Berthelsdorf ist ein Dorf in der Oberlausitz und seit 2013 ein Ortsteil der ostsächsischen Stadt Herrnhut im Landkreis Görlitz. Bis zum 31. Dezember 2012 bildete es eine eigenständige Gemeinde mit dem Ortsteil Rennersdorf/O.L., welcher zum 1. März 1994 eingemeindet worden war.

Geographie Geographische Lage mini|Flurkarte von Berthelsdorf aus dem Jahre 1764, Unitätsarchiv Herrnhut: TS.R.34

Berthelsdorf liegt in einer sich von West nach Ost erstreckenden Talmulde, welche durch niedrige Höhenzüge begrenzt wird. Durch das Tal fließt das in Oberstrahwalde in zwei Quellen ca. entspringende Berthelsdorfer Wasser, welches sich im benachbarten Rennersdorf mit der Petersbach zur Pließnitz vereinigt.

Die Talmulde hat eine Weite von 200 bis 250 Metern, die Hangneigungen sind relativ gering, trotzdem ist das Tal bei Starkniederschlägen hochwassergefährdet. Die höchsten das Tal begrenzenden Erhebungen sind im Süden der hohe Herrnhuter Hutberg und im Norden der hohe Julienstein, beide liegen nicht auf Berthelsdorfer Flur.

Nachbargemeinden Der Ort grenzt im Norden an die Fluren des Bernstädter Ortsteils Kemnitz, im Osten an Rennersdorf, im Südosten an Großhennersdorf, im Süden an Herrnhut und im Westen an Strahwalde. Alle Orte außer Kemnitz sind heute Ortsteile der Stadt Herrnhut.

Geschichte Frühe Geschichte – Ortsgründung mini|links|Karte von Oberreit mit Berthelsdorf um 1845

Berthelsdorf wurde erstmals 1317 als „Bertoldistorf“ erwähnt. Es wurde als Waldhufendorf mit Gutsblöcken angelegt. Wie bei anderen Ortsgründungen aus der Zeit der Ostkolonisation wurde der Ort wahrscheinlich nach einem Lokator namens Berthold benannt.

14.–17. Jahrhundert Der Name des Ortes wandelte sich im Laufe der Jahre. So ist für 1390 Bertoldisdorff belegt, bevor 1408 der Ort als Bertoltsdorf bekannt wurde. In den Jahren 1495 bzw. 1678 findet man die Namensformen Bertelßdorff und Bertelsdorff.

mini|hochkant=0.5|Wappen derer von Gersdorff

Bereits im 15. Jahrhundert befand sich der Ort nachweislich im Besitz der in der Oberlausitz weit verzweigten Familie von Gersdorf. Von 1581 bis 1727 bestand Berthelsdorf aus drei Rittergütern:Gottlieb Korschelt: Geschichte von Berthelsdorf., 1852, S. 8. Ober-, Mittel- und Niederberthelsdorf unter verschiedenen Besitzern. Das Hauptgut war dabei Mittelberthelsdorf. Während dieses, wie auch Oberberthelsdorf, überwiegend im Besitz derer von Gersdorf verblieb, war Niederberthelsdorf über längere Zeit im Besitz der Familie von Klix.

Höchstwahrscheinlich ist der Ort um 1430 von den Hussiten verwüstet worden. Beim Durchbruch zweier Fenster im 19. Jahrhundert vorgefundene Brandspuren deuten auf ein Niederbrennen der Kirche des Ortes hin. Auch im Dreißigjährigen Krieg ist der Ort wahrscheinlich wiederholt durch Plünderungen oder Kampfhandlungen verwüstet worden, um 1654 lag jedenfalls ein Großteil des Ortes wüst. Hinzu kam, dass der Besitzer Jaroslaw von Kyaw nicht nur den Wiederaufbau wenig förderte, sondern von 1638 bis 1654 sogar 59 Personen aus dem Dorf vertrieb.

Erst dem schwedischen Oberst Johann Reichwald von Kämpfen, der das Gut 1660 erwarb, gelang es in kurzer Zeit brachliegende Bauerngüter wieder zu besetzen und das Kirchenvermögen zu ordnen.Gottlieb Korschelt: Geschichte von Berthelsdorf., 1852, S. 27/28. 1687 schließlich wurde Nicolaus Freiherr von Gersdorf Besitzer von Mittelberthelsdorf. Da dieser als sächsischer Geheimratsdirektor und Landvogt der Oberlausitz zumeist in Dresden weilte, übernahm dessen Frau Henriette Katharina von Gersdorf, geb. von Friesen, die Verwaltung Berthelsdorfs und der benachbarten Güter.Gottlieb Korschelt: Geschichte von Berthelsdorf., 1852, S. 33.

