mini|Plakat, das eine Belohnung von 50 ₤ für Informationen zu den Morden vom 7. Dezember verspricht. James Gowan, Marrs Lehrling, wird fälschlich mit dem Namen „Biggs“ bezeichnet. mini|Die Prozession mit dem Leichnam John Williams Die Ratcliffe-Highway-Morde waren ein Kriminalfall, der sich im Dezember 1811 in einem östlichen Randbezirk von London ereignete. Der spektakuläre Fall, bei dem in zwei verschiedenen Nächten sieben Menschen in ihren Häusern direkt am Ratcliffe Highway oder in seiner unmittelbaren Nähe ermordet wurden, erregte in Großbritannien große Aufmerksamkeit. Die Morde wurden dem Seemann John Williams zugeschrieben, der kurz nach seiner Verhaftung am 28. Dezember 1811 durch Suizid starb und nach heutiger Ansicht mit hoher Wahrscheinlichkeit unschuldig war. Zweifel an seiner Schuld äußerten bereits Zeitgenossen.Flanders: The Invention of Murder. S. 11. Die Morde unterminierten das Vertrauen der Bevölkerung in lokale Verwaltungseinheiten und ihre Fähigkeit, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten. In London hatten sie zur Folge, dass eine zentrale Polizeieinheit geschaffen wurde.Flanders: The Invention of Murder. S. 16.

Die brutalen Ratcliffe-Highway-Morde beschäftigten die britische Öffentlichkeit für mehr als ein dreiviertel Jahrhundert. Erst die Jack the Ripper zugeschriebenen Morde an Prostituierten im Londoner East End im Jahre 1888 ließen die Morde etwas in Vergessenheit geraten.P. D. James, T. A. Critchley: The Maul and the Pear Tree. Vorwort Sie sind heute vor allem von Interesse, weil sie Einblicke in die polizeiliche Ermittlungsarbeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts geben.

Ablauf der Ereignisse Tatort Alle Morde ereigneten sich am Ratcliffe Highway, einer seit römischer Zeit bestehenden Straße, die in östlicher Richtung aus dem Zentrum von London führt und die heute The Highway genannt wird. Die beiden Tatorte befinden sich an Stellen, die nicht weit entfernt von den Hafenanlagen lagen. Die Straße führte dort durch ein belebtes Arbeiterviertel und wurde entsprechend stark frequentiert.Flanders: The Invention of Murder. S. 1.

Die Morde am 7. Dezember mini|Zeichnung des Hauses der Marrs mit dem Wirkwarenladen Der Stoffhändler Timothy Marr hatte am Samstag, dem 7. Dezember 1811 seinen Laden bis Mitternacht geöffnet gelassen. Dies war übliche Praxis zu einer Zeit in dem Arbeiterviertel, wo viele Kunden erst auf dem Heimweg ihres langen Arbeitstages einkaufen konnten. Kurz bevor er seinen Laden schloss, schickte er seine Dienstmagd Margaret Jewell mit einer Pfundnote los, um eine ausstehende Rechnung beim Bäcker zu begleichen und für das Abendbrot der Familie noch Austern einzukaufen.P. D. James, T. A. Critchley: The Maul and the Pear Tree. S. 8. Jewell fand den Bäckerladen bereits geschlossen vor und suchte auch vergeblich nach einem noch geöffneten Austernladen. Auf der Suche nach einem geöffneten Laden kam sie gegen 24 Uhr noch einmal am Haus der Marrs vorbei und sah durch das geöffnete Fenster ihren Dienstherren, wie er dabei war, Stoffe zusammenzufalten.P. D. James, T. A. Critchley: The Maul and the Pear Tree. S. 11. Sie kehrte gegen 0 Uhr 20 morgens zum Haus der Marrs zurück, ohne einen noch offenen Laden gefunden zu haben. Als sie an der verschlossenen Haustür klingelte, blieb zunächst jegliche Reaktion aus. Nach einem erneuten Klingeln hörte sie leise Schritte auf der Treppe, dann ein leises Schreien des Babys des Ehepaars Marr. Erneut öffnete aber niemand die Tür, so dass die mittlerweile verängstigte Jewell mehr als 30 Minuten an der Tür ausharrte. Kurz vor ein Uhr kam der Nachtwächter George Olney auf seiner regelmäßigen Tour durch das Viertel vorbei.

