subduktionsprozess sowie in der Kreidezeit zu einer Rotation des Südens um 60° gegen den Uhrzeigersinn, bis die Subduktion am südlichen Troodos endete. Gleichzeitig wurde das Gebirge, das nun aus dem Tethys-Ozean auftauchte, nordwärts Richtung Kyrenia-Gebirge geschoben, das Teil der eurasischen Platte war, während die Mesaoria-Ebene noch unter Wasser lag. Im Miozän setzte eine erneute Subduktion im Süden ein; erst im späten Pliozän lagerten sich die heutigen Inselteile aneinander.France Lagroix, Graham J. Borradaile: Tectonics of the circum-Troodos sedimentary cover of Cyprus, from rock magnetic and structural observations, in: Journal of Structural Geology 22 (2000) 453–469, hier: S. 453 f. (online, PDF).

Eine vergleichsweise kurzzeitig bestehende Landverbindung mit Anatolien in der Zeit vor 5,9 bis 5,4 Millionen Jahren kann nicht ausgeschlossen werden,Petr Benda, Vladimír Hanák, Ivan Horáček, Pavel Hulva, Radek Lučak, Manuel Ruedi: Bats (Mammalia: Chiroptera) of the Eastern Mediterranean. Part 5. Bat fauna of Cyprus: review of records with confirmationofsixspeciesnew for the island and description of a new subspecies, in: Acta Soc. Zool. Bohem 71 (2007) 71–130, hier: S. 72. Vgl. Messinische Salinitätskrise. als das Mittelmeer weitgehend austrocknete und neue Landtiere die Insel erreichten (s. Flora und Fauna). Seit mindestens fünf Millionen Jahren ist Zypern durchgängig eine Insel. mini|Die Nordküste mit dem Kyrenia-Gebirge