18. Jahrhundert Für das Jahr 1719 ist mit „Bettelsdorf“ eine Bezeichnung des Ortes ohne den Buchstaben „r“ im ersten Namensbestandteil zu finden, spätestens aber seit 1791 ist der Ort als Berthelsdorf bekannt. Der Ort bestand 1750 aus 12 Bauergütern, 40 Gärten und 44 Häusern, von denen 18 Freihäuser (Häuser der vom Frondienst befreiten Besitzer, z. B. Handwerker) und 26 Diensthäuser waren, hinzu kamen 12 herrschaftliche, Kirchen- und Gemeindegebäude.Gottlieb Korschelt: Geschichte von Berthelsdorf., 1852, S. 10.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wuchs der Ort rasch, so dass 1777 neben den Bauergütern und Gärten schon 78, 1794 dann sogar schon 88 Häuser existierten. Zum Wachstum trug bei, dass 1776 auf den Fluren des Niedergutes der Ortsteil Neuberthelsdorf angelegt wurde, welcher bis 1803 schon auf 13 Häuser angewachsen war. Ungefähr zur selben Zeit entstand in Oberberthelsdorf die Häuserreihe, die man mit dem Namen „Fichtelrode“ bezeichnete.

Graf Zinzendorf mini|Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700–1760), Gutsherr, Theologe, Gründer und Bischof der Herrnhuter Brüdergemeine („Brüder-Unität“)

Die Geschichte des Ortes im 18. Jahrhundert ist eng mit dem Leben des Reichsgrafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, der dem österreichischen Uradel entstammte (Adelsgeschlecht Zinzendorf), verbunden. Dieser war am 26. Mai 1700 in Dresden geboren worden, verbrachte aber große Teile seiner Kindheit bei seiner Großmutter Henriette Katharina von Gersdorf auf ihrem Witwensitz, dem Katharinenhof in Großhennersdorf. Von 1710 bis 1715 besuchte er das Pädagogium der Franckeschen Stiftungen in Halle, wo er im Sinne des Pietismus geprägt wurde, von 1716 bis 1719 studierte er an der Universität Wittenberg Rechtswissenschaft.

1721 richtete er auf einem Teil des Katharinenhofs eine diakonisch-soziale Stiftung zur Versorgung von Waisenkindern und armer, alter Leute ein. Am 15. Mai 1722 erwarb er das Gut Berthelsdorf für 26.000 Taler von seiner Großmutter.Gottlieb Korschelt: Geschichte von Berthelsdorf., 1852, S. 35. Seit dem 10. April 1727, als Zinzendorf auch das Gut Oberberthelsdorf von seinem Onkel für 6.000 Taler kaufte, war er Besitzer des gesamten Dorfes, womit die seit 1581 bestehende Dreiteilung des Ortes aufgehoben war.

Unmittelbar mit dem Erwerb des Gutes im Jahr 1722 nahm Zinzendorf Böhmische Brüder, evangelische Glaubensflüchtlinge aus Mähren auf. Diesen erlaubte er auf Berthelsdorfer Flur eine eigene Siedlung, genannt Herrnhut, zu errichten. Mit der Fällung des ersten Baumes am 17. Juni 1722 erfolgte die Gründung von Herrnhut, wo Zinzendorf ab 1725 ein neues Schloss, besser bekannt als Herrenhaus der Brüderunität, erbauen ließ. Am 13. August 1727 fand in der Kirche zu Berthelsdorf eine Abendmahlsfeier statt. Dieses Datum ist der Gründungstag der erneuerten Brüder-Unität, der Herrnhuter Brüdergemeine. Deren Sitz wurde der ab 1730 erbaute Vogtshof in Herrnhut.

Schwenckfelder mini|Ehemaliger Schwenkfelder-Betsaal (Obere-Dorfstraße 10–12; 2023) mini|Informationstafel (2023)

Eine besonders interessante Episode der Dorfgeschichte begann im Jahre 1727, als Zinzendorf einen Teil der in Schlesien verfolgten Anhänger der Schwenkfelder Kirche, welche auf den schlesischen Reformator Kaspar Schwenckfeld zurückgeht, aufnahm. Sie bauten in Oberberthelsdorf von 1730 bis 1733 acht Häuser.Gottlieb Korschelt: Geschichte von Berthelsdorf., 1852, S. 12. Zinzendorf berichtete über die Schwenckfelder, sie seien „wackere Leute, sie arbeiten unermüdlich, sie treiben stark und glücklich Handel. Sie sind durchgängig aktiv und geschickliche, verständige Vögte, Ackerleute, richtige Zahler, billige Handelspersonen und sehr saubere Spinner. In der Sitten Lehre sind sie gut Theoretiker und Praktiker, sie dienen jedermann, und lassen sich nie umsonst dienen, sie führen durchgängig beim ersten Hinschauen ein stilles zurückgezogenes, ehrbares, keusches, demütiges, ungekünsteltes Leben.“ Zur lutherischen Ortsgemeinde hatten sie ein distanziertes Verhältnis. Sie ließen zwar die Taufen vom Berthelsdorfer Ortspfarrer Johann Andreas Rothe vollziehen, besuchten aber seine Gottesdienste nur gelegentlich. An den Abendmahlsfeiern nahmen sie nie teil.

