Die Wilhelma ist ein zoologisch-botanischer Garten im Stuttgarter Stadtbezirk Bad Cannstatt. Sie zählt mit jährlich rund 1,8 Millionen BesuchernWilhelma übertrifft Besucherrekord – und verspricht neue Attraktion. In: stuttgarter-zeitung.de, 8. Januar 2025. zu den meistbesuchten zoologischen Gärten in DeutschlandRanking der deutschen Zoos und Tierparks nach Besucherzahlen im Jahr 2024 statista.com, abgerufen am 25. April 2016.. Die Wilhelma zeigt auf etwa 30 Hektar rund 11.000 Tiere aus aller Welt. Mit fast 1200 Arten ist sie zusammen mit dem Zoologischen Garten Berlin der artenreichste Zoo Deutschlands. Der botanische Bereich präsentiert über 8500 Pflanzenarten aus allen Klimazonen der Erde. Zusätzlich zum öffentlich zugänglichen Garten verfügt die Wilhelma über eine Außenstelle, den in Fellbach gelegenen Tennhof, auf dem unter anderem Zuchthengste und -bullen verschiedener Tierarten gehalten werden.Wilhelma-Außenstelle Tennhof – Wo Gigolo entspannen kann. Stuttgarter-Zeitung.de, 15. September 2014, abgerufen am 3. Mai 2016. In: stuttgarter-Zeitung.de, 11. Juni 2008.
Der zoologisch-botanische Garten ist in eine zwischen 1846 und 1866 erbaute historistische Schlossanlage eingebettet. Website der Wilhelma, abgerufen am 5. März 2016. In den 1950er-Jahren wurde damit begonnen, den zuvor nur botanisch-historischen Garten um einen wissenschaftlich geführten Zoo zu ergänzen.
Eine Besonderheit stellt die Haltung der Menschenaffen in der Wilhelma dar: Es gab zahlreiche Zuchterfolge in den jeweiligen Gruppen; die Menschenaffenhäuser galten zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung (1973, 2013) als herausragend. Der Gorillakindergarten war europaweit einzigartig. Mit diesem war die Wilhelma Anlaufstelle für viele europäische Zoos, wenn dort Jungtiere von ihren Müttern verstoßen wurden und eine Handaufzucht erforderlich war. Website der Wilhelma, abgerufen am 5. März 2016.
Eigentümer der Wilhelma ist das Land Baden-Württemberg als Rechtsnachfolger der württembergischen Könige. Sie ist der einzige Landeszoo in Deutschland und dem Finanzministerium unterstellt. Ministerium für Finanzen und Wirtschaft Baden-Württemberg, abgerufen am 17. Juni 2015.
Geschichte Frühere Zooanlagen in Stuttgart mini|hochkant|Gustav Werner im Löwenkäfig, 1864 oder früher Der Wilhelma, die erst seit der Nachkriegszeit zoologische Elemente beinhaltet, gingen mehrere zoologische Einrichtungen voraus. Darunter befand sich die 1812 von Friedrich I., dem damaligen König von Württemberg, gegründete Menagerie auf dem Gelände eines königlichen Landschlösschens beim heutigen Neckartor. Besonderheiten waren Tafeln mit Erläuterungen zu den Tieren in den Gehegen und die Öffnung für das „normale“ Volk. In der Menagerie wurden 220 Tiere gehalten, darunter Elefanten, Affen und Papageien. 1816, nach dem Tod des Königs, wurde sie aus Kostengründen geschlossen. 1840 entstand der nach dem Beinamen seines Besitzers benannte Affenwerner, eine als Zoo erweiterte Gastwirtschaft. Gustav Friedrich Werner, Eigentümer des Zoos, führte zur Unterhaltung seiner Gäste Dressuren mit Löwen, Bären, Affen und Papageien vor. Nach seinem Tod wurde der Tiergarten 1873 geschlossen. Zwei Jahre zuvor war der, nach seinem Gründer Johannes Nill benannte, Tiergarten Nill am Herdweg eröffnet worden. Dieser bestand bis 1906 und beherbergte bis zu 500 Tiere. 1907 legte der Fabrikant Theodor Widmann den Tiergarten an der Doggenburg an. Die von Gustav Bücheler weitergeführte Anlage schloss 1942.Uwe Albrecht: Stuttgarter Zoogeschichte(n). In: Schönes Schwaben. Juli/August 2006.Wo Soldaten Lokalverbot hatten. Stuttgarter-Zeitung.de, 8. Dezember 2015, abgerufen am 4. Mai 2016.
