Tarkus ist das zweite Studioalbum der britischen Progressive-Rock-Band Emerson, Lake and Palmer. Es erschien 1971 und stellte ihren endgültigen Durchbruch zu einer der erfolgreichsten Gruppen der 70er-Jahre dar.Bradley Smith: The Billboard Guide to Progressive Music, Seite 67Peter Buckley: The Rough Guide to Rock, Seite 338 Der durch die Coverart illustrierte Titel Tarkus nimmt die gesamte A-Seite ein. Er gilt als „eine der frühesten und einflussreichsten Rocksuiten“Edward Macan, Rocking the Classics, Seite 87 und verarbeitet teilweise Elemente und Einflüsse des Jazz sowie klassischer Musik des 20. Jahrhunderts. Die B-Seite enthält sechs kürzere, stilistisch eher uneinheitliche Einzeltitel. mini|Graffito mit dem Motiv des Plattencovers von Tarkus in São Paulo

Cover und Titel Tarkus bezeichnet ein fiktives Wesen, das halb Panzer und halb Gürteltier ist und auf dem Cover des Albums dargestellt ist. Das Coverart wurde vom britischen Künstler William Neal entworfen, der auch das Coverartwork für das darauffolgende Album Pictures at an Exhibition gestaltet hat. Zunächst präsentierte er der Band eine Reihe anderer Entwürfe, wie einen mit Pianotasten bestückten Patronengurt, die die Band jedoch verwarfen.

Der Titel ist ein Kofferwort aus Tartaros, dem personifizierten Teil der Unterwelt in der griechischen Mythologie, und Carcass, dem englischen Begriff für Tierkadaver. Der Albumtitel ist in perspektivischer Verzerrung in elefantenstoßzahnähnlichen Schriftzeichen unter einem Tierskelett links im Hintergrund des Motivs platziert.

Auf der Innenseite der LP wird die Geschichte des Tarkus dargestellt. In Bild eins schlüpft Tarkus neben einem ausbrechenden Vulkan aus dem Ei. In den folgenden Zeichnungen wird er nacheinander mit drei hybriden Phantasiewesen, die eine Kreuzung aus Tieren und Maschinen darstellen, konfrontiert, die er zerstört. Dabei korrespondieren nach Edward MacanEdward Macan: Rocking the Classics, Seite 88 Bild eins mit Eruption und Bild 2-7 mit Stones of Years, Iconoclast und Mass. Das etwas größere Bild 8, das einen Mantikor zeigt, entspricht dem gleichnamigen Titel. Die Bilder 9 und 10, die zu Battlefield gehören, zeigen den Kampf von Tarkus und Mantikor, während das letzte, mit Aquatarkus korrespondierende Bild die in einem Fluss treibende Leiche von Tarkus zeigt.

A-Seite Laut Keith Emerson wurde die Suite Tarkus in nur sechs Tagen geschrieben. Das zwanzigminütige Stück ist in sieben ohne Pause ineinander übergehende, aber musikalisch und auf dem Cover deutlich als solche abgegrenzte Teile untergliedert. Diese heißen Eruption, Stones of Years, Iconoclast, Mass, Manticore, Battlefield und Aquatarkus. Tarkus ist eine der „frühesten und einflussreichsten sowie musikalisch radikalsten Rocksuiten des Progressive-Rock“ und löste nach Meinung einiger Rockkritiker ein, „was Keith Emerson mit The Five Bridges-Suite der Nice versprochen hatte.“Siegfried Schmidt-Joos, Bary Gravesl: Das neue Rocklexikon, 1982, Seite 132 Es wechseln rein instrumentale Teile (1, 3, 5, 7) mit Abschnitten, die Gesang beinhalten (2, 4, 6).

Das Stück kann auch als „drei Einzeltitel mit einem Präludium und einem angehängten Postludium“Edward Macan: Rocking the Classics – English Progressive Rock and the Counterculture, Seite 87 interpretiert werden. Die instrumentalen Teile (1, 3 und 5) sind durch hektische Ostinati„Another famous record featuring pieces built mostly on ostinato figures is the Emerson, Lake & Palmer album Tarkus (Manticore ESM CD 341).“; aus: Riccardo Scivales: Jazz piano – the left hand, Seite 240, Aggressivität und einen häufigen Taktwechsel unter Bevorzugung ungerader Taktarten gekennzeichnet. So wechselt der Untertitel Eruption innerhalb von nur 20 Takten vom 10/8- zum 3/4-, wieder zum 10/8- und schließlich zum 4/4-Takt. Die vokalen Teile (2, 4 und 6) sind dagegen im Rockkontext konventioneller gehalten. Sie stehen durchwegs im „üblichen“ 4/4-Takt, sind in langsameren Tempi gehalten und eher akkordisch geprägt.

