mini|Fliegende Großtrappen mini|hochkant|Großtrappe aus einem Aufzuchtprogramm im ehem. Bezirk Magdeburg, 1981 mini|Jungvogel der Großtrappe mini|hochkant|Gelege, Sammlung Museum Wiesbaden
Die Großtrappe (Otis tarda) ist ein Vogel aus der Familie der Trappen (Otididae). Mit einem Gewicht von bis zu 16 kg zählt sie zu den schwersten flugfähigen Vögeln der Welt. Die Art besiedelt weiträumig offene Landschaften, wie es sie natürlicherweise in Mitteleuropa nach der letzten Eiszeit nicht mehr gab, aber vom Menschen als Kulturlandschaft wieder geschaffen wurde. Durch Veränderungen dieser Kulturlandschaften in den jüngsten zwei Jahrhunderten ging der mitteleuropäische Bestand fast vollständig zugrunde. Die wenigen Reliktvorkommen bedürfen heute eines aufwendigen Schutzes.
Etymologie Der wissenschaftliche Name setzt sich aus „Trappe“Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul-und Handwörterbuch. G. Freytag Verlag, München 1954 (vergleiche Gemoll online). und „langsam, träge“Joseph Maria Stowasser: Lateinisch-Deutsches Schulwörterbuch. G. Freytag Verlag, München 1979. zusammen.
Erscheinungsbild Mit einer Körperlänge von etwa 105 Zentimetern, einer Flügelspannweite von rund 240 Zentimetern sowie einem Gewicht zwischen 8 und 15 Kilogramm gehört die Großtrappe – allerdings nur im männlichen Geschlecht – zu den größten Vogelarten in der mitteleuropäischen Tierwelt. Weibchen bleiben wesentlich kleiner bei einem Gewicht von bis zu 5,3 Kilogramm.
Das Gefieder ist am Kopf hellgrau, am Hals bei der Henne ebenfalls ganz hellgrau, beim Hahn oben weiß und dann in fließendem Übergang rostbraun. An der Körperoberseite findet sich eine rostbraun-dunkelbraune Sperberung (d. h. ein bänderförmiges Scheckenmuster), während die Körperunterseite wiederum hellgrau gefärbt ist. Beim Hahn fällt der rostbraune Farbton deutlich intensiver aus als bei der Henne. Zudem entwickeln Hähne ab einem gewissen Alter beidseitig unterhalb des Schnabelgrundes einen langen Federbart, der normalerweise schräg nach unten und hinten weist. Die massige Gestalt dieser Vögel wird von entsprechend kräftigen Beinen getragen.
Verbreitung Die Großtrappe bewohnte Steppen auf Schwarzerdeböden und auch Heide- und Brachflächen auf guten Böden, in einem großen, jedoch unzusammenhängenden Gebiet von Marokko über die Iberische Halbinsel, Mitteleuropa und Zentralasien bis zur Mongolei. Heute kommen sie in West- und Mitteleuropa in zu Acker und Grünland umgewandelten ehemaligen Heide- und Brachflächen vor. Vor allem in Mitteleuropa ist sie inselhaft und sehr lokal anzutreffen, wie z. B. in Brandenburg.Hans-Günther Bauer, Einhard Bezzel, Wolfgang Fiedler (Hrsg.): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas: Alles über Biologie, Gefährdung und Schutz. Band 1: Nonpasseriformes – Nichtsperlingsvögel. Aula-Verlag Wiebelsheim, Wiesbaden 2005, S. 384–386. Gemäß der Einordnung des IUCN gilt die Art als vulnerable, das heißt gefährdet.The IUCN Red List of Threatened Species: Otis tarda, 2017.
Der Bestand in Europa hat in den letzten Jahren in einigen Ländern durch Schutzmaßnahmen zugenommen, wobei die Gesamtbestandszahl nur mit einer gewissen Ungenauigkeit angegeben werden kann. So gab es im Jahr 2004 in Europa 35.600 bis 38.500 Tiere, (2008) 37.935 bis 47.122 Tiere, (2012) 39.136 bis 44.940 Tiere; ferner im Jahr 2012 weltweit 44.000 bis 51.000 Großtrappen.great bustards Distribution and population numbers International Technisches Büro für Biologie Mag. Dr. Rainer Raab, 16 January 2018
Die Großtrappe ist im mitteleuropäischen Verbreitungsgebiet ein Jahresvogel.
