Die Nationale Volksarmee (NVA) umfasste von 1956 bis 1990 als Streitkräfte der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) die dem Ministerium für Nationale Verteidigung (MfNV) unterstehenden militärischen Formationen und Einrichtungen der Bewaffneten Organe der DDR sowie des (militärischen) Ersatzwesens in der DDR.
Geschichte der Streitkräfte Vorgeschichte zum äußeren Schutz Die offenen Fragen der deutschen Staatlichkeit und Außengrenzen nach Kriegsende 1945 sowie der Demarkationslinien zwischen den Besatzungszonen machte Festlegungen der Alliierten zum Schutz an den Außen- und Binnengrenzen durch Truppen der Siegermächte notwendig.
An den territorialen Abgrenzungslinien der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) stand die Rote Armee, die zu ihrer Unterstützung 1945 einzelne deutsche Polizisten heranzog. Im Sommer 1945 waren auch in der Sowjetischen Besatzungszone neue Polizeiorgane in den einzelnen Ländern geschaffen worden. Ende 1946 umfassten diese etwa 40.000 Polizeiangehörige.Bundesarchiv, BArch, DVH 27. In: Kommando der Deutschen Volkspolizei. Institutionengeschichte. Aufstellung.
Die ursprünglich administrative Abgrenzung der Militärverwaltungsbereiche der Alliierten an der Demarkationslinie zur SBZ erhielt Anfang 1947 durch den Zusammenschluss der amerikanischen und britischen Besatzungszonen zur Bizone eine neue, politische Bedeutung. Sie wurde in den Augen der SMAD als ein erster Schritt zu einer separaten deutschen (Teil-)Staatsbildung gedeutet und gab einen zusätzlichen Auftrieb zur Zentralisierung länderübergreifender deutscher Verwaltungsorgane in der SBZ.Zeittafel zur Militärgeschichte der Deutschen Demokratischen Republik. 1949–1984. Militärverlag der DDR, Berlin 1986, S. 12.
1948 wurde in der SBZ die Deutsche Verwaltung des Innern (DVdI) geschaffen. Ab Mitte 1948 wurden weitere aufgestellte Volkspolizei-Formationen an die Hauptverwaltung Ausbildung (HVA) dieser zentralen Institution gebunden.Bundesarchiv, BArch, DVH 27. In: Kommando der Deutschen Volkspolizei. Institutionengeschichte. Aufstellung.
Folgen der beiden deutschen Staatsgründungen (1949–1952) Vom Mai bis September 1949 war die Konstituierung der Bundesrepublik Deutschland vollzogen worden. Nach Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zum 7. Oktober 1949 erfolgten zunächst keine wesentlichen Veränderungen bei den Bewaffneten Organen. Im Juni 1950 wurde die Hauptverwaltung der Seepolizei (HVS) gebildet, aus der die Seestreitkräfte in der DDR hervorgingen.Zeittafel zur Militärgeschichte der Deutschen Demokratischen Republik. 1949–1984. Militärverlag der DDR, Berlin 1986, S. 17.
Entstehung der DDR-Streitkräfte Die NVA-Gründung 1956 war das Ergebnis einer Entwicklung seit 1948, die am 10. Juli 1952 mit der Proklamation „eigener starker nationaler Streitkräfte“ durch den Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, fortgesetzt wurde. Mit der Schaffung regulärer Streitkräfte sollte gewartet werden, solange die Bundesrepublik über keine formierte Armee verfügt und keinem Militärbündnis angehört.Brockhaus Kalender Abenteuer Geschichte, 10. Juli 2008.
Im weiteren Zeitverlauf wurden demzufolge aus den Formationen der Hauptverwaltung Ausbildung die Kasernierte Volkspolizei (KVP) sowie die Grundstrukturen einer Militärorganisation aufgebaut.
Bereits die Schaffung und Formierung der Infanterieverbände und mechanisierten Verbände der Kasernierten Volkspolizei (KVP)Mit Befehl 500/50 des Chefs der Hauptverwaltung Ausbildung (C-HVA), Generalinspekteur Heinz Hofmann, zur Reorganisation der bis dahin gebildeten Volkspolizei-Bereitschaften und -Schulen wurde der zielstrebige Aufbau der Kasernierten Volkspolizei (KVP) eingeleitet. der DDR Anfang der 1950er Jahre wurde in der DDR frühzeitig das sowjetische Prinzip der dualen militärischen Führungsfunktion im Territorium installiert und in der KVP-Nachfolge beibehalten. Das bedeutete, dass der Auftrag zur operativen „Feldführung“ der KVP-Formationen und die militäradministrative „Territoriale Verwaltung“ für das Ersatzwesen unter einheitlichem Kommando vollzogen wurden. Erst in (zu) bestimmenden Anlassfällen wäre die funktionelle und strukturelle Trennung möglich gewesen.
