mini|hochkant=0.85|Arvo Pärt in der Christchurch Cathedral, Dublin (2008)
Arvo Pärt [] (* 11. September 1935 in Paide, Estland) ist ein estnischer Komponist, der als Vertreter der Neuen Einfachheit als einer der bedeutendsten lebenden Komponisten Neuer Musik gilt und der weltweit meistgespielte Komponist Neuer Musik ist.Max Nyffeler: Wenn Demut zum Werbeträger wird. Aus dem Widerstand zur Marktführerschaft: Arvo Pärt, der am meisten gespielte lebende Komponist der Welt, wird neunzig Jahre alt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. September 2025, S. 9. Er hat neben der estnischen auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Von 1981 bis 2008 lebte er in Berlin.Jüri Reinvere: Woher die Musik kommt, ist ein Geheimnis. In: Berliner Zeitung vom 11. September 2015, S. 25.
Leben Arvo Pärt wurde in Paide im Kreis Järva in Estland geboren und wuchs bei seiner Mutter und seinem Stiefvater in Rakvere in Nordestland auf. Er begann mit den oberen und unteren Tönen des Klaviers der Familie zu experimentieren, da der mittlere Tastaturbereich beschädigt war.
Im Alter von sieben Jahren begann Arvo Pärts musikalische Erziehung. Mit vierzehn Jahren schrieb er erste eigene Kompositionen. 1954 begann er ein Musikstudium, arbeitete als Tonmeister beim Estnischen Hörfunk und studierte in Tallinn von 1958 bis 1963 Komposition bei Veljo Tormis und Heino Eller. Sein neoklassisches Frühwerk wurde von der Musik Schostakowitschs, Prokofjews und Bartóks beeinflusst. Anschließend experimentierte Pärt mit Schönbergs Zwölftontechnik und dem musikalischen Serialismus.
Seine Musik erregte wegen der als nicht systemkonform angesehenen modernen Komponierweise und ihres religiösen Gehalts den Unwillen der sowjetischen Kulturfunktionäre. Seine Komposition Nekrolog, das erste estnische Werk in Zwölftontechnik, wurde 1960 von Tichon Chrennikow wegen ihres Serialismus offiziell missbilligt. Pärt suchte nach einem neuen künstlerischen Ausdrucksweg und fand ihn ab 1962 als Student am Moskauer Konservatorium in der sogenannten Collage-Technik, in der er (wie in seiner Komposition Credo) Klangmaterial aus den Werken anderer Komponisten entlehnt, vor allem von Johann Sebastian Bach. Die Collage-Technik erwies sich für Pärt jedoch als Sackgasse: Er hatte das Gefühl, „es [ergebe] keinen Sinn mehr, Musik zu schreiben, wenn man fast nur mehr zitiert“.Harenberg Komponistenlexikon. Mannheim 2004. S. 691
1972 trat Pärt der russisch-orthodoxen Kirche bei. In einer langen schöpferischen Pause (1968–1976), in der die 3. Sinfonie (1971) das einzige autorisierte Werk ist, befasste er sich vor allem mit der Gregorianik (Gregorianischer Gesang), der Schule von Notre Dame und der Musik der Renaissance (klassische Vokalpolyphonie). Als Pärt 1976 das Klavierstück Für Alina präsentierte, hatte er in der langen Abgeschiedenheit seinen persönlichen Stil entwickelt, in dem die persönliche Gefühlswelt zugunsten einer dem Asketischen entsprungenen Balance zurücktritt.
Diese neue Sprache, die für diese Epoche seines Lebenswerks bestimmend ist, nannte er Tintinnabuli-Stil. Tintinnabulum (lateinisch) bedeutet Glöckchenspiel. Gemeint ist das „Klingeln“ des Dreiklangs, dessen drei Töne das ganze Stück über mittönen. Das Ziel dieses Stils ist eine Reduktion des Klangmaterials auf das absolut Wesentliche. Kompositionstechnisch bestehen Pärts Tintinnabuli-Werke aus zwei Stimmen: Eine Stimme besteht aus einem Dur- oder Moll-Dreiklang, die zweite ist die Melodiestimme, die nicht zwingend in derselben Tonart steht wie die erste. Beide Stimmen sind durch strenge Regeln miteinander verknüpft. Der kleinste musikalische Baustein ist der Zweiklang, weshalb auch die Melodiestimme aus zwei Stimmen besteht. Die daraus entstehenden Gebilde entbehren trotz der Einfachheit des Materials und des Ziels der Reduktion auf das Wesentliche nicht der Komplexität. Mit Hilfe alter Techniken wie des Proportionskanons entwickelt Pärt Formen, die durch ihre Regelmäßigkeit große Ruhe ausstrahlen. Statische Dreiklänge repräsentieren die Ewigkeit, dynamische Melodien die Vergänglichkeit der Zeit.
