Das Kastell Pfünz, lateinisch Castra Vetoniana oder Vetonianae,Jörg Fassbinder: Neue Ergebnisse der geophysikalischen Prospektion am Obergermanisch-Raetischen Limes. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes, Band 3, Theiss, Stuttgart 2008. ISBN 978-3-8062-2251-7. S. 163. ist ein römisches Kohortenkastell bei Pfünz, einem Ortsteil der Gemeinde Walting im Landkreis Eichstätt, Bayern. Es wurde ab etwa 90 n. Chr. auf einem 42 Meter hohen Jurasporn zwischen dem Tal der Altmühl und dem des Pfünzer Baches errichtet und ist Bestandteil des 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Rätischen Limes. Historisch bedeutend sind vor Ort die Reste des teils in den Felsen geschlagenen Doppelspitzgrabens, der an der Westmauer am besten erhalten ist. Im Zuge eines Druckwasserleitungsbaues wurden vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege 1998 erneut Sondierungen vorgenommen. Darüber hinaus bieten die Befunde und das reichhaltige, teils sehr seltene Fundmaterial aus Pfünz bis in die Gegenwart Anlass für neue Studien.
Lage mini|links|Das Kastell mit seinem Limesumfeld mini|300x300px|Luftbild des Kastells mini|300px|Das Kastell mit seinem näheren Umfeld nach den Befunden der RLK (1884 bis 1900), Luftbildbefunden sowie den geomagnetischen Messungen der Jahre 2000 und 2010. Hellrot ist der Vicus-Bereich. Nach Fischer (2008) gab es an der Südseite nur einen Graben.
In seiner Ausrichtung folgte das rund elf Kilometer hinter dem Limes gelegene Kastell genau der Nord-Süd-Richtung. Die Anlage wurde hoch über dem Talgrund der Altmühl auf einem nördlich orientierten, steilen Bergsporn der Albhochfläche errichtet. Im Nordwesten und Osten konnten von den Türmen und Wehrmauern der talwärts liegende Pfünzer Bach, ein bereits damals dort befindlicher antiker Flussübergang und der angrenzende Talbereich überwacht werden. Außerdem befand sich in Pfünz eine zentrale Straßenkreuzung, unter anderem zum Kastell Weißenburg im Westen und zum nördlich am Limes gelegenen Kastell Böhming, das nach einem hölzernen Vorgängerbau 181 n. Chr. in Stein neu ausgebaut worden ist. Der deutsche Ortsname Pfünz leitet sich von dem lateinischen pons (Brücke) ab. Neben diesen örtlichen Überwachungsaufgaben war Vetoniana auch für die Sicherung des in Luftlinie rund 10,2 km entfernten Limes zuständig und stellte vielleicht auch die Besatzung von Böhming.Thomas Fischer, Erika Riedmeier Fischer: Der römische Limes in Bayern. Pustet, Regensburg 2008. ISBN 978-3-7917-2120-0. S. 139f
Forschungsgeschichte mini|links|Im Jahr 1806 war Pfünz als Kreuzungspunkt wichtiger römischer Straßen bereits bekannt
Der Flurname „Altkirchen-Feld“, auf dem das Kastell liegt, erinnert nicht mehr an die alte Befestigung, sondern knüpft an die Geschichte einer später dort aus römischen Spolien errichteten Pfarrkirche an. Ein sehr früher wissenschaftlich interessierter Ausgräber am Ort war der Augsburger Regierungsdirektor und Gründer des Schwäbischen Geschichtsvereins, Johann Nepomuk von Raiser (1768–1853). Er grub 1809 „einen Tempel mit einem Schöpfbrunnen“ sowie „mehrere Römerwohnungen“ aus und erkannte südlich des Lagerdorfes einige Grabhügelgruppen. Der damals entdeckte Inschriftenstein für Sedatus. an der einstigen Nikolauskirche gehörte zu den damals meistzitierten Funden. 1884 nahm Friedrich Winkelmann (1852–1934), ein Streckenkommissar der 1892 gegründeten Reichs-Limeskommission (RLK), seine Arbeit in Pfünz auf. Er besaß einige Grundstücke auf dem historischen Areal. Doch erst die gemeinsamen Untersuchungen mit Karl Popp (1825–1905), einem bayerischen Generalmajor a. D., dem Prähistoriker Friedrich Ohlenschlager (1840–1916) und dem Hauptmann a. D. Hugo Arnold (1842–1904), brachten ein umfassendes Bild der Pfünzer Geschichte. Die Grabungen waren zu ihrer Zeit die umfangreichsten im Bereich römischer Limeskastelle und Lagerdörfer und endeten erst 1900. Die am besten erhaltenen Abschnitte der Umwehrung wurden nach Abschluss der Arbeiten restauriert und sichtbar gemacht. Erst 1954/55 fand eine dringend notwendig gewordene Sicherung dieser Grundmauern statt. Im Jahr 1960Walter E. Keller, Walter Grabert: Die Römer am Limes. 