mini|hochkant|Bischof Carsten Rentzing am 11. Juni 2017 im Dom St. Marien zu Wurzen

Carsten Uwe Rentzing (* 27. September 1967 in Berlin-Spandau) ist ein deutscher evangelisch-lutherischer Theologe. Ab 2015 war er Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens (EvLKS). Nachdem der Kirchenleitung nationalistische und anti-demokratische Texte aus seiner Studienzeit bekannt geworden waren, bot er am 11. Oktober 2019 seinen Rücktritt an. Dieser erfolgte einvernehmlich am 31. Oktober 2019.

Seit 1. November 2020 ist er Beauftragter der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) zur Stärkung der Kontakte zu den lutherischen Kirchen in Mittel- und Osteuropa.

Studium Berlin (1987 bis 1992) Rentzing studierte ab 1987 Rechtswissenschaft und Philosophie an der Freien Universität Berlin.Verabschiedung von Landesbischof Dr. Rentzing. evlks.de, 31. Oktober 2019 Nach eigener Darstellung wusste er bis dahin wenig über das Christentum. Die Biografie des Augustinus von Hippo und eine lutherische Messe hätten ihn begeistert, so dass er einen Einführungskurs für Neues Testament an der (bis 1992 bestehenden) Kirchlichen Hochschule besuchte. Dabei sei ihm klargeworden, dass der christliche Glaube sein Lebensthema sei.Hannes Leitlein: Homosexualität: Ohne seinen Segen. Zeit, 3. September 2015 Nach seiner „Glaubensentscheidung“ studierte er ab 1989 zusätzlich Evangelische Theologie in Berlin.

„Fragmente“-Texte (1989–1992) Wie Medien ab 12. Oktober 2019 berichteten, war Rentzing von 1989 bis 1992 Redakteur und Mitherausgeber der Zeitschrift Fragmente – das konservative Kulturmagazin gewesen. Sie bestand nur in diesen vier Jahren und hatte eine geringe Auflage von etwa 100 Stück pro Ausgabe. Darin veröffentlichte Texte vertraten Geschichtsrevisionismus zum Zweiten Weltkrieg. Annoncen rechtsextremer Gruppen wie der Reichsbürgerbewegung standen neben Annoncen des Coburger Convents.Arnd Henze: Evangelische Kirche: Bischof verschwieg rechtsextreme Texte. Tagesschau.de, 12. Oktober 2019 (Archivlink) Die Zeitschrift wird dem „politisch-ideologisch rechten Rand zugerechnet“.Erich Straßner: Grundlagen der Medienkommunikation, Band 3: Zeitschrift. Max Niemeyer / De Gruyter, Berlin 1997, ISBN 3-484-37103-X, S. 84 Ihr Gründer und Schriftleiter war der 1969 geborene Theologiestudent Wolfgang Fenske, ein Mitglied der teils rechtsextremen Partei Die Republikaner und Vertreter der sogenannten Konservativen Revolution.Helmut Kellershohn: Die selbsternannte Elite. Herkunft und Selbstverständnis des Personals der Jungen Freiheit. In: Helmut Kellershohn (Hrsg.): Das Plagiat. Der Völkische Nationalismus der Jungen Freiheit. Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, Duisburg 1994, ISBN 3-927388-44-0, S. 51–116, hier S. 95 Er wurde später Leiter der Bibliothek des Konservatismus.

Rentzing verfasste historisch-philosophische Aufsätze sowie Kommentare in der Rubrik „Glossar“ für die Zeitschrift. Als Lutheraner kritisierte er darin die Demokratie, den Liberalismus und die neuzeitliche Autonomie des Individuums. Indem dieses sich zur letzten Autorität überhöhe, geschehe die Aufhebung einer göttlichen Ordnung mit verhängnisvollen Folgen. Als historische Ursache dafür beschrieb er in dem Text „Die profane Gesellschaft“ (Fragmente 1/1989) die Französische Revolution von 1789: Sie habe den christlichen Gott durch säkulare Bürgerrechte ersetzt, damit den Staat seines „metaphysischen Fundamentes beraubt und zum utilitaristischen Phänomen degradiert, wie das menschliche Wohlergehen überhaupt nichts höheres mehr neben sich dulden konnte.“ Infolge dieser „Gottvergessenheit“, Säkularisierung und Individualisierung habe man „die ratio zur obersten Richtschnur für eine Deutung der ‚neuen Grundwerte‘“ erhoben. Die mit „Vernunftgründen“ legitimierte Terrorherrschaft der Jakobiner habe dieses vermeintlich objektive Bewertungskriterium „als im höchsten Maße beeinflussbar von den Leidenschaften des Individuums erwiesen“. Die Begriffe Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit seien „geradezu wahnhaft idealisiert“ worden und hätten ein „ungeheures Diskriminierungspotential entwickelt“: „Aus Toleranz wurde Intoleranz, aus Freiheit aller Freiheit der Gleichgesinnten, aus Brüderlichkeit untereinander Haß gegen alle Andersdenkenden.“ Zwar habe die Aufklärung den Menschen individuelle Menschenrechte geschenkt, doch mit der „Überbewertung der ‚rationalistischen Methode‘“ in den Sozialwissenschaften den „Schlüssel zur Entartung gleich mitgeliefert“.Olaf Majer: Bischof Rentzings umstrittene Texte: Was er als Student schrieb und warum. Dresdner Neueste Nachrichten (DNN), 23. Oktober 2019 (kostenpflichtig)