Wegen ihrer Art der Glaubensausübung erging 1733 ein landesherrlicher Befehl, welcher die Schwenkfelder zum Verlassen des Landes aufforderte. Diesem Befehl folgten die meisten, verließen 1734 die Oberlausitz und siedelten sich später in Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania an, wo noch heute sechs Gemeinden dieser Kirche existieren.

Das Doppelwohnhaus Obere Dorfstraße 10/12 ist heute das weltweit einzige Versammlungshaus der Schwenckfelder im Originalzustand. Es ist als „Schwenkfelder Kirche“ bzw. ehemaliger „Betsaal der Schwenkfelder“ bekannt. Durch das frei überhängende Dach an der Haustürseite unterscheidet sich dieses Gebäude deutlich im Baustil von den sonst in der Region üblichen Umgebindehäusern.

2004 gründete sich ein Verein „Schwenckfeldhaus Berthelsdorf“ mit dem Ziel, dem Betsaal ein würdevolles Aussehen zu geben. Der Verein schloss 2007 einen Erbbaurechtsvertrag, um das Gebäude zu erhalten. Bis 2011 erfolgte eine durch Spenden amerikanischer Schwenckfelder und Fördermittel des Freistaates Sachsen finanzierte Notsicherung.Sächsische Zeitung, Ausgabe Zittau, vom 17. April 2008. Nach 10-jährigen Bemühungen fand am 25. Oktober 2018 ein kleiner feierlicher Akt statt, der den Abschluss der Sanierung und die Eröffnung des Hauses symbolisierte. Das Gebäude soll zukünftig für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt werden.

19. Jahrhundert Verwaltung Seit 1777 gehörte der Ort dem Görlitzer Kreis an, im Laufe des 19. Jahrhunderts wechselte die Verwaltungszugehörigkeit der Gemeinde dreimal: 1843 war Berthelsdorf dem Landgerichtsbezirk Löbau zugeordnet, 1856 dem Gerichtsamt Herrnhut und 1875 der Amtshauptmannschaft Löbau. Ab 1813 kam es noch einmal zu einer Erweiterung des Ortes, als an einem kleinen Nebenarm des Berthelsdorfer Wassers, zwischen Niedergut und Neuberthelsdorf ein neuer Ortsteil angelegt wurde, den man noch heute „Kränke“ nennt.

Die Ortsherrschaft wechselte im 19. Jahrhundert im Prinzip nur zweimal. Nachdem der Ort durch die Heirat von Zinzendorfs Tochter Henriette Benigna Justine mit dem Freiherrn von Watteville 1756 in den Besitz der letztgenannten Familie gelangt war, übernahm 1811 Fräulein Charlotte Sophie Gräfin von Einsiedel (1769 bis 1855), Pietistin und Priorin der Herrnhuter Brüdergemeine, die Ortsherrschaft. Ab 1844 war dann die Brüderunität Grundherr von Berthelsdorf.

Mitte des 19. Jahrhunderts war Berthelsdorf noch hauptsächlich landwirtschaftlich geprägt. Der Betrieb einer Wollspinnerei in der Zeit der Kontinentalsperre musste nach dem Ende der Napoleonischen Zeit wieder aufgegeben werden. So lebten um 1850 die meisten Einwohner von der Landwirtschaft. Daneben gab es 125 Handwerksmeister, 105 Gesellen und 40 Lehrlinge. 200 bis 300 Einwohner arbeiteten als Tagelöhner in Herrnhut auf den herrschaftlichen Höfen und Forsten und auf den zwei Dürningerschen Bleichen. Von 1844 bis 1852 gab es im Ort die Rückert’sche Tabaksfabrik, nach deren Niedergang übernahm Fabrikant Paul aus Großschönau das Grundstück.Gottlieb Korschelt: Nachtrag zur Geschichte von Berthelsdorf., 1858, S. 9.

Textilindustrie mini|Pauls Fabrik in Berthelsdorf 2008, kurz vor deren Abriss

Mit der Eröffnung der Samtkordfabrik und Färberei der Gebrüder Paul auf dem Grundstück der ehemaligen Tabakfabrik auf Hausnummer 11 (heute Hauptstraße 38) im Jahre 1853 setzte die eigentliche Industrialisierung des Ortes ein. 1886 wurde das Unternehmen auf mechanischen Betrieb umgestellt, seitdem überragte der Backstein-Schornstein der Dampfmaschine das Gebäudeensemble, welches aus Produktions-, Kontor-/ Wohngebäude und zwei kleineren Nebengebäuden bestand. 1893 erhielt das Unternehmen Bahnanschluss, indem bei Kilometer 3,07 ein Anschlussgleis an die Schmalspurbahn Herrnhut–Bernstadt gelegt wurde.Frank Nürnberger: „Die Geschichte der Oberlausitzer Textilindustrie“, Oberlausitzer Verlag, 2007, S. 254. Das Anschlussgleis diente vor allem der Anlieferung von Kohle. Diese wurde im Nebengebäude Nr. 11b (heute Hauptstraße 40) gelagert und von dort mit Feldbahnloren über die Straße in den Kesselraum der Fabrik transportiert.