Lebensraum Großtrappen brauchen weiträumig offenes Gelände, auf dem sie Störungen frühzeitig erkennen können. Als Primärbiotop sind Steppen auf Schwarzerdeböden anzusehen. In Mitteleuropa kam die Art früher auf Heide-, Öd- und Brachflächen vor. Heute wird der Lebensraum von Ackerflächen, Kultursteppen und Grünwiesen mit einer möglichst vielseitigen Kulturform gebildet. Die Standortvögel Mitteleuropas leben in Regionen, in denen die Schneedecke gering bleibt und nur von geringer Dauer ist, die Jahresniederschlagsmengen im Schnitt unter 600 mm bleiben, und im Sommer hohe Temperaturen vorherrschen. In Mitteleuropa werden von der Großtrappe nur noch Tieflagen besiedelt, wohingegen sie in Spanien auch in Lagen über 1000 Höhenmeter vorkommt. Wichtig ist, dass ausreichend Winternahrung vorhanden ist. Dabei spielt in Mitteleuropa Raps als Zwischenfrucht eine Rolle, ansonsten Kultur- und Wildkräuter.Bauer et al., S. 386.
Verhalten Großtrappen leben nach Geschlechtern getrennt in Gruppen. Sie halten sich bei jeder erdenklichen Witterung immer auf freiem Feld auf.
Auch wenn diese Vogelart auf das Leben am Boden ausgelegt ist, und sie sich mit ihrem Gewicht an der Obergrenze der Flugfähigkeit bei Vögeln befindet, so gehört doch auch das Fliegen zu ihren Wesenselementen. Zum Abheben müssen sich die Trappen gegen den Wind richten und zunächst einige Hüpfer durchführen. Geflogen wird als Reaktion auf Störungen, aber auch um Flächen mit unterschiedlichem Bewuchs je nach Bedarf anzusteuern. Darüber hinaus streift ein Teil der Individuen, meist der jüngeren Jahrgänge, auf der Suche nach neuen Siedlungsräumen in begrenztem Maße weiter umher. Zwischen den Populationen in den drei derzeitigen Vorkommensgebieten Deutschlands, welche jeweils etwa 30 km voneinander entfernt liegen, besteht auf jeden Fall ein laufender Austausch.https://lfu.brandenburg.de/sixcms/media.php/9/lfu_bb_nl_2018_2_3_grosstrappe.pdf
Die Fluchtdistanz gegenüber dem Menschen ist außergewöhnlich groß. Man kann diesen Vogel daher nicht in der gleichen Weise beobachten wie z. B. Kranich, Weißstorch und Graureiher. Im Umfeld von traditionellen Balzstätten sind spezielle Beobachtungstürme aufgestellt worden, welche optisch mit einer Baumgruppe verschmelzen und zu denen der Zugang hinter einer Gebüschreihe erfolgt. Sonst würden die Trappen eine Annäherung mit Abflug quittieren.
Bei der Großtrappe handelt es sich um ein weitestgehend stummes Tier ohne nennenswerte Lautäußerungen.
Ernährung Erwachsene Tiere fressen Kräuter, Körner, Samen, Früchte, Insekten und Kleinsäuger. Bei der Pflanzennahrung spielen insbesondere Klee, Erbse, Esparsette, Luzerne, eine Reihe von Kreuzblütlern sowie Wiesen- und Ackerkräuter eine Rolle. Sie fressen außerdem auch Beeren, Rhizome und Zwiebeln. Großtrappen können giftige Blasenkäfer der Gattung Meloe fressen, um sich selbst zu behandeln (Zoopharmakognosie), was die sexuelle Erregung der männlichen Tiere erhöht. Einige Pflanzen, die während der Paarungszeit ausgewählt wurden, zeigten In-vitro-Aktivität gegen Labormodelle von Parasiten und Krankheitserregern.
