mini|Jean Carrière Jean Carrière (* 6. August 1928 in Nîmes; † 7. Mai 2005 ebenda) war ein französischer Schriftsteller und Essayist.
Leben Jean Carrière wurde 1928 in Nîmes im Languedoc als Sohn einer Pianistin und eines Dirigenten geboren. Er war zumindest zeitweise ein schlechter Schüler. Der Vater erkannte jedoch früh sein künstlerisches Talent. Jeans anfängliches Interesse galt der Musik. 1953 ging er nach Paris, um Musikkritiker zu werden, kehrte aber schon nach drei Monaten wegen eines psychosomatisches Leidens nach Hause zurück. Inzwischen war ihm klar geworden, dass literarisches Schreiben seiner wahren Berufung entsprach. Sein Vater vermittelte ihm daraufhin den Kontakt zu Jean Giono. Sechs Jahre (1954–1960) verbrachte Jean Carrière dort, um von seinem Idol und Mentor zu lernen. Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch den Verkauf von Schallplatten und durch handwerkliche Gelegenheitsarbeiten. Giono beschaffte ihm eine erste Publikationsmöglichkeit für zwei Erzählungen in der regionalen Literaturzeitschrift Cahier de l’artisan. Seine Labilität erkennend, verpflichtete er ihn zu disziplinierenden Aufgaben, insbesondere zur Herausgabe einer Giono-Biographie, die Carrière allerdings erst 1985 fertigstellte.
Seine eigentliche literarische Laufbahn begann erst 1967 mit seinem ersten Roman Retour à Uzès (Rückkehr nach Uzès), für den er den Preis der Académie française erhielt. Fünf Jahre später (1972) erschien sein zweiter und wichtigster Roman: L'épervier de Maheux (Der Sperber von Maheux), für den er den Prix Goncourt erhielt. Das machte ihn in Frankreich und weit darüber hinaus berühmt. Die Auflage des Buches erreichte mehr als 2 Millionen Exemplare, es wurde in 14 Sprachen übersetzt. Damit wurde Carrière einer der erfolgreichsten Goncourt-Preisträger überhaupt. Doch der Tod des Vaters und weitere Schicksalsschläge sowie das permanente Gefühl beruflicher Überforderung stürzten ihn in tiefe Depression. Er veröffentlichte zwar weitere Romane, die aber nicht mehr den Verkaufserfolg seines Erstlings erreichen konnten. Erst mit der Autobiographie Le prix d'un Goncourt (Der Preis) gelang ihm 1987 ein gewisser literarischer Erfolg.
Parallel entfaltete Carrière auch in anderen Medien Aktivitäten. Im Auftrag von France Culture des Französischen Rundfunks zeichnete er fünfzehn Gespräche mit seinem literarischen Ziehvater Jean Giono auf. Für das französische Fernsehen ORTF drehte er Filme.
Carrières Werk geriet allmählich in Vergessenheit, er wurde kaum noch gelesen. Jean Carrière, der seine Heimat im Umkreis der Cèvennen, die sein ganzes Werk inspirierten, nie längere Zeit verließ, lebte bis zu seinem Tod am 7. Mai 2005 in Domessargues bei Nîmes.
Anzumerken bleibt, dass trotz des hohen Bekanntheitsgrads in Frankreich Autor und Werk in Deutschland bislang wenig Beachtung fanden. In den aktuellen deutschen Literatur-Nachschlagewerken ist er nicht vertreten.
Werk Der Sperber von Maheux In diesem Buch erzählt Carrière die Geschichte der armen Bauernfamilie Reilhan in den südfranzösischen Cevennen, die in ihrem entlegenen Gehöft Maheux immer nur so über die Runden kommt, bis es dann unaufhaltsam bergab geht und die Familie am Ende zerfällt. Sie spielt in der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem aber Mitte der 1950er Jahre. Der Autor nimmt den Leser mit in die fremde Welt der Berge, in das Hochland, das eher im hohen Norden oder in längst vergangenen Zeiten angesiedelt zu sein scheint als in der realen Nähe zur heiteren Mittelmeer-Sonne.
