Unter Schuppanzigh-Quartett werden hier mehrere zwischen ca. 1794 und 1830 von Ignaz Schuppanzigh in Wien geleitete Streichquartett-Formationen zusammengefasst. Vor allem durch die erstmalige Veranstaltung öffentlicher Kammermusik-Konzertzyklen und die Einführung und Verbreitung der Streicherwerke Ludwig van Beethovens nehmen sie eine überaus bedeutende Rolle in der Musikgeschichte ein.
Geschichte Quartettmusik in der Besetzungsform mit zwei Violinen, einer Bratsche und einem Cello wurde ursprünglich von Joseph Haydn als mehrsätzige Unterhaltungsstücke (Divertimenti) geschrieben. Sie entwickelte sich in Wien rasch zu einer beliebten Kammermusik-Gattung in differenzierten Ausprägungen: für den Eigen- oder Salongebrauch von (adeligen, bürgerlichen) „Dilettanten-Ensembles“ ebenso wie für die im engsten Kreis gepflegte bürgerliche Hausmusik. Daraus resultierte eine breite Streichquartettkultur mit einem großen Bedarf an Kompositionen.
In systematischer Auseinandersetzung und Weiterentwicklung (Haydn, Mozart) entstand aus den einfacheren Divertimenti das klassische Streichquartett. Dieses hatte zu der Zeit, als Schuppanzigh das Ensemblespiel aufnahm, seinen Unterhaltungscharakter schon weitgehend verloren. Für Kenner und Aufführungen in größerem gesellschaftlichem Rahmen komponiert, mutierte es bald zu einer der anspruchsvollsten Gattungen der Kammermusik. Verbunden damit waren immer höhere Anforderungen an die technischen Fähigkeiten der Interpreten und an die Hörgewohnheiten des Publikums.
In diesem Prozess der Professionalisierung des Ensemblespiels und dessen Weg aus Musizierstube und Salon in den öffentlichen Konzertsaal spielte Schuppanzigh eine zentrale Rolle. In unterschiedlichen Lebensphasen war er Gründer bzw. Primgeiger von zumindest vier Streichquartett-Ensembles, die als Lichnowsky-Quartett, Schuppanzigh-Quartett I, Rasumowsky-Quartett und Schuppanzigh-Quartett II in die Geschichte eingegangen sind.
Lichnowsky-Quartett Bereits um 1794, als Achtzehnjähriger, ist Schuppanzigh als Primarius eines festen, von Fürst Karl Lichnowsky unterhaltenen Streichquartetts hervorgetreten. Dessen Palais war eines der Zentren des musikbegeisterten Wiener Adels und Treffpunkt berühmter Komponisten und Virtuosen. Nicht nur Musikliebhaber, sondern auch guter Pianist, stand Fürst Lichnowsky unter anderen mit seinem Lehrer Mozart in freundschaftlicher Verbindung.
Dem wegen seiner jungen Musiker zuweilen als „Knabenquartett“ bezeichneten Ensemble gehörten neben Schuppanzigh die noch um zwei Jahre jüngeren Louis Sina (Schüler von Emanuel Förster) als zweiter Violinist, Franz Weiß als Bratschist und Nikolaus Kraft als Cellist an. Dieser wurde öfter von seinem Vater Anton vertreten, der unter Joseph Haydns Leitung Mitglied der Esterhazy-Kapelle war (bis zur Auflösung 1790). Auch die Position des zweiten Violinisten scheint nicht selten von anderen Musikern eingenommen worden zu sein.
Das Lichnowsky-Quartett konzertierte wöchentlich (freitagmorgens) vor ausgesuchter Gesellschaft, der zuweilen auch Joseph Haydn und Emanuel Förster und oft Ludwig van Beethoven angehörten. Haydns, Försters und Mozarts Quartettwerke gehörten zum festen Repertoire des Ensembles, und die Komponisten waren vereinzelt auch an den Proben beteiligt, wobei sie wichtige Interpretationshinweise gaben. Schon früh lernten die Musiker so neben technischer Perfektion die Unterordnung im Ensemble zugunsten einer vom Komponisten kommunizierten Werkintention.
Noch intensiver war aber die Zusammenarbeit mit Beethoven, der 1792 zum Studium bei Joseph Haydn nach Wien gekommen war. Offenbar rasch mit Fürst Lichnowsky bekannt geworden, wurde dieser sein großzügiger Förderer und gab ihm bis 1796 auch eine Unterkunft. Auch sein Quartett stand Beethoven zur Erprobung seiner ersten Kammermusikwerke und zu deren Erstaufführung im privaten Kreis zur Verfügung. Dies galt insbesondere für die Klaviertrios op. 1 (Jahreswende 1793/94), das Streichquintett op. 4 (1795/96), das Septett op. 20 (1799/1800) und vermutlich die 1798 bis 1800 im Auftrag von Fürst Lobkowitz entstandenen Streichquartette op. 18.