Fortpflanzung Für die Balz im Frühjahr wird ein ausgewähltes, oft traditionell benutztes Landstück aufgesucht. Zunächst kommt es dort zu Rangeleien zwischen den Männchen. Dominante Individuen spreizen dann ihr Gefieder und stülpen es derart um, dass sozusagen ein riesiger, unregelmäßig geformter, weißer Federball entsteht, der in der offenen Landschaft – besonders in der Dämmerung – weithin auffällt. Zusätzlich plustern sie ihren Kehlsack auf und richten die Bartfedern nach oben. Gegenüber den angelockten Weibchen wird sich so von allen Seiten präsentiert. Zur weiteren Anbahnung versuchen die Hähne auch mit den Flügeln den Hennen auf den Rücken zu klopfen. Nach den polygamen Kopulationsvorgängen endet der Kontakt zwischen den Geschlechtern für ein Jahr. Das weitere Fortpflanzungsgeschehen ist Sache des Weibchens allein.
Meist zwei, seltener drei Eier werden in eine einfache Bodenmulde gelegt und 21 bis 26 Tage lang bebrütet. Als Nestflüchter können die Küken schon ab dem zweiten Lebenstag ihrer Mutter folgen. Dennoch fressen sie noch nicht selbständig, sondern werden etwa zwei Wochen lang mit Insekten (v. a. Heuschrecken) und anderen Kleintieren gefüttert.https://www.grosstrappe.at/de/grosstrappe/biologie.html In der Folge schließen sich die Jungtiere zusammen mit ihrer Mutter einer Weibchengruppe an, bis sie nach dem nächsten Winter endgültig das Erwachsenenstadium beginnen. Die Lebenserwartung beträgt bis zu über 20 Jahre.
Schutzstatus und Schutzmaßnahmen Die Großtrappe ist in Deutschland und Österreich vom Aussterben bedroht (Rote Liste Kategorie 1 bzw. Critically Endangered). Sie zählt zum Anhang I der EU-Vogelschutzrichtlinie (RL 79/409/EWG).
Beim Bau der Eisenbahnschnellfahrstrecke Hannover–Berlin durch das Havelländische Luch ab Ende 1996 wurden sowohl während der Bauphase als auch an der fertigen Strecke Maßnahmen zum Schutz der Großtrappen ergriffen, um das Gebiet als Lebensraum für die Tiere zu erhalten. Dazu wurde die Strecke im Trappeneinstandsgebiet mit hohen Erdwällen umgeben, damit die Vögel nicht in die Stromleitungen der Bahn fliegen.
Im Rahmen von Life-Projekten der EU wurden von 2005 bis 2010 gemeinsam in Österreich, Ungarn und der Slowakei Schutzprojekte durchgeführt, um die Population wieder zu erhöhen. Einen großen Beitrag dazu lieferte die Erdverkabelung von Mittelspannungsleitungen und die Markierung von Hochspannungsleitungen, die durch die geringe Flughöhe der Vögel oft zur tödlichen Falle werden. In Niederösterreich und im Burgenland wurden insgesamt 47,4 km oberirdische Mittelspannungsleitungen entfernt und 150 km Hochspannungsleitungen markiert. Im Rahmen des Projektes wurden rund 3500 Hektar Trappenschutzflächen als Brut- und Nahrungshabitate angelegt. Es wurden eigens sogenannte Trappenbrachen und Winteräsungsflächen mit Raps angelegt. Seitens der Europäischen Kommission wurde im Herbst 2010 das Trappenschutz-Folgeprojekt bis 2015 mit 4,5 Millionen Euro genehmigt.75.000 Euro für den Schutz der Großtrappe Stephan Pernkopf, 18. Mai 2011, abgerufen am 1. Juni 2011Rainer Raab, Alois Lang: Sensible Schwergewichtige – Großtrappen zwischen Donau und Neusiedler See. Nationalpark Nr. 155, 1/2012: 18–20.