mini|zentriert|550px|Ostinato, Quarten und Sekunden sowie Taktwechsel aus dem Anfang von Eruption () Ein sich sukzessive auf den Tönen F – G – Bb – Ab – C – D sphärisch aufbauender Cluster des Synthesizers () eröffnet und schließt den Titel. Eruption basiert fast ausschließlich auf rhythmischen Elementen und Ostinati. Eine eigenständige Melodielinie ist kaum festzustellen. Neben der Quarte ist vor allem das meist in der Oberstimme sich reibende Intervall der Sekunde prägend. Basis ist ein auf Quarten aufbauendes Modell im 5/4-Takt, das öfters durch Figuren im 3/4-, 4/4- und 7/8-Takt unterbrochen wird. Dabei stellen die ersten sieben Töne des Ostinatos die vierfache Quartschichtung F-Bb-Eb-Ab dar, während die letzten drei Töne E-B-F# die um einen Halbton erhöhten ersten drei Töne sind. Die Oberstimme verwendet die Töne der c-moll-Bluestonleiter. Dies wird im 3/4-Abschnitt mit der Akkordfolge A-D-G-C-Dur mit tiefalterierter Quinte fortgesetzt. Die häufigen Wechsel des Metrums sowie Teile, in denen das Schlagzeug pausiert, bieten Palmer reichlich Gelegenheit für Breaks und ein relativ freies Schlagzeugspiel. Dabei ist Greg Lake trotz der häufig auch im Bass laufenden Keyboardläufe durchaus zu davon unabhängigen, mitunter funky wirkenden Bassfiguren fähig ().

mini|zentriert|550px|Anfang des Orgelsolos aus Stones of Years (ohne Schlagzeug) () Stones of Years fährt das schnelle Tempo von Eruption (circa 230 Beats per minute) deutlich herunter. Obwohl es über eine einprägsame Melodie verfügt (), ist es harmonisch eher an komplexere Vorbilder aus der Jazzmusik mit großen und kleinen, zusätzlich alterierten Septakkorden angelehnt.„Ma cominciamo dall’inizio: la successione degli accordi è semplice e ricorda molta musica di quegli anni, in cui le progressioni discendenti erano molto sfruttate. In questo caso Emerson arricchisce gli accordi con note di tensione (9, b9, #9, #5). […] L’assolo è in Do min. con la sola variante che nella cadenza ii-v7 al posto del più „canonico“ accordo semidimuito usa quello di dominante alterato dalla b9 e #5. […] Sin dall’inizio (bars 4, 5, 8, 9, 10 ma anche 56) Emerson tradisce la sua passione jazzistica usando frasi che potremmo benissimo usare nei nostri standards preferiti.“; aus http://www.jazzitalia.net/lezioni/organo/o2_stonesofyears.asp www.jazzitalia.net Zwei vokale Teile umgeben einen instrumentalen Abschnitt, in dem Emerson ein perkussives an Jimmy Smith und später an klassische Musik erinnerndes Solo präsentiert.

Edward Macan interpretiert den Text mit Stellen wie:

„Haben die Tage dich so unklug gemacht? […] Wie kannst du wissen, wo Sie gewesen sind? Rechtzeitig werden Sie das Zeichen sehen und Ihre Sünde begreifen. Werden Sie wissen, wie der Samen gesät wird? Ihre ganze Zeit ist überfällig, …“Übersetzt nach: „Have the days made you so unwise? […] How can you know where you’ve been? In time you’ll see the sign, and realize your sin. Will you know how the seed is sown? All your time has been overgrown, …“ auf

als „Darstellung des unwiederbringlichen Verlustes überlieferter kultureller Werte“.

Der Titel Iconoclast (Ikonoklasmus) stellt eine verkürzte, leicht gewandelte Reprise von Eruption dar. Bitonalität und motorische Rhythmen erzeugen dabei eine „metallische, maschinenähnliche Wirkung“,Edward Macan: Rocking the Classics, Seite 99 die nach Macan „die Zerstörung der Möglichkeit von Individualität und unabhängigem Denkens ausdrücke.“Edward Macan: Rocking the Classics, Seite 88 Palmers Schlagzeugspiel wirkt dabei fast noch aggressiver, dabei aber ebenso abwechslungsreich, () als in Eruption.

