mini|300px|Der Bolschewik, Ölgemälde von Boris Kustodijew (1920)

Die Oktoberrevolution () vom war die gewaltsame Machtübernahme durch die kommunistischen Bolschewiki unter Führung Wladimir Iljitsch Lenins in Russland. Sie beseitigte die aus der Februarrevolution hervorgegangene Doppelherrschaft der sozialistisch-liberalen Provisorischen Regierung unter Alexander Kerenski und des Petrograder Sowjets. Dies führte zu einem mehrjährigen Bürgerkrieg und nach dessen Ende 1922 zur Gründung der Sowjetunion, einer Diktatur der Kommunistischen Partei Russlands.

In der UdSSR und den realsozialistischen Ländern gewöhnlich als Große Sozialistische Oktoberrevolution (russisch )Nach einer Information des Bundesarchivs verwendeten in der DDR die SED und Behörden die Abkürzung GSOR. und als Wendepunkt der Menschheitsgeschichte glorifiziert, betrachteten die Gegner der Bolschewiki die Ereignisse als bloßen Staatsstreich, als Oktoberputsch, dessen Ergebnisse sich erst nach einem blutigen Bürgerkrieg verfestigten.

Der Begriff Oktoberrevolution wurde bewusst geprägt, um das Geschehen gegenüber der vorausgegangenen Februarrevolution aufzuwerten, die immerhin die Abdankung Zar Nikolaus’ II. und das Ende der jahrhundertealten russischen Monarchie bewirkt hatte. Die Bezeichnung beider Ereignisse nach den Monaten Februar und Oktober beruht auf dem damals in Russland noch verwendeten Julianischen Kalender. Nach dem im übrigen Europa geltenden Gregorianischen Kalender, der dem Julianischen um 13 Tage voraus war, in Russland aber erst mit dem eingeführt wurde, fielen beide Ereignisse in die jeweiligen Folgemonate. Daher wurde der Jahrestag der Oktoberrevolution in der Sowjetunion stets am 7. November begangen.

Ursachen Doppelherrschaft Die Februarrevolution hatte zwar zum Sturz des Zaren Nikolaus II. (1868–1918) und des Zarismus geführt, die wichtigsten sozialen und politischen Probleme Russlands aber einer Lösung kaum nähergebracht. Die drängendste Frage war, ob der seit 1914 andauernde Erste Weltkrieg an der Seite der Ententemächte fortgesetzt werden sollte oder nicht. Die Anforderungen des modernen, industriellen Krieges überstiegen die Kräfte des weitgehend agrarisch geprägten Landes, so dass sich die ohnehin gravierenden sozialen Probleme in Russland weiter zuspitzten. Erschwerend kam hinzu, dass die Februarrevolution ein Nebeneinander zweier konkurrierender Machtzentren hervorgebracht hatte: Die Provisorische Regierung, die zunächst von dem liberalen Fürsten Georgi Lwow (1861–1925), der der Konstitutionell-Demokratischen Partei angehörte, den sogenannten Kadetten, ab Juli 1917 von dem Sozialisten Alexander Kerenski geleitet wurde. Sie befürwortete Reformen nach westlichem Muster, aber auch die Fortsetzung des Krieges. Kerenskis zwischenzeitlich starke Machtstellung beruhte darauf, dass er als einziges Mitglied der Provisorischen Regierung zugleich Delegierter des Petrograder Sowjets war. Dieser Petrograder Sowjet, der Arbeiter- und Soldatenrat der Hauptstadt, war gleich zu Beginn der Februarrevolution spontan von Aufständischen gebildet worden und beanspruchte ebenfalls legislative Macht. Er trat in der Verfassungsfrage für ein Rätesystem ein. Als ausführende Organe schuf er ein Exekutivkomitee, das im Juni 1917 durch das auf dem Ersten Allrussischen Sowjetkongress gewählte Allrussische Zentrale Exekutivkomitee, in dem Delegierte aus allen Teilen Russlands vertreten waren, ersetzt wurde. In beiden dieser Räte dominierten zunächst die agrarsozialistischen Sozialrevolutionäre und die gemäßigt-marxistischen Menschewiki, das Exekutivkomitee war eine Stütze der Provisorischen Regierung.Steve A. Smith: Die Russische Revolution. Reclam, Stuttgart 2017, S. 30. Beide Organe tagten im Taurischen Palais.