Olney hatte gleichfalls kurz vor Mitternacht Timothy Marr noch lebend gesehen, der zu dem Zeitpunkt dabei war, die Fensterläden zu schließen. Als er kurz nach Mitternacht wieder am Haus vorbeikam, fiel ihm auf, dass einer der Läden nicht richtig festgemacht war. Auf seinen Ruf hin habe ihm eine Männerstimme aus dem Haus geantwortet, dass man dies wisse.P. D. James, T. A. Critchley: The Maul and the Pear Tree. S. 14. Das Gespräch zwischen dem Nachtwächter und Jewell erregte die Aufmerksamkeit eines Pfandleihers, der im benachbarten Haus wohnte. Er rief ihnen zu, er könne von einem seiner Fenster sehen, dass die Hintertür offen stünde. Vom Nachtwächter und hinzugekommenen Nachbarn ermutigt, kletterte der Pfandleiher über den Zaun und betrat das Haus von der rückwärtigen Tür aus. Er fand den 24 Jahre alten Timothy Marr, seinen 14-jährigen Lehrling James Gowan und Celia Marr erschlagen vor. Wenig später fand Margaret Jewell auch den erst dreimonatigen Sohn der Marrs mit durchgeschnittener Kehle tot in seiner Wiege. Geld lag zwar verstreut herum, es schien aber kein wesentlicher Geldbetrag gestohlen worden zu sein. Fußspuren wiesen darauf hin, dass der oder die Mörder durch die rückwärtige Tür geflohen war. Tatwerkzeug war offensichtlich ein Hammer, wie er von Schiffszimmerern verwendet wurde, der blutverschmiert in einem der oberen Räume gefunden wurde.Flanders: The Invention of Murder. S. 3. Ein Rasiermesser oder ähnliches, das offensichtlich für den Mord an dem Säugling verwendet wurde, wurde dagegen nicht gefunden.

Zu den rätselhafteren Gegenständen im Haus zählte ein eiserner Meißel. Wie Margaret Jewell berichtete und in den nächsten Tagen auch Nachbarn bestätigten, hatte Timothy Marr im ganzen Haus nach einem Meißel gesucht. Den hatte ein Handwerker, der Umbauten und Reparaturen im Laden von Marr vorgenommen hatte, von einem Nachbarn ausgeliehen. Als er an den Nachbarn zurückgegeben werden sollte, hatte der Handwerker behauptet, ihn im Hause der Marrs zurückgelassen zu haben. Wenige Tage vor dem Mordereignis der Nacht vom 7. Dezember hatte Timothy Marr seinen Nachbarn informiert, im ganzen Haus vergeblich nach diesem Werkzeug gesucht zu haben. Dieser Meißel lag jetzt an der Seite von Marrs Körper, wies aber keinerlei Spuren auf, die darauf hinwiesen, dass er eines der Tatwerkzeuge sei.P. D. James, T. A. Critchley: The Maul and the Pear Tree. S. 55. und S. 56.

Die Morde am 19. Dezember mini|links|Zeichnung des seinerzeit verdächtigten John Williams, angefertigt nach seinem Tod mini|John Turners Flucht aus dem King's Arms. Zeitgenössische Darstellung Am 19. Dezember traf ein Nachtwächter auf den halbbekleideten und vor Furcht zitternden John Turner in der New Gravel Lane, wenige hundert Meter vom Ratcliffe Highway. John Turner hatte sich in seinem möblierten Zimmer oberhalb der Gaststätte King’s Arms früh zu Bett gelegt. Als die Gaststätte geschlossen wurde, hörte er Schreie und als er die Treppe halb hinuntergestiegen war, sah er eine Person, die sich über einen am Boden liegenden Körper beugte. In seiner Panik versuchte Turner zunächst vergeblich über die Dachluke zu fliehen, kletterte dann aber mit Hilfe seines Betttuches aus dem Fenster seines Zimmers.Flanders: The Invention of Murder. S. 6.