Im Jahr 1980 emigrierte Arvo Pärt auf Druck der sowjetischen Regierung mit seiner Familie nach Wien, wo er die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt. 1981 kam er als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) mit seiner Familie nach Berlin-Lankwitz. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Estlands verbrachte er Teile des Jahres in seinem estnischen Landhaus. 2008 kehrte er nach Estland zurück.
Pärt erfreut sich einer für einen zeitgenössischen Komponisten ungewöhnlich großen Beliebtheit. Auf Einladung von Walter Fink war er 2005 der 15. Komponist im jährlichen Komponistenporträt des Rheingau Musik Festival. Das Festival Torino Settembre Musica ehrte Pärt anlässlich der Olympischen Winterspiele von Turin mit der Auftragskomposition La Sindone (Das Grabtuch), einer Orchesterkomposition auf das Turiner Grabtuch, die am 15. Februar 2006 im Dom von Turin uraufgeführt wurde. Deren deutsche Erstaufführung durch die Symphoniker Hamburg fand am 24. Februar 2007 in der Hamburger Laeiszhalle in Anwesenheit Pärts statt.
Die Aufführung seiner Werke in der Konzertsaison 2006/2007 widmete Arvo Pärt der am 7. Oktober 2006 ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja.Programmheft 5. Symphoniekonzert der Symphoniker Hamburg 24./25. Februar 2007
Am 13. Oktober 2018 wurde das von Nieto Sobejano Arquitectos geplante Arvo Pärt Centre in Laulasmaa (Estland) eröffnet.
Ehrungen (Auswahl) 1990: Der Asteroid (4087) Pärt wird nach Arvo Pärt benannt. 1996: Aufnahme in die American Academy of Arts and Letters 1998: Ehrendoktorwürde der Universität Tartu 2001: Assoziiertes Mitglied der Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique 2003: Contemporary Music Award der Classical BRIT Awards 2005: Preis der Europäischen Kirchenmusik 2006: Orden des Staatswappens 2007: Internationaler Brückepreis 2007: Ehrendoktorwürde der Katholischen Theologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität FreiburgSüdwest Presse Ulm, 3. Mai 2007, S. 7. 2008: Léonie-Sonning-Musikpreis 2008: Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse 2011: Ritter (Chevalier) der Ehrenlegion 2011: Ernennung zum Mitglied des Päpstlichen Rates für die KulturNomina di membri del Pontificio Consiglio della Cultura, 10. Dezember 2011, abgerufen am 20. November 2017. 2013: Ernennung zum Archon des Ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel 2014: Ernennung zum Ehrenmitglied der International Society for Contemporary Music ISCM 2014: Praemium Imperiale der japanischen Kaiserfamilie 2015: Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 2016: Ehrendoktorwürde der Universität Oxford 2017: Joseph-Ratzinger-Preis 2018: Gloria-Artis-Medaille für kulturelle Verdienste 2019: Deutscher Musikautorenpreis in der Kategorie Chormusik 2020: BBVA Foundation Frontiers of Knowledge Awards in der Kategorie Musik/Oper 2021: Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 2023: Polar Music Prize 2026: Goethe-MedailleBegründung der Preisvergabe zur Goethe-Medaille 2026, goethe.de, abgerufen am 23. Juli 2026
Werk Arvo Pärt strebt in seiner fast ausschließlich religiös motivierten Musik nach einem Ideal der Einfachheit, das die spirituelle Botschaft unterstützt. Pärt erklärt seine Musik so:
Ein typisches Beispiel für seinen Stil ist seine Johannespassion, für die er wie für viele seiner Werke
Aus der Begründung der Gesellschaft zur Verleihung des Internationalen Brückepreises:
Werke mini|Arvo Pärt im Jahre 2011 1956–1957: Vier leichte Tanzstücke. (Musik für Kindertheater) für Klavier 1958/1959: 2 Sonatinen. op. 1 für Klavier 1959: Partita. op. 2 für Klavier 1959/2003: Kantate Meie aed (Unser Garten)/Our Garden. op. 3 für Kinderchor und Orchester 1956–1964: 5 laulu lastele (5 Kinderlieder). Für Kinderchor und Klavier 1960: Nekrolog. Für Orchester 1963: Perpetuum mobile. op. 10 Für Orchester 1964: Sinfonie Nr. 1 op. 9 Polyphonic 1964: Collage über B-A-C-H. Für Streicher, Oboe, Cembalo und Klavier 1964: Diagramme. op. 11. Für Klavier 1964: Quintettino. Für Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn 1963: Solfeggio. Für gemischten Chor a cappella bzw. für Streichquartett 1964/1994: Concerto Piccolo über B-A-C-H. Für Trompete, Streichorchester, Cembalo und Klavier 1966: Pro et contra. Konzert für Violoncello und Orchester 1966: Sinfonie Nr. 2 1968: Credo. Für Klavier, gemischten Chor und Orchester 1971: Sinfonie Nr. 3 1976: Für Alina. Für Klavier 1976: Trivium. Für Orgel 1976/1995/2008: Pari Intervallo. Für Orgel/für Klarinette, Posaune und Streichorchester/für zwei Klaviere oder Klavier 4hdg. 1976/1984/1996: An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten. Für Singstimmen oder gemischten Chor und Orgel/für Posaune und Kammerorchester/für Singstimmen und Instrumentalensemble 1976/2001: Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte. Für Klavier, Bläserquintett, Streichorchester und Schlagzeug 1977/1986: Arbos. Für Blockflöten und Triangel ad lib./für acht Blechbläser und Schlagzeug 1977/1980/1982/2007: Fratres. (verschiedene Besetzungen) 1977/2009: Summa. Für Chor oder Solisten a cappella/für Saxophonquartett 1977: Tabula rasa. Konzert für zwei Violinen (bzw. Violine und Viola), präpariertes Klavier und Streichorchester 1977: Variationen zur Gesundung von Arinuschka. Für Klavier 1977/1980: Cantus in Memoriam Benjamin Britten. Für eine Glocke und Streichorchester 1977/1990: Sarah was Ninety Years Old. Für 3 Singstimmen, Schlagzeug und Orgel 1977/1996: Cantate Domino canticum novum. Für gemischten Chor oder Solisten und Orgel 1977/1996: Missa Syllabica. Für vierstimmig gemischten Chor a cappella bzw. mit Orgel 1978: Spiegel im Spiegel. Für Violine und Klavier (bzw. für andere Streich- oder Blasinstrumente solo mit Klavier) 1979: Filmmusik zu Testflug zum Saturn (Test pilota Pirxa) mit Eugeniusz Rudnik (Polen / Sowjetunion (ESSR und RSFSR), Regie: Marek Piestra, Drehbuch nach Stanisław Lem) 1980/2008: De profundis. Für Männerchor, Schlagzeug ad lib. und Orgel/für Männerchor und Kammerorchester 1980: Annum per annum. Für Orgel 1982: Johannes-Passion (Passio Domini nostri Jesu Christi secundum Joannem). Für Soli, gemischten Chor, Instrumentalquartett und Orgel 1984–1986/1992: Te Deum. Für 3 Chöre, präpariertes Klavier, Streichorchester und Tonband 1984: Es sang vor langen Jahren. Für Alt oder Countertenor, Violine und Viola 1984/1997: Zwei slawische Psalmen. Für gemischten Chor oder Solisten a cappella 1984/2001: Wallfahrtslied/Pilgrims’ song. Für Tenor oder Bariton und Streichquartett/für Männerchor und Streichorchester 1984/2004: Hymn to a Great City. Für zwei Klaviere 1985/1991/1995: Psalom. Für Streichquartett/für Streichorchester 1985/2008/2020: Stabat mater. Für Sopran, Countertenor, Tenor, Violine, Viola und Violoncello/für dreistimmig gemischten Chor und Streichorchester 1988/1990: Festina Lente. Für Kammerensemble/für Streichorchester und Harfe ad lib. 1988/1991: Sieben Magnificat-Antiphonen. Für gemischten Chor a cappella (gewidmet dem RIAS Kammerchor zum 40. Bestehen) 1989: Magnificat. Für gemischten Chor a cappella (Christian Grube und dem Staats- und Domchor Berlin gewidmet) 1989/1992: Miserere. Für Soli, gemischten Chor, Ensemble und Orgel 1989: Nýnje k wam pribjegáju (revidiert 1997 zur Ode IX, aus dem Kanon Pokajanen) 1989: Mein Weg hat Gipfel und Wellentäler. Für Orgel 1994/2000: Mein Weg. Für 14 Streicher und Schlagzeug 1990/2002: Berliner Messe. (1990–1992, revidiert 1997) Für vierstimmig gemischten Chor oder Solisten und Orgel 1990/2001: The Beatitudes/Beatitudines. Für vierstimmig gemischten Chor und Orgel 1990: Bogoróditse Djévo. Für gemischten Chor a cappella 1990: Statuit ei Dominus. Für zwei gemischte Chöre und zwei Orgeln 1990/1996: Beatus Petronius. Für 2 vierstimmig gemischte Chöre und zwei Orgeln 1990: Memento