5. überarbeitete Auflage, Keller, Treuchtlingen 1998, ISBN 3-924828-49-0, S. 71 wurde eine zurückhaltende Teilrekonstruktion an einigen Bauteilen der Umfassungsmauer ausgeführt, wie sie heute noch am Südosteckturm sichtbar ist. Der fortschreitende Verfall zog eine erneute konservatorische Sanierung des Nord-, Süd- und Westtors zwischen 1987 und 1988 mit sich.Karl Zecherle: Geschichte des Kastells Pfünz bei Eichstätt. In: Schönere Heimat, Nr. 2/92. Mitgliederzeitschrift des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege, 1992. S. 82–86. Im Jahr 2000 untersuchte der Geoarchäologe Helmut Becker große Bereiche des Kastellinneren geomagnetisch. Die Auswertung der Daten fand jedoch erst 2007 statt und brachte wertvolle Anhaltspunkte für spätere Grabungen.Jörg Fassbinder: Neue Ergebnisse der geophysikalischen Prospektion am Obergermanisch-Raetischen Limes. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes, Band 3, Theiss, Stuttgart 2008. ISBN 978-3-8062-2251-7. S. 164.
Heutiger Zustand mini|links|Rekonstruktionsversuch des nordwestlichen Eckturms. Dieser trug in der Antike höchstwahrscheinlich ein Ziegel- oder Schindeldach mini|Rekonstruktionsversuch der um ein Stockwerk zu niedrigen Porta praetoria auf den antiken Fundamenten. Blick vom Lagerinneren auf das Tor mini|Rekonstruierter Verputz mit aufgemaltem Quadermauerwerk am Kastell Saalburg
Ohne fachbezogene wissenschaftliche Mithilfe und ohne moderne archäologische VoruntersuchungHartwig Schmidt: Archäologische Denkmäler in Deutschland – Rekonstruiert und wieder aufgebaut, Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1395-X. S. 109. wurden zwischen 1992 und 1994 auf den antiken Mauerstümpfen in großflächiger, jedoch „wenig geglückter Art“ das Nordtor, der Nordwestturm und die dazwischenliegende Umwehrung nachempfunden.Britta Rabold, Egon Schallmayer, Andreas Thiel: Der Limes, Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1461-1. S. 136. Wie bei vielen fachlich nicht unterstützten Initiativen am Limes, einen nicht bekannten antiken Bestand zu ergänzen, wurden dabei teilweise verschiedene Befunde von anderen Kastellen, die in Pfünz nicht gemacht wurden, zusammengefasst. Da man beim Wiederaufbau gleichzeitig jedoch tatsächliche Befunde aus Pfünz nicht berücksichtigte, fehlt dem Nachbau nun das auch bei anderen Kastellen übliche Gesims an Tor und Mauer. Tor und Turm wurden zudem ein Stockwerk zu niedrig wiederaufgebaut und der Eckturm wird in der Antike mit einem Dach ausgestattet gewesen sein, obwohl man bei der RLK-Grabung dazu keinen Anhalt fand. Somit gibt dieser Nachbau nur eine sehr frei interpretierte allgemeine Vorstellung von einem „römischen Kastell“. Ein wesentliches Erscheinungsmerkmal antiker Militärbauten ist ebenfalls nicht dargestellt. So trugen die Anlagen einen weißen Verputz, bei dem mit rotem Fugenstrich ein Quadermauerwerk vorgetäuscht wurde.
Das Innere des Kastellgeländes wird bis heute landwirtschaftlich genutzt.
Baugeschichte mini|Rekonstruktionsversuch der Porta praetoria nach Vorstellung von Fischer (2008) und Angaben aus Johnson/Baatz (1987) mini|Leicht veraltete Rekonstruktionsskizze des Kastells um 200 n. Chr. mini|Teilrekonstruierte Südostecke; Deutlich erkennbar ist der authentisch erhaltene Teil im unteren Drittel der Baustruktur (Zustand 1993).
