Eine Mittelsteinzeit, auch Mesolithikum (nach mésos „mittel, mittlerer“, und λίθος líthos „Stein“) genannt, ist für das nacheiszeitliche Europa zwischen der jüngeren Altsteinzeit (Jungpaläolithikum) und der Jungsteinzeit (Neolithikum) definiert. Gegenüber dem vorangegangenen Jungpaläolithikum wird durch eine klimatische Veränderung der Vegetation abgegrenzt. Auslöser für eine veränderte Lebensweise waren Veränderungen durch die Wiederbewaldung Mitteleuropas zu Beginn des Holozäns etwa 9700 v. Chr. (10. Jahrtausend v. Chr.) gesetzten neuen Lebensbedingungen. Die Menschen mussten lernen, anstelle des verschwindenden Großwildes der Kältesteppen nun in den Wäldern Standwild zu jagen und die Fischerei zu verstärken. Beendet wurde die Mittelsteinzeit regional verschieden durch die Ausbreitung der erzeugenden Wirtschaftsweise (Ackerbau und Viehzucht) der Jungsteinzeit. Sie dauerte im südosteuropäischen Raum bis etwa 5800 v. Chr., während sie im nordwesteuropäischen Raum erst etwa 4300 v. Chr. endete.

Im mediterranen Raum wird neben dem Begriff „Mesolithikum“ häufiger der Begriff „Epipaläolithikum“ gebraucht. Während in Nordafrika das europäische Mesolithikum und das Jungpaläolithikum als „Epipaläolithikum“ zusammengefasst werden, taucht das Mesolithikum gelegentlich, dann aber spezifiziert in kombinierten Begriffen wie dem „Khartoum-Mesolithikum“ auf. Für den Westen Kleinasiens sind sowohl „Mesolithikum“ als auch „Epipaläolithikum“ geläufig. Bei räumlich übergreifenden Darstellungen wird der Begriff eher als Mittel der zeitlichen Einordnung genutzt, ohne dass sich ein Lebensstil dahinter verbirgt, der für Europa und wenige westasiatische Gebiete aufgrund ihrer ökologischen Bedingungen und des Fortbestehens einiger Jäger-und-Sammler-Gesellschaften spezifisch war.

In den beiden Amerikas sind die Kulturen der Archaischen Periode mit der Mittelsteinzeit Eurasiens vergleichbar.britannica.com: Stichwort: Archaic culture, abgerufen am 26. Juli 2024.

Gliederung Der auf das westliche Eurasien beschränkte Begriff Mesolithikum wurde 1874 von Otto Martin Torell und 1866 von Hodder Westropp eingeführt.Graeme Barker: The agricultural revolution in prehistory: why did foragers become farmers? Oxford University Press, Oxford 2006. Er wird vorwiegend auf Mittel- und Nordeuropa angewendet.

Das mitteleuropäische Mesolithikum wird – vor allem anhand von sogenannten Mikrolithen – unterteilt in: Frühmesolithikum (9600–7000/6500 v. Chr.); Kennzeichen: Dreiecksmikrolithe. Spätmesolithikum (ca. 7000/6500–5500/4500 v. Chr.); Kennzeichen: Trapezmikrolithe und gedrückte Makroklingen.

Die einzelnen Fundstellen belegen eine regional unterschiedliche Ausprägung:

Für Süddeutschland sind vor allem die Jägerhaushöhle und weitere Fundstellen um Beuron von Bedeutung. Hier wurde der Begriff Beuronien für das Frühmesolithikum geprägt.W. Taute: Untersuchungen zum Mesolithikum und zum Spätpaläolithikum im südlichen Mitteleuropa. Band 1: Chronologie Süddeutschlands. Habilitationsschrift Tübingen 1971.W. Taute (Hrsg.): Das Mesolithikum in Süddeutschland. Teil 2: Naturwissenschaftliche Untersuchungen. (= Tübinger Monographien zur Urgeschichte. Bd. 5/2). Verlag Archaeologica Venatoria, Tübingen 1978.

Im nördlichen Nordrhein-Westfalen und in Niedersachsen entspricht älteres und jüngeres Mesolithikum der Halterner Stufe und der Boberger Stufe sowie der Hülstener Gruppe (jüngeres Mesolithikum im westlichen Nordrhein-Westfalen).Walther Adrian: Beiträge zur Steinzeitforschung in Ostwestfalen. Teil II: Bericht des Naturwissenschaftlichen Vereins für Bielefeld um Umgegend über die Jahre 1954 und 1955. Bielefeld 1956, 121 S.

In der Norddeutschen Tiefebene erfolgt die Unterteilung in die Duvensee-Gruppe (benannt nach den Wohnplätzen im Duvenseer Moor) und die Oldesloer Gruppe, evtl. auch die Swifterbant-Kultur in den Niederlanden.