Die maßgebliche Forderung aus der Sowjetunion nach originären DDR-Streitkräften bekam erst Öffentlichkeit, nachdem im November 1955Zeittafel für das Jahr 1956. In: Autorenkollektiv: Zeittafel zur Militärgeschichte der Deutschen Demokratischen Republik 1949–1988. Berlin 1989, ISBN 3-327-00720-9, S. 56–74. in der Bundesrepublik Deutschland die Bundeswehr geschaffen wurde.Torsten Diedrich, Rüdiger Wenzke: Die getarnte Armee - Geschichte der Kasernierten Volkspolizei 1952–1956. Berlin 2001, S. 453–454. Die Territorialverwaltungen der KVP führten de facto bereits im Spätherbst 1955 die Vorbereitungen zur Umwandlung der KVP in reguläre Streitkräfte der DDR.Zum Beispiel wurde in der KVP-Chronik (Quelle: BA/MA 3/3056 KVP) das 2.mot.A-Kommando der KVP-Bereitschaft Halle für den Zeitraum vom 1. Dezember 1955 bis 1. Oktober 1956 bereits als „17. mot.Schtz.Regt.“ (Schreibweise laut Chronik) ausgewiesen.
Gründung der NVA Die Gründung der NVA erfolgte am 18. Januar 1956 per GesetzGesetz über die Schaffung der Nationalen Volksarmee und des Ministeriums für Nationale Verteidigung vom 18. Januar 1956 im Gesetzblatt der DDR, Teil I Nr. 8 vom 24. Januar 1956, S. 81ff., Digitalisat. (zeitlich nach der Bundeswehr). Die Aufstellung erfolgte in mehreren Etappen, wobei bis zum 1. März 1956 die Stäbe und Verwaltungen einsatzfähig sein sollten.Stephan Fingerle: Waffen in Arbeiterhand – Die Rekrutierung des Offizierskorps der NVA und ihrer Vorläufer. Berlin 2001, S. 137 f. Bis kurz nach dem Mauerbau 1961 war die NVA im betonten Gegensatz zur Bundeswehr eine Freiwilligenarmee. Ideologisch verstand sich die Führung der neuen Armee trotz Übernahme einiger äußerer Strukturelemente von der Wehrmacht nicht in der Tradition des preußisch-deutschen Militarismus.
mini|Ehrenwache des Wachregiments Friedrich Engels der NVA 1990
Von den drei Möglichkeiten der Neubildung einer militärischen Elite: 1) man greift auf die alte Elite zurück; 2) man bildet eine neue Elite ohne Berücksichtigung der alten; 3) man kombiniert beide Formen, versuchte die DDR den zweiten Weg zu gehen.Rüdiger Wenzke: Das unliebsame Erbe der Wehrmacht und der Aufbau der DDR-Volksarmee. In: Rolf-Dieter Müller, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Die Wehrmacht. Mythos und Realität. München 2012, S. 1117. So wurde nur im geringen Maße auf ehemalige Angehörige der Wehrmacht zurückgegriffen. Sie kamen meist aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft und waren dort bei antifaschistischen Frontschulen ideologisch vorgebildet und ausgewählt worden. Der bekannteste ehemalige Wehrmachtsgeneral, der auch in der NVA diente, war Vincenz Müller.
Mit Stichtag 1. Januar 1958 waren im 20.399 Mann starken Bestand der NVA etwa 2.600 ehemalige Mannschafts- und etwa 1.600 Unteroffiziersdienstgrade sowie 400 Offiziere – insgesamt an die 23 Prozent – ehemalige Wehrmachtsangehörige.Daniel Niemetz: Das feldgraue Erbe. Wehrmachtseinflüsse im Militär der SBZ/DDR. S. 274. Die ehemaligen Offiziere wurden vorwiegend im Ministerium, an Schulen und in Kommandostellen der Teilstreitkräfte und Militärbezirke eingesetzt. Von den 82 höheren Kommandoposten in der Armee waren 61 von ehemaligen Wehrmachtsangehörigen besetzt. Auf Beschluss des Politbüros der SED vom 15. Februar 1957 wurden jedoch fast alle ehemaligen Wehrmachtsoffiziere bis Ende der 1950er-Jahre schrittweise aus der NVA entlassen und pensioniert. Darunter fielen auch die vier noch in die NVA übernommenen Wehrmachtsgenerale von Lenski, Müller, Walther und Wulz.Hans Ehlert, Armin Wagner: Genosse General! Die Militärelite der DDR in biografischen Skizzen. Ch Links Verlag, Berlin 2003. Trotzdem hatten noch am 1. Januar 1960 von insgesamt 653 Offizieren der NVA im Nomenklaturkaderbestand 338 Armeeangehörige früher der Wehrmacht angehört, nunmehr fast ausschließlich als Mannschafts- oder Unteroffiziersdienstgrad.Daniel Niemetz: Das feldgraue Erbe. Wehrmachtseinflüsse im Militär der SBZ/DDR. S. 275.