Gemeinsam mit Nachbarn drang der Nachtwächter über die Kellertür in das Haus ein und fand dort John Williamson, dessen Frau Elizabeth sowie deren Dienstmädchen Bridget erschlagen und mit durchgeschnittener Kehle vor. Nur der Enkelin der Williamsons, die in einem oberen Zimmer schlief, war nichts passiert. Geld lag zerstreut in den Räumen herum, erneut schien aber nichts Wesentliches gestohlen worden zu sein. Auch hier war die Flucht des Mörders durch die rückwärtige Tür erfolgt.

Die Ermittlungen In der Nacht des 7. Dezembers war ein Mitglied der Thames Division Police Office zum Tatort gekommen. Am nächsten Morgen übernahm entsprechend ein Untersuchungsrichter dieser Polizeieinheit die Untersuchung des Falls. Die Leichen wurden wie üblich am Tatort belassen und blieben dort, bis die gerichtliche Untersuchung abgeschlossen war. Das sollte den Mitgliedern des Gerichts die Möglichkeit verschaffen, sich ein Bild von dem Tatvorgang zu machen. Der Zugang zum Tatort war jedoch nicht auf Personen des Gerichts oder der Polizei beschränkt. Auch Neugierige konnten sich Zutritt zum Tatort verschaffen. Ihnen war selbst der Anblick der Leichen möglich.

Die Polizei verhaftete zwar in der Folge der Morde eine Reihe von Personen, sofern sie irgendeinen Anhaltspunkt für einen Verdacht gaben. Sie musste aber jeden wieder freilassen. Die ausgesetzte Belohnung brachte selbst dann keine Hinweise, als sie von anfänglich 50 Pfund auf 150 Pfund verdreifacht wurde.Flanders: The Invention of Murder. S. 7. Wenig später wurde die Belohnung durch Zusage von finanziellen Mitteln durch das britische Schatzamt auf 700 Pfund erhöht. 700 Pfund entsprachen einem Jahreseinkommen einer Familie aus der oberen Mittelschicht. Die Höhe der Belohnung ist ein Ausdruck für die Hilflosigkeit und Besorgnis der Regierung angesichts der Tatsache, dass man keinerlei Fortschritte bei den Ermittlungen machte.Flanders: The Invention of Murder. S. 8. Nach dem Mord an den Williamsons und ihrem Dienstmädchen wurde die Belohnung um 120 Guinees erhöht. 20 Guinees sollte der erhalten, der den Besitzer der Tatwaffen nennen konnte und weitere 100 Guinees sollten gezahlt werden, wenn diese Person für die Morde verurteilt wurde. mini|Zeitgenössische Darstellung des Zimmererhammers mit den Initialen IP oder JP Es dauerte 12 Tage, bis man auf dem Hammer, den man im Hause der Marrs gefunden hatte und der auf Grund der Spuren eindeutig eines der Tatwerkzeuge war, die Initialen JP fand. Dies führte zu den ersten Hinweisen. Es meldete sich eine Mrs. Vermilloe, die gemeinsam mit ihrem Mann Besitzerin der Pear Tree Tavern war. Sie berichtete, dass ein dänischer Seemann mit Namen John Petersen seine Werkzeuge in ihrer Obhut gelassen hatte, als er das letzte Mal Landgang hatte. Er befand sich zum Zeitpunkt des Mordes auf hoher See, aber sein Mitbewohner John Williams hatte sich am 8. Dezember, also einen Tag nach den Morden im Hause des Stoffhändlers, seinen Backenbart abrasiert und seine Strümpfe an der Wasserpumpe im Hof gewaschen. Diese wenigen, vagen Verdachtsmomente reichten aus, um die Polizei zu einer Verhaftung zu bewegen. Am 28. Dezember wurde bekannt, dass John Williams in seiner Zelle Selbstmord begangen hatte.