mini|zentriert|530px|Riff aus Mass () Mass ist stark an den Hard Rock der Siebziger-Jahre angelehnt. Er ist der erste Teil von Tarkus, in dem die E-Gitarre (hier mit gemeinsam mit dem Synthesizer gespielten Riffs) wesentlich in Erscheinung tritt. Palmers Schlagzeugspiel ist stilistisch angepasst relativ „straight und trocken“. Ähnlich wie in Stones of Years wird ein Solopart von Emerson von zwei vokalen Parts umrahmt. Dabei ist Emersons Solo noch perkussiver und dialogischer auf Palmers Schlagzeugspiel – der Emersons rhythmische Figuren aufgreift (oder umgekehrt) – ausgerichtet, als in Stones of Years. Der Text von Mass (Messe) enthält viele, vornehmlich negativ konnotierte, religiöse Bezüge, wie z. B.:

„Der Pilger schneite herein, begeht jede ihm mögliche Sünde. […] Ein Bischof läutet eine Glocke, ein Mantel von Dunkelheit fiel still über den Ort.“Übersetzt nach: „The pilgrim wandered in, Commiting ev’ry sin that he could. […] A bishop rings a bell, A cloak of darkness fell across the ground, Without a sound.“; auf

Nach Macan zeigt dies, dass auch die Religion den durch Tarkus repräsentierten Tendenzen nicht widerstehen könne.

mini|zentriert|440px|Ausschnitte aus Manticore () Manticore (Mantikor) beruht wie alle anderen instrumentalen Titel auf einer durchgehend ostinaten Figur. Diese ist hier im 9/8-Takt mit Triolenstruktur gehalten und wird wiederholt durch Soloeinwürfe der Orgel unterbrochen. So kann die folgende zweitaktige Achtelfigur durchaus (wobei auch andere Deutungen möglich sind) als bitonales Miteinander von linker und rechter Hand gesehen werden. Im Gegensatz dazu stehen die Soloeinwürfe der Orgel zu Anfang in klaren, fanfarenmäßigen Dreiklangsbrechungen. Ein mit viel Nachhall verfremdetes Schlagzeug-Break leitet dann zu Battlefield über.

mini|zentriert|500px|Anfang aus Battlefield () Battlefield (deutsch: Schlachtfeld) ist eine durch klare Dreiklangsharmonik der Orgel bestimmte Heavyrockballade, die eines der seltenen – an David Gilmour erinnerndenPete Prown, H. P. Newquist: Legends of Rock Guitar – The Essential Reference of Rock’s Greatest Guitarists, Seite 86 – langsamen E-Gitarren-Soli von Greg Lake enthält. Textlich stellt er einen Antikriegssong dar:

„Säubere das Schlachtfeld und lass mich den ganzen Profit unseres Sieges sehen. Du sprichst von Freiheit, während arme Kinder verhungern. Bist du taub für den Ruf der Jahreszeiten?“„Clear the battlefield and let me see. All the profit from our victory. You talk of freedom, starving children poor. Are you deaf when you hear the season’s call?“; nach

mini|zentriert|640px|Vergleich der rhythmischen Gestaltungen am Ende von Mars, the Bringer of War (Mars und Aquatarkus) () Der Anfang von Aquatarkus beruht auf einer harmonisch herkömmlichen, durch „Reibungsdissonanzen“ in kleinen und großen Sekunden verschärften Akkordfolge. Der Titel stellt durch einen gleichmäßig auf jeder Taktzählzeit vollführten Snaredrumschlag, zu dem später Wirbel aus der Militärmusik treten, () sowie einen, den bis dato dominierenden Hammondorgel-Sound ablösenden „quakig wirkenden“ Synthesizersound, einen mechanisch-monoton wirkenden Kontrast zu dem eher emotional gehaltenen Battlefield dar. In den abseits von herkömmlicher Funktionsharmonik verschobenen, bei Aquatarkus zusätzlich mit Sekunden angereicherten Harmonik, () der Dominanz des Rhythmus sowie der ähnlichen rhythmischen Gestaltung des Schlussabschnitts bestehen auffallende Ähnlichkeiten zu Mars, The Bringer of War von Gustav Holst. Eine einminütige Wiederholung des Anfangs (Eruption) beendet dann den Zyklus. Der erste Teil stellt nach Macan einen Trauermarsch für Tarkus dar, wobei die immerwährende Gefahr einer Rückkehr der durch ihn symbolisierten Gefahren, durch die musikalische Wiederholung des „Geburtstitels“ Eruption angedeutet werde.Edward Macan: Rocking the Classics, Seite 89

Stellung im Gesamtwerk