Vetoniana wurde möglicherweise bereits in der Spätzeit Kaiser Domitians um 90 n. Chr. als Holz-Erde-Kastell im Zuge des Straßenbaus von Kastell Kösching (gegründet im Frühjahr 80) zum Kastell Weißenburg (gegründet um 90) errichtet. Nach Jörg Fassbinder könnte der Limes in dieser Zeit entlang der neuen Straße verlaufen sein und Pfünz somit eine Zeitlang direkt an der Reichsgrenze gelegen haben. Spätestens mit der Vorverlegung des Limes auf seine letzte Ausbaustufe nahm Pfünz bis zu seinem Untergang die Position eines rückwärtigen Kohortenkastells am Limes ein. Diese endgültige Grenzziehung kann für die Provinz Raetien in der Regierungszeit Kaiser Hadrians (117–138) verortet werden.
Die Ausgräber erfassten von dem frühen Lager Spuren unter dem Süd- und Nordtor. Wie eine aus dem Torverband stammende, 1888 aufgefundene Bauinschrift an der Porta principalis sinistra deutlich macht,. wurde das Kastell während der Herrschaft von Kaiser Antoninus Pius (138–161) in Stein ausgebaut. Die Inschrift gibt jedoch in dem überlieferten Zustand keinen noch genaueren Zeitpunkt preis. Diese Zeit lässt sich auch aufgrund architektonischer Gestaltungsmerkmale am zentralen Verwaltungsgebäude, den Principia, ermitteln. Speziell die später im raetisch-germanischen Raum üblichen, halbrund ausgeführten Apsidien für das Fahnenheiligtum,Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle. von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 112. deren Einrichtung in Pfünz noch fehlt, machen eine grobe Baudatierung für die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts möglich. Internationale Untersuchungen zeigen, dass der römische Kastellausbau einem allgemeingültigen Norm-Plan folgte, der den örtlichen Gegebenheiten, der Nutzung sowie der vorgesehenen Mannschaftsstärke angepasst wurde. Die Cohors I Breucorum civium Romanorum, die als Stammbelegung für das Kastell Pfünz nachgewiesen ist, hat neben ihrem eigenen Kastell in Zusammenarbeit mit einer Bauabteilung der 3. Italischen Legion (Legio III Italica) im Jahr 181 auch das kleine Numeruskastell Böhming in Bayern nach möglichen Zerstörungen während der Markomannenkriege (166–180) neu errichtet. Nachdem die aus Regensburg stammende Legionseinheit Tore, Türme und Wehrmauern ausgeführt hatte, wurde die Innenbebauung von der Pfünzer Truppe erledigt. Die Nähe der Cohors I Breucorum zur Regensburger Legion ist zumindest für dieses Jahr belegt, da als Kommandant für die Pfünzer Einheit in der erhaltenen Böhminger Bauinschrift ein Centurio der Legio III Italica genannt wird.Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle, von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 58.
Umwehrung mini|In situ erhaltener Radabweiser am südlichen Torturm (Zustand 1993) mini|Der in den Jurafelsen gehauene Doppelspitzgraben an der Westseite des Kastells mini|Der Graben an der Südseite, im Vordergrund die teilrekonstruierte Porta decumana Das Kastell Pfünz bildet im Grundriss ein verschobenes Rechteck (Parallelogramm) mit Ausmaßen von rund 189 (187) × 145 (144) Metern und umschloss rund 2,5 Hektar. Diese Fläche ist noch heute deutlich als erhöhter Wall erkennbar. Da die damaligen Geometer den Grundriss etwas verschoben festlegten, was vielleicht auf Gerätefehler zurückzuführen ist,Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle, von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 54. mussten sich die im Anschluss geplanten, weitgehend standardisierten Gebäude im Kastellinneren den damit verschobenen kreuzförmig zur Lagermitte zusammenlaufenden Hauptstraßen anpassen. Dabei drehte man die ergrabenen Gebäude jedoch nicht nur einfach, sondern plante sie gleichzeitig schiefwinklig. Wie bei den in diese Zeitstellung gehörenden Lagern üblich, besaß die Umwehrung runde Ecken, in denen je ein Wachturm stand. Der 1887 ergrabene nordwestliche Eckturm war bei der Ausgrabung noch rund 0,50 Meter hoch erhalten. Seine Mauerdicke betrug an der Außenseite rund 1,2 Meter, an den Flanken sowie an der dem Lager zugewandten Rückseite maßen die Ausgräber nur 0,85 bis 1,00 Meter. Nach den Ausgrabungsbefunden hat es ansonsten nur einen Zwischenturm in der südöstlichen Retentura, der hinteren Lagerhälfte, gegeben. Alle vier Tore der Anlage sind mit einer Doppelzufahrt ausgestattet, die von zwei Tortürmen flankiert wird. Die das Kastell umlaufenden Doppelspitzgräben folgen den Rundungen der Kastellmauer und setzen an den vier Tordurchfahrten aus. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass das Lager im Süden nur einen Graben besaß. Der aber war dafür besonders breit und tief.
Innenbebauung