In Dänemark werden Maglemose-, Kongemose- und Ertebølle-Kultur unterschieden.D. Holst: Zur Entwicklung frühmesolithischer Artefaktproduktion: Handwerkliche Tradition und Landschaftsnutzung am Duvensee (Schleswig Holstein). In: Archäologisches Korrespondenzblatt. Band 4, 2008, S. 457–476 (Digitalisat, pdf).D. Holst: Subsistenz und Landschaftsnutzung im Frühmesolithikum: Nußröstplätze am Duvensee. Dissertation. Johannes Gutenberg-Universität Mainz 2007.K. Bokelmann: Duvensee, Wohnplatz 9. Ein präborealzeitlicher Lagerplatz in Schleswig-Holstein. In: Offa. Band 48, 1991, S. 75–114.

Auf den Britischen Inseln fehlen Trapeze. Hier finden sich auch im Spätmesolithikum großformatige Industrien wie das Larnian (nach Larne in Nordirland, ab ca. 6000 v. Chr.) sowie das ObanianSpätmesolithische Kultur auf den Westschottischen Inseln während des 4. Jahrtausends v. Chr. Die Wohnplätze auf Køkkenmøddingern (engl. shell middens) und unter Abris deuten auf marine Lebensweise. Zu den Artefakten gehören Harpunen. (nach Oban in der schottischen Council Area Argyll and Bute).C. Bonsall, M. G. Macklin, D. E. Anderson, R. W. Payton: Climate change and the adoption of agriculture in north-west Europe. In: European Journal of Archaeology. Band 5, Nr. 1, 2002, S. 7–21.Clive Bonsall: Rethinking the ‚Obanian Problem‘: Direct evidence for the exploitation of coastal resources in the mesolithic of western Scotland. In: Graham Ritchie (Hrsg.): The archaeology of Argyll. Edinburgh University Press, Edinburgh 1997, S. 25–37.C. Bonsall, D. G. Sutherland: The Oban caves. In: M. J. C. Walker, J. M. Gray, J. J. Lowe (Hrsg.): The South-West Scottish Highlands: Field Guide. Quaternary Research Association, Cambridge 1992, S. 115–121. Der Cheddar Man lebte vor rund 10.000 Jahren,Briton Is Kin of Stone Age ‚Cheddar Man‘. Auf: Los Angeles Times. 9. März 1997. phänotypisch besaß der Mann mit großer Wahrscheinlichkeit eine dunkelbraune Hautfarbe, blaue Augen sowie dunkle gelockte Haare und hatte eine Laktoseintoleranz.Cheddar Man: DNA shows early Briton had dark skin. Auf: bbc.com vom 7. Februar 2018Blaue Augen, dunkle Haut: So sahen die Menschen vor 10 000 Jahren aus. Auf: nzz.ch vom 7. Februar 2018.

In Linmere, Bedfordshire sind 25 monumentale runde, in geraden Linien angeordnete Gruben entdeckt worden. 14C-Datierungen deuten darauf hin, dass sie vor 8500 bis 7700 Jahren gegraben wurden. Die größte ist mehr als 4,8 m breit und 1,8 m tief. In einigen Gruben wurden Tierknochen, darunter die von Auerochsen, gefunden. Forscher erklärten, dass es im Vereinigten Königreich nur sehr wenige mesolithische Stätten dieser Größe gibt.

Das Ende der Mittelsteinzeit, mit dem Beginn der Jungsteinzeit, ist in Europa mit dem Erscheinen der ersten bäuerlichen Kulturen verbunden. Diese traten im Süden früher auf als im Norden: um 5800 v. Chr. im westlichen Mitteleuropa (La-Hoguette-Gruppe) und in Südosteuropa (Alföld-Linearkeramik und Körös-Kultur), um 5500–4900 v. Chr. in mittleren Breiten (Linearbandkeramische Kultur), um 4100 v. Chr. im nördlichen Mitteleuropa und um 4000/3900 v. Chr. in Südskandinavien (Trichterbecherkultur).

Bestattungen mini|hochkant=1.5|Spätmesolithisches Doppelgrab auf der Île Téviec (etwa 6740 bis 5680 BP)

Derzeit sind 280 mesolithische Bestattungen aus 25 Ländern in Europa mit etwa 2400 Individuen bekannt.

Frühmesolithikum In der Blätterhöhle bei Hagen wurden frühmesolithische Menschenreste entdeckt, die mit Höhlenfunden aus Frankreich (Santu Stefanu) vergleichbar sind.Jörg Orschiedt, Jan F. Kegler, Birgit Gehlen, Werner Schön, Flora Gröning: Die Blätterhöhle in Hagen (Westfalen). Vorbericht der ersten archäologischen Untersuchungen. In: Archäologisches Korrespondenzblatt. 38 (2008), H 1. In Ligurien, im Nordwesten von Italien, unweit der Stadt Albenga, wurde 2017/18 in einer ovalen Grube ein Kindergrab freigelegt, das 66 durchlöcherte Schalen von Meeresschnecken (Columbella rustica) enthielt und auf ein Alter von 10.211 bis 9.910 Jahren (cal BP) datiert wurde.Jamie Hodgkins et al.: An infant burial from Arma Veirana in northwestern Italy provides insights into funerary practices and female personhood in early Mesolithic Europe. In: Scientific Reports. Band 11, Artikel 23735, 2021, doi:10.1038/s41598-021-02804-zEarliest adorned female infant burial in Europe significant in understanding evolution of personhood. Auf: eurekalert.org vom 14. Dezember 2021.