mini|Alexander Kerenski Über die endgültige Verfassung sollte eine Russische konstituierende Versammlung entscheiden. Die Provisorische Regierung sah sich wiederholten Forderungen der Entente-Partner ausgesetzt, die ein Ausscheiden Russlands aus dem Krieg unbedingt verhindern wollten. Daher verweigerte sie sich dem Wunsch großer Teile der russischen Bevölkerung, in Verhandlungen mit dem Deutschen Kaiserreich und den übrigen Mittelmächten über einen Separatfrieden einzutreten. Am erließ der menschewikisch dominierte Petrograder Sowjet seinen Befehl Nr. 1, der die Gehorsamspflicht der Soldaten auf diejenigen Befehle einschränkte, die nicht seinen eigenen Befehlen und Beschlüssen widersprachen. Die Waffen der einzelnen Truppenteile wurden der Kontrolle der zu bildenden Arbeiterkommissionen übergeben, das Duzen der Soldaten durch die Offiziere wurde verboten. Dies trug zu Auflösungserscheinungen der Armee bei,Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution 1905–1921. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989, S. 140 f. die sich noch beschleunigten, als es zu massenhaften Desertionen kam. Die Provisorische Regierung hatte überall Landkomitees eingesetzt, die eine Bodenreform vorbereiten sollten. Zahlreiche Bauernsoldaten meinten nun, eine Umverteilung des Landes stehe unmittelbar bevor, und eilten von der Truppe nach Hause, um die gewünschten Grundstücke in Besitz zu nehmen.Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution und ihre Folgen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 67, Heft 34–36 (2017), S. 12, abgerufen am 21. Oktober 2017. Die Kerenski-Offensive, mit der die Provisorische Regierung im Juli 1917 einen Durchbruch gegen die vorrückenden deutschen Truppen erzwingen wollte, geriet unter diesen Umständen zu einem „Desaster“ und trug zum endgültigen Zerfall der russischen Armee bei.Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914–1918. Rowohlt, Berlin 2013, S. 616.

In Wirklichkeit hatte die Provisorische Regierung nicht vor, eine großräumige Umverteilung des Bodens in die Wege zu leiten, wie sie die Masse der russischen Bauernschaft (etwa 80 % der Gesamtbevölkerung) und die sie vertretende Partei der Sozialrevolutionäre, die gleichfalls an der Provisorischen Regierung beteiligt war, schon lange forderten. Liberale und Sozialisten waren sich darüber uneins, ob Enteignungen erlaubt und ob gegebenenfalls Entschädigungen gezahlt werden sollten. Als Kompromiss einigten sie sich darauf, die Beantwortung dieser Fragen der Konstituierenden Versammlung vorzubehalten. Weil die erhoffte Agrarreform ausblieb, nahmen sich die Bauern in vielen Dörfern das Land und vertrieben die Großgrundbesitzer mit Gewalt.Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution 1905–1921. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989, S. 193–203.