In dem Text „Liberalismus als Staatsräson“ (Fragmente 3/1989) beschrieb Rentzing „Freiheit, Würde und […] Familie“ als die drei „Grundfesten“ jedes Staates. Diese würden durch „‚aufgeklärte Geister‘ angetastet“ und bis ins liberale Bürgertum hinein „durcheinandergebracht“. „Das ehemals Normale wurde und wird zum Unnormalen gestempelt und umgekehrt.“ Das frühere deutsche „Staatsvolk“ werde in eine multikulturelle Gesellschaft mit ausländischen Mitbürgern, die Staatsgewalt werde durch die Aufnahme von Ausländern in die Exekutive, das umgrenzte Gebiet der Nationalstaaten werde in Vereinigte Staaten von Europa umdefiniert. Der „Dienst an der Familie durch Hausfrauen“ und die Ehe gälten nichts mehr. Die „durch emanzipatorischen Geist lawinenartig gewachsenen Scheidungsraten“ und sinkende Geburtenziffern hätten zerstörerische Folgen für den deutschen Staat. Auch die Diskussion um die multikulturelle Gesellschaft liefere „gesellschaftlichen Sprengstoff“. Die Umdefinierung der drei Grundfesten führe die Bundesrepublik in die „schwerste gesellschaftliche Krise seit ihrer Gründung“. Jedem logisch Denkenden müsse klar sein, dass nicht die „wiedererweckte national-konservative Rechte“, sondern die „progressive Grundwerte uminterpretierende Linke“ die Schuld an dieser Krise trage.

Im Kommentar „Das Zeitalter der Nationalstaaten ist vorbei“ derselben Ausgabe nannte Rentzing die multikulturelle Gesellschaft eine „Utopie aller Demokraten“ und ein „Traumbild eines Staates“: „Alle Menschen werden Brüder. Nichts gilt mehr, die Unterscheidung in Kulturen, Nationen oder gar Völker. Nur das Individuum zählt noch. Sie meinen, dieser Einheitsbrei könnte etwas eintönig werden? Mit dieser Ansicht werden Sie sich den Unmut aller humanistisch denkenden Menschen zuziehen!“

In einem weiteren Text von 1989 beschrieb Rentzing den Gleichheitssatz der repräsentativen Demokratie als Ursache ihres Verfalls: Beim allgemeinen und gleichen Wahlrecht übertrage der Wähler sein Vertrauen bestimmten qualifizierten Personen. Jedoch fehle ihm „jeder Maßstab“, die Sachfragen zu entscheiden, für die die wählbaren Repräsentanten stünden. Darum richte er sein Wahlverhalten „zwangsläufig […] an größeren Meinungsgruppen aus“. Individualität als „innere Abgrenzung von der Mitmenschenmasse“ gefährde somit das Finden demokratischer Mehrheiten: Das „Festhalten an fundamentalen Wahrheiten wird daher sogleich als verbohrt und undemokratisch bezeichnet. Es gilt Mehrheit gleich Wahrheit…“. Daraus folgten die „Verhinderungen von Persönlichkeiten und das Untertauchen in der Masse“. Somit gelte: „Ein Politikverständnis, das Politiker einzig in der Verantwortung vor dem Volk sieht, trägt den Keim des Verderbens in sich.“ Rentzing schloss: „Wer sich der Herstellung einer multikulturellen Gesellschaft verschreibt, macht sich damit der Aufkündigung des Konsens in seinen wesentlichsten Bestandteilen schuldig. Er ist verantwortlich für Polarisierung und wachsenden Dissens im Staat.“Olaf Majer: Rentzings umstrittene Texte: Warum ist der Wähler überfordert und Multikulti schlecht? DNN, 24. Oktober 2019 (kostenpflichtig)