Ein außergewöhnliches Grab ist die Brandbestattung, die am Rande des Duvenseer Moors im Jahre 2022 entdeckt wurde. Mit ihrem Alter von etwa 10.500 Jahren gilt sie als älteste bekannte Bestattung Schleswig-Holsteins und ist älter als die meisten bekannten mesolithischen Bestattungen Norddeutschlands und Südskandinaviens. Nur ein Befund aus Hammelev, Jütland, Dänemark, weist ein ähnliches Alter auf und ist ebenfalls ein Leichenbrandfund. Dies deutet an, dass womöglich zu Beginn des Mesolithikums die Brandbestattung die vorherrschende Bestattungspraktik war in dieser Region.

Spätmesolithikum Aus dem späten Mesolithikum sind, besonders aus Dänemark und Südschweden, einige Gräberfelder bekannt (Skateholm, Vedbaek-Bogebakken). Auf den Inseln Île d’Hœdic und Île Téviec im Département Morbihan (Frankreich) wurden sogar Steinplatten als Grabeinfassungen verwendet.M. Péquart, S.-J. Péquart, M. Boule, H. Vallois: Téviec, station-nécropole mésolithique du Morbihan (Archives de l’Institut de paléontologie humaine. Mémoire, Bd. 18). Paris (Masson) 1937. In Castleconnell im County Limerick in Irland fanden sich Belege für geschliffene Steinbeile und frühe Feuerbestattungen.Tracy Collins, Frank Coyne: Fire and Water – Early Mesolithic cremations in Castleconnell Co. Limerick. In: Archaeology Ireland. Bd, 17, No. 2, Summer 2003 , S. 24 ff.

Ein Merkmal des Spätmesolithikums sind Schädelbestattungen, wie z. B. in der Großen Ofnet-Höhle bei Nördlingen, im Hohlenstein-Stadel im Lonetal und in der Höhlenruine „Hexenküche“ auf dem Kaufertsberg bei Lierheim (Landkreis Donau-Ries).Jörg Orschiedt: Ergebnisse einer neuen Untersuchung der spätmesolithischen Kopfbestattungen aus Süddeutschland. In: N. J. Conard, C.-J. Kind (Hrsg.): Aktuelle Forschungen zum Mesolithikum – Current Mesolithic Research. (= Urgeschichtliche Materialhefte. Bd. 12). Mo-Vince-Verlag, Tübingen 1998, S. 147–160.

Eine Besonderheit stellt ein 1962 entdecktes mittelsteinzeitliches Grab auf dem Weinberg nahe dem Ortsteil Groß Fredenwalde der Gemeinde Gerswalde im Landkreis Uckermark im nördostlichen Brandenburg dar. Dort wurden die Überreste von sechs Individuen (drei Erwachsene und drei Kinder) gefunden.Bernhard Gramsch, Uwe Schoknecht: Groß Fredenwalde, Lkr. Uckermark – eine mittelsteinzeitliche Mehrfachbestattung in Norddeutschland. In: Veröffentlichungen zur brandenburgischen Landesarchäologie. Band 34, 2000, S. 9. Mesolithische Gräber mit einer vergleichbar großen Zahl von Verstorbenen sind auch aus Belgien (Abri des Autours, Grotte Margaux) bekannt.

2014 wurde auf dem Weinberg eine ungewöhnliche 7000 Jahre alte Bestattung gefunden. Ein etwa 1,60 m großer junger Mann wurde aufrecht stehend bis zu den Knien in einer Grube beigesetzt, und erst nach dem Zerfall des Oberkörpers wurde die Bestattung mit einer Feuerstelle versiegelt. Diese Bestattung störte eine ältere Kinderbestattung und im selben Jahr wurde außerdem benachbart eine Kleinkindbestattung geborgen. Die verschiedenen Bestattungen sprechen dafür, dass auf dem Weinberg das älteste Gräberfeld im nördlichen Mitteleuropa angelegt worden ist., auf gross-fredenwalde.de.

Weitere bekannte mesolithische Gräber stammen von Unseburg und Coswig in Sachsen-Anhalt.

In Europa sind mehr als 74 von etwa 2100 Personen in einer sitzenden oder halb sitzenden Position (Frau von Bäckaskog) bestattet worden. Weitere 31 Gräber können Sitzbestattungen enthalten haben. Diese Bestattungsart hat insbesondere in Skandinavien dazu geführt, dass neolithische Knochenhaufen in Megalithanlagen als Sitzbestattungen interpretiert wurden.

Materielle Kultur mini|hochkant|Ein Mikrolith

Feuerstein-Geräte