Lange Zeit hofft die Familie durch Beharrlichkeit und harte Arbeit ihre Existenz in der menschenfeindlichen Natur der Berge sichern zu können. Doch wie in einem schlechten Traum weht ihnen vom Schicksal stets nur eisiger Wind entgegen. Die Gründe für das Abwandern vieler Hochlandbewohner in die warmen Städte des Südens oder die reichen Gegenden des Nordens werden in diesem Roman schnell offenbar. So besteht das Essen der Reilhans meist nur aus Maronensuppe und Brot, dazu gelegentlich das kümmerliche Fleisch eines selbst geschossenen Eichelhähers und saurer Wein. Genügsamkeit und Improvisationsvermögen sind so die überlebenswichtigen Tugenden der Hochlandbewohner – Eigenschaften, die sich mit der Zeit aber auch in Schicksalsergebenheit und Stumpfsinn wandeln können. Carrière beschreibt diesen Zwiespalt am Beispiel der Hochlandfrauen:
Die Frauen sind schwarz von Kopf bis Fuß, tragen mit zwanzig Jahren Trauer um ihre eigene Jugend. Im ständigen Kampf mit einer Existenz, die sie genauso fesselt wie ihre Kleidung … bringen sie ihre Kinder hastig zwischen zwei Waschtagen zur Welt, begraben sie ihre Toten zwischen zwei Ernten, verfügen sie nie über das, was man in privilegierten Kreisen „einen Augenblick für sich“ nennt. … Ohne Übergang gleiten sie aus einer welken Jugend, wie ausgeglüht von einer bösen Sonne oder ausgezehrt von einem Fieber, hinüber in eine rührige und alterslose Dürre. Am Ende ihres Lebens nehmen sie im Haus nicht mehr Platz ein als ein Schemel. Man lässt sie in einer Ecke und rührt sie nicht mehr an, bis sie ohne Umstände verlöschen.
Die Geschichte beginnt mit einem Betrug: Der letzte Bewohner von Maheux, genannt „Reilhan der Schweigsame“, schreibt einer entfernten Cousine empathische Liebesbriefe, deren blumige Texte er dem Feuilleton alter Zeitungen „entnimmt“, um sie damit in die Ödnis der Berge zu locken. Verblendet von der Poesie eines – wie sie glaubt – edlen Charakters, willigt sie in die Heirat aus der Ferne ein. Doch bitter ist die Enttäuschung, als sie die armseligen Verhältnisse vor Ort sieht und feststellen muss, dass ihr wortkarger Mann genau das Gegenteil von dem ist, was ihr die Briefe versprachen. Jedoch ist ein Zurück nicht mehr möglich. Zwei Söhne werden geboren, zuerst der bärenstarke, aber geistig zurückgebliebene Abel, dann Joseph – normal intelligent, aber schwächlich und antriebslos. Gleichwohl ist Joseph von Anfang an der Lieblingssohn der Mutter. Nach einem Sturz von einer Brücke hinkt Joseph dauerhaft. Seine Mutter päppelt ihn heimlich mit hochwertiger, teurer Nahrung wieder auf, die sie den anderen vorenthält. Sie verhilft ihm schließlich dazu – stellvertretend für ihre eigenen Wünsche – der Ödnis der Berge zu entkommen und im Tal als Angestellter in einer Pfarrei ein Auskommen zu finden. Als Josef bei einem Aufenthalt in der Schweiz das grandiose Bergpanorama sieht und Einblicke in die schöne, reiche und gebildete Welt des Bürgertums erhält, beginnt er sich seiner armseligen Herkunft zu schämen. Rasch entwickelt er eine innere und äußere Distanz zu seiner Familie. Seine Besuche zuhause werden selten, und die Mutter beginnt daraufhin allmählich zu verkümmern. Abel hingegen, der grobschlächtige Waldarbeiter, der nach dem Vater kommt, erträgt die Rauheit des Klimas und die Entbehrungen des Hochlandes gut. Nur in Gesellschaft von Menschen fühlt er sich unsicher. Nachdem der Vater gestorben und der Bruder weggezogen ist, heiratet er die mürrische und von Männern allseits verschmähte Marie, Tochter von Depuech, dem besten Freund seines Vaters. Danach sieht es zunächst so aus, als ob die beiden Außenseiter ein neues Leben in den Bergen beginnen könnten. Doch Schicksalsschläge lassen das nicht zu. Marie hat eine Fehlgeburt und kann danach keine Kinder mehr bekommen. Ihre Schwiegermutter – schon länger nicht mehr normal – fängt an, sich zu beschmutzen und sich Marie gegenüber feindlich zu verhalten. Im folgenden Jahr herrscht eine große Dürre. Die Zisterne auf dem Hof ist schnell leer, und die Suche nach Wasser wird zur existentiellen Frage. Der letzte Kampf der Reilhans um Maheux beginnt.