Historische Anlage 300pxPlan der Wilhelma von 1855 Rote Linie = innerer Wandelgang, B = Belvedere, DH = Damaszenerhalle, GB = Großes Bassin, GG = Gewächshausgang, HE = Haupteingang, HS = Halbmondsee, LS = Langer See, MF = Maurischer Festsaal (heute Aquarium‑Terrarium), ML = Maurisches Landhaus, NP = Nördlicher Pavillon, SP = Südlicher Pavillon, TW = äußerer Wandelgang mit der Terrakottawand, WG = Wintergarten, WT = Wilhelma‑Theater. 1 = Hauptpavillon des inneren Wandelgangs, 2 u. 3 = Nebenpavillons, axial zu den Eckpavillons der Gewächshausflügel, 4 u. 5 = Nebenpavillons, axial zu den Pavillons SP bzw. NP, 6 u. 7 = Bogenpavillons, 8 u. 9 = Eckkioske der Laubengänge, 10 u. 11 = Eckpavillons der Gewächshausflügel. mini|hochkant=1.5|Ludwig von Zanth: Ansicht der Wilhelma von 1855.1b: Langer See (abgeschn.), 1a: Halbmondsee, 2: Maurischer Festsaal mit angrenzendem Maurischen Garten, 3: Maurisches Landhaus, 4: Belvedere
Während der Gestaltung der Parkanlagen im Umland des 1829 fertiggestellten Schlosses Rosenstein wurden bei vermutlich gezielt vorgenommenen Bohrungen Quellen des für die Kurstadt Bad Cannstatt bedeutenden Mineralwasservorkommens entdeckt.Maximilian Friedrich Grimm: Die historische Wilhelma. Faszination Orient im 19. Jahrhundert. ISBN 978-3-89235-125-2, S. 10. König Wilhelm I. entwickelte die Idee, dort ein „Badhaus“ errichten zu lassen, das bald um einen privaten Lustgarten anwuchs. Dabei griff er den aus dem Jahr 1825 stammenden Wunsch nach einer eigenen Fasanerie und Orangerie sowie eines Saales wieder auf.Rainer Herzog: Wilhelma Stuttgart. Dokumentation der historischen und gestalterischen Entwicklung der Wilhelma-Gartenanlagen. Stuttgart 1990, S. 29. Giovanni Salucci, der Planer des Schlosses Rosenstein, entwarf daraufhin eine entsprechende Anlage. Weil sich die Planung an griechischen Vorbildern orientierte, wurde sie vom König allerdings verworfen. Stattdessen wurde Karl Ludwig von Zanth beauftragt, eine Anlage im gotischen oder maurischen Stil zu entwerfen.
Wilhelma-Theater
mini|Wilhelma-Theater Bevor die Realisierung der Planung begann, sollte von Zanth ein Theater entwerfen, um zu zeigen, dass er ein derartiges Projekt in gewünschter Art und Weise realisieren konnte. Am 6. April 1837 hatte Wilhelm das Obersthofmeisteramt damit beauftragt, das Landhaus Bellevue abzubrechen, um ein Theater zu bauen. Am 24. Juni 1838 genehmigte er den mit Kosten in Höhe von 80.463 Gulden veranschlagten Bau im pompejianischen Stil anstelle der von der Stadt Cannstatt gewünschten Spielbank.Judith Breuer u. a.: Erweckung aus dem Zauberschlaf – Zur Restaurierung des Wilhelmatheaters in Stuttgart-Bad Cannstatt. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. S. 65.
Nachdem im Frühjahr 1839 die Baumaßnahmen begonnen hatten, konnte das Theater am 29. Mai 1840, am Namenstag Wilhelms, eröffnet werden.Karl Ludwig von Zanth Die Wilhelma Maurische Villa seiner Majestät des Königs Wilhelm von Württemberg entworfen und ausgeführt von L. v. Zanth. S. 6.
Im Jahr 1985 wurde es auf Veranlassung des damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth grundlegend saniert und ausgebaut. Seit 1987 dient es der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart als Lern- und Lehrtheater, für die Studienbereiche Opern- und Schauspielschule, Figurentheater, Sprecherziehung, Liedklasse etc.Wilhelmatheater Website der Wilhelma, abgerufen am 3. April 2016.
Das Gebäude nordöstlich des Haupteingangs, das sowohl als Kur- als auch als Hoftheater genutzt wurde,Ute Schmidt-Contag: Stuttgart, die Schlösser und ihre Gärten: das Werden der Schlösser und Gärten von der gräflichen Residenz bis zur Internationalen Gartenbauausstellung. S. 93/94. ist das einzige noch in der Originalbemalung erhaltene Theater Deutschlands im pompejianischen Baustil.