Positionierung und Entwicklung Nach der Gründung war die NVA – im Gegensatz zu den anderen Armeen des Warschauer Paktes – eine Freiwilligenarmee, was in der propagandistischen Auseinandersetzung mit der Bundeswehr als Vorzug hervorgehoben wurde. Die Wiederbewaffnungsdiskussion war an der DDR nicht spurlos vorübergegangen, der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 hatte die Führung der DDR erheblich verunsichert. Ein deutliches Misstrauen der osteuropäischen Verbündeten den Ostdeutschen gegenüber blieb lange bestehen. Die Einführung der Wehrpflicht 1962 nach dem Bau der Berliner Mauer,Rüdiger Wenzke: vom Kampfauftrag der FDJ und dem Verteidigungsgesetz 1961 vorbereitet, wurde von vielen als Niederlage empfunden. Mit der Einführung der Wehrpflicht wurde es der NVA möglich, die angestrebte Personalstärke von ca. 170.000 Soldaten zu erreichen.
mini|Abordnung der NVA beim VIII. Parteitag der SED 1971 mini|Die Generale Stechbarth (links) und Keßler (rechts) in ihren Paradefahrzeugen GAZ-13 Tschaika 1988 bei der Parade der NVA zum 39. Jahrestag der DDR
Die NVA diente zunächst der Machtabsicherung der SED nach innen und war selbst erheblicher Kontrolle durch die SED unterworfen. Die Partei hatte sich durch die Einrichtung der Politischen Hauptverwaltung (PHV) in der Armee und durch eine spezielle Struktur von Parteiorganisationen die führende Rolle in der NVA gesichert. Die Offiziere und Fähnriche (seit 1973) und Berufsunteroffiziere waren bis auf wenige Ausnahmen Mitglieder der SED. Bei den Unteroffizieren wurde ein hoher Anteil an SED-Mitgliedern angestrebt. Laut Giesein: Hans Ehlert, Matthias Rogg (Hg.): Militär, Staat und Gesellschaft in der DDR. Forschungsfelder, Ergebnisse, Perspektiven. (= Militärgeschichte der DDR; Bd. 8), Ch. Links Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-86153-329-4, S. 15. resultierte daraus ein erhebliches Konfliktpotenzial zwischen politischem Anspruch und militärischer Professionalität. Die politische Beeinflussung habe sich anfangs sehr negativ auf die militärischen Entscheidungsprozesse ausgewirkt. Das Ministerium für Staatssicherheit war auch in der NVA präsent: 1987 gab es rund 12.700 inoffizielle Mitarbeiter innerhalb der NVA, was bedeutet, dass auf 16–17 Soldaten, Grenzsoldaten oder zivile Mitarbeiter ein „Spitzel“ kam.R. Wenzke: Zwischen Prager Frühling 1968 und Herbst 1989. In: ders. (Hrsg.) Staatsfeinde. S. 322 f., zit. nach M. Kutz: Deutsche Soldaten. Darmstadt 2006, S. 334.
Die 1970er und 1980er Jahre waren durch einen Professionalisierungsprozess und eine stärkere eigenständige außenpolitische Rolle der NVA gekennzeichnet. Im Dauerkonflikt der DDR mit der Bundesrepublik um die Anerkennung im Ausland wurden auch die Streitkräfte eingesetzt. Insbesondere in Afrika und dem Mittleren Osten war die NVA zur Unterstützung und Begleitung vielfältiger Rüstungs- und (Militär-)Infrastrukturprojekte für befreundete Regierungen und Befreiungsbewegungen tätig und unterhielt eine hohe Auslandspräsenz, die nur von der Sowjetunion und Kuba übertroffen wurde. Anfang der 1980er Jahre wurde der Bereich militärische Mikroelektronik insbesondere im Süden der DDR ausgebaut. Nach der Wahl Gorbatschows zum Generalsekretär der KPdSU Mitte der 1980er Jahre fiel aber die Sowjetunion als Hauptabnehmer von hochwertigen Rüstungsexporten aus, was erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten auslöste.
Militärische Erfahrung und Auslandspräsenz mini|Besuch des Stellvertretenden Ministers für Nationale Verteidigung Siegfried Weiß bei Truppen, die an den Aktionen im Rahmen der Niederschlagung des Prager Frühlings beteiligt waren. mini|Erich Honecker beim Truppenbesuch, 1972 mini|Sozialistischer Bruderkuss zwischen Offizieren der NVA und der Sowjetarmee