Dem stellte Rentzing in seinem Artikel „Zwischen Dezision und Ideal“ (Fragmente 4/1989) ein an Martin Luther orientiertes autoritäres Staatsbild entgegen. Zwar erlebe der Liberalismus seit dem Untergang des Marxismus-Leninismus nochmals Auftrieb, werde aber wohl mittelfristig ebenfalls untergehen: „Nur über Gehorsam und Wiederinachtsetzung der alten Offenbarungs- und Richterinstanz sieht der Verfasser eine freiheitliche Zukunft Europas gewährleistet.“

Im Aufsatz „Staat und Demokratie – eine unzeitgemäße Betrachtung“ (Fragmente 6/1989) nannte Rentzing es „absurd, der heutigen Gleichsetzung von Demokratie und Freiheit zu folgen und gemeinsam mit der liberalen Staatsdoktrin eine seit Jahrtausenden anhaltenden Diskussion um die besten Staatsform seit 50 Jahren für beendet und gelöst zu erklären.“ Tabus dürfe es dazu nicht geben. Gerade die Demokratie habe kein Recht, „sich als Höhepunkt einer Entwicklung zu begreifen“, weil jede Staatsform historisch bedingt und somit vergänglich sei. Jeder mit dem Anspruch auf „denkerische Leistungsfähigkeit“ müsse das berücksichtigen; „alle anderen mögen auch weiterhin volkspädagogischen Doktrinen folgen.“ „Das einmal erweckte Individuum wird sich nicht wieder in die Unmündigkeit zurückführen lassen, und darauf kann es auch kaum ankommen. Entscheidend bleibt nur, daß der durch die Renaissance und noch viel mehr durch die Aufklärung verstellte Blick für die Unzulänglichkeit und prinzipielle Schwäche des nicht gebundenen Individuums wieder freigelegt wird.“ Eine „Mischverfassung“ sei am besten geeignet, „allen Höhen und Tiefen der menschlichen Natur Rechnung zu tragen“.

In einem mit „Phönix“ betitelten Kommentar (Fragmente 9/1991) bezog sich Rentzing auf Oswald Spenglers Werk Der Untergang des Abendlandes und nannte als Zeichen dieses Untergangs: In Deutschland werde die 15-jährige Militärdiktatur in Chile mit einigen tausend Opfern „menschenverachtend“ genannt und weit mehr verurteilt „als 10000 (!) Abtreibungen pro Woche im eigenen Land; in dem Milliardenbeiträge aus den Kulturetats für die systematische Zerstörung der kulturellen Substanz ausgegeben werden, in dem Bildung zum Massengut verkommen mit Schulabschluß verwechselt wird, in dem der Moloch der Verflachung, des widerwärtigen sich Treibenlassens im Strom des Wohlstandes zum Existenzprinzip geworden ist, in dem Feigheit vor Tapferkeit, Selbstverwirklichung vor Freiheit, Leben vor Ehre gilt“. Er folgerte: „Den Sturz des Phönix zu beschleunigen, ist gewiss nicht unsere Bestimmung, sehr wohl hingegen das Ewig-Tragende, das Zeitlos-Immerwährende durch die Flamme hindurch in die Zeit seines Wiederaufstiegs hinüberzuretten.“ Der zu beobachtende „Verfall“ könne ein „Degenerationsvorgang einer Kultur“ sein, „die ihrer Nährquellen beraubt dem kraftlosen Ende entgegenwankt“. Die Frage sei, ob wir uns dem „zwangsläufigen Schicksal fügen“ müssten oder „Widerstand gegen die Verwurmung des Menschen, des zur Grimasse seiner selbst herabgesunkenen, sich im Staube windenden ehemalig Schaffenden“ sinnvoll und möglich sei.Philipp Greifenstein: Carsten Rentzing: Das steht in den „Fragmente“-Texten. Die Eule, 16. Oktober 2019

Demokratische Mehrheitsentscheidungen förderten statt der „Freisetzung großer Persönlichkeiten“ „letztlich die Nivellierung der Geister“. Das demokratische System vermenge „die jeweils klassischen Entartungsformen“. Die „neuzeitliche Frage nach den Menschenrechten“ sei „unprotestantisch“. Kämen Ausländer in die Exekutive, dann stoße dies „auf den Widerstand derjenigen, die an ethnisch und religiös Tradiertem festhalten – allen Anfeindungen und Verleumdungen zum Trotz!“ Rentzing zeigte Sympathie für „Wähler, die den üblichen Polit-Brei satt hatten und sich bei den letzten Wahlen klareren Tönen anschlossen“: Gemeint waren damalige Wahlerfolge der „Republikaner“.