1799 scheinen die Quartettveranstaltungen bei Fürst Lichnowsky geendet zu haben, ohne dass sich dazu in der einschlägigen Literatur Näheres findet.
Schuppanzigh-Quartett I Vermutlich seit 1795, gesichert aber seit 1798/99, war Schuppanzigh auch mit der Durchführung von Konzerten im Augarten beschäftigt. Im Winter 1804/1805 begann er dann, mit einem eigenen Ensemble regelmäßig öffentliche Kammermusikkonzerte zu veranstalten. Seine Partner waren sein Schüler Joseph Mayseder, der Bratschist Anton Schreiber und Anton Kraft, der vertretungsweise schon häufig im Lichnowsky-Quartett mitgewirkt hatte.
Musikgeschichtlich waren diese öffentlichen Streichquartett-Konzerte ein Novum. Die Ausgangssituation umschrieb Eduard Hanslick in seiner „Geschichte des Concertwesens in Wien“ folgendermaßen: „Die Virtuosen ließen sich (öffentlich) zum Quartettspiel nicht herab, die Dilettanten wagten sich damit an die Öffentlichkeit nicht hinauf; das Publicum endlich, an ein bunteres, effectvolleres Concertgenre gewöhnt, empfand lange Zeit nach öffentlichen Kammermusiken keinerlei Sehnsucht. Ja bei dem großen Publicum stand die Quartettmusik als kalt, finster und gelehrt in einigem Verruf.“Eduard Hanslick: Geschichte des Concertwesens in Wien. Bd. 1, Braumüller, Wien 1869, S. 202.
Bis dahin hatte sich also in Wien eine umfassende Streichquartett-Kultur ausgebildet und Quartettmusik war eifrig, aber von Berufsmusikern und „Dilettanten“ eben nur im Rahmen adeliger oder bürgerlicher Salons bzw. der Hausmusik gepflegt worden. Erst das Schuppanzigh-Quartett bot nun frei zugängliche, im Abonnement mit Vorauszahlung zu buchende „Quartettsoirée-Zyklen“ an. Deren Zuhörer kamen freilich auch hauptsächlich aus gehobenen Schichten oder waren Fachleute – diese Annahme scheint schon allein deswegen berechtigt, weil (aus heutiger Sicht befremdend) die Konzerte meist donnerstags zwischen 12:00 und 14:00 Uhr stattfanden. Aufführungsort war anfangs ein Privathaus, später ein Saal im Hotel Zum Römischen Kaiser.
Das Aufführungsrepertoire lässt sich nur vage nachvollziehen, Schwerpunkte scheinen jedenfalls wieder Haydn, Mozart und vor allem Beethoven gewesen zu sein, der in engem Kontakt zu Schuppanzigh und dem Quartett stand.
Zeitgenössische Kritiken hoben vor allem das hohe Niveau des Ensemblespiels hervor, das sich wohltuend von der selbst inszenierenden Dominanz virtuoser Einzelmusiker unterscheide. Ferner, dass es Schuppanzigh „bey seinem vortrefflichen Quartettvortrage (gelang), in den Geist der Komposition genau einzudringen (…) und das Feurige, Kräftige, aber auch Feinere, Zahrte, Humoristische, Liebliche, Tänzelnde bezeichnend herauszuheben“.Anonym (Ignaz Ritter von Seyfried?) in: Allgemeine Musik-Zeitung Leipzig. Jg. 7, H. 33 (15. Mai 1805), Sp. 534f.
Diese Veranstaltungen erfreuten sich bald zunehmender Beliebtheit, und ihr Ruf verbreitete sich rasch in ganz Europa. In Folge entstanden etwa in Prag (1808), Leipzig (1808), Königsberg (1810), Berlin (1813) und Paris (1814) ortsfeste professionelle Streichquartett-Ensembles in relativ fixer Besetzung, die öffentliche Konzerte gaben.
Rasumowsky-Quartett 1808 gewann Fürst Rasumowsky das Schuppanzigh-Quartett gegen eine feste, lebenslange Besoldung für seine Hausmusik. Historisch für Hanslick ein finaler Akt in der Genese des Orchesterwesens von der fürstlichen Privatkapelle hin zum öffentlich auftretenden professionellen Ensemble: „Als letztes Glied dieser Kette kann man das berühmte ‚Rasumowsky’sche Quartett’ betrachten, das für Beethoven und durch Beethoven so große Bedeutung erlangte.“Eduard Hanslick: Geschichte des Concertwesens in Wien. Bd. 1, Braumüller, Wien 1869, S. 38.