Obwohl spannend geschrieben, ist das eigentliche Faszinosum des Buches – also das, was es von anderen Büchern unterscheidet – nicht so sehr die Spezifität der Handlung, die Geschichte der Reilhans und die Details ihres ärmlichen materiellen und problematischen soziales Umfelds, als vielmehr die Art und Weise, wie dieses Buch geschrieben ist, Carrières unverwechselbarer Schreibstil. Dieser lässt Einflüsse von Giono erkennen, ist aber doch sehr eigenständig: Bezeichnend sind z. B. lange Sätze mit vielen Einzelbeobachtungen und Assoziationen, getaucht in eine Flut dahinfließender Bilder, Metaphern und Vergleichen. Präzise naturalistische Schilderungen in lyrischer Sprache prägen größere Teile des Werks. Selbst banal erscheinende Dinge werden von ihm mit großer Hingabe beschrieben – in einem Stil, den Franzosen „flamboyant“ (flammend) nennen. Beispiel:
Mitten im August … sieht man das Elend der Dinge, sieht man gleichsam ihre von der Gewalt des Lichtes ausgezehrte Kehrseite, aschfarbene Wege, schmutzige Erdflächen vom ranzigen Gelb afrikanischer Steppen, schiefergepanzerte Wände, die den fiebrigen, bleifarbenen Glanz eines Gewittertages zurückwerfen; Schäfereien, am Boden zermalmt durch das Gewicht riesiger Schieferziegel, auf die die Sonne herunterbrennt und deren Trümmer wie Schulterblätter auf dem Boden bleichen; Weiler, hier und dort angefressen durch hohle, dornengeschwärzte Gebäude, die ihre gekalkten Fassaden in emsiger Verschachtelung in die Höhe winden, um sehen zu können, was in der Ferne geschieht.
Seine Beschreibungen vermitteln direkt und doch poetisch überhöht zugleich, was die Protagonisten vor Ort sehen, erleben und erleiden müssen. Das, was in „normalen“ Romanen als Kulisse, als ausschmückende Hintergrund-Tapete dient, wird in diesem Buch oft und über viele Seiten zum Vordergrund. Es sind dies aber keine langweiligen Exkurse, im Gegenteil: Die eigentliche Story verblasst nicht selten im Vergleich dazu. Die dufterfüllte, intensive Schönheit des Bergfrühlings, die unbarmherzige Hitze und Dürre des Sommers und vor allem die Wucht des langen Winters mit Eis und Kälte, Schnee und Sturm, die zum Verlieren der Sicht, der Orientierung und schließlich der Hoffnung und des Verstandes führt, werden in dem Buch mit einer so plastischen, metaphergesättigten Ausdruckskraft geschildert, dass es schwerfällt, hierin vergleichbare Autoren zu finden.
Ähnlich wie Jean Giono und Julien Gracq ist Jean Carrière ein Meister der Beschreibung von Außenwelten, ein in Frankreich unübliches Element der Romanausstattung, das von den spitzen Federn der Literaturkritiker in Paris schnell mit negativ gemeinten Begriffen wie Naturpoesie und Regionalismus abgetan wird. Dabei wird übersehen, dass es in Carrières Buch auch um die grundsätzlichen Bestandteile menschlicher Existenz geht: Arbeit, Ruhe, Essen, Beten, Schlafen, Krankheit, Zukunftspläne, Reisen, Sexualität, Heirat, Geburt und Tod – Dinge, die keineswegs das Ergebnis regionaler Lebensumstände sind, sondern verallgemeinert werden können. Der unvoreingenommene Leser merkt recht schnell, dass die Wünsche, Träume, Ängste und Enttäuschungen der Reilhans stellvertretend stehen – dass sie zwar in den konkreten Details, nicht aber im Prinzip von den seinen verschieden sind.