mini|Betriebsversammlung im Petrograder Putilowwerk, 1917 Ökonomisch näherte sich Russland dem Zusammenbruch. Die kriegsbedingte Inflation brachte eine Verdreifachung der Lebenshaltungskosten gegenüber 1913 mit sich. Lohnerhöhungen und Mehreinnahmen durch Überstunden glichen die Preissteigerungen für die Arbeiter nur zum Teil aus. Auch der Achtstundentag und erste Maßnahmen zum Mutterschutz, die das Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets im April 1917 mit den lokalen Unternehmern vereinbart hatte, stimmten die Arbeiter nicht friedlicher.Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus. Beck, München 2017, S. 728. Die Folge war im Mai 1917 eine Streikwelle, die sich bis zum Oktober 1917 steigerte, als sich über eine Million russische Arbeiter im Ausstand befanden.Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution 1905–1921. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989, S. 119 f. und 191 f. Dies verschlechterte die Wirtschaftslage weiter, weshalb die Unternehmen aufgrund von Verlusten und Nachschubproblemen begannen, ihre Belegschaften in Urlaub zu schicken oder zu entlassen. Betriebsbesetzungen waren die Folge, nach denen die Betriebskomitees der Arbeiter oft dazu übergingen, in den stillgelegten Fabriken in Eigenregie Dinge zu produzieren, die sie im Alltag verkaufen oder eintauschen konnten. Unter den Bedingungen dieser ungeplanten Sozialisierungen bewegte sich die russische Wirtschaft auf eine Rückkehr zum Tauschhandel zu.Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus. Beck, München 2017, S. 728.

Auch der Zusammenhalt des Russischen Reiches, in dem die Russen mit 44 % der Gesamtbevölkerung nur eine Minderheit darstellten, geriet unter der Provisorischen Regierung in Gefahr, die geglaubt hatte, durch Abschaffung der bis dahin geltenden diskriminierenden Gesetze genug getan zu haben. Nationalisten in Finnland, Polen und im Baltikum setzten auf eine Abspaltung von Russland und die Gründung eigener Nationalstaaten, während es andere Teilvölker noch bei Autonomieforderungen beließen. Indem die Provisorische Regierung in ihrem Beharren auf einem russischen Einheitsstaat jegliches Entgegenkommen etwa gegenüber der Zentralna Rada der Ukraine ablehnte, provozierten die Kadetten in der Provisorischen Regierung auch diese zu einem deutlicheren Separatismus.Steve A. Smith: Die Russische Revolution. Reclam, Stuttgart 2017, S. 41–46.

Lenin mini|Wladimir Iljitsch Lenin (Aufnahme aus dem Juli 1920) Der Führer der bolschewistischen Fraktion der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924), plädierte in seinem Schweizer Exil für „revolutionären Defätismus“: Um „den Weltkrieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln“, strebte er eine militärische Niederlage Russlands an, als deren Folge er eine Revolution in Russland und der ganzen Welt voraussah.Wladimir I. Lenin: Der Krieg und die russische Sozialdemokratie. In: derselbe: Werke. Band 21, Berlin (Ost) 1960, S. 19, zitiert bei Gerd Koenen: Spiel um Weltmacht. Deutschland und die Russische Revolution. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. 67, Heft 34–36 (2017), S. 15, abgerufen am 21. Oktober 2017. Somit bestand eine vorübergehende Interessenkonvergenz zwischen ihm und der deutschen Reichsregierung, die sich durch das Eingreifen von Lenin und anderen Revolutionären in das politische Geschehen eine weitere Destabilisierung Russlands erhoffte, um daraus an der Ostfront militärischen Nutzen zu ziehen. Daher ermöglichte ihm die Reichsregierung, von Zürich aus über Deutschland, Schweden und Finnland nach Petrograd zu reisen (Reise Lenins im plombierten Wagen). Der ursprünglich von dem führenden Menschewiken Julius Martow (1873–1923) initiierte Austausch russischer Exilanten gegen in Russland internierte Deutsche wurde durch die Provisorische Regierung verzögert, da insbesondere Außenminister Pawel Miljukow (1859–1943) gegen eine Rückkehr der defätistischen Revolutionäre war. Lenin und 31 weitere Exilanten drängten jedoch auf eine schnellstmögliche Rückkehr. Durch Vermittlung des Schweizer Kommunisten Fritz Platten (1883–1942) und des deutsch-russischen Sozialisten Alexander Parvus (1867–1924) unterstützten ihn die deutschen Behörden bei dieser Reise. Die Gruppe fuhr in einem plombierten Eisenbahnwagon bis zur deutschen Ostseeküste, um von dort per Schiff weiterzureisen.Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924. Goldmann, München 2001, S. 411.