Neben Schuppanzigh als Primarius spielte der Fürst anfänglich selbst die 2. Violine, doch überließ er diese Position bald Louis Sina. Franz Weiß, der schon im Lichnowsky-Quartett die Bratsche gespielt hatte und der aus Schlesien nach Wien gekommene Joseph Linke als Cellist waren die anderen Partner.
Die Konzerte des Ensembles im Palais Rasumofsky hatten schon mehr öffentlichen Charakter, und da auch Beethoven durch den Fürsten unterstützt wurde, stand es ihm mehr oder weniger zur Verfügung. In Rasumowskys Auftrag hatte Beethoven bereits 1806 die drei Streichquartette op. 59 komponiert, die höchstwahrscheinlich durch dieses Quartett uraufgeführt wurden. Das Gleiche ist für die Streichquartette op. 74 (1809) und op. 95 (1810) anzunehmen.
Die Zusammenarbeit zwischen Beethoven und den Musikern des Rasumowsky-Quartetts wurde vom Komponisten Ignaz von Seyfried recht eindrücklich charakterisiert: „Wie bekannt war Beethoven im fürstlichen Hause so zu sagen Hahn im Korbe; Alles was er componirte, wurde dort brühwarm aus der Pfanne durchprobirt und nach eigener Angabe haarscharf, genau, wie er es ebenso und schlechterdings nicht anders haben wollte ausgeführt; mit einem Eifer, mit Liebe, Folgsamkeit und einer Pietät, die nur solch glühenden Verehrern seines Genius entstammen konnte und einzig blos durch das tiefste Eindringen in die geheimsten Intentionen; durch das vollkommene Erfassen der geistigen Tendenz gelangten jene Quartettisten im Vortrage Beethoven’scher Tondichtungen zu jener universellen Berühmtheit, worüber in der ganzen Kunstwelt nur eine Stimme herrschte.“Zitiert nach: Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette. Kulturgeschichtliche Aspekte und Werkinterpretation. Rombach, Freiburg i. Br. 2004, S. 32.
Vertraglich aber nicht eingeschränkt, veranstaltete das Ensemble mit denselben Programmschwerpunkten weiterhin seine öffentlichen Konzertzyklen und so „wurde das Rasumowsky’sche Quartett für die Verbreitung und das Verständnis der Beethoven’schen Kammermusik von größter Wichtigkeit“.Eduard Hanslick: Geschichte des Concertwesens in Wien. Bd. 1. Braumüller, Wien 1869, S. 204.
Als nach dem Brand des Rasumowsky-Palais Ende 1814 die Voraussetzungen für die fürstlichen Quartettaufführungen verloren gegangen waren, wurden die Musiker (1816) von ihrem Gönner (bei Entgeltfortzahlung) aus den Diensten entlassen. Noch im Sommer 1815 hatte aber Schuppanzigh begonnen – in Anlehnung an die Augartenkonzerte – sogar im Prater Morgenunterhaltungen (jeweils dienstags um 8:00 Uhr) mit Schwerpunkt Kammermusik zu veranstalten.
Intermezzo Nach der Auflösung des Rasumowsky-Quartetts unternahm Schuppanzigh nun ausgedehnte Reisen nach Deutschland, Polen und Russland, die allerdings nur sehr lückenhaft dokumentiert sind. So wird zwar vermutet, dass er auch in St. Petersburg an Quartettaufführungen am Hof des Fürsten Galitzin teilgenommen und sich dort für Beethovens Streichquartette eingesetzt hat, Nachweise darüber fehlen aber.
In Wien selbst versuchte der junge Joseph Böhm (1816) die Schuppanzigh’schen Quartett-Zyklen mit dessen Partnern fortzuführen, doch zunächst mit wenig Erfolg. Ein neuerlicher Versuch (1821), mit Karl Holz, Franz Weiß und Joseph Linke die Quartett-„Unterhaltungen“ im Prater wieder aufzunehmen, war hoffnungsvoller, doch wurde auch dieser nicht fortgesetzt.
Schuppanzigh-Quartett II Schon bald nach der Rückkehr Schuppanzighs nach Wien im Frühjahr 1823 übernahm er Böhms Quartettkollegen zur Gründung eines neuen Ensembles und bestritt ab Juni 1823 wieder regelmäßig öffentliche Soirée-Zyklen. Diese fanden nunmehr an Sonntagnachmittagen im Musikvereinssaal statt. Anfänglich wenig besucht, erfreuten sie sich bald wieder immer größeren Zuspruchs.
Das aufgeführte Repertoire konzentrierte sich jetzt noch stärker auf die Werke von Haydn, Mozart und Beethoven, dessen Streichquartett-Schaffen mit der Rückkehr Schuppanzighs einen starken Impuls erfuhr. Dieser war es möglicherweise auch, der – noch in St. Petersburg – Fürst Nikolaus Galitzin (1822) zur Bestellung von drei Quartettkompositionen bei Beethoven angeregt hatte.