Eingangspavillon und Terrakottawand mini|Terrakottawand
1846 wurde das als Mittelpavillon oder Garten-SaalRainer Herzog: Wilhelma Stuttgart. Dokumentation der historischen und gestalterischen Entwicklung der Wilhelma-Gartenanlagen. Stuttgart 1990, besonders S. 115. bezeichnete spätere Kassenhaus errichtet. Es ist eines der frühestens Beispiele von Eisenkonstruktionen in der Architektur Europas. Das Gebäude liegt einen Fuß (0,28 Meter) über dem historisch höchsten Wasserstand des Neckars. Auch ein bis heute erhaltener, unterhalb des Mittelpavillons gelegener Gewölbekeller entstand, der zur Zucht von Champignons genutzt wurde. In fünfjähriger Bauzeit wurde der Pavillon bis April 2026 grundlegend saniert, die Kosten betrugen rund fünf Millionen Euro. Er soll zukünftig als Service-Center dienen.Eröffnung des restaurierten Eingangspavillons in der Wilhelma. Pressemitteilung der Wilhelma vom 30. April 2026.
Vom Pavillon führte ein überdachter Gang zum Wilhelma-Theater. Gestaltet war dieser mit von Wilhelm Pilgram gefertigten Ölmalereien von Tieren und Seeungeheuern; aufgrund von Feuchtigkeitsschäden mussten diese aber 1856 durch die bis heute erhaltenen und 1997 restaurierten reliefartigen Terrakottaplatten ersetzt werden.Eingang und Terrakottawand Website der Wilhelma, abgerufen am 1. Juli 2015.Wilbert Neugebauer: Die Wilhelma – Ein Paradies in der Stadt. ISBN 3-8062-1037-3, S. 33.Rainer Herzog: Wilhelma Stuttgart. Dokumentation der historischen und gestalterischen Entwicklung der Wilhelma-Gartenanlagen. Stuttgart 1990, besonders S. 116/117. Die Dachkonstruktion wurde größtenteils im Zweiten Weltkrieg zerstört.
Maurisches Landhaus mini|Maurisches Landhaus mini|Wilhelm I. vor dem Maurischen Landhaus
Ab 1837 plante von Zanth das Maurische Landhaus als Badehaus mit integriertem Wohntrakt und Gewächshäusern. Die Arbeiten begannen im Frühjahr 1842.Karl Ludwig von Zanth: Die Wilhelma Maurische Villa seiner Majestät des Königs Wilhelm von Württemberg entworfen und ausgeführt von L. v. Zanth. S. 6/7. Die Gewächshäuser beherbergten damals im Winter die Orangerie. Website der Wilhelma, abgerufen am 30. Juni 2015. Hierbei kam es aufgrund der immensen Kosten (ein 1842 festgelegtes Maximum von 20.000 Gulden wurde um das Siebeneinhalbfache überschritten) und vehementer Kritik (insbesondere durch den Cannstatter Kirchenkonvent) zu massiven Verzögerungen. Deshalb wurde auch der Plan mehrmals überarbeitet, so wurde anstelle einer 650.000 Gulden teuren dreiflügeligen Anlage mit Hof und sechs Badezimmern lediglich ein Badezimmer in einem in 13 Räume gegliederten, 26 Meter langen und 22 Meter tiefen Gebäude eingerichtet, das 235.000 Gulden kostete, damit 35.000 mehr als nach den Kürzungen geplant (Hauptgrund war der Einbau einer Warmwasserheizung).Maximilian Friedrich Grimm: Die historische Wilhelma Faszination Orient im 19. Jahrhundert. ISBN 978-3-89235-125-2, S. 17/18 und 26/27Oskar Gerhardt: Stuttgarts Kleinod: Die Geschichte des Schloßgartens, Rosensteins sowie der Wilhelma. Eine unterhaltsame Plauderei auf Grund reichhaltigen amtlichen Quellenmaterials. S. 82/83.
Trotz dieser Widerstände konnten die Arbeiten im Juli 1846 beendet und die seit 1845 nach Wilhelm benannte Wilhelma am 30. September 1846 eingeweiht werden. Dies geschah anlässlich der Hochzeit des Kronprinzen Karl mit der Zarentochter Olga Nikolajewna, die am 13. Juli 1846 in Schloss Peterhof getraut wurden und am 23. September in Stuttgart einzogen.
Maurischer Garten mini|Der Maurische Garten mit „Großem Bassin“ vom Maurischen Landhaus aus gesehen, dahinter der später fertiggestellte Maurische Festsaal mit angrenzendem Wandelgang mini|Wandelgang des Maurischen Gartens mit Fliesenwand Der als Maurischer Garten bezeichnete innere Garten der Gesamtanlage entstand parallel zum angrenzenden Maurischen Landhaus und wird mit diesem zusammen als Herzstück der Wilhelma betrachtet.Dieter Jauch: Wilhelma – Der zoologische-botanische Garten in Stuttgart. ISBN 978-3-87779-071-7, S. 33.Wilbert Neugebauer: Die Wilhelma – Ein Paradies in der Stadt. ISBN 3-8062-1037-3, S. 36.